Kollektivierung der Landwirtschaft Bauernschlaue Staatshüter

Kollektivierung der Landwirtschaft: Bauernschlaue Staatshüter Fotos
Das Bundesarchiv

Geben Kühe ohne Hörner mehr Milch? Mit allen Mitteln versuchte das SED-Regime in den fünfziger Jahren, Bauern der DDR zum genossenschaftlichen Zusammenschluss zu bewegen - und schreckte dabei auch vor absurden Maßnahmen und Argumenten nicht zurück. Von

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"Bist du für oder gegen Rinderoffenställe?" Mit dieser Frage wurde Ende der fünfziger Jahre in der DDR die politische Einstellung der Bauern, Agrarwissenschaftler und Tierärzte getestet. Die Kollektivierung der Landwirtschaft war in vollem Gange. Überall entstanden Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften (LPG), in denen sich Bauern auf Beschluss der SED zusammenschließen sollten. Zwar war es gestattet, über die Voraussetzungen für diese Form der Rinderhaltung zu diskutieren - ablehnen durfte man sie jedoch nicht.

Für diese riesigen Stallungen sprach, dass der Bauaufwand relativ gering war. Die meisten Bauern bezweifelten aber, dass es ihren Rindern gut bekäme, derart der Witterung ausgesetzt zu sein und zudem künftig mit Tieren unterschiedlichster Herkunft zusammenzustehen.

Die Offenställe, die in der Regel als Laufställe für 30 bis 50 Tiere eingerichtet wurden, erschwerten auch meine Arbeit als Tierarzt. Um Blutproben zu entnehmen, Tuberkulose-Tests oder Trächtigkeitsuntersuchungen durchzuführen, mussten die Rinder eingefangen werden. Verschiedene Hilfsvorrichtungen wie etwa Fangfressgitter und Fangstände wurden im Laufe der Zeit erfunden und weiterentwickelt. Häufig kam man sich jedoch vor wie beim amerikanischen Rodeo: Mann gegen Tier. Nur das Lasso fehlte.

Mann beißt Kuh

Im Falle einer Behandlung mussten geschickte Fänger die Tiere in einen Bereich des Stalls lotsen, wo sie fixiert werden konnten. In nahezu jeder Herde gab es zwei bis drei Rinder, die sich dem Zugriff über lange Zeit hartnäckig zu entziehen wussten. Einmal mussten wir eine ungewöhnliche Fangmethode anwenden: Ein junger Mann packte ein Rind bei den Hörnern, und als Antwort auf diese Unerhörtheit schleifte das Tier ihn quer durch den Stall. In seiner Not biss der Mann dem Tier kurzerhand in das weiche Flotzmaul, dem Bereich zwischen Naseneingang und Oberlippe. Mit einem geübten Griff direkt in die Nase konnte er der widerspenstigen Färse schließlich habhaft werden, sodass ich mich an die Behandlung machen konnte.

Noch aufreibender als für mich waren allerdings die mit der Kollektivierung einhergehenden Änderungen für die Bauern. Mit der Fertigstellung eines LPG-Offenstalls in einem Thüringer Dorf drängte man 1959 alle noch zögernden Landwirte zum Eintritt in die Genossenschaft. Ein Bauer hielt dem Druck nicht mehr stand und unterschrieb die Beitrittserklärung. Für die Tiere seines Gehöftes brachte das eine große Veränderung ihres bisherigen Lebensalltages mit sich. Denn in mittelbäuerlichen Betrieben wurden die Kühe von Menschen gehalten, die ihnen vertraut waren und freundliche Worte für sie übrig hatten. Sie trugen Namen, warteten mit beachtenswerter Milchleistung auf und konnten sich bei gutem Futter und artgerechter Haltung und Pflege im Stall und auf der Weide durchaus sehr wohl fühlen.

Als die Bäuerin am Hoftor fünf ihrer Kühe verabschiedete, standen ihr Tränen in den Augen. Nur eines der Tiere hatte die Familie behalten dürfen, die Auswahl war ihr sehr schwergefallen. Die fünf Rinder kamen zu einer Gruppe von 50 weiteren Kühen in einen Laufstall. Zwischen den Eheleuten entbrannte ein heftiger Streit. Die Bäuerin machte ihrem Mann Vorwürfe, dass er dieser Unterbringung zugestimmt hatte. Von Bauern aus den Nachbardörfern wusste sie, dass sich die zusammengebrachten älteren Kühe Rangkämpfe lieferten, bei denen schlimme Verletzungen nicht ausblieben. Der Bauer versuchte zu besänftigen. Er kündigte an, sich für das tierärztliche Entfernen der Hörner einzusetzen. Aber auch das beruhigte die Frau nicht. Sie befürchtete, dass sich daraus nur weitere Probleme ergeben würden. Sie sollte Recht behalten.

Die Logik der Staatshüter

Im Mai wurden die Tiere in den Offenstall gebracht. Als Tierarzt lehnte ich es ab, die Hörner sogleich zu entfernen, weil zu dieser Jahreszeit zu befürchten war, dass Fliegenmaden in die Wunden kommen würden. Um des Friedens mit den Bauern will bedrängte mich der LPG-Vorsitzende, die Enthornung trotzdem durchzuführen - bis ich schließlich nachgab.

Drei Tage nach dem Eingriff bekam ich Besuch von zwei Herren, die sich als Kriminalbeamte vorstellten. Was folgte, glich einem Verhör. Weil die Mehrzahl der Kühe unter starkem Madenbefall an den Wunden litt und die Milchleistung sank, vermuteten die Herren einen Sabotageakt. Erst im Nachhinein erfuhr ich, dass die angeblichen Kriminalbeamten Mitarbeiter der Staatssicherheit waren.

Die wahren Ursachen für das Malheur kamen nicht zur Sprache. Dass die Schwierigkeiten aus dem Zusammenbringen von Kühen aus unterschiedlichen Haltungen resultierten, wurde stillschweigend hingenommen. Die Unruhe der Tiere, die sich fremd waren, und eine ungenügende Fütterung durften auf keinen Fall öffentlich gemacht und angeprangert werden. Das hätte die Vergenossenschaftung in Frage gestellt. Kritik war tabu.

Immerhin hatte ich als zuständiger Tierarzt nach dem problematischen Eingriff unter dem Stallpersonal gewichtige Fürsprecher. Die Wunden wurden sorgfältig versorgt, der Melkermeister besserte die Futterrationen durch Reservebestände auf und die Kühe gaben wieder mehr Milch - womit bewiesen war, dass durch mehr Futter von Anfang an eine bessere Milchleistung zu erzielen gewesen wären.

Die Logik der Staatshüter war eine andere. Sie mutmaßten, dass die Entfernung der Hörner zu der Produktivitätssteigerung geführt haben könnte - und der Verdacht der Sabotage war vom Tisch.

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