Kohlhöfers Kolumne Ich bin ein Zuschauer - holt mich hier raus!

Kohlhöfers Kolumne: Ich bin ein Zuschauer - holt mich hier raus! Fotos
ddp images

"Der Fahnder", "MacGyver" oder "Ein Colt für alle Fälle": In den Achtzigern gab es richtig gute Vorabendserien. Heute gibt es Soaps - die reinste Tortur. Wer daran Schuld ist? Natürlich Jason Donovan! Philipp Kohlhöfer erklärt, warum. Von

  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 5 Kommentare
    2.9 (800 Bewertungen)

Philipp Kohlhöfer schreibt regelmäßig Texte und Kolumnen auf einestages zu Popkultur, Lebensart und Szene-Themen - natürlich immer streng subjektiv.

Im Laufe meines Lebens habe ich diverse Popsünden begangen. So besaß ich etwa eine Langspielplatte von MC Hammer, ich hatte eine Single von Vanilla Ice, und einmal kaufte ich sogar eine Maxi-Single von Jason Donovan.

Ich erzähle das manchmal in vertrauter Runde, wenn ich zu einem Essen oder ähnlichem eingeladen werde. In der Regel hebt ein solches Bekenntnis die Stimmung am Tisch. Ich werde beschimpft - "Wie konntest du nur" -, Augen werden verdreht. "Mit diesem Mann willst du zusammen sein?", wird meine Freundin dann gefragt. Und manchmal weiß ich nicht, ob das wirklich im Scherz gemeint ist. Aber es stimmt schon: Für jede einzelne dieser Platten hätte ich es verdient, für den Rest meines Lebens die Hose von MC Hammer, die Augenbrauenrasur von Vanilla Ice und die Frisur von Jason Donovan zu tragen. Und selbst wenn jemand entscheiden würde, dass man mich für meine Verbrechen in Vinyl ab jetzt einmal im Monat auf einem Marktplatz mit Katzenkot bewerfen müsse, ich dürfte mich nicht beschweren.

Wie ich zu Vanilla Ice kam und MC Hammer, das kann ich mir heute nicht mehr erklären. Vor allem weil ich etwa zeitgleich die - zumindest unter Metallern - relativ angesehene Trash-Metal-Band Anthrax ganz gut fand. Schwamm drüber, Jugendsünden. Bei Jason Donovan weiß ich allerdings genau, wie ich zu dieser Platte kam: Jason Donovan war der Star der australischen Fernsehserie "Nachbarn". Seine Partnerin hieß Kylie Minogue. Beide waren ständig - manchmal solo, öfter zu zweit - im Fernsehen zu sehen. Zudem waren sie in den diversen Jugendmagazinen präsent. Durch den multimedialen Dauerbeschuss wurde ich so weichgekocht, dass ich irgendwann die Maxi kaufte. Wie hätte ich es auch besser wissen sollen? Alle Mädchen fanden Jason Donovan super, weswegen ich ihn natürlich auch irgendwie super fand. Außerdem: Das Lied auf meiner Maxi hieß "Sealed With A Kiss" und eignete sich schon allein wegen des Titels hervorragend, um dabei zu Knutschen.

Jason Donovan ist Schuld

Doch Jason Donovan war nicht nur ein Vergehen an meiner Plattensammlung - aufgepasst, jetzt kommt die gewagte These - Donovan war vor allem Schuld daran, dass die Qualität von Vorabendsendungen immer weiter in den Keller ging und mittlerweile am Erdmittelpunkt angekommen sein müsste. Der Erfolg des unbedarft wirkenden Jungen von Nebenan als Schauspieler und Sänger hat nämlich zahllose Nachahmer inspiriert. Junge Menschen, die "Nachbarn" gesehen und gedacht haben: "Das kann ich auch".

Es ist ja nicht so, dass früher alles besser war. Meistens ist das Gegenteil der Fall. Aber was es früher immerhin gab, waren niveauvolle Vorabendendserien. Erwähnt seien hier nur "Timm Thaler", "Manni, der Libero" und "Oliver Maas", die "Rote Zora" und "Die Besucher". Es gab (nicht ganz so spät am Abend) "Luzie, der Schrecken der Straße" und "Pan Tau". Es gab "Die dreibeinigen Herrscher" und "Robin Hood". Zudem beglückten uns noch Klaus Wennemann als "Der Fahnder", der sich ein Kopf-an-Kopf Rennen mit Manfred Krug als Trucker Franz Meersdonk in "Auf Achse" um meinen persönlichen Titel "Coolste Sau der Welt" lieferte. Und auch die US-Serien waren, obgleich viel schlechter als "Der Fahnder" und "Auf Achse", besser als alles, was heute am Vorabend durch die Kanäle geistert: "Der Mann aus dem Meer", "Trio mit vier Fäusten", "Ein Colt für alle Fälle", "Simon & Simon", "Hart aber Herzlich", "MacGyver".

Ich sah gerne am Vorabend fern.

Heute geht das nicht mehr, ist einfach nicht mehr möglich. Heute laufen - so kommt es mir zumindest vor - zur klassischen Vorabendserienzeit nur noch Soaps. Und so schrecklich es klingt: Die Soap ist die Mutter aller Fernsehserien. Der Ursprung selbst der besten Vorabendunterhaltung.

Liebe, Herzschmerz, Seifenwerbung

1929 produzierte das US-Unternehmen Procter & Gamble erstmals nette und belanglose Geschichten aus einer fiktiven Nachbarschaft für das Radio. Es ging um Liebe und Herzschmerz, aber ihr eigentlicher Mittelpunkt war: Seife. Die Soap trug ihren Namen wegen des Produkts, das sie verkaufen sollte. Sie war als Unterhaltungsserie getarnte Werbung, die von Werbeblöcken unterbrochen wurde. Ihre Zielgruppe war weiblich, weswegen das Frauenbild in Soaps seiner Zeit immer voraus war. Soaps zeigten starke Frauen und schwache Männer. Während das Leben der Männer problembeladen und tragisch war, fielen die Frauen vor allem durch ihren Pragmatismus auf.

Einige dieser Serien waren früher sogar so erfolgreich, dass sie jahrelang liefen und 20 Jahre später, nach der Etablierung des Fernsehens als Massenmedium, auf der Mattscheibe fortgesetzt wurden. Dabei hat sich das Prinzip der Soaps in Jahrzehnten nicht verändert: Sie müssen schnell und billig zu produzieren sein. Zuviel Professionalität schadet eher. Soap-Charaktere sind Allerweltsmenschen, die Typen von nebenan, Nachbarn eben. Und so soll es auch sein. Sie sind schlecht gekleidet, reden Müll, sind meist ungebildet, und ihre Darsteller sind so untalentierte Schauspieler, wie es unsere echten Nachbarn auch wären. Dabei sind Soaps für jeden Sender das Produkt schlechthin. Ihre Herstellung kostet fast nichts. Trotzdem sitzen allabendlich so viele Menschen vor dem Fernseher, dass die Werbeminuten beinahe so teuer sind wie die Slots in den Werbeunterbrechungen eines für Unsummen eingekauften Spielfilms. Zudem lassen sich ihre Darsteller hervorragend als Prominente in den sendereigenen Klatschshows mit Sexbeichten und ähnlichem Schwachsinn zitieren. Was wiederum die Bekanntheit der Soap steigert. Was wiederum die Preise in den Werbepausen steigen lässt.

Kein Frühstück - Freundin weg

Einmal war ich mit einem Mädchen zusammen, das unbedingt berühmt werden wollte. Jason Donavan und seine Nachfahren aus "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" und Konsorten hatten uns ja vorgemacht, dass jeder Hansel in einer Vorabendsoap mitspielen und ein Promi werden kann. Also fuhren wir zusammen nach Köln, landeten im Büro irgendeiner Agentur auf dem Gelände irgendeines Medienparks - und niemand würdigte meine Freundin eines Blickes. Zu allem Übel gab die Castingdame schließlich mir ihre Telefonnummer und schlug vor, Probefotos zu machen. Vielleicht könne ich ja mal in einer Soap mitspielen, welche sei ganz egal. Obwohl ich mäßig enthusiastisch reagierte, war meine Freundin ob des Vorfalls eher missmutig gestimmt. Sie verließ mich kurze Zeit später, weil ich nicht mit ihr zum Spontanfrühstück nach Paris fahren wollte, aber das ist eine andere Geschichte.

Eine Vorabend-Soap jedenfalls ist die Perversion jeglicher Fernsehsendung. Noch schlimmer wird es nur, wenn der talentfreie Darsteller zu singen beginnt und die einschlägigen Magazine anfangen, von einem "Multitalent" sprechen. Spätestens, wenn diese Typen über den Bildschirm flimmern, wird es für mich Zeit, den Raum zu verlassen, um keine unbeteiligte Person aus Frust zu verprügeln.

Gerechterweise war bei Jason Donovan der Ruhm als Sänger eher kurzlebig. Während es Kylie Minogue seit Jahren schafft, ernst genommen zu werden, war Donovan eher damit beschäftigt, erstens seine Drogenprobleme zu lösen und zweitens das englische Magazin "The Face" zu verklagen, das behauptet hatte, er sei homosexuell. Ach ja, und Ende 2006 war er einer der Dschungelcamper bei der englischen Version der grottigen Reality-TV-Show "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!" Donovan, der Mann mit dem ich den Untergang der Vorabend-TV-Kultur verbinde, hat fast gewonnen. Er wurde Dritter.

Ich finde, auch das hat er verdient.

Artikel bewerten
2.9 (800 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 5 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Gunda Dachs, 13.01.2008
Werter Herr Kohlhöfer, 1. Die Nachfolger der aus den USA importierten Vorabendserien sind heute dort zu sehen, wo sie auch in den USA laufen und schon immer liefen: im Abendprogramm des Privatfernsehens. 2. Der Großteil der von ihnen so vermissten Kinderserien, der tschechoslowakischen wie der deutschen, lief keineswegs im Vorabend- sondern im Nachmittagsprogramm, dort sind auch deren Erben vertreten, öfter mal KiKa schauen. Die sind natürlich nicht mit der Qualität damaliger ZDF- oder BBC-Produktionen zu vergleichen. Nicht Jason Donovan ist schuld an irgendetwas, sondern das deutsche Fernsehvolk, daß die Grütze glotzt. Und hey, was ist schlimmer? In einer Soap mitzuspielen und sich bewußt zu sein, daß man Billigschrott für Idioten produziert, dabei Geld verdienen und vielleicht irgendwann noch mehr Geld verdienen? Oder Trottelblogger, die mies zusammengefaselte, undurchdachte Meinungen bei Spiegel-Online auf die Startseite bekommen und sich für Avantgarde halten? Holt Euch doch Eure 15 Minuten, wo Ihr lustig seid.
2.
Christian Lorenz, 14.01.2008
ja, jaaaa, jaaaaaa danke für diesen Text. Der spricht mir so was von aus der Seele. Die Tripods waren meine absolute Lieblingsserie als Teenie. Und Luzie fand ich als Kind einfach klasse. Hast du auch immer Captain Future geschaut ? Und auf ZDF den Schanze mit 1, 2 oder 3. Thölkes großer Preis, Dalli Dalli mit Rosenthal, Einer wird gewinnen, was gäb ich drum, dass heute noch im Fernsehen zu finden. Stattdessen Soaps, Krankenhausserien, deutsche ableger amerikanischer Krimiserien, verzweifelte Comedyversuche, Volksmusikstadl, journalistisch wenig wertvolle magazine a la akte soundso, Lifestyle journale etc. Will aber nicht nur meckern. Gefallen hat mir z. B. auf RTL Mein Leben und ich, auf Sat1 z. B. Ladykracher. Und gerne schaue ich mir die zdf-krimis an: Wilsberg, Bella Block, ein starkes Team, Ich stimme dir in allem voll zu. Ich persönlich wäre auch dafür, die Fernsehsender auf maximal drei zu reduzieren und auch wieder den Mittags- und Nachtsendeschluss mit Testbild einzuführen.
3.
Sven Rösner, 15.01.2008
Hallo, Ich weiss, wie es mit Jason Donovan weiterging. Während des Studiums habe ich einige Zeit in London verbracht, und dabei einen Freund in Essex besucht. Für das Abendprogramm hatte er einen Streifzug durch Chelmsford, einer dieser tristen englischen Soldatenstädte, vorgesehen. Aus dem geplanten Diskobesuch wurde aber nichts, denn statt des DJs war eine andere Person an diesem Abend der Star. Wer? Jason Donovan hatte sich dazu bequemt auf seiner Tingeltour in diesem Club aufzutreten und dabei einige seiner Hits zum besten zu geben. Es war ein unvergessliches Erlebnis. So muss sich Rex Gildo bei seinen legendären Auftritten in Einkaufszentren gefühlt haben. Herr Donovan sah da bereits sehr gealtert aus, und ich dachte mir nur, dass dies die Rache für das war, was er uns zugemutet hat. Besten Gruss, Sven
4.
Frank Albers, 15.01.2008
Hallo, sicher ein interessanter Bericht, vor allem für Leute, die ihre Kindheit/ Jugend in den 80er Jahren verbracht haben. Allerdings habe ich eine Anmerkung: Als Kind dieser Zeit und als angeblicher (ehemaliger) von Anthrax sollte man wissen, daß die Musikrichtung Thrah-Metal und nicht Trash-Metal heißt. Mit Müll hat die Musik ganz und gar nicht zu tun. Beste Grüße, Frank.
5.
Björn Beitter, 21.11.2008
gut das im Vorwort des Artikels der Hinweis auf die subjektive Schreibweise erwähnt ist - sonst könnte man den Text wirklich durchgehend für "voll" nehmen. Ob aber die Vorabend??? Jugendsendungen wie Timm Thaler (Buchvorlage!) Manni, der Libero, Pan Tau und Luzie, der Schrecken... (beide aus der damaligen CSSR) kann man auch schlecht mit Vorabendserien wie dem Fahnder, Auf Achse oder ähnliches vergleichen, da das Zielpublikum doch eine offiziell andere Altersstruktur aufweist. Ob nun die deutschen Vorabendserien egal ob damaliges ZDF mit Percy Stewart (mit Claus Wilcke und Horst Keitel), oder Der Kurier des Zaren (mit Klausjürgen Wussow) wirklich besser waren als die vergleichbaren Gegenstücke aus Amerika mag jeder selbst für sich entscheiden. Wenn ich an meine Kindheit denke (und ich durfte in Opa's Gegenwart) öfter vor dem Fernseher sitzen als es meine Eltern wollten, auch da gab es Sachen im ZDF, die nicht gerade kindgeeignet waren, ich aber schauen durfte: Department S, Immer wenn er Pillen nahm, Bezaubernde Jeannie, Renn, Buddy renn, u.s.w. u.s.w. und als Kind fand ich die "Sechs Siebeng'scheiten" nur öde. Soaps haben natrülich für die Macher einen Vorteil gegenüber einer produzierten Serie, sie lassen sich leichter auflösen und sind in der Produktion günstiger, da ja alles im Studio gemacht wird. Nun nur die Grundsatzfrage: Die Mutter aller deutschen Soaps: Die Unverbesserlichen oder doch die Lindenstaße?
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH