Kolonialerbe Reis im Bier

Qingdao, Austragungsort der olympischen Segelregatten, war einst eine deutsche Besitzung. 1897 gründete das Kaiserreich hier ein Mini-Deutschland: mit Moltke-Platz, Hotel Prinz Heinrich und einer Brauerei, die den Hopfentrank bis heute auf eine sehr spezielle Art braut.

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Qingdao kann ziemlich unerträglich sein. Vor allem an Tagen wie diesem, wenn der Wind vom Gelben Meer nur Regen über die Siebeneinhalb-Millionen-Stadt fegt. Doch Liu Ruling, 37, stört das nicht, die Chefin der Kläranlage blickt glücklich in die Becken mit dem Abwasser: "Qingdao wird mit jedem Mistwetter fertig", sagt sie, "das verdanken wir den Deutschen."

Zugegeben, Qingdao, Austragungsort der olympischen Segelregatten, hat schönere Sehenswürdigkeiten zu bieten als gerade dieses Klärwerk. Zum Beispiel die von Pinien gesäumte Seepromenade. Von dort öffnet sich der weite Blick auf die Kiautschou-Bucht mit einem winzigen Eiland, nach ihm die Stadt Qingdao - "grüne Insel" - benannt ist.

Oder die Überreste der 1897 gegründeten deutschen Kolonie. Tsingtau hieß die Stadt damals, und sie war ein Mini-Deutschland in Fernost mit ein paar hundert heute meist noch erstaunlich gut erhaltenen wilhelminischen Villen und Amtsgebäuden. Sie verleihen dem Seebad teilweise ein europäisches Ambiente, wie es nur wenige chinesische Großstädte besitzen.

Auch Qingdaos Stadtväter wären sich sicher zu fein, über Abwasser zu reden. Stattdessen werben sie stolz damit, dass das US-Magazin "Fortune" Qingdao zu Chinas siebtbester Wirtschaftsmetropole kürte. Unzählige Baustellen, aus denen Bürotürme und Wohnblocks wuchern, künden von einem Boom, der typisch ist für China. Qingdao ist ein kleineres Shanghai, und wie die große Schwester weiter im Süden baut auch Qingdao gerade eine der längsten Brücken der Welt ins Meer - sie soll 35 Kilometer lang werden und das große Industriegebiet der Stadt besser ans Hinterland anbinden.

Die meisten Besucher, die das Seebad Jahr für Jahr millionenweise anlockt, kommen indes wegen des goldgelben Badestrands - und was wäre dieser wert ohne Frau Liu? Ohne ihre Kläranlage, die in den neunziger Jahren mit deutscher Hilfe gebaut wurde, die biologisch gereinigtes Wasser ins Meer entlässt, den Regen weitgehend vom Schmutzwasser trennt - und Qingdao vor Überschwemmungen schützt, die viele andere chinesische Städte heimsuchen? Auf deutsche Anregung hin gründeten sie in Qingdao sogar ein Schulungszentrum für Klärwerker; aus ganz China kommen Ingenieure hierher, um sich von Liu in deutscher Technik unterweisen zu lassen.

Und so bleibt Qingdao mit den deutschen Kolonialherren von einst verbunden - ausgerechnet in Sachen Reinlichkeit und Gründlichkeit: Auf diese sprichwörtlichen deutschen Tugenden beriefen sich die wilhelminischen Statthalter in Tsingtau mit Vorliebe, um ihre Herrschaft gegenüber den Chinesen zu begründen.

Mit der handstreichartigen Besetzung der Kiautschou-Bucht wollte das deutsche Kaiserreich 1897 mit den übrigen Imperialmächten bei der Aufteilung des Reichs der Mitte wetteifern. "Wir wollen niemanden in den Schatten stellen", tönte Bernhard von Bülow, Staatssekretär im Auswärtigen Amt, in einer Erklärung, die zum geflügelten Wort werden sollte, "aber wir verlangen auch unseren Platz an der Sonne."

Schon Preußen hatte 1860 mit kleineren deutschen Staaten Schiffe nach Fernost entsandt, um Orte für einen Vorposten zu erkunden und zugleich den eigenen Führungsanspruch im Deutschen Zollverein zu untermauern. Nach der Reichsgründung 1871 vermied Kanzler Otto von Bismarck im Zuge seiner Realpolitik zwar koloniale Abenteuer in Asien, doch unter Kaiser Wilhelm II. lebten die Berliner Weltmachtgelüste umso heftiger auf.

Den Vorwand für die Besetzung der Kiautschou-Bucht lieferte die Ermordung zweier katholischer deutscher Missionare durch Mitglieder der chinesischen "Gesellschaft der Großen Messer". Per Pachtvertrag nahm das Deutsche Reich den Chinesen das "Schutzgebiet" auf 99 Jahre ab; im Rahmen der ehrgeizigen deutschen Flottenpolitik war die Kolonie direkt dem Reichsmarineamt in Berlin unter Staatssekretär Alfred von Tirpitz zugeordnet.

Die Gouverneure von Tsingtau gehörten daher grundsätzlich der Marine an, sie residierten in einer Villa hoch über der Stadt. Das Gebäude steht heute offen für Besucher, der Eingang führt in ein herrschaftliches Treppenhaus. Indes interessieren sich chinesische Touristen vor allem für das Bett von Mao Zedong - der Große Vorsitzende machte 1957 Sommerurlaub in Qingdao -, es ist fast doppelt so breit wie die Schlafstatt der Gouverneure, die auch zu besichtigen ist.

In Tsingtau wollten die deutschen Nachzügler den Vorsprung aufholen, den sich das Britische Empire seit dem Opiumkrieg (1840 bis 1842) in China gesichert hatte. Am Reißbrett planten sie ein "deutsches Hongkong" mit modernen Hafenanlagen, einer Werft, Hospitälern, Kirchen. Tsingtau sollte ein "Musterlager deutschen Könnens" (Wilhelm II.) werden - von der Sternwarte bis zum Schlachthof.

Die Deutschen richteten sich im fernen China ein wie in der eigenen Heimat, sie wohnten am Bismarckberg oder am Moltke-Platz; Reisende stiegen im Hotel Prinz Heinrich ab, dem heutigen Prince Hotel an der Strandpromenade.

Und natürlich wollten sie auch auf ihr Bier nicht verzichten: Ab 1904 brauten deutsche und britische Ingenieure den Hopfentrank, Vorläufer des Tsingtau Beer, das zur Weltmarke wurde - ein Aufstieg, der sonst kaum einem anderen chinesischen Produkt gelang.

Die deutsch-chinesische Erfolgsgeschichte begann in der Hauptmann-Müller-Straße - heute heißt sie Dengzhou-Straße, aber die Einheimischen nennen sie einfach "Bierstraße"; eine Kneipe reiht sich dort an die nächste, und im Mittelpunkt herrscht natürlich die Tsingtau-Brauerei.

Etwa zwei Millionen Flaschen füllt Tsingtau pro Tag in einer hochmodernen Anlage ab. Touristen beginnen ihre feuchtfröhlichen Besichtigungen indes in dem historischen roten Backsteinbau, der jetzt als Museum dient: Vieles sieht hier noch so aus wie zu Kolonialzeiten - die gekachelte Brauküche mit den Kupferkesseln und einer alten schwarzlackierten Maschine von Siemens.

Die Deutschen brauten ihr Bier anfangs nach dem Reinheitsgebot - Hopfen, Malz und Wasser; später merkte die Brauerei jedoch, dass deutsches Bier sich in Asien schlecht verkaufen ließ. Und so musste sie sich ausgerechnet beim Bier dem lokalen Geschmack anpassen: Reis wurde für das Brauen verwendet, und seither schmeckt Tsingtau-Bier mehr chinesisch als deutsch.

Heute ist Tsingtau Brewery eine chinesische Vorzeigefirma. Yuan Lu, 53, empfängt in ihrem großen Büro in der 19-stöckigen Zentrale. Die Managerin verkörpert den steilen Aufstieg der Brauerei. Vor 33 Jahren fing sie als Arbeiterin bei Tsingtau an, sie stellte Kronkorken her; jetzt wirkt sie als rechte Hand von Chairman Jin Zhiguo - der spülte damals noch die Bierflaschen aus.

Inzwischen kontrollieren Jin und Yuan ein Imperium von 52 Brauereien in ganz China. Für die deutschen Anfänge hat Yuan zwar freundliche Worte übrig - mit deutscher Brautradition lässt sich immerhin gut werben. Aber in puncto Management lernt sie lieber von amerikanischen Kapitalisten: Die US-Brauerei Anheuser-Busch ist mit 27 Prozent an Tsingtau beteiligt; als erstes chinesisches Unternehmen ging Tsingtau 1993 überdies an die Börse von Hongkong, auch in Shanghai sind ihre Aktien notiert.

Für die Deutschen war die Brauerei einer der wenigen wirtschaftlichen Erfolge, ansonsten konnte die Kolonie die hohen Erwartungen ihrer Besatzer nicht erfüllen: Bis auf die letzten zwei Jahre, bevor Tsingtau 1914 von den Japanern erobert wurde, überlebte der asiatische Vorposten nur mit Zuschüssen aus Berlin.

Schon optisch blähte sich die staatliche Verwaltung in Tsingtau auf. Der massige Regierungspalast, in dem heute der lokale Volkskongress sitzt, symbolisierte die viel zu ehrgeizigen kolonialen Ambitionen. Mit geballter Staatsmacht wollten die Deutschen auch die 50 Kilometer breite "neutrale Zone" um die eigentliche Kolonie in der Provinz Shandong wirtschaftlich durchdringen. Doch mit dem Bau einer Eisenbahn und der Erschließung von Bergwerken fachte das Reich den Widerstand der Einheimischen an; Shandong wurde zu einem Zentrum der patriotischen Boxer-Bewegung.

Als die Boxer im Juni 1900 das Gesandtschaftsviertel in Peking belagerten und der deutsche Gesandte ermordet wurde, setzten die Imperialmächte ein Expeditionskorps nominell unter deutschem Oberkommando in Marsch. Es schlug den Aufstand brutal nieder. Deutschland fieberte vor der "gelben Gefahr": "Niemals wieder", rief Kaiser Wilhelm II. in seiner "Hunnenrede", dürfe ein Chinese es wagen, "etwa einen Deutschen auch nur scheel anzusehen".

Erst recht nicht in Tsingtau. Dort hielt die deutsche Obrigkeit die Chinesen auch mit Hinweis auf die Hygiene auf Abstand. Die Einheimischen lebten in einer separaten "Chinesenstadt". Anders als für Deutsche und andere Ausländer galt für sie bei Vergehen die Prügelstrafe - auch nachdem diese Form der Züchtigung im übrigen China bereits abgeschafft war.

Gleichwohl waren die Kolonialherren auf die Arbeitskraft der Chinesen angewiesen, immer mehr kamen nach Tsingtau. Im Jahr 1913 lebten etwa 187.000 Chinesen im "Schutzgebiet" - gegenüber 1855 deutschen Zivilisten und 2400 Soldaten sowie einigen Angehörigen anderer westlicher Nationen. Der Handel von Tsingtau geriet zunehmend unter die Kontrolle chinesischer Kaufleute.

Auch der Einfluss der Japaner machte sich bemerkbar, vor allem seit deren Sieg über das Zarenreich im Russisch-Japanischen Krieg 1904/05. Die Deutschen ahnten, dass ihre Zeit in Tsingtau zu Ende ging: Schon 1912 verabschiedete sich Prinz Heinrich bei einer Visite mit der Aufforderung: "Haltet aus, wenn die Japaner kommen!"

Sie kamen. Im Ersten Weltkrieg schlug sich Japan auf die Seite der Briten, und im August 1914 forderte Tokio die Deutschen ultimativ zur Übergabe der Kolonie auf. Nach rund dreimonatigem Kampf, bei dem 200 Deutsche und mehr als doppelt so viele Japaner fielen, ergaben sich die deutschen Verteidiger; sie wurden als Kriegsgefangene nach Japan verschifft.

Qingdao blieb - mit Unterbrechungen - bis 1945 unter japanischem Einfluss. In der Brauerei brauten die neuen Eroberer fortan eigene Biere der Marken Kirin, Sapporo und Asahi. Nach dem Zweiten Weltkrieg, unter der nationalchinesischen Regierung, nutzten die USA Qingdao als Flottenbasis. 1949 "befreiten" dann die chinesischen Kommunisten die Stadt.

Unter Mao blieb Qingdaos wilhelminische Architektur weitgehend erhalten, und auch unter der Erde überdauerte ein Rest der deutschen "Musterkolonie": die Kanalisation. Viele der historischen Rohre würden nach wie vor erstaunlich dicht halten, bezeugt Klärwerkerin Liu, sie seien oft robuster als moderne Exemplare.



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Fritz Egermann, 27.05.2008
1.
Guten Tag Herr Wagner, das Wort "befreiten" im vorletzten Absatz in Anführungszeichen zu setzen, konnten Sie sich dann doch nicht verkneifen. Es hätte sicherlich ein neutraleres Wort nicht in Anführungszeichen gesetzt werden müssen, zumal die Gründe für das "Befreien" u.a. auch in der Geschichte einer Stadt wie Qingdao (Kolonisierung, Japanische Vorherrschaft, Unvermögen der zentralchinesischen Regierung) zu finden sind. Ich bin ein sehr kritischer Beobachter Chinas, aber selbst mir fällt die immer negativere Berichterstattung gerade auch im Spiegel inzwischen auf. Man gewinnt den Eindruck, dass oftmals der Frust, den -ich möchte behaupten- fast jede(r) l?owài schon verspürt hat, die Objektivität teilweise besiegt. Herzliche Grüße, F. Egermann PS: Es tut mir aufrichtig leid, dass Sie derzeit Anfeindungen, die auch vor der Androhung von Gewalt nicht Halt machen, ausgesetzt sind und wünsche Ihnen persönlich alles Gute.
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