Kirche im Nationalsozialismus Verrat unter Brüdern

Es war ein Brudermord wie bei Kain und Abel: Nach der Machtübernahme Hitlers opferte die evangelische Kirche jüdischstämmige Geistliche aus den eigenen Reihen - wie den Kölner Krankenhauspfarrer Ernst Flatow.

Von Jochen Bölsche


Als Adolf Hitler am 30. Januar 1933 an die Macht kommt, ist der evangelische Geistliche Ernst Flatow 43 Jahre alt. Dieser Tag, so ahnt er, bedeutet für ihn das Ende seines bisherigen Lebens - und den Beginn des Überlebens.

Denn der Kölner Krankenhauspastor gehört einer winzigen, besonders gefährdeten Minderheit unter seinen rund 18.000 protestantischen Amtsbrüdern an. Flatow, der sich im Alter von 26 Jahren hat taufen lassen, entstammt einer jüdischen Familie und ist nach den Kriterien der rassistischen neuen Machthaber "Volljude".

"Jetzt sind wir dran"

"Jetzt sind wir Juden dran," schwant dem Konvertiten bereits am Tag der Machtübernahme. Knapp zehn Jahre später, im Sommer 1942, verlieren sich seine Spuren in Warschau, wo die Nazis rund 2000 deportierte "Judenchristen" in einem Speziallager interniert haben, dem die Geschichtsbücher kaum eine Fußnote widmen und das daher im kollektiven Bewusstsein der Nachgeborenen einen sonderbaren blinden Fleck darstellt.

Dabei erhellt gerade der nahezu zehnjährige Leidensweg des Pfarrers Flatow - zwischen der Machtübernahme und dem Abtransport der Getto-Insassen ins Vernichtungslager Treblinka - wie kein anderes Schicksal die zwiespältige Rolle der evangelischen Kirche im Umgang mit den Juden: Nur wenige Kirchenmänner sind zur Hilfe bereit, die meisten aber, auf Anpassung und Statuswahrung bedacht, verraten selbst ihre jüdischstämmigen Brüder in Christo an das Rassistenregime.

Aus dem Amt getrieben

Als bald nach der Machtübernahme die Hakenkreuzflagge auch auf dem Kölner Rathausturm weht, wird nicht nur Oberbürgermeister Konrad Adenauer, der spätere Kanzler, von den Nazis aus dem Amt vertrieben. Auch Flatow, bis dahin geschätzter Seelsorger am kommunalen Krankenhaus Lindenburg, wird von der Stadt gefeuert - ausgerechnet auf Betreiben des Pfarrersohns Dr. Karl Coerper, des Vertrauensmanns der Evangelischen Kirche im städtischen Beigeordnetenkollegium.

Zwar hätte laut NS-Gesetzgebung ein jüdischer Kriegsteilnehmer wie Flatow, Träger des Eisernen Kreuzes, ausnahmsweise im Amt belassen werden dürfen. Doch für den Rassehygieniker Coerper, der in den kommenden Jahren als Chef des Gesundheitsamtes in Kölner Kliniken mehr als 4000 Menschen zwangssterilisieren lassen wird, ist der Dienst eines "Juden" an "arischen Patienten", an "deutschen Menschenseelen germanischer Rasse", völlig undenkbar.

Als erster "nichtarischer" Geistlicher der Deutschen Evangelischen Kirche wird Flatow im März mit Wirkung zum 30. Juni 1933 - ohne jeden Einspruch der Kölner Kirchenoberen - auf die Straße gesetzt. Der Theologe bewirbt sich anderswo um Stellen, vergebens.

"... auch seine Ehe ist nicht in Ordnung"

Denn mittlerweile, Anfang September 1933, hat seine rheinische Landeskirche den Arierparagraphen des staatlichen Berufsbeamtengesetzes aus eigenem Antrieb ins Kirchenrecht übernommen: Wer "nichtarischer Abstammung" ist, darf nun "nicht als Geistlicher oder Beamter der allgemeinen kirchlichen Verwaltung berufen werden".

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Brudermord: Holocaust-Opfer Ernst Flatow

Aber auch als Hilfsgeistlichen wollen die rheinischen Konsistorialen Flatow nicht beschäftigt sehen, wie sie im Oktober in einer Stellungnahme an den Evangelischen Oberkirchenrat in Berlin schreiben.

Aus der Begründung, abgezeichnet von den wichtigsten kirchlichen Amtsträgern der Rheinprovinz, spricht neben der frömmlerischen Bemerkung, dass auch "seine Ehe nicht in Ordnung ist", purer Rassismus: "Flatow hat in seinem Äußeren und in seinem Wesen so in die Augen springend diejenigen Merkmale an sich, die von dem Volke als der jüdischen Rasse eigen angesehen werden, dass eine Beschäftigung in einer Gemeinde unmöglich ist."

Hirte bei der Herde

Für den nahezu mittellosen Flatow folgt eine lange Odyssee, auf der ihm allerdings immer wieder auch hilfsbereite Christenmenschen begegnen. Nach der Reichspogromnacht des 10. November 1938 - auch der Ex-Pfarrer muss nun seine Abstammung durch einen Beinamen kenntlich machen und sich "Ernst Israel Flatow" nennen - erreicht ihn ein Asyl-Angebot des britischen Bischofs George Bell, das er indes nach langem Zögern in letzter Minute ausschlägt. Er wolle "als evangelischer Pastor kein privilegierter Jude" sein, der "die gefährdete Herde im Stich läßt", vermutet der Kirchenhistoriker und Flatow-Biograf Hans Prolingheuer.

Von wechselnden Glaubensbrüdern wird der Protestant, der von September 1941 an den gelben Judenstern tragen muss, fortan beherbergt - bis sich schließlich ein Gastgeber-Ehepaar in Hohen Neuendorf bei Berlin "durch den zuständigen Blockwart sehr beobachtet und zunehmend bedroht" sieht.

Flatow taucht unter in einer Außenstelle der kirchlichen Betheler Anstalten: Der regimekritische Pastor Paul Braune, Leiter der Hoffnungstaler Anstalten in Lobetal bei Berlin, bietet ihm und anderen verfolgten Christen jüdischer Herkunft Unterschlupf - bis Kirchenfunktionäre das Versteck im Frühjahr 1942 der Gestapo verraten.

Der Verrat

Vier Wochen nach den Holocaust-Beschlüssen der Berliner "Wannsee-Konferenz" bitten NS-Handlanger die Kölner Kirche, den Aufenthaltsort Flatows "baldigst anzuzeigen". Die Amtskirche reagiert prompt, Pfarrer Karl Köhler meldet, "dass sich der Hilfsgeistliche im einstweiligen Ruhestand Ernst Israel Flatow laut einer Nachricht vom November 1941 in Lobetal bei Berlin aufhält".

Dort erscheint in der Karwoche 1942 die Gestapo und ordnet an, dass sich am Ostermontag alle Juden zur Deportation zu versammeln hätten. Flatow macht sich keine Illusionen über Ziel und Zweck der bevorstehenden Reise.

Seine vormaligen Gastgeber, das Ehepaar Röseler aus Hohen Neuendorf, bringen ihm noch, wie sie sich erinnern, einen "einfachen Rucksack" in die Anstalt, "um den er gebeten hatte, er sollte nicht so übermäßig groß sein". Der Goethe-Bewunderer bedankt sich mit einem Gedicht, überschrieben mit den Worten "Ausgetan aus dem Land der Lebendigen", in dem er düstere Ahnungen offenbart:

Der Nebel liegt wie Blei

und rührt sich nicht...

Tot ist das Land.

Ich bin verbrannt

und gehe...

O Land! Wie bist du so vermummt!

Todfremd!

Todstill!

Todwehe!

Einzug ins Getto

Unter den rund 1000 Menschen, die am 14. April 1942 in Berlin-Moabit in Güterwagen gepfercht werden, sind neben Pfarrer Flatow etwa ein Dutzend weiterer "Judenchristen" aus dem Lobetaler Versteck. In Warschau nimmt am übernächsten Morgen um 5.30 Uhr der Vorsitzende des Judenrats im Getto, Adam Czerniaków, die Neuankömmlinge in Empfang.

Einquartiert werden die Lobetaler gemeinsam mit anderen Protestanten jüdischer Herkunft in einer geräumten Bibliothek am Rande des Gettos, in dem "etwa 600 000 Menschen leben sollen" und in dem "für unsere Begriffe unermessliches Elend herrscht", wie der aus Lobetal verschleppte ehemalige Amtsgerichtsrat Dr. Ernst Rosenstern nach Deutschland schreibt.

Den Mitgliedern der kleinen judenchristlichen Gemeinde um Pfarrer Flatow, die, so der 51-jährige Rosenstern weiter, Warschaus "arischen Wohnbezirk ... bei Todesstrafe nicht betreten dürfen", leiden bald ebenfalls unter Hunger, Entkräftung, Schwerarbeit und "üblen Krankheiten".

Bitte um Päckchen

Der 64-jährige ehemalige Kaufmann Nathan Dann berichtet am 17. Mai über den ersten Hungertoten im Gemeindequartier und bittet verzweifelt darum, ihm aus dem Lobetaler Altersheim die "harten Brotkanten" zu schicken, "die die alten zahnlosen Leute ja doch nicht essen können" - am besten "als Päckchen oder 1000-Gr.-Brief".

Der 64-jährige ehemalige Versicherungsvertreter Meinhold Meyer bringt unter hohem Fieber zu Papier: "Ich bin jetzt plötzlich sehr schwer erkrankt ... Durch die schlechte Ernährung ist der Körper nicht mehr widerstandsfähig. Wie sehne ich mich nach einer Maggi-Suppe... Sehe aus wie ein Mann von 80 Jahren, kann vor Entkräftung kaum noch gehen."

Im Sommer 1942, in dem tagtäglich Tausende von Gettobewohnern zur "Aussiedlung" in die Vernichtungslager selektiert werden, reißen die Lebenszeichen aus der evangelischen Gemeinde jäh ab. Im Zusammenhang mit dem Aufstand und der Vernichtung des Warschauer Gettos im April und Mai 1943 notiert der im Jahr darauf ermordete Getto-Chronist Emanuel Ringelblum: "Alle Bewohner der Kirchengemeindehäuser wurden auf den Umschlagplatz gebracht und von dort nach Treblinka transportiert."

Die Amtskirche schweigt

Die Mitschuld der evangelischen Geistlichkeit am Schicksal der judenchristlichen Brüder und Schwestern ließ die Amtskirche nach dem Krieg lange schweigen.

Erst Recherchen des Kirchenhistorikers Prolingheuer (und später seiner Kollegen Eberhard Röhm und Jörg Thierfelder) erhellten vorübergehend, so der Berliner Bischof und heutige EKD-Ratsvorsitzende Wolfgang Huber, den Weg des "vergessenen, verdrängten, totgeschwiegenen judenchristlichen Pfarrers Ernst Flatow" und seiner Leidensgenossen.

In deren Schicksal sei die Kirche, wie Huber in den achtziger Jahren eingestand, "in beschämender Weise verflochten" gewesen: "Sie ging nach 1945 darüber weithin mit einer Leichtigkeit hinweg, die erschrecken läßt."

Formaler Protest

In einem 70 Jahre später kaum mehr nachvollziehbaren Maße war die von Hitler und seinem "nationalen Aufbruch" begeisterte Kirche nicht nur vom klassischen religiösen Antijudaimus geprägt, sondern auch vom neuen rassistischen Antisemitismus etwa der NS-konformen Deutschen Christen (DC), die bei den Kirchenwahlen im Sommer 1933 mit Hitlers Hilfe zwei Drittel der Stimmen eroberten.

Hubers Kritik am Verrat an den Judenchristen zielt indes nicht nur auf die DC-Nazis, sondern ausdrücklich auf die gesamte Kirche, "auch soweit sie sich als Bekennende Kirche verstand".

Zwar protestierte im Sommer 1933 eine Bekennerfront um Martin Niemöller gegen einen zusätzlichen kirchlichen Arierparagraphen. Doch dieser Unmut mündete keineswegs in breiten Protest gegen die zunehmende Judenschikanierung durch den Staat - er hatte im wesentlichen kircheninterne, dogmatische Gründe.

"Zwei-Reiche-Lehre"

Denn eine allgemeine Übernahme staatlicher Regelungen zur Ausschaltung judenchristlicher Beamter, wie die DC sie betrieben, hätte die Geltung der Taufe wie auch der Pfarrerweihe außer Kraft gesetzt - und damit den Status der gegenüber dem Staat auf Eigenständigkeit bedachten Kirche ausgehöhlt.

Der Obrigkeit wiederum billigte das Gros der Geistlichkeit - getreu der lutherischen "Zwei-Reiche-Lehre" - das Recht zu, den als negativ eingeschätzten Einfluss der Juden zu beschneiden. Diese Haltung erklärt, warum die Kirchenleitungen beispielsweise schwiegen, als die Nazis unter Regie des Nürnberger Gauleiters Julius Streicher am 1. April 1933 erstmals jüdische Geschäfte boykottieren ließen.

Streicher hatte angeordnet, dass bei dem Boykott die Religion "keine Rolle" spielen dürfe: "Katholisch oder protestantisch getaufte Geschäftsleute" seien "ebenfalls Juden".

Judenverfolgung für "gerechte Verhältnisse"

Zwar regte sich Unmut im niederen Kirchenvolk, etwa im Rheinland, wo der Sozialpfarrer Wilhelm Menn hellsichtig begriff, dass "mit der sogenannten Boykottbewegung die seit Jahrhunderten erste Judenverfolgung" begonnen habe. In Frankfurt forderte Kirchenrat Johannes Kübel ein klärendes Wort der Leitung: Bereits die Diffamierung "reiner Juden" verletze die "christliche Ethik", "vollends unerträglich" aber sei die Verfolgung von Familien, die "bis ins dritte Glied zurück zur evangelischen Kirche gehören und gleichwohl plötzlich mit dem Makel des Judentums belastet werden".

Doch das Kirchenbundesamt in Berlin schwieg, weil, so dessen Präsident Johannes Hosemann, ein bevorstehendes Treffen mit Hitler nicht belastet werden sollte. Und nicht nur Hosemann blieb stumm: "Kein Bischof, keine Kirchenleitung, keine Synode wandte sich in den entscheidenden Tagen um den 1. April öffentlich gegen die Verfolgung der Juden in Deutschland," resümiert der Historiker Klaus Scholder in seinem Standardwerk "Die Kirchen und das Dritte Reich".

Im Gegenteil: In jenen Tagen, als die Stadt Köln den Krankenhauspfarrer Flatow schasste und die Nazis in Dachau bereits ihr erstes KZ einrichteten, erklärte der Berliner Bischof Otto Dibelius, die Aktionen des Staates gegen jüdische Beamte dienten lediglich der Wiederherstellung gerechter Verhältnisse, weil die Juden nach dem Krieg gewisse Stellen weit überproportional besetzt hätten.

Die Kirche, so Dibelius apodiktisch, "kann und darf den Staat nicht daran hindern, mit harten Maßregeln Ordnung zu schaffen". Sie habe aber den Wunsch, das Dritte Reich möge bald so gefestigt sein, dass "die Gewalt nicht mehr nötig ist".

"Biblisch fixiertes Schicksal"

Auch die Bekennende Kirche (BK) machte - abgesehen von Ausnahmeerscheinungen wie dem späteren Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer und etlichen vor allem weiblichen Laien - keineswegs entschieden Front gegen die staatliche Judenverfolgung.

Der Umgang Berliner BK-Pfarrer mit ihren "in höchster Bedrängnis befindlichen christlichen Gemeindegliedern jüdischer Herkunft", schreibt der Historiker Manfred Gailus ("Protestantismus und Nationalsozialismus"), sei häufig von "verhaltenem Antisemitismus" geprägt gewesen.

Gailus: "Was unter Hitler an sichtbarer Judenverfolgung bis hin zur Deportation geschah, konnte in BK-Kreisen - im Sinne vorherrschender Deutungsmuster theologisch korrekt - als neue Bestätigung eines bereits biblisch fixierten jüdischen Schicksals gedeutet werden."

Bereits acht Wochen nach der Machtübernahme, so zeigt ein vertrauliches Rundschreiben des preußischen Kirchen-Oberen Hermann Kapler vom 1. April, war alles kirchenamtliche Bemühen darauf gerichtet, "die Selbständigkeit der Kirche in ihrem eigengesetzlichen Handeln nicht zu gefährden" und daher "dem nationalen Aufbruch gegenüber die richtige Stellung einzunehmen".

Der anhaltende Vormarsch der DC-Nazis setzte die Kirche in den folgenden Wochen weiter unter Druck. "Jetzt war an ein Wort gegen die Judenverfolgung um so weniger zu denken," schreibt Historiker Scholder, "als ein Zusammenstoß mit dem Staat auf kirchlichem Gebiet vorauszusehen schien und man sich unter keinen Umständen an zwei Punkten exponieren wollte".

Die Evangelische Kirche, die auch die Kirche des Ernst Flatow war, hatte, spätestens jetzt, ihre Unschuld verloren.

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Martin Brunnemann, 19.02.2008
1.
Das ist ein wichtiger Beitrag. Die Kirche, auch die Bekennende Kirche, war zum großen Teil mit der rassistischen Ideologie der Nazis einverstanden. Sogar solche Größen wie G.Jakob schrieb, dass in dieser Frage der Staat zu entscheiden hat und Karl Barth meinte, er hätte seine Barmer Erklärung nie durchbekommen, wenn er einen Satz zu den Juden geschrieben hätte. Übrigens ist im "Deutschen Pfarrerblatt", Heft 2 2008, auf S.92 ein interessanter Bericht über das "Institut zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das kirchliche Leben des deutschen Volkes" zu lesen. Der Verfasser beklagt das Verhalten der Kirche auch nach 1945 dieser Banditentruppe gegenüber (einer der Mitarbeiter wurde mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet), aber er nennt keinen einzigen Namen. Bekannt ist mir nur, dass zu diesem braunen intelligenten Kirchenpöbel W.Grundmann gehörte, dessen Kommentare zu den Evangelien noch heute gern genutzt werden. Die Kirche in der DDR feierte Grundmann bei seinem Anleben als "einen Lehrer der Kirche". factus
Benjamin Krohn, 20.02.2008
2.
Der Beitrag ist gut und soweit ich die Forschungslage überblicke auch sachlich richtig. Drei Bemerkungen jedoch, die etwas helfen, die katastrophalen Haltungen und Folgen kirchlichen Handelns um 1933 besser zu verstehen: - Die Weimarer Zeit wurde in der Kirche weithin als extrem Religionsfeindlich wahrgenommen. Gottlosenpropaganda, Kirchenaustrittsbewegung usw. waren Schlagworte, die vielen Texten zu finden sind. SPD/KPD und Kirche pflegten lange ihre Antipathien beiderseits. - Hier setzten die Nazis an. Sie verdrängten Ende der zwanziger Jahre ihre kirchenfeindlichen Kräfte (Dinter u.a.), umwarben die Kirchen mit wohlwollenden Kommentaren, Konkordat und ab April 1933 mit Masseneintritten von NS Gruppen. Hier verfielen für eine (zu lange) Zeit viele Pfarrer in ein "abwartendes Wohlwollen" (Georg Wilhelm), als noch die Zeit gewesen wäre, den Aufstieg des NS zu stoppen. Als die Nazis mit Ihrer Organisation dann im Juli 1933 geschlossen die Kirchenwahllisten stürmten, waren viele in der Kirch, die das ablehnten, schlichtweg überfordert. - Außerdem muss man genau unterscheiden, wenn man von Kirchenleitung redet. Der Staat griff 1933 teilweise massiv in die Besetzung der Kirchenleitungen ein und es ist ein großer Unterschied, ob der von Partei und Innenministerium an der Landessynode vorbei in Sachsen im Sommer 1933 installierte Landesbischof Coch etwas sagte oder der alte Landesbischof Wurm aus Würtenberg. Coch hatte unter den Pfarrern in Sachsen nachweislich keinerlei Rückhalt. Wurm war eine anerkannte Persönlichkeit. Das Schweigen und die Blindheit der Kirche gegenüber der Gewaltdimension des NS werden damit kein bisschen entschuldigt. "Mein Kampf" konnte jeder lesen, der es wollte. Doch manches an Hintergründen macht uns das Verhalten damals verständlicher und uns damit aufmerksamer für die Gegenwart. Und zu Grundmann: Da zitierte mein Vater zu dessen Kommentaren in seinem Bücherregal einen Lehrer in Leipzig: Erst wenn es gar nichts mehr gibt, greift man mal zu Grundmann. Zumindest in Sachsen ist er in weiten Teilen verfehmt. Jedem, der hier etwas weiterlesen will, sei weiterhin die bestechende Analyse von Scholder: "Die Kirchen und das Dritte Reich" empfohlen. Nicht erschrecken vor der Dicke des Werkes: Nach den ersten 300 S hat man mehr über die Kräfte der NS Zeit verstanden als aus vielen anderen Büchern zusammen.
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