Kohl und Mitterrand in Verdun Geschichte zum Anfassen

Kohl und Mitterrand in Verdun: Geschichte zum Anfassen Fotos
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Das Bild der händchenhaltenden Staatsmänner ging um die Welt: Vor 25 Jahren demonstrierten Frankreichs Präsident François Mitterrand und der deutsche Bundeskanzler Helmut Kohl über den Gräbern von Verdun Versöhnung. Doch die Geste kam damals nicht so gut an - auch, weil Kohl mit Macht auf Symbolik drängte. Von Christoph Gunkel

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Dutzende Male besuchte Helmut Kohl als deutscher Kanzler Frankreich, schüttelte Hände von Ministern, Präsidenten, Wirtschaftsbossen, unterzeichnete wegweisende Abkommen und verhandelte mal freundschaftlich, mal beinhart mit Deutschlands wichtigstem Partner in Europa. Doch sein bekanntester Besuch beim ehemaligen deutschen "Erbfeind" diente nicht konkreter Politik, sondern der Symbolik. Nur vier Stunden dauerte er. Und gerade einmal ein paar Minuten reichten für den Sprung in die Geschichtsbücher.

Vor 25 Jahren, am 22. September 1984, trafen sich Kohl und der französische Staatspräsident François Mitterrand auf dem ehemaligen Schlachtfeld von Verdun - einem Ort, der wie kein zweiter mit historischer Symbolik aufgeladen ist: Hier wurde im Jahr 843 das Reich Karl des Großen aufgeteilt - ein Ereignis, das manche Historiker als Beginn des Jahrhunderte währenden deutsch-französischen Gegensatzes deuteten. Und hier lieferten sich 1916 Franzosen und Deutsche eine der unerbittlichsten Schlachten des Ersten Weltkriegs mit rund einer halben Millionen Toten. In Verduns "Knochenmühle" waren horrende Verluste Teil der Strategie; die deutschen Generäle wollten die französische Armee "ausbluten". Millionen Granaten explodierten auf einem Areal von wenigen Quadratkilometern. "Wer nicht in Verdun war, war nicht im Krieg", sagten später Veteranen.

Und gerade in Verdun, wo sich der Stumpfsinn eines mörderischen Stellungskriegs so deutlich zeigt, stockte den Reportern am 22. September 1984 der Atem: Während der Gedenkzeremonie vor dem Beinhaus Douaumont, in dem die sterblichen Überreste von 130.00 unbekannten Kriegstoten lagern, fassten sich die beiden Staatsmänner plötzlich an den Händen. Minutenlang verharrten sie schweigend in dieser Haltung.

"Krampfhaft inszenierte Zeremonie"

Die Geste von Verdun war der spektakuläre Versuch, ein Symbol der Feindschaft in ein Symbol der Versöhnung und der Freundschaft umzudeuten. "Kohl, Mitterrand und ein Foto, das Geschichte machen wird", titelte damals die "Frankfurter Allgemeine Zeitung". Sie sollte Recht behalten. Alle großen Zeitungen druckten das Foto. Das Bild brannte sich in das kollektive Gedächtnis ein ähnlich wie Willy Brandts Kniefall in Warschau 1970. In fast jedem Standardwerk zur deutsch-französischen Geschichte wird die Geste erwähnt. Heute ist deshalb fast völlig in Vergessenheit geraten, dass Kohls Verdun-Visite damals nicht nur das erwartete Lob erntete, sondern weitaus kritischer und negativer beurteilt wurde, als sich das die beiden Staatsmänner gewünscht hätten.

Das lag besonders an der Vorbereitung des Besuchs. Die entscheidende Frage war: Wer hatte hier wen von dem Treffen überzeugt? Ein Reporter der französischen Tageszeitung "Le Figaro" berichtete von einem Schachern um Symbolik: Kohl habe intern darauf gedrängt, am 6. Juni 1984 zu den großen Feierlichkeiten anlässlich des 40. Jahrestages zum "D-Day", der alliierten Landung in der Normandie 1944, eingeladen zu werden. Als Mitterrand dies ablehnte, habe Kohl als Ersatz ein Treffen in Verdun akzeptiert. Jahre später behauptete Mitterrands Berater Jacques Attali in seinen Memoiren gar, auch der Verdun-Besuch sei auf Nachfrage Kohls zustande gekommen.

Als auch die Nachrichtenagentur dpa die Version des "Figaro"-Reporters übernahm, setzte sich die Interpretation von Verdun als einer "Notlösung", mit der Kohl über seine Nicht-Einladung zur D-Day-Feier hinweggetröstet werden sollte, auch in deutschsprachigen Medien durch - und schmälerte die Bewertung der Geste erheblich. Der Berichterstatter der "Neuen Zürcher Zeitung" kritisierte die "demonstrative Ergriffenheit" und schien sich beinahe ein schnelles Ende herbeizusehnen: "Wie ein Spuk war die fast krampfhaft als historisches Ereignis inszenierte Zeremonie vorbei." Und der SPIEGEL lästerte, dass Kohl die Geste nur dem "Schuldgefühl seines Partners in Paris verdankt" und dafür nun die "höchste symbolische Entschädigung" erhalte.

Mit dem Hubschrauber zu den Schlachtfeldern

Die Kritiker sahen sich zudem durch eine ungeschickte Planung bestätigt. Denn der 22. September 1984 hatte keinerlei Bezug zu der blutigen Schlacht in Verdun von 1916. Es war kein runder Jahrestag, politische Reden waren nicht vorgesehen und das vierstündige Programm war mehr als straff: Kohl traf Mitterrand zunächst auf dem deutschen Soldatenfriedhof Consenvoye nördlich von Verdun. Kranzniederlegungen, Schweigeminuten, Nationalhymnen - und nach nur 25 Minuten ging es per Hubschrauber schnell weiter zum nächsten Gedenkort, der im Ersten Weltkrieg heftig umkämpften Höhe 304. Dieser Stopp zielte auf das französische Publikum: Ganz in der Nähe hatte einst Mitterrands Vater im Ersten Weltkrieg gekämpft, und hier wurde 1940 Mitterrand selbst beim Vormarsch der deutschen Wehrmacht verwundet - eine Pressemitteilung machte die mitgereisten Reporter eigens darauf aufmerksam.

Der Höhepunkt des durchinszenierten Treffens war der gemeinsame Besuch des riesigen Soldatenfriedhofs nahe dem einst ebenfalls hart umkämpften Fort Douaumont. Bei der Zeremonie vor dem Beinhaus, dessen Form an eine überdimensionale Granate erinnert, wurde strengstens auf Symbolik geachtet: Deutsche und französische Soldaten standen abwechselnd nebeneinander, die französische Militärkapelle intonierte die deutsche Hymne, die deutsche Blaskapelle die Marseillaise. Einzige Abweichung vom Protokoll war der Griff der Politiker nach der Hand des anderen.

War es eine spontane Geste, ein Ausdruck gewachsener Freundschaft? Oder eine kühl kalkulierte, vorher abgesprochene politische Inszenierung von Geschichte? Weder Kohl noch Mitterrand haben sich dazu je geäußert. Mitterrand-Berater Jacques Attali schrieb später, der Präsident habe Kohls Hand genommen "ohne, dass es vorgesehen war". Einige Reporter äußerten aber schon damals Zweifel daran. "Sie verharren lange - vielleicht nicht nur für die Fotografen", vermutete die "Süddeutsche Zeitung".

Ikone der Achtziger

Die Kritik wurde noch grundsätzlicher: Die Pariser Tageszeitung "Le Monde" bemängelte, es habe schon zu viele Aussöhnungsgesten zwischen Deutschen und Franzosen gegeben, als dass Verdun noch "als Wendepunkt in der Geschichte der Beziehungen" gesehen werden könnte. "Durch Wiederholungen lassen uns die Symbole gleichgültig." Und die "Neue Zürcher Zeitung" wies darauf hin, der "wahrhaft historische Moment deutsch-französischer Aussöhnung" habe schon 1962 stattgefunden: Damals feierten Konrad Adenauer und Charles des Gaulle in der während des Ersten Weltkriegs stark beschädigten Kathedrale von Reims einen feierlichen Gottesdienst. Zuvor hatten sie eine gemeinsame Militärparade in der Champagne abgehalten - wo sich einst Deutsche und Franzosen in erbitterten Stellungskämpfen bekriegt hatten. Mit diesem Besuch, so der Korrespondent der Schweizer Zeitung, "vermochte sich der jetzige Gedenkanlass von Verdun kaum zu messen".

Vielleicht hatten der studierte Historiker Kohl und der geschichtsbewusste Mitterrand das Risiko, historische Symbolik als politische PR-Strategie im Kampf um Aufmerksamkeit einzusetzen, unterschätzt, als sie versuchten, das Erbe des legendären Duos de Gaulle und Adenauer anzutreten. Langfristig ging ihr Kalkül jedoch auf: Die Kritik an dem Besuch verstummte, die Botschaft der Versöhnung und Freundschaft der beiden blieb - und das Bild der ergriffenen Staatsmänner wurde zu einer Foto-Ikone der achtziger Jahre, ironische Brechungen inklusive: Pink TV, Frankreichs erster Sender für Homosexuelle, warb 2004 mit dem berühmten Bild der händchenhaltenden Politiker und dem Slogan: "Es gibt mehr als nur Sex im Leben eines Paares".

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1.
Klaus D. Werner 27.09.2009
Als Autor dieses Artikels wird die Redaktion einestages angegeben. Da, bei allem Respekt, verwundert auch der spiegeltypische nervende/hässliche/zynische Unterton nicht. Ich bin, weiss Gott, kein Kohl-Symphatisant. Ebensowenig, wie ich das von Ulrich Wickert annehme, der in der heutigen Ausgabe der FAZ-Online diese Begegnung ganz anders beschreibt (leider sind hier keine Links möglich). Und Herr Wickert, immerhin kann sich auf Präsident Mitterand persönlich als Zeugen berufen. Nee, "liebe" Redaktion, das wäre auch anders gegangen. Ach ja, dass Willy Brandts Aktion in Warschau von A-Z berechnet war, dass ist immerhin zeitungskundig.
2.
willi wolf 21.01.2013
nach 27 jahren in neu seeland lebend kann ich immer noch ueber eine der damaligen bild ueberschriften schmunzeln - WIE IN SCHMALZ GEHAUEN !
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