Koloniale Bilderwelten Peitschen, Prügel, Postkarten

Koloniale Bilderwelten: Peitschen, Prügel, Postkarten Fotos
Sammlung Peter Weiss

Edle Wilde, süße Maskottchen oder hinterhältige Kannibalen - dazwischen gab es wenig. Mit Faszination und Furcht blickten die Deutschen der Kaiserzeit auf Afrikas Einwohner. einestages zeigt groteske Postkarten, Fotos und Werbemotive: Wie die Kitschkampagne in einer Schwarzen-Phobie endete. Von Eike Frenzel

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Werbung konnte so einfach sein. Da wurden die lächelnden Gesichter zweier Afrikaner mit seltsam roten Lippen nebeneinander montiert, zwei blasse Palmen in den Hintergrund gepinselt - und das Ganze mit einem naiven Vers versehen: "Schwarz ist der Neger, schwarz ist seine Frau, gegen Hartmann's Concentratschwarz sind sie nur grau!" Fertig war die Plakatreklame einer Hallenser Druckfarbenfabrik Ende der zwanziger Jahre.

An der herabwürdigenden Reklame nahm offenbar niemand Anstoß im Deutschland des frühen 20. Jahrhunderts. Verkaufsstrategen hatten die Werbewirksamkeit der Exotik vermittelnden Afrikaner entdeckt - und präsentierten diese in allen möglichen Posen mit ihren Produkten: als devot-zuverlässigen Lakaien, der Bier, Likör oder Schokolade serviert, als hilfsbereiten "Mohr", der Schuhe poliert oder die Wirksamkeit von Bleichmittel am eigenen Leib demonstriert.

Als die SA auf Deutschlands Straßen die ausgemusterten Braunhemden der ehemaligen Afrika-Schutztruppe auftrug und damit Kolonialnostalgiker träumen ließ, hatte die öffentliche Wahrnehmung des schwarzen Kontinents bereits einige Wandlungen durchgemacht. Das dokumentieren historische Fotos, Postkarten und Zeichnungen, die der Berliner Historiker Joachim Zeller in seinem Buch "Weiße Blicke - Schwarze Körper. Afrikaner im Spiegel westlicher Alltagskultur" gesammelt hat. Die Vorstellung über Afrika und seine Menschen änderte sich im Deutschen Reich binnen kurzer Zeit mehrfach - in zweierlei Hinsicht blieb sie sich jedoch treu: in ihrer außerordentlichen Beliebigkeit und ihrem imperialen Überlegenheitsgefühl.

Afrikaner als exotische Staffage

Mit Klischees des "edlen Wilden", der in der geheimnisvollen Landschaft Afrikas ein paradiesisches Leben führte, befeuerten Fotografen und Künstler Ende des 19. Jahrhunderts die Abenteuerlust deutscher Aussteiger und den Geschäftssinn findiger Kaufleute. Das junge Kaiserreich suchte damals seinen "Platz an der Sonne": Kolonien in Übersee, wie sie die etablierten Großmächte Europas längst in Besitz genommen hatten. Fündig wurde Deutschland vor allem in Afrika. Ab 1884 wehte die schwarz-weiß-rote Reichsfahne über Deutsch-Südwest, dem heutigen Namibia, sowie Togo, Kamerun und Deutsch-Ostafrika, das sich heute auf die Gebiete der Staaten Tansania, Ruanda, Burundi und Mosambik verteilt.

Hier sollten reiselustige Pioniere ihr Glück finden. So, wie es 50 Jahre zuvor amerikanische Einwanderer im Westen der USA taten. Und die Afrikaner? Sie fungierten allenfalls als exotische Staffage. Das suggerieren zumindest Postkarten aus den Neunzigern des 19. Jahrhunderts. Sie verkauften das deutsche "Schutzgebiet" als exotische Insel der Glückseligen, auf der Eingeborene vor ihren Hütten nur darauf warten, von europäischen Siedlern kolonialisiert zu werden.

Tatsächlich benötigten die Gebiete jenseits der deutschen Heimat gute PR: Obwohl sich Deutschland binnen kurzer Zeit zur viertgrößten Kolonialmacht aufgeschwungen hatte, blieb die Anziehungskraft des vermeintlichen Dorados unter Händlern und Abenteurern gering. "Es war relativ früh klar, dass die Kolonien - abgesehen von Deutsch-Südwest - wegen der klimatischen Bedingungen nicht zur Auswanderung taugen", erklärt Professorin Marianne Bechhaus-Gerst, Expertin für Kolonialgeschichte am Institut für Afrikanistik der Universität Köln.

Prügelszenen mit freundlichen Grüßen

Höchstens 24.000 Deutsche suchten ihr Glück zur Jahrhundertwende in der neuerworbenen Ferne - den Großteil der Auswanderer, bis 1893 rund 1,8 Millionen Menschen, zog es in die Vereinigten Staaten. Zur wirtschaftlichen Blüte gelangen die Kolonien folglich nie - im Gegenteil: "Für das Kaiserreich war das Kolonialprojekt ein wirtschaftliches Fiasko", sagt Bechhaus-Gerst.

Daran änderte auch die Vermarktungsoffensive der deutschen Kolonialherren zur Jahrhundertwende nichts. Eine Flut von Werbepostkarten mit kitschig-kuscheliger Imperialidylle flatterte ins Reich und sollte die deutschen Kolonialmuffel zum Auswandern animieren. Beispielhaft ist die farbenfrohe Darstellung der rheinländischen Essigfabrik Moskopf, "Marktscene in Kamerun", in der Afrikaner mit exotischen Naturalien handeln - natürlich unter der Obhut ihrer kaiserlichen Schutzherren. Solche Illustrationen hatten mit der Realität in den Kolonien nichts gemein.

Denn im deutschen Überseeparadies regierte vor allem die Knute. Die Kolonialherren griffen erbarmungslos bei ihren afrikanischen Zwangsarbeitern durch. "Fünfundzwanzigerland" wurde Kamerun auch in Anlehnung an die regelmäßig verabreichte Anzahl von Schlägen genannt. Auch wenn sich vereinzelt Kritik an Auswüchsen der Kolonialherren geregt haben soll - "ein grundsätzliches Infragestellen des Kolonialgedanken gab es nicht", sagt Bechhaus-Gerst. Die Züchtigungen preußischer Schule erschienen daher so selbstverständlich, dass sie als Postkartenmotiv dienten. Prügelszenen, in denen afrikanischen Delinquenten der Hintern mit der Nilpferdpeitsche blutig geschlagen wird, konnten - mit freundlichen Grüßen versehen - in die Heimat verschickt werden.

Kannibalen im Rheinland

Landnahme, Ausbeutung und Barbarei führten aber dazu, dass aus dem langersehnten "Platz an der Sonne" ab 1904 ein Schauplatz blutiger Auseinandersetzungen wurde. Die afrikanische Bevölkerung erhob sich gegen die Besatzer mit dem Tropenhelm. Und diese sahen in dem einst exotischen Untertan nur noch die "schwarze Bestie".

Zeichner stellten die brutalen Gefechte in den Kolonien als hinterhältige Attacken wild gewordener Eingeborenen dar. Auf Reklamebildchen und Illustrationen fallen martialisch wirkende Afrikaner über wehrlose Siedler her, meucheln Frauen und Kinder, brennen Siedlungen nieder. Schwarzweißfotografien geben indes einen anderen Eindruck wieder: Sie zeigen die Schutztruppen bei der Durchführung von Hinrichtungen, Afrikaner in Eisenketten, Kinder mit Gefangenenabzeichen um den Hals und zusammengepferchte Herero-Familien in Internierungslagern.

Mehr als 100.000 Afrikaner kostete die Niederschlagung der Aufstände bis 1908 schließlich das Leben. Freuen konnte sich Kaiser Wilhelm II. über den Sieg an der Wüstenfront aber nur kurz. Mit dem verlorenen Weltkrieg musste das Reich auf seinen gesamten Kolonialbesitz verzichten.

Das Zerrbild des wilden "Negers" überlebte hingegen den Krieg. Afrikanische Kolonialtruppen in französischen und britischen Diensten stilisierte die deutsche Propaganda zum Totengräber der abendländischen Kultur. Fortan war von "Kannibalen" und der "schwarzen Gefahr" die Rede, wenn deutsche Plakate mit Kampfszenen zwischen schneidigen Pickelhauben-Soldaten und grobschlächtigen Afrikanern die Truppenmoral heben sollten.

Afrika-Bilder für den "Führer"

Tatsächlich steigerten sich die Urängste der einstigen Kolonialherren noch. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass zwischen den französischen Truppen, die 1919 die links-rheinischen Gebiete Deutschlands besetzten, auch Kolonialeinheiten marschierten. Afrikaner eroberten Rhein und Ruhr.

Bei den Besiegten machte schnell der Begriff der "Schwarzen Schmach" die Runde: Deutsche, gedemütigt unter afrikanischem Joch - derartig überschriebene Collagen, Zeichnungen und Drucke hatten ab 1918 Hochkonjunktur. Sie erschienen zu einer Zeit, als die Rassenideologie im Deutschen Reich längst etabliert war. National-völkische Einpeitscher sahen sich bereits für Generationen in Sklavenarbeit dahinsiechen - diese Phobien inspirierten etwa den Berliner Veteranendank-Verlag zu einer Posterserie unter dem Titel "Deutsche vergesst nicht!", in der sich sadistische afrikanische Besatzer an der wehrlosen Bevölkerung auslassen.

Es war ausgerechnet Adolf Hitler, der für ein Ende der Kolonialträume sorgte und zugleich für einen ungewohnt ästhetischen Blick auf afrikanische Stämme. Sein anfänglich großes Interesse an den ehemaligen "Schutzgebieten" wich zwar 1941 mit dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion endgültig der "Lebensraum im Osten"-Ideologie. Zu diesem Zeitpunkt aber hatte der "Führer", dessen Rassismus sich freilich auch gegen Afrikaner richtete, die hochgewachsenen Massai als "Herrenmenschen"-Pendant entdeckt - in der Neuen Reichskanzlei ließ Kunstliebhaber Hitler gleich mehrere Gemälde der ostafrikanischen Volksgruppe aufhängen.

Zum Weiterlesen:

Joachim Zeller: "Weiße Blicke. Schwarze Körper. Afrika(ner) im Spiegel westlicher Alltagskultur", Bilder aus der Sammlung Peter Weiss, Sutton Verlag, Erfurt 2010.

Das Buch erhalten Sie im SPIEGEL-Shop.

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Ernst Pelzing 04.11.2013
Erster Völkermord des 20. Jahrhunderts Als Verbindung zum Artikel mögen folgende Stichworte dienen: Afrika-Schutztruppe, Deutsch-Südwestafrika, Herero, Internierungslager, Kolonialnostalgiker, Nama, Völkermord Die deutsche Kolonialgeschichte ist untrennbar mit den Brutalitäten gegenüber den Herero und Nama verbunden. Harald Welzer beschreibt in ?Klimakriege ? Wofür im 21. Jahrhundert getötet wird? u. a. die Zusammenhänge zwischen Klimaveränderung und dem ?unstillbaren Hunger nach fossiler Energie in den frühindustrialisierten Ländern?. Dabei kommt dem Postschiff >Eduard Bohlen
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