Kollaborateure im Zweiten Weltkrieg PR-Krieger für Hitler

Die Wehrmacht mordete und brandschatzte, trotzdem gab es in Russland auch Jubel über die Besatzer. Bislang geheime Dokumente belegen, wie von den Nazis angeheuerte Kollaborateure prodeutsche Stimmung verbreiteten - und Adolf Hitler als Freund der Russen feierten.


Die Fürbitte des Geistlichen klang für russische Ohren ungewöhnlich: "Wir beten zum Allmächtigen, dass er auch weiterhin Adolf Hitler Kraft und Stärke gibt für den Endsieg über den Bolschewismus." Die Anrufung Gottes durch den Metropoliten und Exarchen Sergej, dokumentiert in der Zeitung "Sa Rodinu" (Für die Heimat) im nordwestrussischen Pskow im Dezember 1942, steht für ein lange verdrängtes brisantes Thema: die Kollaboration zahlreicher Russen mit den deutschen Besatzern.

Neue Studien eines russischen Geschichtsforschers, der bislang geschlossene Archive - darunter des Inlandsgeheimdienstes FSB - auswerten konnten, zeigen, wie die Nazis in besetzten russischen Gebieten Hilfskräfte mobilisierten, die zeitweilig große Resonanz hatten.

Die deutschen Behörden hatten dem Metropoliten Sergej im seit Juli 1941 besetzten Pskow 1026 Bibeln und alte religiöse Schriften übergeben. Die Sowjets hatten die letzte Kirche in Pskow im April 1941 geschlossen und wie auch anderenorts Priester und Gläubige brutal verfolgt.

Hitlers Soldaten eröffnen Kirchen

Die Deutschen dagegen ließen bald nach dem Einmarsch der Wehrmacht Kirchen wieder eröffnen, allein 470 Gotteshäuser im Nordwesten Russlands. Die Besatzungsmacht gestattete Gottesdienste und Pilgerfahrten - die Kosten dafür aber mussten die Russen selbst tragen.


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Boris Kowaljow, Professor für Rechtsgeschichte der Universität Nowgorod, kommt nach jahrelangen Archivstudien zu dem Ergebnis, eine mit den Okkupanten verbündete "Orthodoxe Mission" mit Sitz in Pskow habe auf die örtliche Bevölkerung einen "gewaltigen Einfluss" ausgeübt.

Was naive Gläubige nicht wissen konnten, offenbaren russische Archive: Die rechtgläubigen Missionare kooperierten mit dem Sicherheitsdienst der SS (SD), dem alle Mittel recht waren, um Widerstand in den okkupierten Gebieten zu unterdrücken. Aufrufe der Geistlichen an die "russischen Patrioten", sie sollten "mit allen Mitteln bei der Vernichtung der Früchte und Wurzeln des Kommunismus helfen", waren den Nazis nur recht. Daher durfte die "Orthodoxe Mission in den befreiten Gebieten Russlands" ihre Botschaft in Zeitschriften wie "Der Rechtgläubige Christ" und im Radio verbreiten.

Örtliche Journalisten bemühten sich unter SD-Aufsicht, ihren Landsleuten die Nazis als Freunde der Russen zu präsentieren. In der Zeitung "Sa Rodinu" in Pskow sammelten sich erfahrene Propagandisten, ehemalige Mitarbeiter von Presseorganen der Kommunistischen Partei.

Sowjetjournalisten rühmen NS-Politiker

Die Ex-Genossen rühmten den NSDAP-Chefideologen Alfred Rosenberg, Minister für die besetzten Ostgebiete, "der seine ganze Jugend im vorrevolutionären Russland verbracht hat und am besten die Bedürfnisse dieser Gebiet kennt".

Die russischen NS-Agitatoren taten so, als kämpfe Hitlers Wehrmacht für die "Befreiung" der Russen und wolle gar der russischen Bevölkerung zum deutschen Lebensstandard verhelfen.

Um diese Illusion zu schüren, organisierten die Nazis Delegationsreisen russischer Dorfbürgermeister, Journalisten, Hilfspolizisten und Lehrer nach Deutschland. Deren Teilnehmer, die als Sowjetbürger niemals ins Ausland fahren durften, zeigten sich von Hitlers Deutschland tief beeindruckt.

Die russischen Provinzler besuchten Industriewerke etwa von Siemens in Berlin, das "Haus der Deutschen Erziehung" in Bayreuth oder das Thüringische Landesamt für Rassewesen. Heimgekehrt schilderten sie begeistert ihre Eindrücke. Iwan Borodin, Dorfbürgermeister aus Piskowitschi bei Pskow, ein junger Mann mit Schiebermütze, schwärmte im Januar 1943 in "Sa Rodinu" von Deutschland als einem "Land der Gärten, der erstklassigen Eisen- und Autobahnen". Der junge Russe lobte die "beispielhafte Ordnung" in der Reichshauptstadt Berlin, das Warenangebot in den Geschäften und den Bau von Eigenheimen für Arbeiter, in denen es "sauber und schön" aussehe.

Den Glauben, die Russen könnten an diesem Wohlstand teilhaben, nährte auch der General Andrej Wlassow, der unter deutscher Aufsicht eine "Russische Befreiungsarmee" aufbaute. Bei einem Besuch in der Redaktion von "Sa Rodinu" in Pskow im Frühjahr 1943 rief er unter Beifall zum Kampf für die "Nationale Russische Idee" gegen die Sowjets. Denn die stünden, so der frühere Sowjetgeneral in Goebbels-Diktion, "im Bunde mit dem angloamerikanischen Kapitalisten".

Russische Schulbücher preisen SA-Sturmführer

Den Versuch, sich gegenüber Sowjet-Bürgern als die besseren Sozialisten darzustellen, machten die Nazis auch mit Hilfe russischer Schulbücher. Den Schülern der dritten Klassen präsentierte ein Buch den 1930 von Kommunisten ermordeten Berliner SA-Sturmführer Horst Wessel als Helden. Das Lehrbuch stellte die "friedliche" Revolution des Nationalsozialismus unter dem "Arbeiter und Soldaten" Hitler dem bolschewistischen Schreckensregime gegenüber.

Doch die Propaganda verlor, je länger die Okkupation dauerte, mehr und mehr an Wirkung. Denn während russische Kinder in den Besatzungsschulen antisowjetische Verse aufsagten, hungerte die Bevölkerung in den von den Nazis ausgeplünderten Gebieten. Und das Niederbrennen widerständiger Dörfer trieb auch bei Pskow den Partisanen Kämpfer zu.

Ende Juli 1944 rückte die Rote Armee wieder in Pskow ein. Für die Kollaborateure, die, so Geschichtsforscher Kowaljow, "zeitweilig den Diktator mit dem kurzen Schnurrbart statt den mit dem langen Schnurrbart gerühmten hatten", hielt das siegreiche Sowjetsystem seine bewährten Mittel bereit: Erschießungen oder, im günstigsten Falle, langjährige Lagerhaft.



insgesamt 2 Beiträge
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Dieter Geier, 13.06.2011
1.
Die Übersetzung der Zeitungsüberschrift beim Bild 8 lautet: "Herr(Gott), sende Adolf Hitler die Kraft für den Endsieg!" Der Metropolit betete genau so, wie die meisten deutschen kirchlichen Würdenträger auch. - Übrigens sammelten andere Teile der orthodoxen Kirche beträchtliche Gelder für die Ausrüstung eines Regiments der Roten Armee mit Panzern und segneten diese.
Jan Mittendorf, 13.06.2011
2.
Verdrängt oder brisant sind die Infos nicht. Dörfer wurden verbrannt, wenn man den umliegenden Partisanen nicht habhaft wurde. Die Dorfbevölkerung lebte zwischen Pest und Cholera. Hielten sie zu den Deutschen wurden sie von den Partisanen erschossen, hielten sie zu den Partisanen wurden sie von den Deutschen erschossen. Sämtliche sowjetische Kriegsfilme der 1950-1980er Jahre hatten Kollaboration als Nebenthema.
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