Kirchenstaat im Alpental Der Papst als Fürst von Liechtenstein

Kirchenstaat im Alpental: Der Papst als Fürst von Liechtenstein Fotos
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Man stelle sich vor, Liechtenstein wäre nicht für illegale Geld- sondern für Pilgerströme bekannt. Der Papst hielte nicht in Rom, sondern in Vaduz Audienz. Fast wäre es so gekommen - und Liechtenstein 1916 ein Geschenk an das Kirchenoberhaupt geworden. Noch absurder: Auch Mallorca war im Gespräch. Von René Schlott

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"Seine hochfürstliche Durchlaucht, der regierende Fürst von Liechtenstein tritt alle Souveränitäts- und Regierungsrechte über Sein gesamtes Fürstentum Liechtenstein an Seine Heiligkeit, Papst Benedikt XV. als den rechtmäßigen Inhaber des Heiligen Stuhls ab." So lautet die Kurzfassung des ersten Artikels eines brisanten Vertrages, der heute noch im Vatikanischen Geheimarchiv in Rom lagert. Das Papier ist allerdings mit "Entwurf" gekennzeichnet. Ihm fehlen die entscheidenden Unterschriften der Vertragsparteien. Doch wie kam es zu dem spektakulären, aber letztlich gescheiterten Projekt?

1870 wurde Rom die Hauptstadt des vereinigten italienischen Königreiches. Der Papst war seines Kirchenstaates beraubt. Er zog sich als "Gefangener" in den Vatikan zurück, der rechtlich ein Teil des italienischen Staatsgebietes geworden war. Der Pontifex war fortan ein Herrscher ohne Land. Doch als Nachfolger der Apostelfürsten Petrus und Paulus, Stellvertreter Christi auf Erden und Haupt der Weltkirche wollte der Papst nicht Bürger Italiens sein. In den folgenden Jahrzehnten strebte das Papsttum deshalb wieder nach einem eigenen Territorium, möglichst in den Grenzen des früheren Kirchenstaates.

Direkter Draht zum Papst

Mit dem Eintritt Italiens in den Ersten Weltkrieg im Mai 1915 gewann die so genannte "römische Frage", die fast 60 Jahre andauernde Suche nach einem eigenen Land für den Papst, neue Brisanz. Wie sollte die Neutralität des Papstes glaubwürdig nach außen erkennbar sein, wenn er sich doch auf dem Gebiet eines der kriegführenden Staaten aufhielt. Papst und Kurie in Rom, aber auch Katholiken aller Länder diskutierten verstärkt Möglichkeiten einer Lösung.

Von deutscher Seite engagierte sich seit Kriegsbeginn insbesondere der Zentrumspolitiker Matthias Erzberger mit unterschiedlichen Vorschlägen für einen neuen Kirchenstaat. Er verfügte über hervorragende Kontakte zur Kurie in Rom, mit der er in ständigem Briefwechsel stand. Über einen deutschen Mittelsmann, den päpstlichen Kammerherrn Rudolf von Gerlach, hatte Erzberger sogar einen direkten Draht zu Papst Benedikt XV.

Im März 1916 wandte er sich mit einer besonderen Idee an den Pontifex. Er schlug ihm vor, mit dem Fürsten von Liechtenstein Verhandlungen aufzunehmen, um diesen zur Abtretung seines Landes an den Papst zu bewegen. Benedikt XV. begrüßte die Idee und forderte Erzberger zu diesbezüglichen Gesprächen mit dem liechtensteinischen Fürstenhaus auf. Anfang April 1916 übersandte Erzberger den Entwurf eines Abtretungsvertrages an den Papst und an Fürst Johann II. von Liechtenstein.

Land für Titel

Der Papst sollte formell Staatsoberhaupt Liechtensteins werden, um ihm eine gleichberechtigte Teilnahme an einer europäischen Friedenskonferenz und eine bessere Verhandlungsposition gegenüber Italien zu sichern. Die eigentliche Herrschaft über das Alpenfürstentum sollte weiter beim Adelsgeschlecht der Liechtensteiner liegen, das seinen Besitz und damit seine wichtigsten Einnahmequellen behalten würde. Als Dank des Papstes erhielte der Fürst fortan den Rang eines Kardinalbischofs.

Die Ansprache, mit der der Papst aller Welt verkünden wollte, dass er der neue Herr des Alpenfürstentums sei, war bereits von Erzberger fertig ausgearbeitet. In dem Dokument, heute im Vatikanischen Geheimarchiv einsehbar, heißt es: "Wir Benediktus XV. tun hiermit jedermann kund: Nachdem das Fürstentum Liechtenstein an Uns mit allen Hoheits- und Regierungsrechten abgetreten, so nehmen wir dieses Land in Besitz mit allen Rechten der Landeshoheit und Oberherrlichkeit." An den Grenzen sollten päpstliche Wappen aufgerichtet und die öffentlichen Siegel mit den Herrschaftsinsignien des Oberhauptes der Katholiken versehen werden. So der Plan.

Geheimverhandlungen in Wien

Über die Osterfeiertage des Jahres 1916 reiste Erzberger nach Wien, um dort im Geheimen mit der Familie Liechtenstein über die Abtretung zu verhandeln. Am 27. April berichtete er in einem Brief nach Rom über die zehntägigen Konsultationen in der österreichischen Hauptstadt. Ein dramatischer Verhandlungsverlauf lässt sich rekonstruieren.

Erzberger trifft an vier aufeinander folgenden Tagen zunächst mit dem Thronfolger Prinz Alois von Liechtenstein zusammen. Dieser steht dem Abtretungsplan positiv gegenüber, drängt aber auf ein direktes Gespräch zwischen Erzberger und seinem Vater, dem regierenden Fürsten Johann II. von Liechtenstein. Der Unterhändler erfährt, dass der Fürst "keinen Wert auf die Erhaltung der Souveränität" legt: "Sein einziges Bedenken sei, dass Liechtenstein für den Papst zu klein sei." Erzberger sieht seinen Plan kurz vor der Verwirklichung. Doch noch hat er nicht die notwendige Zustimmung aller wichtigen Familienmitglieder erreicht.

Am Ostersonntag, dem 23. April 1916, trifft Erzberger den Prinzen Franz von Liechtenstein, den Bruder des regierenden Fürsten. Dieser lehnt das Projekt jedoch rundheraus ab. Noch am gleichen Tag konferiert Erzberger mit Fürst Johann II., der jedoch auf den Deutschen den Eindruck "eines schwachen, kranken Mannes" machte. Johann erklärt nochmals seine grundsätzliche Bereitschaft zu dem Projekt. Doch die ablehnende Haltung seines Bruders macht es ihm unmöglich zuzustimmen.

Beten statt Ballermann

Erzberger erkennt, dass "Prinz Franz die Seele des Widerstandes ist" und lässt nichts unversucht, diesen Widerstand zu brechen. Er bespricht sich mit dem Landmarschall Alois von Liechtenstein, gemeinsam schlagen sie ihm im Ausgleich eine Vergrößerung Liechtensteins um andere Besitztümer der Familie in Österreich-Ungarn vor. Mit dieser Lösung soll Alois das widerspenstige Familienmitglied zähmen. "Prinz Alois versprach mir, mit allem Nachdruck für diese Idee zu arbeiten", erinnert sich Erzberger, der am Tag darauf aus Wien abreist. So bleibt er auch ohne einen diplomatischen Durchbruch weiter optimistisch: "Es ist wirklich nicht überraschend, wenn nicht gleich alles auf den ersten Hieb gegangen ist. 46 Jahre lang hat man an der Römischen Frage gearbeitet, da konnte nicht in 10 Tagen alles erreicht werden."

Doch die Kurie in Rom reagiert enttäuscht auf den Bericht Erzbergers. Sein päpstlicher Mittelsmann Gerlach teilt ihm Anfang Mai 1916 mit: "Man hat hier die Ansicht, dass aus der Sache nichts mehr wird. Die Sache wäre schön gewesen, wenn das Haus Liechtenstein freiwillig das Fürstentum angeboten hätte." So, wie es jetzt stehe, sei es besser, die Idee fallen zu lassen. Der Papst macht einen Rückzieher, er entzieht Erzberger faktisch das Verhandlungsmandat.

Nach dem Scheitern seines Liechtenstein-Planes nimmt das Suchen nach einem neuen Papstdomizil immer absurdere Formen an. Erzberger und weitere Katholiken versuchen im Sommer 1916, Spanien zu veranlassen, dem Papst eine der drei balearischen Inseln abzutreten, am liebsten Mallorca. Beten statt Ballermann: Fast wäre der Deutschen liebstes Urlaubsziel der neue Sitz des Papstes geworden.

Doch die "römische Frage" bleibt weiter offen. Erst dreizehn Jahre später, im Februar 1929 kommen die "Lateranverträge" zustande. Das faschistische Italien unter Mussolini und der Papst einigen sich auf die Errichtung des Vatikanstaates innerhalb Roms. Matthias Erzberger jedoch, der im November 1919 den Waffenstillstand für das Deutsche Reich unterzeichnete und in der Weimarer Republik als Reichsfinanzminister amtierte, sollte die Lösung nicht mehr erleben. Er fiel im August 1921 einem Attentat zweier Nationalisten zum Opfer.

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