Kirche und Kriegsverbrechen Der Sündenfall des Nazi-Pfarrers

Kirche und Kriegsverbrechen: Der Sündenfall des Nazi-Pfarrers Fotos
Kirchenkreisarchiv Hamburg-West/Südholstein

Beichte ohne Folgen: Ende der sechziger Jahre verdächtigten Ermittler einen Pastor, an der Ermordung Hunderter Juden beteiligt gewesen zu sein. Bewiesen werden konnte ihm die Tat nicht. Nun kam heraus, dass der Kirche sogar ein Geständnis vorlag - und er dennoch als Geistlicher arbeiten durfte. Von Dagmar Pöpping und

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Der bemerkenswerte Halbsatz stand in einem Brief, im vierten Absatz. Der Probst zu Berlin, Konsistorialrat Dr. Walter Hoff, hatte seinem Berliner Amtskollegen Oberkonsistorialrat Fichtner am 29. September 1943 mitgeteilt, dass er "in Sowjetrussland eine erhebliche Anzahl von Juden, nämlich viele Hunderte, habe liquidieren helfen".

Der damals 53 Jahre alte Pastor Hoff, gebürtiger Ostpreuße und Sohn eines Försters aus der Provinz Posen, diente als Hauptmann der Wehrmacht an der Ostfront. Nach dem Krieg sollte er sich vor seinem Dienstherrn, der evangelischen Landeskirche Berlin-Brandenburg, für ebenjenen Satz rechtfertigen.

Hoff gab an, er habe die Morde nur erfunden, um die politischen Überwachungsstellen von seiner Loyalität zum NS-Staat zu überzeugen. Doch allein schon dieses Ansinnen genügte: Hoff wurde suspendiert - und kämpfte in den Folgejahren um seine Rehabilitation. Als es ihm endlich gelang, war er ein alter Mann. 1957 erhielt er seine geistlichen Vollmachten zurück, um die er gebeten hatte, weil er sich "seelisch außerordentlich bedrückt fühle, in dieser Art und Weise aus einem Beruf ausgeschlossen zu sein, den ich mit größter Begeisterung angestrebt und eifrig und opferbereit ausgeübt hatte".

70 Jahre später beschäftigt Pfarrer Hoffs Brief die evangelische Kirche erneut. Der Berliner Bischof Markus Dröge sprach in einer Predigt Ende Januar 2013 vom "Versagen" in der Aufarbeitung der nationalsozialistischen Verstrickungen seiner Kirche. Explizit erwähnte er Pfarrer Hoff. Seit etwa zehn Jahren dokumentiert die Kirche in selbstkritischer Absicht den Fall wissenschaftlich. Sie ließ in eigenen Archiven nachforschen und auch in der Zentralstelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg. Die 1958 gegründete Behörde hatte sich nach dem Ende der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse jener NS-Schreckenstaten angenommen, die bis dahin ungeahndet geblieben waren. Die Erkenntnisse werfen ein neues Licht auf den Fall Hoff - und auf die evangelische Kirche. Sie galt den Alliierten nach Kriegsende als die fast einzige Großinstitution, die in der Zeit des Nationalsozialismus moralisch intakt geblieben war. Das war auch der Grund, weshalb die Alliierten den Kirchen die Entnazifizierung von Pfarrern und kirchlichen Angestellten weitgehend selbst überlassen hatten.

"Feldkommandant Dr. Gof"

Die Ludwigsburger Behörde stieß unterdessen auf die Aussagen von sowjetischen Zeugen in einem Bericht über die "Verbrechen der Deutschen in Tscherikow und Umgebung". Als einer der Hauptbeschuldigten wird darin ein gewisser "Dr. Gof" benannt, der von Dezember 1941 bis Februar 1943 Leiter der Feldkommandantur in Klimowitschi in Weißrussland gewesen und als solcher Erschießungen und Hinrichtungen von Sowjetbürgern geleitet haben soll.

Bewohner von Klimowitschi hatten ausgesagt, dass im Dezember 1941 unter der Leitung von "Feldkommandant Dr. Gof" drei Männer aus dem Dorf Rekta wegen antideutscher Tätigkeit erschossen worden seien und dass derselbe im Winter 1941/42 einen Mitarbeiter der Kreiszeitung im Dorf Zharki, einen Greis und einen Bürger als Partisanen habe aufhängen lassen.

Der im Kyrillischen als Gof notierte Name, so wussten die Übersetzer, konnte auch Hof bedeuten. Oder auch: Hoff. Ein Walter Hoff, so fanden die Ermittler heraus, war 1941/1942 in der Gegend von Klimowitschi in der Leitung der Feldkommandantur 549. Er gehörte zu einer der Sicherungsdivisionen, die eigens für den Russlandfeldzug aufgestellt worden waren. Ihre Aufgabe war es, der nach Osten vorrückenden Front den Rücken freizuhalten, etwa durch die Bekämpfung von Partisanengruppen. Als Offizier einer Feldkommandantur in der Sicherungsdivision 221 brachten ihn die Ludwigsburger so Ende der sechziger Jahre auch in Verbindung mit Massenerschießungen von Juden durch ein Einsatzkommando der Sicherheitspolizei und des SD, dem Sicherheitsdienst der SS, in der Gegend von Klimowitschi.

In einer Ereignismeldung aus dem Reichssicherheitshauptamt vom 19. Dezember 1941 heißt es: "Im Anschluss an eine durch die 221. Sicherheitsdivision in der Gegend von Klimowitsche durchgeführte Partisanenaktion (…) wurde die Überholung der Ortschaften Klimowitschi und Tscherikow erforderlich, da die Juden dieser Orte sich deutschfeindlich gezeigt und mit den Partisanen sympathisiert hatten. Insgesamt wurden 786 Juden beiderlei Geschlechts erschossen."

Der Verdacht, Hoff könne an den Massenerschießungen beteiligt gewesen sein, lag nahe, da die Einsatzkommandos eng mit den Feldkommandanturen der Sicherungsdivisionen zusammenarbeiteten. Der Führer des Einsatzkommandos, Otto Bradfisch, war 1961 und 1963 für die Erschießung von 15.000 Juden verurteilt worden, jedoch ohne dass man Details der Vorgänge in Klimowitschi und Tscherikow hatte aufklären und die konkret Beteiligten hatte benennen können.

1979, zwei Jahre nach dem Tod Hoffs, wurden die Ermittlungen gegen ihn eingestellt. Sie wären anders verlaufen, wenn man in Ludwigsburg von dem Bekennerschreiben Hoffs aus dem Jahr 1943 gewusst hätte. Und von dem, was der evangelischen Kirche sonst noch über Hoff bekannt war.

Goebbels "mutiger Geistlicher"

Für das Evangelische Konsistorium Berlin-Brandenburg jedenfalls war es Grund genug, noch im Herbst 1945 ein Disziplinarverfahren gegen Hoff einzuleiten mit dem Ziel, ihn aus dem Amt zu werfen. Der Brief und das angebliche Bekenntnis zum Massenmord spielten dabei noch keine Rolle. Eher die Tatsache, dass der Kirchenmann seit den frühen dreißiger Jahren keinen Zweifel an seiner nationalsozialistischen Gesinnung gelassen und diese rücksichtslos gegenüber jedermann vertreten hatte.

Nach Berlin gekommen war Hoff 1930. Zuvor hatte der Pastor acht Jahre lang in der schleswig-holsteinischen Gemeinde Rellingen gedient und sich dort unter anderem juristisch gegen die Behauptung zu wehren versucht, Vater eines unehelichen Kindes zu sein. Seine Bewerbung auf die vakante Pfarrstelle der Luisengemeinde in Berlin-Charlottenburg schließlich hatte Erfolg.

Rasch erwarb er sich dort besondere Anerkennung - die von Gauleiter Josef Goebbels, der ihn 1931 einen der "leider noch wenigen mutigen Geistlichen“ nannte. Zu diesem Zeitpunkt hatte Hoff bereits mehrere Gottesdienste für die SA gehalten. Ein Jahr später trat er in die NSDAP ein, engagierte sich in der antisemitischen "Glaubensbewegung Deutsche Christen" für die Gleichschaltung der evangelischen Kirche und beteiligte sich als SA-Standartenpfarrer an gewalttätigen Straßenkämpfen gegen Kommunisten in Berlin.

Schon bald hatte Hoff wegen seiner politischen Verdienste für die NS-Bewegung auf ein führendes kirchliches Amt gedrängt. Und es bekommen: Als Konsistorialrat der Mark Brandenburg war er nun in der Position, missliebigen Kollegen und Untergebenen mit politischer Verfolgung zu drohen, etwa wenn sie sich über die Gewaltmaßnahmen der SA empörten oder weil sie aus der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV) ausgetreten waren.

Nach dem Krieg konnte man sich daran noch gut erinnern. Jemanden wie Hoff wollte das inzwischen neu gebildete Konsistorium nicht in seinen Reihen haben.

Und fast hätte sich das Problem von selbst erledigt: Statt nach Berlin zurückzukehren, bewarb sich Hoff als Pfarrer bei der Hamburgischen Landeskirche. Doch auch die wollte ihn nicht. Zudem scheiterte der Versuch, Hoff zu überreden, freiwillig auf ein Amt zu verzichten. Der dachte nicht daran, seine Rechte als Pfarrer und vor allem seine Rentenansprüche kampflos aufzugeben.

"Zwecklüge glaubhaft"

Erst jetzt machte Oberkonsistorialrat Fichtner, der Empfänger von Hoffs denkwürdigem Brief aus dem Jahr 1943, das Schreiben innerhalb der Kirche publik. Im Februar 1948 eröffnete das Berliner Konsistorium das Disziplinarverfahren gegen Hoff. Er wurde beschuldigt, "dass er in Berlin und während seiner Verwendung im Felde seit dem Jahre 1934 kirchliche und andere Amtsträger unter politischen und kirchenpolitischen Gesichtspunkten angegriffen und verfolgt hat und außerdem gegen sonstige Personen in nicht entschuldbarer Weise vorgegangen ist". Das genügte für einen Rauswurf.

Bemerkenswerterweise hieß es in der Urteilsbegründung bezüglich Hoffs Bekenntnis zum Massenmord: "Gleichwohl hat die Disziplinarkammer zum Mindesten als glaubhaft unterstellt, dass jene Angaben über Judentötungen nicht den Tatsachen entsprechen, sondern eine politische Zwecklüge waren."

Trotz Dienstentlassung ließ man Gnade walten: Hoff hatte offenbar ebenso glaubhaft vermitteln können, dass er körperlich hinfällig und dauerhaft arbeitsunfähig sei. Dem Mann, dem es schon nach seiner Rückkehr aus dem Ersten Weltkrieg unter Verweis auf sein "Herz- und Nervenleiden" gelungen war, eine eilige Amtseinführung seiner Person zu erreichen, wurde nun wohlwollend ein Viertel seines gesetzlichen Ruhegehalts gewährt. Zunächst für drei Jahre; dann aber, da Hoff ein langes Leben beschieden sein sollte, immer wieder verlängert.

Doch das reichte ihm nicht. Hoff legte Berufung ein und behauptete nun sogar, dass er Judenliquidierungen bereits 1942 verurteilt habe. Der zuständige Senat des Disziplinarhofs der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) wusste es besser: Er zitierte den "Aufruf des Propstes von Berlin", den Hoff anlässlich des zehnjährigen Bestehens der NS-Diktatur am 30. Januar 1943 publiziert hatte, und in dem er die Berliner aufforderte, Gott für die Beseitigung des Judentums in Deutschland zu danken.

Als der mittlerweile 62-Jährige schließlich als "reuiger Sünder" bat, ihm zu verzeihen, und dabei erneut auf seinen nur noch kurzen Lebensabend verwies, hatte er Erfolg: Das Konsistorium beantragte beim Rat der EKD, Hoff die Amtsrechte zurückzugeben, der dies aber verweigerte. Fünf Jahre später war Hoff am Ziel: Durch eine neue Disziplinarordnung war die Ratszustimmung nicht mehr nötig. Die Berliner entschieden selbst zugunsten Hoffs. Er erhielt die üblichen 75 Prozent seines Gehalts als Rente und durfte sich ab 1957 aushilfsweise als Seelsorger im Krankenhaus Ginsterhof in Tötensen bei Hamburg betätigen.

87-jährig und wegen seiner Taten in Weißrussland unbehelligt starb Hoff im Oktober 1977.

Offen blieb, ob die Kirche sein Bekennerschreiben nicht hatte ernst nehmen wollen, weil sie fürchtete, mit den Kriegsverbrechen in Verbindung gebracht zu werden. Oder ob es für die kirchliche Führung schlicht unvorstellbar war, dass ein Pfarrer an der Ermordung der europäischen Juden teilgenommen hatte.

Die Autorin Dr. Dagmar Pöpping arbeitet als Historikerin in Berlin und München. Ihr wissenschaftlicher Aufsatz zum Thema mit dem Titel "Zwischen Kriegsverbrechen und Pfarramt. Walter Hoff und die evangelische Kirche" erscheint im März 2013 in der "Zeitschrift für Geschichtswissenschaft".

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1.
Juergen Frey, 12.02.2013
Und wieviele katholische Geistliche kamen zum EINSATZ?? Gerade jetzt, wo der Papst zurueckgetreten ist. Zufall??
2.
Sonja Dubbke, 12.02.2013
Und das wundert doch niemanden ernsthaft. Wenn neben dem Mißbrauch auch noch das Verhalten von katholischen Geistlichen, der katholischen Kirche und der Nationalsozialismus ohne Ansehen der Personen recherchiert und veröffentlicht werden würden; ob es da noch Katholiken in unserem Land gäbe?
3.
Bernd E Scholz, 12.02.2013
Ein schier endloses Thema - die evangelische Kirche im Nationalsozialismus. Das Mitglied der SA, der Marburger Professor für evangelische Theologie, Ernst Benz, war im Sommer 1941 Divisionspfarrer in der Ukraine. Nach 1945 war er hochgeachteter Osteuropaspezialist an der Marburger theologischen Fakultät, ein Gelehrter von Rang. Als er in den Jahren der Studentenunruhen 1968 ff. in einem Seminar von Studenten nach seiner Zeit im Nationalsozialismus gefragt wurde, verweigerte er die Diskussion und verklagte die Studenten auf Unterlassung der Störung seiner Veranstaltung - erfolgreich. Seine Erlebnisse als Divisionspfarrer in der Ukraine, die er 1942 in Gießen veröffentlichte, hatten die Auslöschung der deutschen evangelischen Gemeinden durch "jüdische bolschewistische Kommissare" zum Thema. Natürlich damals kein Wort zur Vernichtung der jüdischen Bevölkerung rund um Kiew (Babij Jar). Und erst recht nicht, kein Wort dazu nach 1945. Der Nachlass ist bis heute "versiegelt", die theologische Fakultät hatte immer andere Sorgen. Die Amerikaner luden ihn 1952 zusammen mit Martin Niemöller nach New York zu einem "Gespräch" über die Situation der deutschen Kriegsgefangenen in der UdSSR ein. Wäre interessant zu erfahren, ob zu dem hier geschilderten Fall von "Gof" eine Verbindung existiert.
4.
Gernot Klein, 12.02.2013
>Und wieviele katholische Geistliche kamen zum EINSATZ?? >Gerade jetzt, wo der Papst zurueckgetreten ist. Zufall?? Haben sie den Artikel gelesen? Wenn ja, bin ich schockiert. Es geht doch um einen Wettbewerb welche Kirche weniger versagt hatte. Beide Kirchen haben sich damals kaufen lassen. (Kirchensteuer). Fuer mich ist es unfassbar wie ein solcher Mensch jemals wieder fuer die Seelsorge zugelassen werden konnte.
5.
Hermann Luening, 12.02.2013
>Und wieviele katholische Geistliche kamen zum EINSATZ?? >Gerade jetzt, wo der Papst zurueckgetreten ist. Zufall?? Er war evangelischen, können Sie nicht lesen?
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