Kneipen-Sparklubs Fünf ins Töpfchen, 50 ins Kröpfchen

Die Mitglieder der Hamburger Kneipen-Sparklubs gehören zu den wenigen, die noch im Verein sparen. In den Sechzigern boomte das Geldanlegen in geselliger Bierrunde - ein faszinierendes Prinzip. Mit Schwächen.

Sparkassenhistorisches Dokumentationszentrum

Heiko hat vor drei Jahren Schluss gemacht. Der 52-Jährige konnte sich das Sparen einfach nicht mehr leisten. Wobei, sagt er, "das Problem war ja nie das Sparen, sondern der Tresen hier: Haust 'nen Fünfer rein in den Kasten und versäufst 'nen Fuffi." Ab und zu kommt er trotzdem noch in den Nobiskrug, die "Älteste Schankwirtschaft auf St. Pauli seit 1895", wie an der Hauswand steht.

Das Besondere hier ist der Sparkasten - blaugrau, blechern, wie die Miniatur einer Hochhausbriefkastenanlage hängt er in der Ecke über der rot gepolsterten Sitzbank, 60 Fächlein mit Schlitzen, Nummer 43 war einst Heikos. Wenn nur der verfluchte Tresen links daneben nicht so einladend gewesen wäre.

Hinter dem Tresen steht Harry, 56, seit 20 Jahren Wirt im Nobiskrug - und Gründer des Sparklubs "Die 100-Jährigen". Die Idee des Klubs: Seine Mitglieder verpflichten sich, Woche für Woche mindestens drei Euro zu sparen. Wer nicht zahlt, muss 1 Euro 50 Strafgeld berappen. Harry leert den Kasten wöchentlich, er und zwei Beisitzer notieren die Einnahmen aus jedem Fach und tragen sie auf die Bank. Ende des Jahres ist Zahltag. Die Mitglieder kriegen ihr Erspartes zurück. Strafgeld und Zinsen fließen in Essen und Trinken für alle, die Spareinlagen meist in Weihnachtsgeschenke.

Das Prinzip ist alt, älter als Harry und Heiko zusammen. "Das gemeinschaftliche Sparen in Vereinen hat in Deutschland eine lange Tradition", sagt Torsten Wehber vom Sparkassenhistorischen Dokumentationszentrum in Bonn. Die Gründungsmythen allerdings variieren. Wehber weiß von Dresdener "Stollensparvereinen" Ende des 19. Jahrhunderts; die Spargroschen verwaltete der Bäcker, damit zu Weihnachten genug Geld für das Gebäck da war. In den USA und Großbritannien waren "Savings Clubs" beziehungsweise "Christmas Savings Clubs" zeitweise ein Trend.

"Geheimwaffe der Hausfrau"

In Norddeutschland entstanden die Sparklubs um 1890. Die Sparschränke erinnern an "Kollektiv-Sparbüchsen", die in Hafenstädten so etwas wie die Vorläufer der Kranken- und Altenfürsorge waren. Mitte der Sechzigerjahre zählte der Deutsche Sparkassen- und Giroverband allein unter seinem Dach 20.000 Sparklubs mit geschätzt rund einer halben Million Mitgliedern. 2400 Klubs waren es etwa in Köln, 2800 in Hamburg. Alle Sparklubs legten im Jahr 1960 rund 127 Millionen DM zurück.

Die kleinen Sparer reizte daran vor allem die Geselligkeit, erzählt Wehber. Heiko kann das bestätigen. Wehmütig denkt er an die Treffen des Sparklubs der "100-Jährigen", die feuchtfröhlichen Feste samt Kegeln und Tombola, den Zusammenhalt.

Die Sparkassen hingegen förderten die Klubs, um Einlagen für sich zu akquirieren. Sie unterstützten die Gründer, indem sie ihnen kostenlos Sparschränke, Abrechnungsformulare und Geldtüten für die Auszahlung überließen. Sie halfen, die Sparschränke zu leeren und die einzelnen Sparsummen zu notieren. Selbst den Inhalt der Sparkästen versicherten sie gegen Diebstahl. Manche Filiale zeichnete die sparsamsten Klubs aus; die Kreissparkasse Detmold etwa erfand dafür die Wanderauszeichnung "Goldener Sparschrank". Hausfrauen erhielten Werbepost, die das Sparen - etwa beim Einzelhändler - als "Geheimwaffe" pries: "Denn die Lieben Ihrer Familie wissen nichts von den Spargroschen, die Sie im Jahr bei Ihren Einkäufen im Hausfrauenschrank sparen."

Der Einzelhändler mit Sparschrank durfte sich in der Folge einer treuen Kundin sicher sein, der Wirt wiederkehrender Gäste. Heiko war nicht der Erste, der die Gefahr des Kneipensparens entdeckte. Schon 1903 warnte der Hamburger Genossenschaftsbefürworter Heinrich Kaufmann in der "Sozialistischen Monatszeitung", dass Sparklubs "in manchen Städten unter den Industriearbeitern in der bösartigsten Weise grassierten". Der Gastwirt spekuliere nur auf die Einnahmen, nicht selten sei die "gemachte Zeche dreimal so hoch" wie die Einlage. Er rief deshalb zur Bekämpfung der Sparklubs auf.

Den Kampf gewinnen sollte jedoch erst der Fernseher, unterstützt von den Einfamilienhaussiedlungen am Stadtrand. Eckkneipenbesucher wurden ab Ende der Sechziger weniger, und mit den Eckkneipen starben auch die Sparklubs langsam aus.

So ist auch der Klub von Wirt Harry ein Auslaufmodell. Er bringe ihm nichts als Arbeit, sagt er. Von den 60 Fächern im Sparschrank seien nur noch 25 belegt, von den verbliebenen Sparern käme die Hälfte nur schnell rein, um den Sparschrank zu füttern. "Die andere Hälfte trinkt noch 'nen Bier, und das war's."

Wartelisten bei Rosi in der Holsten-Schwemme

Mindestens zwei Gäste hat Harry an die Konkurrenz verloren. Nur zwei Ecken weiter Richtung Elbe betreibt die Wirtin Rosi in der Holsten-Schwemme noch einen Sparklub - mit Erfolg. Erst im vergangenen Jahr hat sie einen größeren Sparschrank gekauft, von 40 auf 60 Fächer aufgestockt, doch noch immer habe sie Sparwillige auf Wartelisten.

Das Erfolgsmodell: "Wir sind ein ganz legerer Sparklub", sagt die 68-Jährige. Keine Mitgliedsbeiträge, keine wöchentliche Sparpflicht, kein Strafgeld. Bei der Gründung vor bald 20 Jahren habe sie an die Finanzen von Sozialhilfeempfängern gedacht: "Zehn Euro im Monat, das schafft jeder." Wer das nicht bringe, solle wieder austreten.

Ralf und Birgül, beide 50, haben bei Rosi ein gemeinsames Sparfach. Von dem Geld fährt das Paar in den Urlaub. Die Holsten-Schwemme sei ihr zweites Wohnzimmer geworden. "Freunde treffen, quatschen, den Alltag vergessen", sagt Birgül, die an dem mit allerlei Seemannszeug verzierten Tresen sitzt und raucht. "Und das Sparen, das tut nicht weh", ergänzt Ralf. Zu ihren Freunden dürfen sie Sparklubmitglieder im Alter von 18 bis 82 zählen.

Jung und Alt zusammen, "das gibt es ja bald gar nicht mehr", sagt Rosi über ihre Wirtschaft, die sie noch in alter Hafenarbeitertradition sieht. Die Hafenarbeiter von gestern sitzen heute als Rentner schon ab 10 Uhr morgens bei ihr. Wie Ernie, ein alter Hafenschiffer, der mit seinen 72 Jahren hier "sein Gnadenbrot" finde.

Der Sparschrank, dieses Zeugnis aus der Vergangenheit, hängt direkt am Tresen - zur Diebstahlsicherung. Heute steht keine Bank mehr für dessen Inhalt gerade. Das eigentliche Problem aber ist der Niedrigzins: Auf etwa 24.000 Euro Gespartes habe der Klub nur 19 Euro und 8 Cent Zinsen bekommen. In puncto Alkohol kommt da auch Ernie zu dem Schluss, dass die Sparerei nichts bringt: "Von den Zinsen, da kriegste ja noch nicht mal 'nen Brand von."



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insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
Harald König, 20.03.2016
1.
Ich habe nie begriffen, weshalb man erst Geld von der Bank holt, es dann in ein Töpfchen tut und dann wieder zur Bank bringt. Warum läßt man es nicht gleich dort?
Volker franz, 20.03.2016
2. Robert Lembke war auch gut
Im Mittelpunkt stand das Sparschwein; dazwischen viel Wissensaustausch, Humor und viele begeisterte Zuschauer!
Sebastian Teichert, 20.03.2016
3. Man siehts ja wieder
Die Politik hat es geschafft auch das kaputt zu kriegen. Am liebsten sollen wir alle alleine zu Hause vorm Fernseher setzen. Ein bisschen arbeiten am liebsten. Und sonst die Schnauze halten. Damit die Herrschaften wild Kohle verprassen können. Einen Kaiser/König haben wir nicht mehr. Jetzt haben wir viele! -.-
Reinhold Chrzanowski, 20.03.2016
4. echt vintage
Ich hatte in frueheren Jahren auch ein Kneipen- Sparfach. Heute gehen viele nicht mehr regelmaessig genug in die Kneipe (ich auch nicht) und lohnen (Zinsen) tut es auch nicht mehr. das Modell hat sich ueberholt aber schoen, dass einige Gastwirte diese Tradition noch pflegen.
Judith Schäpers , 20.03.2016
5. Seltsam
Ich bin zwar nicht direkt in diesem Bereich tätig, aber in einem Artikel zu behaupten, Sparkassen versichern das nicht mehr und kümmern sich nicht mehr empfinde ich als Angestellte bei einer Sparkasse schon befremdlich, die Sparclubs gibt es meines Wisens noch und sie werden nicht sowohl versichert als auch gefördert ( Sparkasse in NRW) Vielleicht sollte man bei derartigen Artikeln mehr beachten, daß jede Sparkasse eigenständig ist,
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