Körper-Erklärer Fritz Kahn Im Inneren der Menschmaschine

Stromkabelnerven, Motormuskeln und die Leber als Chemiefabrik: Fritz Kahn erklärte den Körper in spektakulären Schaubildern und stieg so in den zwanziger Jahren zum Star in der Populärwissenschaft auf. Auch für die Sexualität fand er beeindruckende Bilder - wenngleich er es nicht immer ganz genau nahm.

www.fritz-kahn.com

Von


Er war berühmt geworden mit technischen Zeichnungen des Körpers, mit seiner Beschreibung des Menschen als Hochleistungsmaschine. Das Gehirn eine Schaltzentrale, das Herz eine Kolbenpumpe, der Magen eine Raffinerie. Der ganze Körper ein hocheffizientes System aus Röhren, Motoren, Förderbändern. Doch jetzt, auf dem Höhepunkt seines Erfolgs als wohl bekanntester Populärwissenschaftler Deutschlands, musste Fritz Kahn fliehen. Ausgerechnet vor einer Ideologie, die Menschen zu noch effektiveren Hochleistungsmaschinen züchten wollte. Um Kriege zu gewinnen. Um Völker zu unterjochen.

Fritz Kahn war deutscher Jude und natürlich wollte er mit seinen spektakulären Illustrationen nur veranschaulichen und erklären - nicht entmenschlichen oder gar den kalten Körperkult der Nationalsozialisten befeuern. Nun, mit dem Machtantritt Hitlers, geriet sein Leben in Gefahr. Er verlor die Zulassung als Arzt. Die Nazis verbrannten seine Bücher, selbst wenn sie Sympathie für sie gehabt haben mochten.

Kahn emigrierte mit seiner Familie nach Palästina, ließ sich scheiden, heiratete erneut, zog nach Paris und musste wieder um sein Leben fürchten, als die Wehrmacht 1940 Frankreich angriff. Er floh nach Bordeaux und wurde kurzfristig wegen Spionageverdachts interniert - auch, weil er seine wissenschaftlichen Notizen gern mit geheimnisvoller Kurzschrift codierte. Schließlich flüchtete er nach Spanien und versuchte wochenlang über die US-Botschaft in Lissabon, ein Visum für die USA zu bekommen. Vergeblich. Seine letzte Hoffnung war ein weiterer berühmter jüdischer Wissenschaftler. Sein Name: Albert Einstein.

Hilfe von einer Legende

Am 5. August verfasste der Physik-Nobelpreisträger einen persönlichen Brief an den US-Konsul in Lissabon und bat ihn inständig, dem "bekannten und sehr begabten" Verfasser naturwissenschaftlicher Bücher ein Visum zu erteilen - dies sei im "öffentlichen Interesse" Amerikas. Er selbst habe eine "hohe Meinung von Dr. Kahn". Einsteins Worte blieben nicht ohne Wirkung: 1941 konnten Fritz Kahn und seine Frau in die USA einreisen.

Doch während heute jedes Kind Albert Einstein kennt, ist der Name Fritz Kahn nahezu komplett in Vergessenheit geraten - dabei wurde er in den zwanziger und dreißiger Jahren ebenfalls als eine Art Universalgenie gefeiert. Jahrzehntelang gab es nicht einmal eine Monografie über den Mann, für den sich Albert Einstein mit solcher Vehemenz einsetzte, bis in diesem Jahr Uta und Thilo von Debschitz den faszinierenden Band "Fritz Kahn - Man Machine" veröffentlichten.

Das Buch erinnert an diesen rastlosen, von Neugierde getriebenen Mann, der sein Leben lang versucht hat, komplexe biologische und physikalische Vorgänge für ein großes Laienpublikum verständlich aufzubreiten. Damit war er seiner Zeit weit voraus - Jahrzehnte bevor Wissenschaftssendungen boomten und Hollywood erste Filme über Reisen ins Innere des Menschen produzierte. Lange bevor Heinz Sielmann uns die Tierwelt und Guido Knopp uns die Vergangenheit erklärten, erarbeitete sich Kahn als Medizinaufklärer einen Ruf als Meister ausgefallener visueller Vergleiche.

"Falsch ist es schon, aber verständlich!"

In seinem fünfbändigen Hauptwerk "Das Leben des Menschen" werden Nervenfasern zu Stromkabeln. In unserem Gehirn brummen Filmprojektoren. Unsere Luftröhre gleicht einem betriebsamen Förderschacht, in dem rote Sauerstoffkugeln und blaue Kohlensäure transportiert werden. Und in unserer Leber sortieren emsige Arbeiter unablässig Stärke- und Zuckerpakete.

Natürlich opferte Kahn die Wissenschaftlichkeit manchmal der Anschaulichkeit. Beispielsweise in seinem Schaubild "Auto und Ohr sind übereinstimmend", in dem er das Schwungrad des Autos mit dem Trommelfell und das Hinterrad mit der Hörschnecke verglich. Als Kahn von einem Schweizer Freund auf einige Fehler in seinem Buch "Das Atom" angesprochen wurde, soll er nur lapidar geantwortet haben: "Na ja, falsch ist es schon, aber verständlich!"

Denn dem in Halle geborenen Gynäkologen ging es in erster Linie darum, zu überraschen, die Phantasie anzuregen, eine kindliche Faszination zu wecken. "In 70 Jahren isst der Mensch 1400-mal sein Gewicht", behauptete etwa ein Schaubild und zeigt einen endlosen, mit Nahrungsmitteln überfrachteten Zug, der in einen hungrigen Menschenrachen fährt. Eine andere Foto-Illustration zeigt eine Frau, die von überdimensioniert langen Haaren gefangen ist. Darunter die simple Auflösung: "Der menschliche Körper produziert täglich 30 Meter Haarsubstanz."

"Schematische Darstellung des Erektionssystems"

In einer Zeit vor der digitalen Fotografie, Photoshop und Grafikprogrammen war eine solche Art der Darstellung ziemlich aufregend - und eine Ausnahme unter den sonst eher staubtrockenen wissenschaftlichen Abhandlungen. Sie war zudem visionär: Den Arzt der Zukunft stellte er sich wie einen Techniker vor, der fehlerhafte Bauteile des Körpers gezielt überprüft und repariert - kein unrealistisches Bild unserer heutigen Medizintechnik.

Seine Werke trafen in einem Zeitalter des wirtschaftlichen Aufschwungs nach dem Ersten Weltkrieg den Nerv einer technikbegeisterten Gesellschaft. Gesunkene Druckkosten ermöglichten zudem die günstige Massenproduktion für das Laienpublikum. Kahns Bücher wurden schnell zu Verkaufsschlagern - besonders seine Abhandlungen über die Sexualität, in denen er auch die "technisch-schematische Darstellung des männlichen Erektionssystems" nicht aussparte.

Miserabler Zeichner und eloquenter Schreiber

Dabei stammten die anatomischen Grafiken, die Kahn berühmt machten, nicht einmal aus eigener Hand. Der Arzt war ein schlechter Zeichner und beauftragte daher Illustratoren. Allerdings war er ein eleganter Schreiber, der einst regelmäßig für bekannte Zeitungen wie das "Berliner Tageblatt" und die "Frankfurter Zeitung" gearbeitet hat. Genauso lebhaft wie seine Grafiken fielen auch seine Metaphern aus.

"Der Mensch ist gegen aller Logik technischer Prinzipien zusammengesetzt", schrieb er beispielsweise 1926. "Er ist ein Fahrzeug, dessen Hauptgewicht hoch über den Boden schwebt, dessen Masse auf zwei Stelzen balanciert." Dennoch, sei der "menschliche Körper eine Maschine, die so stabil ist wie ein Tourenrad und dabei so empfindlich wie ein Erdbebenmesser". Genau diesen Widerspruch versucht er immer wieder zu erklären.

Im Privatleben dachte Kahn hingegen weit weniger fortschrittlich und phantasievoll. Seine Ehefrau, so stellte er es sich vor, sollte am besten auch recherchieren, kochen, putzen und seine Post erledigen. Noch als Greis umgab er sich auf seinen Dinnerpartys mit Vorliebe mit jüngeren Frauen. Zwei Ehen scheiterten. Als ihn seine zweite Frau 1956 verließ, schrieb er ausgerechnet gerade an seinem Buch "Muss Liebe blind sein? Schule des Liebes- und Eheglücks".

Verschüttet und vergessen

Auch beruflich ging es langsam bergab. Absurderweise konnte Fritz Kahn in den USA, dem Mutterland der Unterhaltungsindustrie, nicht recht Fuß fassen. Seine Bücher verkauften sich dort weit schlechter als zuvor in Deutschland.

Anzeige

Nur noch einmal machte er Schlagzeilen, allerdings nicht wegen seiner Bücher. Als am 29. Februar 1960 im marokkanischen Agadir die Erde bebte und vermutlich bis zu 15.000 Menschen starben, lag auch der einst berühmte Arzt unter den Trümmern - "in einem Sarkophag, dessen Deckel jederzeit zuschlagen konnte", wie er später sagte. Mit Glück konnten er und seine Lebensgefährtin unversehrt geborgen werden.

Acht Jahre später starb Fritz Kahn, nahezu unbeachtet, in einer Schweizer Kurklinik im Alter von 79 Jahren.



insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Jan T. Sott, 11.10.2010
1.
da darf ich noch auf dieses video hinweisen, "Der Mensch als Industriepalast" animiert: http://vimeo.com/6505158
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.