Kirche in der DDR Wie wir die Montagsgebete erfanden

War es Gottes Ratschluss oder jugendliche Planlosigkeit, die ihn 1982 als jungen Diakon in die Nikolaikirche führten? Günter Johannsen erinnert sich an den Ursprung der Leipziger Friedensgebete, die später beim Sturz einer Diktatur halfen.

AP

Die Leipziger Montagsdemonstrationen sind legendär. Sie stehen für das erfolgreiche Aufbegehren eines unterdrückten Volkes, für die Macht friedlichen Protests und das Potential der Kirche als Ort gesellschaftspolitischen Engagements. Ereignisse von großer historischer Tragweite rufen nicht selten Begehrlichkeiten hervor. So haben anlässlich des 20. Mauerfall-Jubiläums eine Reihe von Person die Initiierung der Friedensgebete, aus denen sich die Montagsdemonstrationen entwickelt hatten, einmal mehr für sich beansprucht. Ganz gleich, wie ehrenwert und berechtigt die Verdienste dieser Personen auch sind: Die eigentliche Entstehungsgeschichte der Leipziger Friedensgebete sollte nicht verschwiegen werden. Sie reicht weit zurück in die achtziger Jahre - und ihre eigentlichen Protagonisten waren nicht die Geistlichen. Sondern jene Mitglieder der Jungen Gemeinde, die mit dem Leben in der DDR nicht zufrieden waren.

Als ich 1982 meine Arbeit als Jugenddiakon für den Kirchenbezirk Leipzig-Ost aufnahm, verfügte die Gemeinde Probstheida weder über eine Kirche noch über ein Gemeindehaus. Lediglich eine Zwei-Raum-Wohnung stand zur Verfügung. Während sich in einem Raum das Gemeindearchiv befand, wurden in einem anderen alle Veranstaltungen abgehalten: die Gottesdienste am Sonntag, die Versammlungen der Jungen Gemeinde am Donnerstagabend, der Bibelkreis für Senioren am Dienstagabend, vormittags die Sprechzeiten der Kirchenverwaltung und nachmittags die Christenlehre.

Die Raumnot in der Gemeinde führte immer wieder zu Engpässen, weil an jedem Wochenabend lediglich eine einzige Veranstaltung stattfinden konnte. Vielleicht war es Gottes Ratschluss oder doch nur meiner jugendlichen Desorganisiertheit zuzuschreiben, dass eines Abends zwei sehr unterschiedliche Gruppen Einlass in den Gemeinderaum begehrten. Einerseits die Junge Gemeinde, eine Gruppe Jugendlicher zwischen 15 und 19 Jahren, und der Bibelkreis der Senioren andererseits. Wir machten aus der Not eine Tugend und beschlossen kurzerhand einen generationsübergreifenden Gedanken- und Erfahrungsaustausch zu aktuellen politischen Fragen. Diese ungeplante, aus schierer Raumnot geborene Veranstaltung ist, rückblickend betrachtet, die eigentliche Geburtsstunde der Montagsgebete gewesen.

Lebhafte Diskussion - und eine Idee

Damals trugen die Jugendlichen in der Gemeinde "Schwerter zu Pflugscharen"-Aufnäher. Seit 1980 war dieses Bibelzitat zum Slogan verschiedener staatsunabhängiger Abrüstungsinitiativen in der DDR geworden. Die Senioren wollten wissen, warum die jungen Leute aus der Gemeinde den DDR-Staat kritisierten und warum sie auf diese Art ihre Zukunft aufs Spiel setzten, sich sogar der Gefahr aussetzten, politisch verfolgt, möglicherweise sogar inhaftiert zu werden. Die Position der jungen Leute war eindeutig: Sie waren der Ansicht, dass der DDR-Staat zunehmend militanter geworden war. Damals wurde auch im Rahmen des schulischen Wehrkunde-Unterrichts massiv für eine freiwillige Verpflichtung zum Militärdienst geworben. Ohne NVA-Verpflichtung, empörten sich die Schüler, seien Abitur und Studium für viele kaum mehr möglich. Sie wollten ein Zeichen setzen und sie scheuten keine Konsequenzen.

Am Ende unserer lebhaften Diskussion an jenem Abend stand eine Idee: Wir wollten ein regelmäßiges Friedensgebet ins Leben rufen. Es sollte möglichst viele Menschen erreichen, regelmäßig stattfinden und informativ sein. Vor allen Dingen aber wollten wir es nutzen, um Haltung zu zeigen - und zwar an einem zentralen Ort und offen für alle. Schnell war die Nikolaikirche mit ihrer zentralen Lage in der Leipziger Innenstadt als Wunschveranstaltungsort und der Montag als Termin ausgemacht. Wir entschieden uns, wenn möglich erst um 17 Uhr mit dem Friedensgebet zu beginnen. Auf diese Weise hofften wir, auch Werktätige und somit eine größere Öffentlichkeit zu erreichen.

Der damalige Nikolaikirchenvorstand unter dem Vorsitz von Pfarrer Führer hatte zunächst viele kritische Fragen, aber ließ uns dann doch gewähren. Allerdings wurde ich das Gefühl nicht los, dass wir nur geduldet wurden. Der Superintendent des Kirchenbezirks Leipzig-Ost, Friedrich Magirius, zeigte sich für unser Ansinnen offen und machte für uns den Weg in die Nikolaikirche frei. So begannen wir also, die Junge Gemeinde aus Probstheida, mit dem allwöchentlichen Montagsfriedensgebet. Zwei Wochen, nachdem die ökumenische Friedensdekade, in der zehn Tage lang offiziell und kirchenübergreifend für den Frieden gebetet wurde, zu Ende gegangen war. Einen geeigneteren Moment hätte es kaum geben können.

Große Kirche, sieben Teilnehmer

"Das Friedensgebet geht weiter - jeden Montag 17 Uhr in der Nikolaikirche" stand auf den Einladungen, die an alle Kirchgemeinden geschickt wurde, unterzeichnet von dem ehrenamtlichen Mitarbeiter Olaf Müller, Hans-Joachim Döring von der Thomas-Gemeinde und von mir selbst.

Die Teilnehmerzahlen der ersten Friedensgebete waren für uns allerdings ernüchternd: am ersten Montag sieben, am zweiten Montag elf, am dritten Montag nur dreizehn Teilnehmer. Und dennoch: "Wo zwei oder drei in meinem Namen zusammen sind, da bin ich mitten unter euch", heißt es im Matthäus-Evangelium 20, 18. Das riefen wir uns in Erinnerung. Für uns bedeutete das: Lasst Euch nicht entmutigen!

Wir verstärkten unsere Werbung im bescheidenen Rahmen dessen, was uns möglich war.André Steidtmann, ein Jugendlicher aus Probstheida, entwarf das Plakat "Schwerter zu Pflugscharen", das noch heute hinter Glas an in der Nikolaikirche zu sehen ist. Nach und nach füllte sich das Kirchenschiff in St. Nikolai. Auch die Beteiligung der Stasi nahm stetig zu. Mehr und mehr Junge Gemeinden der Stadt Leipzig boten ihre Hilfe an. Der Kirchenvorstand St. Nikolai ermahnte uns gelegentlich, weniger provozierende Texte in den Friedensgebeten zu verwenden. Auch seitens des Stadtjugendpfarramtes und seines Leiters war wenig Anteilnahme oder gar Unterstützung zu spüren. Immer wieder hielt der Superintendent Magirius schützend seine Hände über uns.

Die eigentlichen Helden

Die Staatssicherheit ließ mich und die anderen Akteure der Montagsgebete spüren, dass sie uns beobachtete. Briefe wurden geöffnet, auffällig unauffällige Leute hielten sich vor unseren Häusern auf, man bat um Klärung von sogenannten Sachverhalten und lud uns vor. Wir spürten mehr als deutlich, dass man uns im Visier hatte. Ich war allerdings ziemlich abgebrüht, seit ich im Zusammenhang mit den Ereignissen um die Sprengung der Leipziger Universitätskirche 1968 eingehende Bekanntschaft mit der Stasi gemacht hatte. Nach einem zwölfstündigen Verhör und anschließend sechs Wochen in einem Gefängnis der Staatssicherheit konnte mich nichts mehr so recht schrecken.

Bis zu meinem Wechsel in die Evangelischen Kirchenkreis Bad Freienwalde im Jahr 1984 steigerte sich nicht nur die Intensität der Friedensgebete, sondern auch die Zahl der Teilnehmer. Ein ehrenamtlicher Mitarbeiterkreis aus verschiedenen Jungen Gemeinden der Stadt Leipzig führte unter der Leitung von Joachim Förster von der Philippus-Gemeinde weiterhin die Friedensgebete. Bis zur Übernahme von hauptamtlichen Mitarbeitern wie Pfarrer Führer, der später im Zuge der Wendeereignisse zu einer Berühmtheit werden sollte.

Eine Sache wird häufig vergessen: Wir hauptamtlichen Kirchenmitarbeiter hatten damals nicht allzu viel zu verlieren. Wir verdienten wenig, unsere Karriere konnte der Stadt nicht beschneiden, und wir genossen einen gewissen Schutz durch die Aufmerksamkeit der westdeutschen Medien. Die eigentlich tapferen Leipziger Helden, deren Ehrung nach wie vor aussteht, waren die Jugendlichen von damals - Schüler, Abiturienten und Studenten, die mit ihrem Protest und ihrer Beteiligung an den Friedensgebeten viel riskierten.



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