Kirchengeschichte Der gute Papst

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Er stand nicht einmal fünf Jahre an der Spitze der Kirche, aber er veränderte sie für immer: Als Papst Johannes XXIII. 1963 starb, waren Anteilnahme und Trauer überwältigend - sogar im kommunistischen Ostblock. Von René Schlott

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Am 3. Juni 1963 kurz nach 20 Uhr unterbricht Radio Vatikan sein laufendes Programm. Mit bebender Stimme verkündet der Sprecher: "Mit tiefster Trauer im Herzen geben wir bekannt: Papst Johannes XXIII. ist tot." Auf dem Petersplatz versiegen die Brunnen. Das Bronzetor des Vatikanpalastes wird geschlossen. Der Ton der Totenglocke des Petersdoms schallt durch die ewige Stadt. Angelo Giuseppe Roncalli, der vom Volk geliebte "papa buono", der "gute Papst", ist gestorben.

Im November 1958 hatte der Patriarch von Venedig mit fast 77 Jahren den päpstlichen Thron bestiegen. Wegen seines hohen Alters galt er als Mann für den Übergang. Doch schon kurz nach seiner Wahl überraschte er die kirchliche und weltliche Öffentlichkeit mit der Einberufung eines allgemeinen ökumenischen Konzils, das gemeinsam mit dem Papst die höchste Autorität in der römisch-katholischen Kirche darstellt. Mit seiner herzlichen, jovialen Art gewann er rasch die Sympathien des Kirchenvolks: "Ich bin zwar jetzt unfehlbar, gedenke aber nicht, davon Gebrauch zu machen", erklärte er kurz nach seinem Amtsantritt. Die Römer nannten den dicken Bauernsohn liebevoll "pacioccone" - einen beleibten Spaßvogel.

"Der Papst beißt nicht!"

Im November 1961 feiert Johannes XXIII. seinen 80. Geburtstag bei guter Gesundheit. Im Laufe des folgenden Jahres entwickelt er jedoch ein chronisches Magenleiden. Im Sommer 1962 erfährt der Pontifex von seinen Ärzten, dass er unheilbar an Magenkrebs erkrankt ist. Im Bewusstsein seines nahen Todes steigert der Papst sein Arbeitspensum, um seine großen Anliegen voranzutreiben: die Einberufung des Zweiten Vatikanischen Konzils zur Neuausrichtung der katholischen Kirche mit besonderer Betonung der Ökumene - und der Friede weltweit.

Im Oktober 1962 eröffnet Johannes XXIII., von der Krankheit bereits sichtlich gezeichnet, hoffnungsvoll das Zweite Vatikanische Konzil. Seine Ziele sind die Modernisierung und zeitgemäße Ausrichtung der katholischen Lehre und Organisation ("Aggiornamento"), die Förderung des Dialogs mit anderen Religionen und die Annäherung der christlichen Kirchen.

Doch nur zwei Wochen später droht der Menschheit wegen der Kubakrise ein Atomkrieg. Der Papst vermittelt zwischen den erbitterten Kontrahenten Kennedy und Chruschtschow. Es beginnt ein Dialog zwischen dem Vatikan und der Sowjetunion, der unter den streng antikommunistischen Vorgängern von Johannes XXIII. noch undenkbar gewesen wäre. Für Aufsehen sorgt der Pontifex erneut im März 1963, als er die Tochter und den Schwiegersohn Chruschtschows in einer Privataudienz empfängt. Auf der anschließenden Pressekonferenz stellt Schwiegersohn Alexei Adschubei fest: "Wir wissen jetzt: Der Papst beißt nicht und wir beißen auch nicht!"

Leben für den Weltfrieden

Die Zeit drängt: Nur wenige Wochen vor seinem Tod unterzeichnet Johannes XXIII. am 11. April 1963 seine letzte Enzyklika "Pacem in Terris", die dem Frieden auf Erden gewidmet ist. Es ist die erste Enzyklika, in der sich ein Papst nicht nur an die Katholiken, sondern an alle "Menschen guten Willens" wendet. Am 11. Mai 1963 wird Johannes XXIII. mit dem Balzan-Friedenspreis für sein Lebenswerk geehrt. Die Preisverleihung ist sein letzter öffentlicher Auftritt.

Am 30. Mai wird der Papst von seinem Leibarzt über seinen unmittelbar bevorstehenden Tod informiert. Gefasst bittet er seine Vertrauten, ihn bei einem würdigen Sterben zu begleiten. Und er lässt auch die Außenwelt daran teilhaben: Journalisten veröffentlichen vier Tage lang alle Details über das Sterben des Papstes. Einige Staats- und Regierungschefs lassen sich stündlich über seinen Gesundheitszustand unterrichten. In der Dämmerung des 3. Juni um 19:49 Uhr stirbt Johannes XXIII. im Alter von 81 Jahren. Erstmals in der Geschichte gehen auch aus dem kommunistischen Ostblock zahlreiche Beileidstelegramme im Vatikan ein. Mehr als eine Million Menschen strömen in den Petersdom, um Abschied zu nehmen. Anschließend wird Johannes XXIII. in den Vatikanischen Grotten beigesetzt.

Der glücklose Nachfolger

Unterdessen sind die Kardinäle aus aller Welt in Rom eingetroffen, um sich zum Konklave zu versammeln. Am Abend des 19. Juni ziehen 80 Papstwähler feierlich in die Sixtinische Kapelle ein. Als Favorit geht der Mailänder Kardinal Giovanni Battista Montini in das Konklave. Auch Johannes XXIII. soll Montini als Wunschnachfolger genannt haben, da er sich von ihm die Fortsetzung des Zweiten Vatikanischen Konzils erhoffte. Doch der Kardinal gilt auch als ein Mann des Zaudern und Haderns, der stets einen grüblerischen und nachdenklichen Eindruck macht. Von Johannes XXIII. ist er deshalb als "Hamlet von Mailand" tituliert worden. Der Morgen des 21. Juni 1963 bringt die Entscheidung: Um 11:22 Uhr steigt weißer Rauch auf. Nach nur zwei Tagen und fünf Wahlgängen ist der neue Papst gefunden. Um 12:13 Uhr betritt der konservative Kardinal Alfredo Ottaviani die Loggia des Petersdoms, um den versammelten Gläubigen die Papstwahl zu verkünden. Als er den Namen Montinis nennt, bricht die Menge in Jubel aus.

Der neue Papst hat den Namen des Völkerapostels Paulus gewählt. Das Konzil setzt er fort, wie von Johannes XXIII. erhofft, bringt es im Dezember 1965 zum Abschluss. Doch sein fünfzehnjähriges Pontifikat bleibt glanzlos. Gefangen zwischen den konservativen und liberalen Kräften der Kurie gilt der glücklose Paul bald als der "traurige Papst". Seine Enzyklika "Humanae Vitae" (1968), in der er jede Art künstlicher Empfängnisverhütung strikt ablehnt, bringt ihm auch den Beinamen "Pillenpaul" ein.

Im Jahr 1970 eröffnet Paul VI. das Seligsprechungsverfahren für seinen Vorgänger. Doch erst Johannes Paul II. spricht den "papa buono" am 3. September 2000 selig - gemeinsam mit Pius IX. (1846 - 1878), dem Papst des Ersten Vatikanischen Konzils. Neun Monate später, im Juni 2001, wird Johannes XXIII. auf Anordnung von Johannes Paul II. aus seinem Grab in der Krypta des Petersdoms geholt. Sein Körper und die Kleidung sind 38 Jahre nach seinem Tod fast unversehrt. Um ihn dauerhaft zu konservieren, wird der Leichnam des Papstes in einen millionenteuren gläsernen Sarg umgebettet, der klimatisiert ist und ständig von einem keimtötenden Stickstoffgemisch durchflutet wird. Heute ist er einer der zentralen Anziehungspunkte im Petersdom - Pilgerstätte für Fromme und makabre Touristenattraktion zugleich.

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