Kollaboration in Frankreich Tagebuch des Grauens

Kollaboration in Frankreich: Tagebuch des Grauens Fotos
Ministère de lImmigration, Paris

Er hatte den Spitznamen "Sado": Im von Nazis besetzten Paris befahl der Franzose Louis Sadosky Deportationen und Hinrichtungen von Juden - und wurde später trotzdem begnadigt. Jetzt ist ein Bericht aufgetaucht, den der Mann 1942 für die Gestapo verfasste. Einblicke in die Notizen eines skrupellosen Kollaborateurs. Von Petra Truckendanner

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In einem Restaurant am Kaiserdamm in Berlin sitzen am 18. April 1942 vier Männer und essen Buletten mit Soße und Tomatensalat. Dazu gibt es ein halbes Bier, anschließend Pudding. Die anderen Gäste an den umliegenden Tischen lauschen den Wortfetzen in einer Sprache, die in Berlin mitten im Krieg eher selten gesprochen wird: Das Quartett parliert auf Französisch. Und in der Tat sind die Herren alles andere als gewöhnliche Berliner - zwei von ihnen sind Gefangene der Gestapo, nach Berlin geschafft aus dem besetzten Paris. "Das Menü war exzellent und kostete für uns beide 6 Mark 55", notiert der eine über die Vorzugsbehandlung - nach der es wieder zurückgeht zum Verhör in die kalte Zelle am Alexanderplatz.

Die Schilderung des ungewöhnlichen Lunchtermins stammt aus einem umfangreichen Bericht des Nazi-Kollaborateurs Louis Sadosky, einem der beteiligten Schlemmer vom Kaiserdamm. Das Dokument war bestimmt für Sadoskys Vorgesetzte der Polizei in Paris - und bietet heute eine einzigartige Innenansicht von Hitlers Geheimer Staatspolizei. Zugleich werfen Sadoskys Aufzeichnungen, die der Historiker Laurent Joly im französischen Nationalarchiv entdeckt und jetzt als Buch veröffentlicht hat, ein Schlaglicht auf das in Frankreich bis heute heikle Kapitel der Kollaboration.

Sadosky, Leiter der "Abteilung Juden" der Politischen Polizei, könnte Jonathan Littells Bestseller "Die Wohlgesinnten" entsprungen sein - nur, dass es sich hier nicht um einen Roman, sondern einen realen Bericht handelt. Seine Odyssee beginnt am Morgen des 2. April 1942: Von der SS wird der Beamte an seinem Arbeitsplatz in der Polizeipräfektur abgeholt und gemeinsam mit seinem früheren Vorgesetzten Christian Louit per Zug nach Berlin verfrachtet. Befohlen hat die Verhaftung die Gestapo-Abteilung IV E 3 ("Abwehr West") des "Reichssicherheitshauptamtes" (RSHA). Die Deutschen interessieren sich für frühere Informanten der beiden hochrangigen Polizisten, denn die beiden Beamten zählten vor der Besetzung durch die Wehrmacht zahlreiche Hitler-Gegner und nach Frankreich geflohene Juden aus Deutschland, Österreich und Polen zu ihrem Netzwerk.

"Wer hier herkommt, hat sich etwas vorzuwerfen"

Vom Potsdamer Bahnhof bringt eine Gestapo-Limousine die beiden Gefangenen zum Berliner Polizeipräsidium, einem riesigen roten Ziegelbau am Alexanderplatz Nummer 6. Dort erwartet Sadosky und Louit im Büro 259B/260 in der ersten Etage ein SS-Mann mit dicken Brillengläsern. Hauptsturmführer Josef Kiefer überfliegt die Dossiers der beiden Neuankömmlinge. Er spricht hastig. Sein Französisch färbt ein starker Akzent, der durch seine fehlerhafte Zahnstellung noch verstärkt wird. Die Gestapo sei keineswegs grausam, wie manche Gerüchte behaupten, versichert Kiefer den beiden Franzosen. Hier sei man nur an der Wahrheit interessiert. Allerdings: "Wer hier herkommt, hat sich in der Regel etwas vorzuwerfen. Darum kommen auch nur wenige wieder heraus."

Sadosky lässt sofort seine Bereitschaft zur Zusammenarbeit erkennen. Der ambitionierte Beamte ist bekannt dafür, dass er Befehle ausführt, ob sie nun von Franzosen oder den deutschen Besatzern kommen. So genügt schon die erste Aufforderung an Sadosky: "Schreiben Sie alles auf über die Personen, die uns interessieren." Anfangs plagen dem Franzosen noch Gewissensbisse. Er habe "die schlimmste und abscheulichste Aktion begangen" notiert Sadosky einmal, "die der Denunziation. Ich habe innerhalb weniger Stunden einen Mann verraten, der meiner Behörde und meinem Land freiwillig seine Dienste angeboten hatte". Doch solche Schuldgefühle sind nicht von Dauer.

Was Sadosky weitergibt, war für die SS offenkundig von Wert. Denn als Belohnung darf "Sado", so sein Spitzname, unter Aufsicht Spaziergänge durch Berlin unternehmen. Der Kriminalbeamte Eric Anders wird zum regelmäßigen Begleiter und Stadtführer. Zwischen den Verhören zeigt er dem französischen Gefangenen die Sehenswürdigkeiten Berlins und führt ihn in Restaurants. Der überzeugte Nationalsozialist Anders kauft seinem Schützling unterwegs Postkarten mit dem Bildnis Hitlers, prahlt mit seinen guten Kontakten und stellt Sadosky sogar ein Autogramm des "Führers" in Aussicht.

Zeuge der Deportation

Gleich beim ersten gemeinsamen Spaziergang wird der Franzose Zeuge einer Festnahme: "Am Eingang des Brandenburger Tors begegnen wir einem jungen Juden, der den Stern trägt. Die Straße ist Juden verboten. Der Inspektor hält ihn an, er hat keinen Ausweis bei sich", vertraut Sadosky seinem Tagebuch an. Und: "Ich erfahre später, dass dieses Vergessen des Ausweises dem jungen Juden die Deportation in den Osten brachte." Weiter beschäftigt oder besorgt ihn der Vorfall offenbar nicht - der Spaziergang an diesem "ausgefüllten Tag" blieb ihm in "sehr angenehmer Erinnerung".

Immerhin erkundigte sich "Sado" nach dem Schicksal der Berliner Juden, die deportiert werden sollen. Der französische Polizist stellt sich eine Art "universelles Ghetto" in Polen vor. "Aber nein", hätten ihn seine Begleiter aufgeklärt: "Es geht um die vollständige und endgültige Auslöschung der Rasse." Es gebe noch 63.000 deutsche Juden in Berlin, erfuhr Sadosky, aber jeden Tag würden neue Konvois in Richtung Osten zusammengestellt. "Wir glauben, dass 1943 kein einziger Jude mehr in Berlin übrigbleiben wird", zitiert der Franzose einen Gestapo-Mann.

Nach fünf Wochen Gefängnis werden Louit und Sadosky am 6. Mai 1942 entlassen. Ihre letzte Berliner Nacht dürfen sie in einem Hotel verbringen. Sadosky kehrt bald darauf problemlos an seinen Arbeitsplatz als Leiter des "Juden-Referats" der Polizei in Paris zurück. Obwohl er in Berlin von der "Endlösung" erfahren hat, liefert er zahlreiche Juden und Kommunisten an die Besatzer aus - und schickt sie damit wissentlich in den Tod.

"Ich habe doch nur Befehle ausgeführt"

Und der Polizeibeamte scheut nicht einmal davor zurück, Berichte über verdächtige Personen zu fälschen, nur um Quoten zu erfüllen und seinen Vorgesetzten zu gefallen. Auf das Konto Sadoskys gehen "einige hundert" Festnahmen und an die 70 Erschießungen, wie Historiker Joly in den Archiven herausfand. Sadoskys Kollege Christian Louit hingegen landet bald wieder in Gestapo-Haft, wird gefoltert, erkrankt an Typhus. Er hatte sich in Berlin weniger gesprächig gezeigt und zuvor bereits seine Dossiers über Ex-Informanten aus der Zeit vor der Besatzung rechtzeitig in der Seine verschwinden lassen. Die mutige Aktion seines Kollegen aber torpediert Sadosky mit seinen Berichten aus der Zelle zum Großteil.

In Frankreich war der Name Louis Sadoskys bis zur Veröffentlichung seiner Aufzeichnungen durch Historiker Laurent Joly kaum jemandem geläufig, obwohl er an zentraler Stelle mit den Judendeportationen befasst war - von Aufarbeitung kaum eine Spur. Auch der Umgang der französischen Justiz mit dem opportunistischen Beamten steht beispielhaft für die mangelnde Auseinandersetzung mit Verrat und Kollaboration im Nachkriegsfrankreich: 1946 wurde der Verwalter der Verfolgung zu lebenslanger Zwangsarbeit verurteilt, doch die Strafe wird schon 1949 auf zehn Jahre Gefängnis reduziert. 1952 wurde Sadosky von Staatspräsident Vincent Auriol begnadigt.

Zu seiner Verteidigung hatte Sadosky unentwegt einen Satz wiederholt: "Ich habe doch nur Befehle ausgeführt."

Zum Weiterlesen:

Laurent Joly (Hg.): "Berlin 1942. Le voyage d'un collabo au coeur de la Gestapo", CNRS Editions, Paris 2009, 19 Euro

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1.
Burkhard von Grafenstein 27.12.2009
"Auch der Umgang der französischen Justiz mit dem opportunistischen Beamten steht beispielhaft für die mangelnde Auseinandersetzung mit Verrat und Kollaboration im Nachkriegsfrankreich: 1946 wurde der Verwalter der Verfolgung zu lebenslanger Zwangsarbeit verurteilt, doch die Strafe wird schon 1949 auf zehn Jahre Gefängnis reduziert. 1952 wurde Sadosky von Staatspräsident Vincent Auriol begnadigt. " Nur welches ist der Maßstab für genügende Auseinandersetzung? Die deutsche Gründlichkeit, mit der auch der Holocaust betrieben wurde? Wann wäre es denn genug gewesen, wenn es nach denjenigen geht, die so schreiben? Im Nachkriegsfrankreich wurden bei der epuration sauvage geschätzt 10 000 tatsächliche oder angebliche Kollaborateure in Rahmen von nie geahndeter Lynchjustiz getötet. Hat Deutschland Vergleichbares zu bieten?
2.
riza murathanoglu 28.12.2009
>"Auch der Umgang der französischen Justiz mit dem opportunistischen Beamten steht beispielhaft für die mangelnde Auseinandersetzung mit Verrat und Kollaboration im Nachkriegsfrankreich: 1946 wurde der Verwalter der Verfolgung zu lebenslanger Zwangsarbeit verurteilt, doch die Strafe wird schon 1949 auf zehn Jahre Gefängnis reduziert. 1952 wurde Sadosky von Staatspräsident Vincent Auriol begnadigt. " > >Nur welches ist der Maßstab für genügende Auseinandersetzung? Die deutsche Gründlichkeit, mit der auch der Holocaust betrieben wurde? Wann wäre es denn genug gewesen, wenn es nach denjenigen geht, die so schreiben? Im Nachkriegsfrankreich wurden bei der epuration sauvage geschätzt 10 000 tatsächliche oder angebliche Kollaborateure in Rahmen von nie geahndeter Lynchjustiz getötet. Hat Deutschland Vergleichbares zu bieten?
3.
Susanne Modeski 28.12.2009
"Im Nachkriegsfrankreich wurden bei der epuration sauvage geschätzt 10 000 tatsächliche oder angebliche Kollaborateure in Rahmen von nie geahndeter Lynchjustiz getötet. Hat Deutschland Vergleichbares zu bieten?" Zum Glück nicht. Die meisten "Kollaborateure", die umgebracht wurden, waren französische Mädchen und Frauen, die mit deutschen Soldaten geschlafen hatten, oder ihre Babies. Männliche Kriegsverbrecher hingegen wurde Absolution erteilt.
4.
Joerg Fiebelkorn 28.12.2009
@ Herrn Grafenstein: Erstmal sei festgehalten, dass auch in West-Deutschland bereits 1953 fast alle Nazi-(Kriegs-)Verbrecher begnadigt und auf freien Fuss gesetzt wurden. Und die übergroße Mehrheit der deutschen Nazis blieb ohnehin ungeschoren: zB Richter, höhere Beamte, Professoren, Ärzte... Auf wessen Schätzung (Quelle) berufen Sie sich bei den 10.000 Opfern von Lynchjustiz?
5.
Burkhard von Grafenstein 18.01.2010
Wenn ein verurteilter Häftling von einem Präsidenten begnadigt wird, ist das kein Fall von "Justizversagen" sondern eine staatspolitische Entscheidung. Die damaligen verwüsteten und verelendeten Nachkriegsgesellschaften brauchten jede Hand und jeden Kopf für den Wiederaufbau und konnten sich eine Spaltung der Gesellschaft angesichts der vor der Tür stehenden Stalinisms nicht leisten, dabei waren sie noch sehr zukunftsorientiert und optimistisch, im Gegensatz zu unserer rückwärtsgewandten Gesellschaft heute. Die in Deutschland seit Jahrzehnten stattfindenen Prozesse verlagern letztlich nicht mehr erwerbstätige Personen aus Altenheimen in Gefängnisse - ein relativ geringes Opfer für eine Wohlstandsgesellschaft.
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