Erster Kiss-Auftritt ohne Make-up Schock-Rocker oben ohne

Erster Kiss-Auftritt ohne Make-up: Schock-Rocker oben ohne Fotos
Corbis

Plötzlich nackt im Gesicht: Als die Band "Kiss" vor 30 Jahren erstmals ohne Make-up auftrat, feierte MTV den Akt als Meilenstein der Musikgeschichte. Tatsächlich war der PR-Stunt der Musiker aus reiner Verzweiflung geboren - doch er entpuppte sich als einer ihrer cleversten Schachzüge. Von

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Der Moderator der Detroiter TV-Nachrichten kann sein Glück kaum fassen. "Max, du hast offenbar geschafft, was niemandem zuvor gelungen ist", sagt er aufgeregt zu seinem Studiogast. "Du hast ein Interview mit der Band Kiss geführt - ohne, dass sie ihr Make-up tragen."

Das wäre zu diesem Zeitpunkt, Ende 1977, tatsächlich eine Weltsensation. Seit Jahren strömen Zehntausende Hardrockfans in ausverkaufte Stadien, um Kiss zu hören. Doch bis jetzt - Ende 1977 - sind die vier Musiker noch nie aufgetreten, ohne ihre Gesichter bis zur Unkenntlichkeit weiß, schwarz und blutrot zu schminken.

Reporter Max Kinkel, Rufname "Super Max", ist selten um Worte verlegen. Doch jetzt zögert er eine Sekunde. Dann sagt er stockend zum Moderator: "Nun ja, das stimmt nicht ganz so … Du wirst schon sehen, wie es gelaufen ist."

Film ab, und schon sieht der Zuschauer die vermeintliche Weltsensation: Ein kleiner, intimer Raum, die vier Rocker sitzen einträchtig auf einer Couch. Doch die Kamera zeigt ihre Gesichter nicht. Sie macht Nahaufnahmen von knallengen Bluejeans, Plateauschuhen und schwarz lackierten Fingernägeln. Ansonsten filmt sie die Stars, während "Super Max" ihnen ein paar harmlose Fragen stellt, konsequent von hinten. Von den Köpfen der Musiker sieht man ein paar schwarze Locken mit Tendenz zum Spliss und einen Cowboyhut mit rosa Bändchen. Sonst nichts.

Es war nur einer der unzähligen, selbstironischen PR-Gags einer Band, der es immer wieder gelungen ist, ihre musikalische Mittelmäßigkeit mit genialem Marketing zu übertünchen. Kiss haben seit ihrer Gründung vor 40 Jahren mehr als hundert Millionen Alben verkauft, und bis heute rätseln Kritiker, wie ihnen das eigentlich gelingen konnte - bei einem Musikstil, den sie nur in homöopathischen Dosen veränderten.

Plateaustiefel und harte Gitarrenriffs

Die Antwort ist: Kiss haben nicht den Rock n' Roll revolutioniert, sondern das Marketing. Keine andere Band hat die Chancen des Merchandising und die Selbstinszenierung so früh erkannt und so konsequent perfektioniert - und eine zentrale Rolle spielte dabei die Schminke und die martialische Kostümierung mit Leder und Nieten.

Sie hätten einfach nicht so aussehen wollen wie andere Bands, sagte Kiss-Bassist Gene Simmons lapidar. Irgendwie schien er selbst überrascht, was das Schminken bei ihm alles auslöste: "Man verändert sich innerlich", so Simmons. Er habe sich gefühlt wie ein Boxer, der in den Ring steigt, wie ein Indianer vor dem Kriegszug, wie einer der Comic-Helden, die er seit seiner Kindheit vergötterte. Zwei Stunden dauerte das Auftragen des Make-ups. "Oft habe ich es verflucht", verriet Simmons dem "Berliner Kurier". "Doch dann bin ich mit der Maske auf die Bühne gegangen und habe dieses Gefühl der Macht gehabt."

Natürlich hat Kiss das Schminken nicht in der Musikbranche eingeführt. Sie waren beeindruckt vom Schock-Rocker Alice Cooper und mochten auch die New York Dolls, die damals ebenfalls in schrägen Bühnenoutfits Erfolge feierten. Es war die beginnende Ära des Glam Rock, und Künstler wie David Bowie traten mit schwindelerregenden Plateaustiefeln und Glitzerkostümen auf. Sie spielten mit Tabubrüchen, liebten das sexuell Uneindeutige, inszenierten auf der Bühne bewusst einen Widerspruch zwischen androgynem Auftreten und männlich-harten Gitarrenriffs.

Kiss machte das alles auch, nur konsequenter. Sie trugen mehr Schminke auf als alle anderen, feilten penibler an ihrer Gesichtsbemalung, bis sie gänzlich zu Kunstfiguren wurden: Bassist Simmons nannte sich nur noch "The Demon" und streckte unentwegt sardonisch grinsend seine überlange Zunge aus dem dunkel ummalten Mund. Sänger Paul Stanley wurde zu "The Starchild" (mit blutroten Lippen und einem schwarzen geschminkten Stern um das rechte Auge), Lead-Gitarrist Ace Frehley war der "Spaceman" und Drummer Peter Criss taufte sich "Catman".

Ritter im Dienste Satans

Nicht nur bei der Schminke trugen die Rocker dick auf. Besonders Bassist Simmons machte Großmäuligkeit zum Markenkern: Immer wieder stellte er Kiss auf eine Stufe mit den Beatles und Led Zepplin; noch 2010 lud er die Rolling Stones gönnerhaft ein, mit ihnen auf Tour zu gehen. Zudem gibt es kaum ein Interview mit ihm, in dem er nicht mit den 4600 Frauen protzte, mit denen er angeblich Sex hatte (mal mit, mal ohne Schminke), und deren Fotos er wie ein Trophäenjäger in ein Album klebte.

Die Prahlereien passten zum Konzept: Ein bombastisches Bühnenspektakel, mit Gitarren, die Feuerwerkskörper verschossen und Kunstblut, das Simmons literweise auf die Bühne spuckte (wenn er nicht gerade Feuer spie). Donnerschläge und meterhohe Flammensäulen, die zu dröhnenden Gitarrenriffs aufloderten und Drahtseile, mit denen die Musiker wie Fledermäuse gen Nachthimmel flogen. Dazu zertrümmerte Gitarren und Lieder, die sich um Rebellion und Sex drehten. Schon bald feierte die Band mit Hymnen wie "I was Made for Loving You" Riesenerfolge. Die Konzerte waren ausgebucht, das erste Live-Album verkaufte sich binnen kurzer Zeit mehr als eine Millionen Mal.

Kiss war eine Marke geworden, und die Musiker nutzen das geschickt aus. Wie aus ihren Gesichtern machten sie auch aus dem Bandnamen ein Geheimnis. Gerüchte, dass die Buchstaben für "Knights in Satans Service" standen, wurden regelmäßig dementiert - halfen aber, den dämonischen Ruf zu festigen. Und egal, ob die Ähnlichkeit im KISS-Logo zu NS-Runen nun eine gewollte Provokation war oder nur ein dummer Zufall: Nachdem die Band 1980 in der Bundesrepublik ihr Logo geändert hatte, war sie durch das Mediengetöse auch in Europa noch bekannter geworden.

Eine ernste Krise

In den USA kannte sie da schon jedes Kind: Der offizielle Fan-Club "Kiss-Army" hatte seit 1975 eifrig geholfen, unzählige Merchandising-Produkte zu vertreiben - darunter etliche Schmink-Sets. Zehntausende Amerikaner waren freiwillig in die "Band-Armee" eingetreten, angeworben mit Plakaten von Uncle Sam ("I want you in the KISS-Army!"). Ein einträgliches Prinzip: Bis heute werden über die Fan-Clubs Millionen absurder Kiss-Devotionalien verkauft - Kondome, Comics, Urnen, Weine, Latexmasken, Weihnachtskugeln ("Merry Kissmas"). Für ganz treue Anhänger gibt es sogar Kiss-Kühlschränke, die am Ende eines treuen Fan-Lebens in Kiss-Särge umfunktioniert werden können.

Doch trotz Unmengen verkaufter Fan-Artikel geriet die Gruppe Anfang der achtziger Jahre in eine ernste Krise: Die Alben liefen längst nicht mehr so gut wie gewohnt, Schlagzeuger Criss und Gitarrist Frehley verließen die Band, und die aufwendigen Tourneen verschlangen Unsummen an Geld.

Für andere Gruppen wäre es das Ende gewesen. "Die Band wusste, dass sie unbedingt wieder Aufmerksamkeit auf sich ziehen musste, statt einfach ein neues Album zu veröffentlichen", so Kiss-Biograf Julian Gill. "In dieser Situation zogen sie ihr letztes Ass aus dem Ärmel: das Make-up."

Das Ende der Kriegsbemalung

Am 18. September 1983, sechs Jahre nach dem PR-Gag in Detroit, bei dem sie sich nur von hinten filmen ließen, machte Kiss also Ernst: Zum ersten Mal ließen sie tatsächlich die Schminke weg - exklusiv auf dem Musiksender MTV. In einer Sondersendung kündigte der Moderator die Revolution als "wirklich großen Moment" der Musikgeschichte an. Und dann sah man sie: vier langhaarige Männer mit harmlosen Allerweltsgesichtern.

Selten hatte man Männer so ausführlich über Schminke diskutieren hören. Wie sich das nun anfühle, zum ersten Mal ohne Make-up, wollte der Moderator wissen. Großartig, fand Stanley. Sehr, sehr angenehm, sagte Simmons. Man hoffe nun, noch engeren Kontakt zu den Fans zu bekommen. Und warum das alles jetzt? Es sei einfach an der Zeit gewesen, Kiss sei aber trotzdem immer noch Kiss. Punkt.

Der Plan funktionierte: Plötzlich rissen sich Journalisten um Interviews mit den zuvor in Vergessenheit geratenen Rockern. Das Album "Lick it up" kam fünf Tage nach dem MTV-Auftritt in die Läden und verkaufte sich mit 800.000 Exemplaren sofort weit besser als die beiden Vorgängeralben. Dabei war musikalisch alles beim Alten geblieben. Nur das Kunstblutspucken wurde aus dem Programm genommen. Ohne Kriegsbemalung sah es irgendwie lächerlich aus.

Ein wenig wie Coke

13 Jahre später - Kiss drohte wieder, aus den Schlagzeilen zu verschwinden - kam erneut eine Kehrtwende: Kiss trat wieder in der alten Besetzung mit Drummer Criss und Gitarrist Frehley auf. Also durfte auch die Kostümierung von einst nicht fehlen. Noch im selben Jahr machte die Gruppe 46 Millionen Dollar Umsatz - so viel wie keine andere Band.

Seit 1996 spuckt Simmons also wieder im gewohnten Outfit Blut auf der Bühne und mimt das Monster. Dabei ist er in Wahrheit ein knallharter Unternehmer, der Sätze sagt wie: "Freundschaften interessieren mich nicht wirklich. Ich mag eher Geschäftspartner." Oder: "Geld ist das einzige Mittel, um sich Glück zu kaufen. Geld ist romantisch, das Schönste auf Erden." Und: "Wir sind nicht nur eine Band, sondern ein internationales Qualitätsprodukt." Ja, ein wenig wie Coke.

Damit das auch so bleibt, will Simmons künftig nie wieder ungeschminkt spielen. Schrecklich sei das damals gewesen, ein Riesenfehler. Man kann ihm glauben - oder seinen nächsten PR-Coup abwarten.

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1.
Axel Weitermann 19.09.2013
"Und egal, ob die Ähnlichkeit im KISS-Logo zu NS-Runen nun eine gewollte Provokation war oder nur ein dummer Zufall: Nachdem die Band 1980 in der Bundesrepublik ihr Logo geändert hatte, war sie durch das Mediengetöse auch in Europa noch bekannter geworden. " Die Schreibweise des SS ist in Runenform ist eigentlich unter graphischen Aspekten durchaus logisch und sieht auch sicher gut aus. Weswegen halt die Nazis auch früher drauf kamen. Und man darf Kiss trotz allen Marketinggehabes unterstellen, dass sie den Schriftzug aus den gleichen, optischen Gründen wählten. Denn Paul Stanley und Gene Simmons sind Juden und zumindest Simmons stammt sogar direkt von Holocaust-Überlebenden ab. Provoziert man vor diesem Hintergrund mit solchen Symbolen, wenn man sie auch so interpretieren würde wie die deutschen Gesetzeshüter es tun? Ich glaube eher, dass andere Länder einen entspannteren Umgang mit so einem Firlefanz haben. Und außerhalb Deutschlands war das auch nie ein Thema. Die entschärfte Schreibweise wird übrigens auch weiterhin nur in Deutschland verwendet (und vielleicht anderen Ländern, die ähnliche Gesetze haben mögen - Österreich?). Das sonst überall eingesetzte offizielle Band-Logo hat immer noch die Runen. Vor 1980 erschienen Kiss-Platten auch in Deutschland mit dem Runen-Logo und ab 1976 erreichte Kiss auch so in Europa und Deutschland eine größere Bekanntheit. Spätestens nach dem erwähnten Riesenhit von 1979. Die tourten schon 76 hier und waren auch im Fernsehen zu sehen. Mit Runen natürlich. Von sich aus hatten sie den Klamauk um die Logoänderung in Deutschland sicher nicht nötig. Letzlich ist es bis heute nur teuer und lästig für die Band. Ich vermute eher, dass damals (genau wie heute) irgendeiner der üblichen Bedenkenträger jenseits der 50 darauf aufmerksam wurde ist und sich sagte "Dafür gibt's doch einen Paragraphen, das müssen wir verbieten. Unsere Jugend wird verdorben".
2.
Andre Bryx 19.09.2013
Kiss ist wie AC/DC - der zeitlose Sound einer Generation. Die Protagonisten werden älter, manchmal etwas seltsam (Gene Simmons im Reality TV) aber wir lieben sie immer noch!
3.
Ronald Stephan 19.09.2013
Dazu hab' ich auch einen Schwank. "Was machen die eigentlich mit unseren Kinder?!" konnte ich mir kürzlich nur knapp verkneifen, als mein 9-Jähriger dringend darum ersuchte, bei Youtube nach einer im Hort gerade schwer angesagten Band suchen zu dürfen, 'Kiss' nämlich, mit einem Lied "irgendwas über 'love'". Dazu werde zur Zeit heftig abgetanzt, wie auch zu Boney M. Urgs. "Und was ist falsch an unserer Dir jederzeit zur Verfügung stehenden umfang- und facettenreichen, musikgeschichtlich viel nahrhafteren Mediensammlung?" habe ich natürlich nicht gefragt. Das Kind verdient Respekt. Es hat den ganzen Mann im Vater gebraucht, um sich während der Sichtung unfasslich vieler Clips nicht ständig an den Kopf zu fassen oder entgeistert loszuprusten. Ein Freund, Berufsmusiker, dessen Zwerge im Moment noch bei Rolf Zuckowski stehen, hat sich "für die Warnung" bedankt. "Lasses", war sein Rat, "selbstgekocht schmeckt immer besser, das merkt Dein Junge schnell". Oha, muss ich mal drüber nachdenken. Aber: Hat das Elend nicht gerade begonnen, als die Knaben von 'Sweet', 'Slade' oder eben 'Kiss' mit dem Selbstkochen anfingen? Eine anonym durchgeführte Recherche bei Amazon förderte interessanterweise etliche Coverversionen des Titels zutage. Einige davon habe ich heimtückisch auf des Sohnes Player geladen, eine rein pädagogische Maßnahme, natürlich. Meine beläufige Nachfrage nach aktuellen Favoriten auf dem Player ergab, nebst mancherlei Harmlosem: 'I Was Made for Loving You'. (Seufz). Aber - in der Version des eigentümlichen 'String Quartet Tribute to Kiss', vom mir bis dato unbekannten Label 'Vitamin Records'. Puh. Alles wird gut.
4.
Lukas Pruppacher 19.09.2013
Der Artikel liest sich so wie wenn ein Tierfotograf seine Beobachtungen in der Serengeti niedergeschrieben hätte. Dass sich Sänger, Gitarrist und Drummer durchaus für verschiedene Lieder abgewechselt haben zB. wäre auch erwähnenswert gewesen.
5.
Tim Krahnert 20.09.2013
Gut wäre auch, wenn der Autor gewusst hätte, dass sich Gene Simmons auch in der Serie "Gene Simmons Family Jewels - Papa war ein Kiss", die auch im deutschen Fernsehen zu sehen ist, ganz ungeschminkt und gar nicht als so knallharter Geschäftsmann zeigt...
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