Kolonial-Deutsch Wo die Kuh über die Fence jumpt

Kolonial-Deutsch: Wo die Kuh über die Fence jumpt Fotos
Bildarchiv der Deutschen Kolonialgesellschaft

Dinglisch ist mitnichten allein das Ergebnis grenzenloser angloamerikanischer Marken- und Medieninvasion. Deutsch-englisches Kauderwelsch sprach man schon am Ende des 19. Jahrhunderts. Jürgen Ritter hat sich auf die Suche nach dem Küchendeutsch in Namibia begeben - und auch in Amerika seltsame Dialekte aufgespürt. Von

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Unserdeutsch ist inzwischen so gut wie ausgestorben. Keine Panik, gemeint ist tatsächlich "Unserdeutsch": Das ist die einzige Kreolsprache, die auf Grundlage der deutschen Sprache entstanden ist. Als Kreolsprachen bezeichnen Sprachwissenschaftler Mutter- und Erstsprachen, die durch Vermischung von Kolonialsprachen, hauptsächlich von Englisch, Französisch, Holländisch mit "Eingeborenensprachen" entstanden.

So ist Unserdeutsch in vieler Hinsicht typisch für die vielen Sprachen, die sich unter den Bedingungen von Kolonialherrschaft und Sklavenhandel entwickelten. Die neue Sprache führte schnell ein Eigenleben und verschaffte sich eine eigene einfache Grammatik, ein eigenes Vokabular, auch durch Anpassungen an das Lautinventar der Einheimischen. Zu den vielen Vereinfachungen gehörte es zum Beispiel, ähnlich wie im Englischen nur einen Artikel zu benutzen: überall wurde wie "the" "der" gesagt. Die Weitergabe erfolgte durch die Praxis des Sprechens und des Erlernens als Muttersprache.

Unserdeutsch hat nur noch ganz wenige Sprecher. Gesprochen wurde es vor allem im ehemaligen Deutsch-Neuguinea, dem jetzigen Papua-Neuguinea. Was im Linguisten-Jargon auch Rabaul Creole German genannt wird - Rabaul war die Hauptstadt von Deutsch-Neuguinea - klingt dann so: "Der Mensch, wo ist am bauen de Haus, hat gehauen sein Finger." Ein Gebet: "I bezeugen, O mein Gott, Du has geschaffen mi, fi erkennen du und fi beten zu du. I bezeugen in diese Moment mein Schwäche und dein Mach, mein Armut und dein Reichtum. Is ni ein anders Gott, nur Du, de Helfer in Gefahr, de Selbstbestehender." Verbreitet war Unserdeutsch auch bis in den Nordosten Australiens hinein und im Westen von New Britain, dem ehemaligen deutschen Neupommern, das zur Südseekolonie Deutsch-Neuguinea gehörte.

Reich' mir doch bitte mal die Hebsen rüber!

Von einer Pidgin-Sprache spricht man hingegen, wenn die neue Sprache als Zweitsprache gesprochen wird, wobei die Basis einer Kreolsprache durchaus auch eine Pidginsprache sein kann. Die einzige Pidgin-Sprache mit deutschem Hintergrund ist das Küchendeutsch aus Namibia, dem ehemaligen Deutsch-Südwest-Afrika. Küchendeutsch hat noch etliche aktive Sprecher. Wie der Name vermuten lässt, wurde Küchendeutsch zu Kolonialzeiten vom schwarzen Dienstpersonal gesprochen.

Ein Pidgin, wie das englischbasierte Tok Pisin (Talk Pidgin) aus Papua-Neuguinea, in das auch vieles aus Unserdeutsch einfloss, verwenden die Sprecher meist nur in bestimmten sozialen Situationen, so etwa beim Einkauf auf dem Markt. Inzwischen zählt das Tok Pisin jedoch zu den offiziellen Amtssprachen des Landes, während Unserdeutsch praktisch verschwunden ist - bis auf wenige Ausnahmen: So heißen Erbsen in Papua-Neuguinea auch heute noch "Hebsen".

Auch in den Vereinigten Staaten von Amerika hört man in unterschiedlichen Gegenden spezielle Versionen der deutschen Sprache: Bei den ehemaligen deutschsprachigen Auswanderern im US-Bundesstaat Pennsylvania etwa. Dort und in einigen anderen deutschsprachigen Gemeinden Nordamerikas ist das Pennsilfaanisch-Deitsch oder Pennsylvania Dutch relativ verbreitet. Die Sprache geht hauptsächlich auf Pfälzer Dialekte, aber auch andere deutsche Mundarten zurück und ist durchsetzt mit vielen amerikanischen Ausdrücken. Heutzutage beherrschen nach groben Schätzungen noch rund 200.000 Menschen diese Variante aktiv. Eine weitere deutsche Sprachinsel ist Texas. Dort ist bei etwa 10.000 Nachfahren deutscher Einwanderer immer noch das Texas-Deutsch gebräuchlich. Diese Mundart ist die Urgroßmutter dessen, was wir heute Dinglisch nennen und klingt lustig: "Die Kuh ist über die Fence gejumpt!" oder "Wasever, ich muss die Pick-up da erst mal greasen und das Oil changen."

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