Kohlearbeiter-Aufstand Tarifverhandlung mit Maschinengewehr

Kohlearbeiter-Aufstand: Tarifverhandlung mit Maschinengewehr Fotos
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Nicht mit Transparenten, sondern Waffengewalt kämpften Bergleute in West Virginia um bessere Arbeitsbedingungen. Der Streik endete 1921 in der blutigsten Schlacht der USA seit dem Bürgerkrieg. Die Minenbetreiber setzten Tränengas und Splitterbomben ein - der US-Präsident schickte Kampfflieger. Von

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Als die Männer der Detektei Baldwin-Felts am 19. Mai 1920 zum Bahnhof gehen, haben sie gerade ihren Job erledigt und sich einmal mehr einen Namen gemacht: als meistgehasste Truppe im Staat. Ihre Auftraggeber, die örtlichen Minenbesitzer, sind zufrieden. Sie hatten die schwerbewaffneten Söldner als Streikbrecher angeheuert, und die hatten die Familie eines Bergarbeiters aus dem Haus gezerrt und deren Habseligkeiten auf die regennasse Straße geworfen. Zur Abschreckung sollte das erst einmal genügen.

Aktionen wie diese sind in Matewan, West Virginia, keine Seltenheit. Die Bergleute der Kohleminen streiken seit Jahren immer wieder für bessere Arbeitsbedingungen.

Wer sich Anfang des 20. Jahrhunderts im Kohlebergbau verdingt, kriecht für einen Hungerlohn in stockfinstere, enge Tunnel und stirbt meist mit 40 an der Staublunge - wenn er nicht schon vorher bei fehlgezündeten Sprengungen ums Leben kommt. Nur gewerkschaftlich organisierte Arbeiter haben die Chance auf einen fairen Lohn, alle anderen sind der Willkür der Minenbetreiber unterworfen. Während die meisten Kumpels im Land von den Gewerkschaften geschützt werden, ist West Virginia die letzte Bastion, in der die Bergleute beinahe Leibeigene der Kohletycoons sind. Und die Bergwerksinhaber wollen, dass das so bleibt. Doch die Situation hat sich in den letzten Jahren zugespitzt. Auf dem Höhepunkt des Konflikts streiken Hunderttausende Arbeiter im ganzen Staat.

Showdown am Bahnhof

Aber willfährige Polizisten und bezahlte Streikbrecher wie die Leute von Baldwin-Felts tun alles, um die verbliebenen Arbeiter aus den Gewerkschaften herauszuhalten. Sie erpressen die Bergleute, drohen mit Räumungen ihrer Häuser und sind berüchtigt dafür, nicht vor Gewalttaten zurückzuschrecken.

1914 überrollten die Männer von Baldwin-Felts in Colorado gemeinsam mit der Nationalgarde eine Zeltstadt mit streikenden Minenarbeitern und ihren Familien. Mit einem selbst gebauten, mit Maschinengewehr ausgestattetem Panzerwagen machten sie die gesamte Siedlung dem Erdboden gleich. Von den 1200 Menschen, die dort lebten, starben mindestens 19, darunter Frauen und Kinder.

Nun, im Mai 1920, wollen die Männer von Baldwin-Felts nach getaner Arbeit den Zug um 17.15 Uhr nehmen. In ihren Koffern ruhen ihre Winchester-Flinten. Die, glauben sie, werden sie heute nicht mehr brauchen.

Doch auf dem Weg zum Bahnhof stellt sich ihnen Sid Hatfield in den Weg. Der hagere 27-jährige Mann im Anzug, ein trockener Alkoholiker mit eiskaltem Blick, ist bekannt für seine schnellen Fäuste - und gilt als einer der besten Revolverschützen des Landes. Hatfield ist der Sheriff der Stadt. Er weiß, was es bedeutet, im Kohlebergwerk zu arbeiten. Als Jugendlicher schuftete auch er unter Tage. Für die Bergleute, die in den umliegenden Häusern unbemerkt ihre Posten beziehen, ist er ein Held. Denn er unterstützt sie im Kampf um bessere Löhne und Arbeitsbedingungen.

Der größte Kampf seit dem Ende des Bürgerkriegs

"Sie sind festgenommen!" sagt Hatfield den Baldwin-Felts-Detectives und stellt sich ihnen in den Weg. "Nein", entgegnet Albert Felts, ihr Anführer, "ich nehme Sie hiermit fest!" Er zieht einen Haftbefehl aus der Tasche. Schnell wird der Bürgermeister von Matewan herbeigerufen und stellt fest, dass der Haftbefehl eine Fälschung ist. Dann fällt der erste Schuss.

Der Bürgermeister bricht, tödlich getroffen, zusammen, aus den umliegenden Häusern zielen Bergarbeiter auf die verhassten Detektive. Sieben von ihnen und zwei Bergarbeiter sterben. Sid Hatfield selbst ist es, der die tödliche Kugel auf den Anführer von Baldwin-Felts abfeuert.

Für die Bergleute ist dieses Ereignis, das als das "Matewan-Massaker" in die Geschichte eingehen soll, ein enormer Erfolg. Polizeichef Hatfield genießt den Ruhm, der Prozess gegen ihn wegen des Mordes an Felts endet mit einem Freispruch. Ein Sieg, den er nur noch ein Jahr lang genießen kann. Die verbliebenen Mitglieder der Baldwin-Felts-Bande schwören Rache. Im Sommer 1921 lauern sie Hatfield auf und erschießen ihn.

Die Bergleute von West Virginia sind von nun an auf sich allein gestellt - und greifen zu den Waffen. Was folgt, ist der größte bewaffnete Kampf in den USA seit dem Ende des Bürgerkrieges.

In Scharen ziehen Arbeiter im August 1921 nach Charleston, der Hauptstadt von West Virginia. Sie versammeln sich zum Marsch auf Mingo und Logan County, die einzigen Gebiete, deren Arbeiter noch immer nicht in der Gewerkschaft sind. Um das zu ändern, ziehen mehr als zehntausend Mann, mit Gewehren bewaffnet, zum Logan County. Um ihren Hals tragen sie rote Tücher. "Rednecks" nennen sie sich deshalb.

Maschinengewehre und Splitterbomben

Unterdessen erreicht die Nachricht von dem Aufmarsch auch Präsident Warren Harding in Washington. Der Gouverneur von West Virginia bittet ihn eindringlich, die Armee eingreifen zu lassen. Harding weiß, dass der Staat West Virginia nicht aus eigener Kraft die Lage beruhigen kann, nicht gegen zehntausend bewaffnete Arbeiter. So stellt Harding ein Ultimatum. Wenn es zum bewaffneten Kampf kommt, lässt er telegrafieren, werde die Armee mobilisiert, erst Flugzeuge, dann die Artillerie.

Die Drohung scheint zunächst zu wirken. Tatsächlich zerstreuen sich die Demonstranten und machen sich auf den Weg nach Hause. Doch dann fällt der Sheriff von Logan mit seinen Leuten in eine Siedlung der Bergleute ein und nimmt Gefangene. Er will die Tumulte nutzen, um alte Rechnungen zu begleichen. Als die Nachricht von seiner Tat die Runde macht, kehren Tausende der Kumpel um und eilen ihren Kameraden zu Hilfe. Der offene Krieg beginnt. Dank der Aussagen von vielen Beteiligten, die später vor Gericht standen, lässt sich sein Verlauf rekonstruieren.

Während die Arbeiter wieder auf Logan zumarschieren, verschanzen sich die Milizen der Bergwerksbetreiber und die Polizisten der Stadt in kilometerlangen Verteidigungslinien auf den Hügeln vor Logan County. Schwere Maschinengewehre sichern die Aufstiege.

Zu Hunderten versuchen die Arbeiter in den nächsten Stunden, die Anhöhen zu stürmen, wieder und wieder, aber die Verteidiger sind besser bewaffnet und treiben sie zurück. Etwa eine Million Patronen verschießen beide Seiten, nur Gebietsgewinne gelingen ihnen nicht. Erst nach zwei Tagen hilft der Zufall den Minenarbeitern. Als eines der Maschinengewehre Ladehemmungen hat, stürmen die Bergleute den Hügel hinauf.

Um die Schlacht für sich zu entscheiden, ordert der Sheriff drei Privatflugzeuge. Sie sollen Tränengas und selbstgebastelte Splitterbomben auf die kämpfenden Minenarbeiter abwerfen. Eine der Bomben geht in der Nähe der Stadt unmittelbar neben einer Frau nieder, die gerade Kleidung wäscht. Der Sprengsatz explodiert nicht. Doch die Bomben bringen die Bergleute nur noch mehr in Rage.

Die Armee schreitet ein

Präsident Hardings Ultimatum ist mittlerweile verstrichen. 2000 Soldaten setzen sich nun in Richtung Blair Mountain in Bewegung, das Kommando führt General Harry Hill Bandholtz, ein Weltkriegsveteran. Sie allein hätten womöglich schon die Kriegsparteien aufhalten können. Trotzdem steigen die Bomber der US-Streitkräfte auf.

Die De Havilland DH-4, gebaut für den Einsatz gegen die Deutschen in Frankreich an der Westfront 1918, sind mit Maschinengewehren ausgestattet und mit Tränengaskanistern und Splitterbomben beladen. In Logan kommen die Waffen glücklicherweise nicht mehr zum Einsatz. Denn von allen Seiten marschieren nun Kompanien der US-Armee auf die Streikenden und ihre Gegner zu. Als die Kriegsparteien schließlich eingekesselt sind, erklärt Bandholtz per Dekret die Waffenruhe.

Der Streik war damit beendet. Er hatte viele Opfer gefordert. Und doch sorgte die Schlacht am Blair Mountain auf lange Sicht für eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen der Minenarbeiter: Sie hatte die Öffentlichkeit auf die prekären Verhältnisse aufmerksam gemacht und brachte die Gewerkschaften dazu, ihre Taktik zu ändern und ihre Kämpfe fortan auf politischer Ebene zu führen.

Zum Weiterlesen:

Robert Shogan: "The Battle of Blair Mountain. The Story of America’s Largest Labor Uprising", New York 2006.

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insgesamt 12 Beiträge
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1.
Gordon Martin 12.05.2013
Zitat: "Von den 1200 Menschen, die dort lebten, starben mindestens 19, darunter Frauen und Kinder." Wie soll man das verstehen? Ist der Tod von Frauen schlimmer als der von Männern? Wenn 19 Männer ums Leben gekommen wären, wäre das weniger schlimm? Warum wird bei der Aufzählung das Geschlecht erwähnt?
2.
Hans-Gerd Wendt 12.05.2013
Obwohl ich mich für die Arbeiterbewegung schon immer interessiert habe, war mir diese Geschichte noch nicht untergekommen. Vielen Dank dafür dem Autor, ich werde weiter darüber nachlesen. Erinnern möchte ich aber auch an den Kampf der Arbeiter im Ruhrgebiet während des Kapp-Putsches, an den ich mich in mancher Hinsicht erinnert fühle. Hier wie da unterdrückte die Staatsgewalt mit aller Macht jede Bestrebung der Arbeiter auf Selbstbestimmung.
3.
stefan krumm 12.05.2013
An der Fassade des Elbe-Einkaufs-Zentrums in Hamburg-Osdorf prangt als Motto dieses Konsumtempels der Slogan: "Freiheit die ich meine". Wenn man den Artikel über den gar nicht so lange zurückliegenden lebensgefährlichen Kampf amerikanischer Kohlekumpels für ihre elementarsten Rechte liest, dann kann man sich über die erwähnte Parole und einen pervertierten Freiheitsbegriff nur an den Kopf fassen. Freiheit, das ist die Möglichkeit zum unbeschwerten Shoppen und Konsumieren!
4.
Marcel Horbach 12.05.2013
Tarifverhandlung nennt ihr das? Die haben den Aufstand gegen die Regierung geübt, fremdes Eigentum vernichtet und was noch viel schlimmer ist sich über die demokratische Grundordnung gestellt. Viele von ihnen haben dafür mit dem Leben bezahlt
5.
Gulliver Meier 12.05.2013
Was soll eigentlich der Hinweis, dass unter den 19 Getöteten auch "viele Frauen und Kinder" waren? Ist deren Tod beklagenswerter als der Tod eines Mannes?
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