Postkarten im Kaiserreich Kitsch, lass nach!

"Im Herzen die Liebe, umspült von der Flut: Um uns das Wasser, - und in uns die Glut!" Um 1900 waren Kitschpostkarten der letzte Schrei, die Motive überzogen, die Botschaften wenig subtil. Sie durften ausdrücken, was sonst verpönt war: ganz große Gefühle.

Fritz Franz Vogel / Böhlau Verlag

Wie die Spinne im Netz lauert die junge Dame auf ihre Beute. Nur will die Schönheit mit ihrem verlangenden Blick keine Stubenfliege in ihre Falle locken, sondern einen Mann. Als Lockstoff nutzt sie leuchtend rote Herzen. Was dem Mannsbild droht, der sich in diesem Hinterhalt verfängt, zeigt der Hampelmann in ihren Händen. Wie ein Spielzeug wird sie ihn nach ihrem Willen hüpfen lassen.

Zum Glück für die Männerwelt fand diese Szene nur im Atelier statt. Irgendwann um 1900 herum streckte das Modell seinen Kopf durch die Leinwand mit dem aufgemalten Spinnennetz, setzte ein kokettes Lächeln auf und der Fotograf drückte auf den Auslöser.

"In uns die Glut!"

Derart honigsüße Szenen stellten die Briefträger Anfang des 20. Jahrhunderts täglich abertausendfach zu. Postkarten wie die mit der liebeshungrigen Spinnenfrau waren ein beliebtes Mittel, um gefühlvolle Botschaften auszutauschen. Kameras waren unhandlich und teuer, Telefone nicht verbreitet. Postkarten waren billig und überall verfügbar.

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30  Bilder
Kitschpostkarten im Kaiserreich: Herzschmerz aus dem Briefkasten

Unzählige Karten zeigten Paare, die sich verliebt anschmachteten, küssten oder Händchen hielten, dekoriert mit Blumengestecken, rekolorierten Herzchen oder auch mal ein paar Engelsflügeln. Holprige Reime drückten die aufwogenden Gefühle aus: "Im Herzen die Liebe, umspült von der Flut: Um uns das Wasser, - und in uns die Glut!"

Dabei richteten sich die kitschigen Karten nicht nur an Verliebte. Für fast jeden Anlass produzierten Fotografen, Hersteller und Verleger das passende Motiv mit der entsprechenden Portion Süße: Der Klapperstorch, der zur Geburt gratuliert, das beschwingte Pärchen, das aus einer überdimensionalen Sektschale "Prosit Neujahr!" wünscht oder Riesen-Küken, die einen Knaben auf seinem Riesen-Osterei durch die Landschaft ziehen.

Heile Welt

Mit dem Massenphänomen der kitschigen Postkarten zwischen 1895 und 1920 beschäftigt sich Fritz Franz Vogel seit vielen Jahren. In seinem Buch "Kitsch per Post" präsentiert der Fotohistoriker rund 2000 der gefühligsten Karten - dem Inhalt entsprechend ist der voluminöse Band in Samt gebunden und mit einer echten Postkarte versehen. Gut zehn Milliarden solcher Bromsilberkarten sollen nach Schätzung des Experten zu Zeiten ihrer Hochkonjunktur versendet worden sein.

Moderne Druckmaschinen machten die Karten in Deutschland, der Schweiz, Österreich-Ungarn aber auch Frankreich zu einem beliebten, günstigen Massenprodukt. Über dreihundert Hersteller warfen ständig neue Exemplare auf den Markt. Mit Leinwänden, die heimelige Landschaften zeigten, und allerlei Requisiten wie überdimensionalen Hufeisen oder auch ausgestopften Tieren, inszenierten die Fotografen in ihren Ateliers immer neue Motive. Im Akkord wurden manche Reihen koloriert. Und um den Schmalzfaktor noch zu steigern, trug man sogar Pailletten, Glitzer oder Echthaar auf.

Die Szenen in ihrer überspitzten, gefühlsbetonten Art sollten den Großstädtern, die Fabriken, Lärm und andere Belästigungen gewohnt waren, eine heile Welt vorgaukeln: Wenn sich ein Pärchen im Trachtenlook vor dem Panorama der Alpen verliebte Blicke zuwarf, war dies wie ein kleiner Urlaub aus dem Briefkasten.

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    Kitsch per Post

    Das gesüßte Leben auf Bromsilberkarten von 1895 bis 1920.

    Böhlau Köln; November 2014; 320 Seiten; gebunden; 59,90 Euro.

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In der Sittenstrenge des Wilhelminischen Zeitalters boten die Postkarten den Menschen die Gelegenheit, in Gefühlen zu schwelgen. Interessanterweise fand dieser postalische Kitsch seine Entsprechung in der dick auftragenden Selbstinszenierung des Staatsoberhauptes: So war Wilhelm II. bekannt für seinen ausgeprägten Hang zu Operettenuniformen und pathetischen Auftritten.

Doch die Glanzzeit der Bromsilberkarten dauerte nicht lange an: Nach dem Ersten Weltkrieg schwand die Begeisterung für diese Art Pathos. Das Telefon fand größere Verbreitung, die Kleinbildfotografie ermöglichte auch Laien, ihre Bilder selber zu produzieren. Vor allem aber war die nostalgische Gefühligkeit des Wilhelmismus in den Zwanzigerjahren nicht mehr angesagt. Obwohl manchem Liebenden die Weisheit der Kitsch-Postkarten bis heute einleuchten wird: "Küssen ist keine Sünd'." Gerade am Valentinstag.



insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
Wolfgang Stähle, 13.02.2015
1.
Da sich die Geschmäcker im Laufe der Zeit ändern, sollte man so etwas nicht einfach als Kitsch diffamioeren.
Midgard Thoren, 14.02.2015
2. Bitte nicht so einseitig
Dem Artikel haftet eine gewisse "Hochnäsigkeit" an, da er die Postkarten einer Epoche kurzun als Kitsch abtut. Diese Karten entsprachen nicht nur dem Zeitgeschmack, sondern setzten bei der Produktion zumeist ein erhebliches Können voraus (zur Erinnerung: damals gab es kein Photoshop). Und es war nicht alles nur Klischee -auch in dieser Zeit gab es einen nicht geringen Anteiil an Haushalten, in denen Frauen das Regiment führten. And last not least: wenn ich heute Ansichtskarten aus Berlin, München oder Köln kaufe, sind auch da nicht Fabriken, Problemviertel oder Obdachlose drauf
Falk Windheim, 16.02.2015
3. Damals halt
Kann man sich eigentlich auch alte Sache angucken ohne andauernd lesen zu müssen wie schlecht früher alles war? Was wohl die Leute in 100 Jahren über Tiervideos auf Youtube sagen? Ansonsten ganz interessant.
Sebastian Meyer, 14.02.2018
4. Da sind wir aber froh...
...daß wir heutzutage diesen eskapistischen Kitsch losgeworden sind. Lieber kokettieren wir mit der "Realität": Brutale Endzeitfilme, "realistische" Alltagsseifenopern, Bilder und Installationen die an Gräßlichkeit sogar die Gegenwart einer urbanen Dystopie übertreffen... Danke für die Erhellung und Belehrung - wir sind soo froh heute zu leben!
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