Berühmte Grand-Canyon-Fotografen Fotosessions zwischen Himmel und Hölle

Berühmte Grand-Canyon-Fotografen: Fotosessions zwischen Himmel und Hölle Fotos
Grand Canyon National Park / Kolb Brothers

Für ein gutes Bild riskierten sie ihr Leben: Um 1900 gründeten die Kolb-Brothers das erste Fotostudio am Grand Canyon und machten spektakuläre Aufnahmen. Sie baumelten über Abhängen und spürten isoliert lebenden Ureinwohnern nach. Doch erst eine noch verwegenere Aktion machte die Brüder zu Stars. Von

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Emery Kolbs Leben hing an einem Seil, als er 1904 den Grand Canyon fotografierte. Das Tau war an einem Baumstamm befestigt, der zwei Klippen miteinander verband. Auf diesem Stück Holz stand sein Bruder Ellsworth. Langsam ließ er Emery hinab - und wartete darauf, dass dieser auf den Auslöser seiner großen Plattenkamera drückte und wieder nach oben gezogen werden konnte.

Es gibt ein Foto dieser Szene. Das Bild zeigt die beiden Männer und die Felsformationen, dahinter einen wolkenlosen Himmel. Emery und Ellsworth Kolb ließen sich immer wieder in dieser Pose fotografieren, nicht nur 1904. Das Motiv nutzten sie für Werbekarten, für Souvenirbücher oder Plakate. Verständlich. Es zeigt sie so, wie sie sich selbst sehen wollten: als Eroberer des Grand Canyon.

Wer heute an den Südrand der bekanntesten Schlucht der Welt reist, wird auf die Holzhütte der Brüder stoßen. Unmittelbar am Abgrund, bietet der Ort einen kilometerweiten Blick über das Tal. Hier wird klar, was diese beiden Männer aus Pennsylvania so sehr an dem Canyon faszinierte, dass sie immer wieder ihr Leben aufs Spiel setzten, um atemberaubende Bilder zu schießen - und schließlich fast genauso berühmt wurden wie das Naturwunder selbst.

Touristenfotos mit Mauleseln

Im Bundesstaat Arizona, in dessen Nordhälfte der Grand Canyon liegt, gibt es einen Spruch: "You can't miss the abyss". Man kann den Abgrund nicht verfehlen. Dafür sei er einfach zu groß. Und tatsächlich beeindruckt der Canyon vor allem durch seine Maße. Etwa 450 Kilometer lang ist die Schlucht, die an einigen Stellen 1800 Meter in die Tiefe reicht. Auf ihrem Grund liegt der Colorado River. Über Millionen von Jahren hat sich der Strom durch die Gesteinsschichten gegraben. Es gibt kleine gewundene Pfade, die bis ans Flussbett führen. Aber auch viele unerschlossene Gegenden, die vor allem im nördlichen Teil des Parks liegen und die man selbst mit guter Kletterausrüstung nicht betreten sollte. Je nach Sonnenlage erstrahlen die Treppenhänge mal rotbraun, dann wieder zartrosa oder gar violett. Ein Spektakel, das jährlich mehr als vier Millionen Besucher anlockt.

Auch die Kolb-Brüder konnten dem Reiz des Canyon nicht widerstehen. Vor allem Ellsworth, der Abenteurer der Familie, wollte das Naturspektakel erkunden. Er kam 1901 nach Arizona, ein Jahr vor seinem Bruder Emery. Zu einer Zeit, als das Gebiet gerade erst für den Tourismus erschlossen worden war. Wenige Monate zuvor hatte die Eisenbahngesellschaft Santa Fe Railway die letzten Schienen bis zum Park gelegt. Schaulustige mussten nicht mehr mit der Kutsche anreisen, sondern konnten die Bahn nehmen. Der Canyon wurde zum Ausflugsziel für Wanderer - und zur romantischen Kulisse für Liebespaare.

In gewisser Weise waren die Kolb-Brüder also zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Emery, der jüngere der beiden, hatte sich als Autodidakt die Kunst des Fotografierens angeeignet und war zu Ellsworth gezogen, der in Arizona als Hotelpage arbeitete. Ihren ersten Fotoladen eröffneten sie im 60 Meilen vom Canyon entfernten Williams, wo sie vor allem Saloondamen fotografierten. Das große Geld verdienten sie damit nicht. Das kam erst, als die wortgewandten Brüder den Geschäftsmann Ralph Cameron überredeten, ein Atelier auf seinem Gebiet am Südrand des Canyon zu errichten.

Ihr neues Studio lag direkt am Bright Angel Trail. Dieser Pfad war eine besonders beliebte Strecke, um hinab zum Colorado River zu gelangen. Der Grund: Die Touristen konnten die 14 Kilometer lange Trasse gegen eine Gebühr von einem Dollar auf Mauleseln zurücklegen. Dementsprechend groß war der Andrang am Bright Angel Trail. Unter den Touristen fanden sich Berühmtheiten wie Präsident Theodore Roosevelt. Und auch er trat bereitwillig vor die Linse der Kolb-Brüder.

Kein Strom, kein Wasser, keine Dunkelkammer

Jeden Morgen stellte sich Emery mit seiner Kamera vor die Maut-Schranke, um die Reisegruppen abzulichten. Während die Touristen den langen Weg Richtung Tal zurücklegten, blieb genügend Zeit, um die Bilder zu entwickeln. Eine Aufgabe, die Kreativität verlangte: schließlich gab es zu Beginn des 20. Jahrhunderts am Canyon weder Strom noch Wasserleitungen oder gar eine Dunkelkammer.

Da die Brüder im ersten Jahr in einem lichtdurchlässigen Zelt lebten, mussten sie die Bilder in einer stillgelegten Mine entwickeln. Um die Glasplatten zu trocknen, nutzten sie Sonnenlicht statt Glühbirnen. Das größte Problem stellte jedoch das Wasserbad dar. Die Platten mussten während der Entwicklung gereinigt werden, doch sauberes Wasser war rar. Zwar belieferte die Santa Fe Eisenbahn die umliegenden Hotels mit Trinkwasser, die Kolb-Brüder gingen jedoch leer aus. Sie konnten nur den Indian Garden nutzen, eine Oase am Bright Angel Trail, die unterhalb des Fotoateliers lag.

Deswegen bauten die Brüder eine Dunkelkammer aus Holz direkt im Indian Garden. Jeden Tag musste Emery fünf Meilen ins Tal herunterrennen, die Fotos vor Ort entwickeln und dann die Strecke wieder hochlaufen, bevor die Touristengruppen zurückkamen.

Folklore für den Canyon-Urlauber

Doch nicht jeder Besucher wünschte sich als Souvenir ein Porträt mit Maulesel. Deswegen drangen die Kolb-Brüder in bisher wenig erkundete Gebiete des Canyon vor, immer auf der Suche nach dem besten Motiv, das sie verkaufen konnten. Sie nutzten verwitterte Goldgräberpfade oder Indianerwege. Das schwere Fotomaterial transportierten sie auf den Rücken ihrer Maulesel. Oft endete der Pfad plötzlich und die Brüder mussten den Rest des Weges klettern. Stets dabei: das unhandliche Kamera-Equipment.

So drangen sie in die Lebensräume der Eingeborenenstämme vor. Sie lernten die Havasupai-Indianer kennen und durften gegen eine kleine Entschädigung die Familien in traditioneller Kleidung fotografieren - die passende Folklore für den Canyon-Urlauber.

Der Geschäftsmann Emery war mit den Bildern zufrieden. Doch Ellsworth wollte mehr als nur Postkartenmotive schießen. Ihm schwebte eine echte Entdeckungstour vor: eine Fahrt mit dem Boot auf dem Colorado River, insgesamt 1200 Meilen weit von Wyoming aus bis nach Kalifornien. Es sollte ihr "Big Trip" werden, die große Reise, von der sich Ellsworth spektakuläre Bilder erhoffte.

Bei Emery stieß die Idee auf wenig Gegenliebe. Die Fahrt kam ihm zu gefährlich vor, zumal er - anders als sein Bruder - Frau und Kind hatte, um die er sich kümmern musste. Außerdem war dieser Trip nichts Neues. Emery wusste von anderen Männern, die bereits eine ähnliche Strecke per Boot zurückgelegt hatten und mit Fotografien zurückkamen. Er wollte die Reise nur antreten, wenn sie sich für ihr Atelier rentierte. Und dazu sah er nur eine Lösung: Sie mussten einen Film drehen. Denn Bewegtbilder von den Stromschnellen hatte bisher noch keiner gemacht.

"Wenn ich kentern sollte, mach eine Aufnahme"

Die Vorbereitungen für den "Big Trip" zogen sich fast ein Jahr hin. Die Brüder ließen spezielle Flachboote anfertigen, mit denen sie auch durch seichtes Wasser fahren konnten. Außerdem statteten sie die Boote mit Spezialkammern aus, um ihr Equipment - die Filmkamera, die Celluloidrollen, die Fotoapparate - zu verstauen.

Erst im November 1911 konnten Emery und Ellsworth aufbrechen. Die Bahn brachte sie und ihr Gepäck bis nach Wyoming. Von dort aus erreichten sie den Green River, einen Nebenfluss des Colorado River - ihre Heimat für die nächsten 101 Tage. In dieser Zeit übernahm ihr Bruder Ernest die Geschäfte im Fotoatelier. Sie schliefen auf Matratzen am Flussrand, ernährten sich von Fischen und reisten durch die Canyons. Immer mit dem Ziel, möglichst beeindruckende Filmbilder zu machen. So erklärte Ellsworth seinem Bruder, bevor er eine gefährliche Strömung passierte: "Wenn ich kentern sollte, mach erst einmal eine Aufnahme davon". Retten könne er sich schon selbst.

Auch wenn die Boote mitsamt der Filmkamera mehrfach umkippten und der Apparat immer wieder getrocknet werden musste, hatten sie zum Schluss genügend Material zusammen, um einen halbstündigen Film zu schneiden.

Zwei Nationalhelden auf USA-Tournee

Für ihr Dokumentarwerk hatten die Brüder ganz bescheidene Pläne: Sie wollten den Film gegen Eintritt in einem Verwaltungshäuschen des Forstschutzes zeigen. Doch die Behörden lehnten die Anfrage ab, weil der Grand Canyon bald zum Nationalpark erklärt würde und kommerzielle Shows unerwünscht waren.

Etwas Besseres als diese Absage hätte Emery und Ellsworth nicht passieren können. Nur deshalb beschlossen sie, mit ihren Filmrollen auf Tournee zu gehen. Sie reisten an die Ostküste, trugen ihre Abenteuer vor Politikern und Wissenschaftlern vor. Mit der Zeit wurden sie zu den John Waynes des Dokumentarfilms: wie die Filme des Hollywood-Stars formten auch sie das Bild der Öffentlichkeit über den wilden, gefährlichen Westen.

Bei einer Vorstellung in Boston wurde Alexander Graham Bell, der Erfinder des Telefons, auf die beiden Brüder aufmerksam. Er machte sie mit dem Präsidenten der National Geographic Society bekannt und sorgte dafür, dass die Magazin-Ausgabe vom August 1914 zu einem Großteil dem "Big Trip" gewidmet war. Der Artikel verwandelte die Kolb-Brüder mit einem Schlag in Nationalhelden. Ellsworth schrieb daraufhin ein eigenes Buch über die Bootstour. Der Roman wurde zum Bestseller.

Emery zog sich derweil wieder in sein Studio zurück. Doch Ruhe hatte er hier keine mehr: Die Touristen kamen jetzt nicht nur, um den Grand Canyon zu sehen, sondern auch, um sich von dem berühmten Kolb-Fotografen ablichten zu lassen. Der Film hatte ihn berühmt gemacht. Und bis zu seinem Tod 1976 zeigte Emery ihn jeden Tag aufs Neue. Als Erinnerung daran, wie er gemeinsam mit seinem Bruder den Grand Canyon bezwang.

Zum Weiterschauen:

Den Film, den die Kolb-Brüder auf ihrer Bootstour im Grand Canyon gedreht haben, können Sie sich hier ansehen.

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