Kodak-Kult Hochglanz und Gloria

Kodak-Kult: Hochglanz und Gloria Fotos
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Unschöne Entwicklung: Mehr als ein Jahrhundert beherrschte Kodak die Welt der Fotografie und wurde mit bahnbrechenden Innovationen zum Weltkonzern. Doch vom Ruhm ist nicht viel geblieben, das Unternehmen steckt tief in der Krise. einestages über den Abstieg eines Giganten - und seine Geniestreiche fürs Foto-Volk. Von

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Als sich Edwin H. Land 1947 auf den Weg nach Rochester macht, hat er nur eine Idee im Gepäck. Der Erfinder aus Boston, Massachusetts träumt von einem selbst entwickelnden Knipsapparat. Die Menschen würden irgendwann, da ist sich Land sicher, einfach auf den Auslöser drücken und nach wenigen Minuten ihr Foto in den Händen halten. Würde der Traum wahr werden, wäre das eine Revolution.

Land, der vor dem Krieg seine Firma für Kameras und optische Gläser gegründet hat, wird in Rochester bei Eastman Kodak vorstellig. Der Gigant im Knipsbusiness soll die finanziellen Mittel bereitstellen, um Lands Idee weiterzuentwickeln. Doch was folgt, ist eine Demütigung: Die Kodak-Ingenieure nennen die Erfindung zwar "elegant" - sprechen ihr aber gleichzeitig jegliche Zukunft ab. "Ein Spielzeug mit sehr beschränkten Marktchancen" ist Lands Instant-Kamera aus Kodak-Sicht. Land zieht enttäuscht von dannen und stellt die Kamera schließlich selbst her. Seine Firma heißt Polaroid.

30 Jahre später sieht man sich wieder, diesmal vor Gericht. Kodak ist mit ein paar Jahrzehnten Verspätung doch noch ins Sofortbildgeschäft eingestiegen - und hat dabei offenbar ein paar Patente des Weltmarktführers Polaroid verletzt. So sieht es jedenfalls das Gericht, das Edwin H. Land und seiner Firma nach Jahren des Rechtsstreits schließlich eine Milliardensumme zuspricht - und Kodak verbietet, seine Sofortbildkameras weiter zu verkaufen. Einen "schweren und irreparablen Imageverlust" nennt Eastman-Kodak-Chef Colby H. Chandler die Entscheidung des Gerichts.

Ritsch-ratsch und Regenschirme

Verklagt, gedemütigt, geschröpft: Die Niederlage gegen Polaroid wird zum ersten großen Tiefpunkt in Kodaks Firmengeschichte, die bis dahin fast nur aus einem zu bestehen schien: Erfolg.

Kodak ist 1986, im Jahr des Richterspruchs, immer noch ein Mythos. Das Synonym für Fotos, für Filme. Weltweit. Den "Gelben Riesen" nennt man die Firma, weil sie so groß ist, dass irgendwann jeder einmal mit ihr in Berührung kommt. Egal ob man einen Rollfilm kauft oder mit einer "Ritsch-ratsch"-Kamera knipst, ob man Urlaubsfotos zum Entwickeln bringt oder sie bei Freunden anschaut - Kodak ist Teil des Alltagslebens. Und wer kann sich nicht an die allgegenwärtige Werbung an den Litfasssäulen erinnern oder an die gelben Kodak-Regenschirme?

Kodak ist Film, Kodak ist Foto - und in Deutschland in den Achtzigern so präsent, dass oft der Eindruck entsteht, die US-Amerikaner seien eine deutsche Firma. Das liegt möglicherweise auch am Namen, 1888 vom Konzerngründer George Eastman registriert. Eastman hat schon Ende des 19. Jahrhunderts im Sinn, dass sein Unternehmen überall auf der Welt leicht auszusprechen und nirgendwo mit einer negativen Bedeutung behaftet sein sollte - obwohl Kodak da noch ausschließlich Filme und Kameras in den USA verkauft.

Paul Simon singt über Kodachrome

Aber Eastman denkt immer in den größten Dimensionen. Er glaubt an den Massenmarkt Fotografie, als das Knipsen noch elitäre Beschäftigung für Profis ist. Er verkauft Kodak-Kameras inklusive Kodakfilmen, die die Kunden nach dem Fotografieren zur Entwicklung ans Kodaklabor schicken - und Kodakabzüge samt Kamera zurückbekommen. Ein geschlossenes System, so einfach wie genial. "Sie drücken auf den Auslöser, wir erledigen den Rest" wird zum Slogan und Kodak binnen eines Jahrzehnts zum Fotogiganten.

Der Aufstieg auf Knopfdruck ist beispiellos in der Branche. Kodak dominiert um die Jahrhundertwende dank seiner Billigknipse "Brownie" auch den Kameramarkt, den Foto- und Entwicklungsmarkt sowieso. 1935 kommt der Kodachrome in den Handel. Den Farbdiafilm aus Rochester bezeichnet der Fotohistoriker Gert Koshofer noch heute als den "haltbarsten überhaupt und einzigartig in seiner Schärfeleistung". Kodachrome wird zum erfolgreichsten Farbfilm der Welt. Paul Simon singt in den siebziger Jahren über Kodachrome, es gibt in Utah sogar ein Tal, das nach der Kodak-Ikone benannt ist.

Das Erfolgsgeheimnis Kodaks scheint über die Jahrzehnte immer das gleiche zu sein: Es gibt einfach keine Misserfolge. Die von Kodak entwickelte Kassettenkamerareihe "Instamatic" verkauft sich unfassbare 150 Millionen Mal. Die Retina-Kamera, hergestellt in den Stuttgarter Nagelwerken, wird in Deutschland zur Stilikone, die Retina IIIc ist die erste Kamera mit eingebautem Belichtungsmesser. Selbstredend reklamiert die Firma aus Rochester auch die Einführung des lange führenden Super-8-Filmformats für sich. Und dann ist da noch die Sache mit dem Mond.

Als am 20. Juni 1969 Neil Armstrong als erster Mensch den Mond betritt, baumelt um seinen Hals zwar eine schwedische Hasselblad-Kamera. Doch darin liegen Filmkassetten zu 160 und 200 Bilder - von Kodak. Und für die Nahaufnahmen von der Mondoberfläche drückt Armstrongs Apollo-11-Kollege Buzz Aldrin auf den Auslöser an einer Kodak-Stereo-Kamera. Es ist der totale Triumph für den Fotogiganten.

Schimmelnde Scheiben

Doch dann folgt der jähe Stopp. Und für das Selbstverständnis eines Konzerns, in dessen Geschichte Fehler offenbar nicht vorgesehen sind, muss das Gerichtsurteil im Januar 1986 zugunsten Polaroids umso härter wirken. Mit maximal 250 Millionen Dollar Strafe haben die Kodak-Chefs vor dem Prozess gerechnet. 5,7 Milliarden fordert der Konkurrent letztendlich, was Kodak-Boss Chandler "phantastisch, lächerlich überzogen und außerhalb jeglicher Realität" nennt. Zahlen muss Kodak trotzdem. Die Milliardenstrafe verhagelt dem Fotoriesen die Bilanz. Und sie wirkt im Rückblick wie das Fanal einer viel größeren Krise.

Etwas kommt Mitte der Achtziger in Gang, und es ist nichts Gutes, sondern eine Kette von Fehlentscheidungen. Kodak setzt plötzlich auf die falschen Produkte, statt Trends zu setzen. Der Versuch, mit Videokameras den Markt zu überrollen, misslingt: Kodak greift statt zum dominierenden VHS-Standard zur Video-8-Norm. Der Versuch, groß ins Batteriegeschäft einzusteigen, wird ebenso zur Panne wie das mit großem Brimborium eingeführte Discsystem. Die Filmscheiben sind schlicht zu teuer - und schimmeln bei den Händlern, bis Kodak die Produktion 1988 einstellt.

Die Digitalwelle verpasst der einstige Branchenführer erst - und wird dann von ihr überrollt. "Kodak hat viel zu lange auf den analogen Film gesetzt", sagt Fotohistoriker Koshofer. Kaum jemand traut dem vor 130 Jahren gegründeten Unternehmen noch eine große Zukunft zu. Gerade hat eine Rating-Agentur die Firma weiter herabgestuft, der Aktienkurs fiel auf den niedrigsten Stand seit sechzig Jahren.

Dabei mutet es im Rückblick paradox an, dass es ausgerechnet die Digitalfotografie war, die Kodak an den Rand des Abgrunds manövrierte. Schließlich war es der Kodak-Ingenieur Steven Sasson, der 1975 die erste Digitalkamera gebaut hatte. Vier Kilo wog diese und brauchte 23 Sekunden, um ein Bild auf einer Digi-Kassette zu speichern. 1991 brachte Kodak mit der DC-100 auch noch die erste Digitalkamera in den Handel. Doch sie war lediglich für einen kleinen Kreis von Profifotografen erschwinglich - sie kostete 25.000 D-Mark. Den Markt für Jedermann-Digicams teilten in den Neunzigern derweil Sony, Fuji, Canon und Olympus unter sich auf.

So weit vorn und am Ende doch hintendran: Bei Kodak erkannte man viel zu spät, dass die Digitalfotografie ein Massenmarkt werden würde - und dass der geniale Slogan von Kodak-Gründer George Eastman nach mehr als einem Jahrhundert einfach nicht mehr zeitgemäß war. Den Auslöser drückte der Kunde zwar immer noch. Nur den Rest machte nicht mehr Kodak, sondern der Fotograf selbst.

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1.
Oliver Kluge 18.10.2011
Kodaks Produktpolitik ist immer noch verkorkst. Es gibt ja noch eine kleine, aber treue Gemeinde analoger Fotografen. Nun kündigt Kodak nach und nach Diafilme ab, aber skurrilerweise in völlig verquerer Reihenfolge. Von zwei Serien (mit und ohne vierte Farbschicht, drei Geschwindigkeiten) kündigt Kodak zuerst den 400er ab und behält den 200er, den eigentlich eh keiner braucht. Jetzt ist der auch noch abgekündigt, aber die alten drei-Schicht-Filme sind noch im Angebot... Das verstehe wer will. Ich hätte zuerst die alten Filme abgekündigt und dann den 200er...
2.
Christel Schmitz 18.10.2011
"Den Auslöser drückte der Kunde zwar immer noch. Nur den Rest machte nicht mehr Kodak, sondern der Fotograf selbst. " Stimmt nicht. Ich habe erst gestern wieder Digitalabzüge machen lassen bei einer Firma, die Kodak Royal plus Papier benutzt. Man sollte nicht unterschätzen, dass heutzutage noch viele Leute Fotos auch gerne in Händen halten, in Alben einkleben oder verschenken. Kodak sollte sich einfach auf hochwertiges Fotopapier spezialisieren und hier seine Vielfalt erweitern, um weiterhin am Markt teilzuhaben.
3.
Thomas Niesenhaus 18.10.2011
Da wird man ja direkt wieder nostalgisch... Ich gehöre auch zu dieser treuen analogen Gemeinde und natürlich ärgert man sich, wenn gefühlt alle 2 Monate eine weitere Filmserie eingestellt wird. Andererseits werden sie das bei Kodak genau durchrechnen und einfach wirtschaftlich handeln. Ich hätte auch lieber immer noch Portra VC und NC anstatt einen, der beide ersetzt, aber ich bin froh, dass man überhaupt noch professionelles Filmmaterial bekommt. Bleibt abzuwarten, wie lange Kodak und Fuji das noch durchhalten - ich erwarte eher das in den nächsten Jahre kleinere Unternehmen in die Nische stoßen werden. Bei SW-Filmen ist das ja schon seit einiger Zeit zu beobachten (Foma, etc.) und auch das Polaroid-Projekt geht ja in die Richtung. Schwieriger wird's wahrscheinlich, wenn die (von mir sonst nicht gerade geliebte) Lomography-Welle langsam abebbt (eine Frage der Zeit). Die einigermaßen konstante Nachfrage nach Film in den letzten 2-3 Jahren ist m.E. nämlich hauptsächlich dieser zuzuschreiben.
4.
Klaus Schobesberger 18.10.2011
Tragisch, denn Kodak hat auch die erste funktionsfähige Digitalkamera entwickelt. Konkret war es Steven Sasson, der aus dem von Bell Laboratories zuvor entwickelten CCD Chip plus einem Monitor und einer Datenkassette zum Speichern die erste Digicam bastelte. Das war Mitte der 70er Jahre. Das Geschäft machen heute die Asiaten.
5.
Kristina Lange 18.10.2011
Wow... ich denke, dass auch aus wirtschaflicher Sichtweise die Entwicklung dieses Unternehmens sicherlich sehr interessant ist. Klar, wie christel sagt, sollte man vielleicht mit dem markt gehen und nicht in der Vergangenheit stecken bleiben. Das online Angebot könnte ausgeweitet werden, aber auch die erweiterung in Nieschenprodukte offline ist sicher keine schlechte idee. Fotopapier bieten schon viele an, aber immer nur ein und das selbe. Ich könnt mir da nostalgisches papier vostellen mit krummen ecken und kaffee flecken ;) so hier, vielleicht http://www.adpic.de/data/picture/detail/Altes_Papier_159074.jpg
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