Kolonialgeschichte Das deutsche Hongkong

Kolonialgeschichte: Das deutsche Hongkong Fotos
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Ein Zukunftsmarkt mit Potenzial - das war China schon vor hundert Jahren. Erobert werden sollte er damals allerdings noch mit Kriegsschiffen: Kaiser Wilhelm II. schickte 1897 Kreuzer nach Kiautschou. Bald entstanden am Gelben Meer Brauereien und Bergwerke. Doch am Ende musste die Megainvestition abgeschrieben werden. Von

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Sieben Mal bereits hatte der preußische Freiherr Ferdinand von Richthofen das Reich der Mitte besucht - Ende des 19. Jahrhunderts noch ein eher ungewöhnliches Reiseziel. Daheim in Berlin interessierte man sich deshalb brennend für das Urteil des studierten Geologen, der schon 1872 erstmals China erkundet hatte. Der Grund: Die Eliten des aufstrebenden wilhelminischen Reichs suchten einen geeigneten Hafen als Ausgangsbasis für weitergehende Pläne in dem fernen Riesenland.

Welcher Platz wohl am besten für einen deutschen Stützpunkt in China geeignet sei - darüber wurde unter kaiserlichen Militärs, Politikern und einflussreichen Wirtschaftsleuten Mitte der 1890er Jahre heftig debattiert. Eifrig wurden allerlei Denkschriften verfasst. Richthofen war es gewesen, der früh auf die günstige Lage der Gegend um Kiautschou am Gelben Meer hingewiesen hatte - ein Vorschlag, der zuerst den einflussreichen Marinechef, Großadmiral Alfred von Tirpitz, und schließlich Kaiser Wilhelm II. höchstselbst überzeugte.

Der willkommene Vorwand zur Besetzung der Bucht ergab sich 1897, als zwei deutsche Missionare in China ermordet wurden. Begeistert telegrafierte der Kaiser dem Staatssekretär des Auswärtigen Amtes, Bernhard von Bülow: "Also endlich haben uns die Chinesen (..) den so lang ersehnten Grund und 'Zwischenfall' geboten. Ich beschloss, sofort zuzugreifen." Und der Kaiser schwadronierte weiter: "Tausende von deutschen Christen werden aufatmen, wenn sie des Deutschen Kaisers Schiffe in ihrer Nähe wissen werden. Hunderte von deutschen Kaufleuten werden aufjauchzen in dem Bewusstsein, dass endlich das Deutsche Reich festen Fuß in Asien gewonnen hat. Hunderttausende von Chinesen werden erzittern, wenn sie die eiserne Faust des Deutschen Reichs schwer in ihrem Nacken fühlen werden, und das ganze deutsche Volk wird sich freuen, dass seine Regierung eine mannhafte Tat getan."

"Mit gepanzerter Faust"

Der Einsatzbefehl für das Kreuzergeschwader des Konteradmirals Otto von Diederichs, das vor Schanghai ankerte, war eindeutig: Es seien "geeignete Punkte und Ortschaften" zu besetzen und "vollkommene Sühne" zu erzwingen. Im November 1897 setzte das Geschwader eine etwa 700 Mann starke Landungstruppe in der Bucht von Kiautschou ab. Die chinesischen Militärs waren völlig überrascht und zogen kampflos ab.

Der Kaiser wünschte, die Truppen in China zu verstärken und schickte im Dezember 1897 seinen Bruder, Kronprinz Heinrich, mit einem Flottenverband nach Kiautschou. Die Verabschiedung in Kiel war martialisch und säbelrasselnd. "Sollte es irgendeiner unternehmen, uns an unserem guten Recht zu kränken oder schädigen zu wollen", tönte der Kaiser, "dann fahre darein mit gepanzerter Faust!" Und Prinz Heinrich blieb seinem Bruder nichts schuldig: "Mich lockt nicht Ruhm, mich lockt nicht Lorbeer, mich zieht nur eines: das Evangelium Euerer Majestät geheiligter Person im Auslande zu künden, zu predigen jedem, der es hören will, und auch denen, die es nicht hören wollen."

Die Sprachregelung lautete, Kiautschou sei als "Faustpfand" zur Sicherstellung ausreichender "Sühneleistungen" für die ermordeten deutschen Missionare besetzt worden. Nach langen Verhandlungen wurde China 1898 schließlich ein Pachtvertrag über 99 Jahre für das rund 550 Quadratkilometer große Gebiet um Kiautschou abgepresst. China gab alle Hoheitsrechte in diesem Landstrich an das Deutsche Reich ab. In der benachbarten Provinz Schantung erhielten deutsche Unternehmen Eisenbahn- und Bergbaukonzessionen; außerdem wurden Zollvergünstigungen für deutsche Waren vereinbart. Die deutsche Einflusszone umfasste somit ein Gebiet von etwa 150 000 Quadratkilometern, bewohnt von mehr als 30 Millionen Menschen.

Imperialistische Begehrlichkeiten

Der Griff des kaiserlichen Deutschland nach Kiautschou und Schantung weckte Begehrlichkeiten bei den anderen imperialistischen Mächten der Epoche. Sie wollten bei den erwarteten glänzenden Geschäften in China gleichfalls mit dabei sein. Noch im selben Jahr erzwangen Rußland und Großbritannien von den Chinesen die Überlassung großer Pachtgebiete am Gelben Meer. Auch Frankreich ging nicht leer aus und bekam die Bucht Kuangtschouwan gegenüber der Insel Hainan am Südchinesischen Meer.

Schließlich teilten die Großmächte China unter sich in Einflussgebiete auf. England sicherte sich das Gebiet beiderseits des Jangtsekiang, Russland reservierte sich die Mandschurei und die Gebiete nördlich der Großen Mauer. Frankreich erhielt Jünnan, das an Vietnam grenzt, Japan beanspruchte Fukien, nahe Taiwan. Die USA und Belgien verschafften sich vielversprechende Eisenbahnkonzessionen.

Kiautschou wurde im April 1898 unter kaiserlichen Schutz gestellt. Verwaltet wurde die "Hafenkolonie" offiziell vom Reichsmarineamt. Das Gebiet mit seiner Hauptstadt Tsingtau sollte zur modernen Musterkolonie des Deutschen Reiches ausgebaut werden. Davon versprach sich die Marineführung nicht zuletzt erheblichen Imagegewinn für sich selbst. Es sei ihm darum gegangen "in kleinem Rahmen zu zeigen, wozu Deutschland imstand ist", schrieb Großadmiral Alfred von Tirpitz, Chef des Reichsmarineamtes, in seinen "Erinnerungen".

Ein Ostseebad am Gelben Meer

So war Kiautschou bald auf bestem Weg, ein deutsches Hongkong zu werden. Mehr als 200 Millionen Mark, damals eine gewaltige Summe, wurden in die neue Kolonie investiert. Tsingtau wurde zu einem modernen Freihafen und einer großen Flottenbasis ausgebaut. Es begann eine großzügige Aufforstung, ein modernes Kanalisations- und Trinkwasserversorgungssystem entstand. Straßen, Kasernen, Schulen wurden gebaut, später sogar eine Hochschule. Auch an eine Brauerei wurde gedacht - heute ist die Tsingtau-Brauerei die größte Asiens und stellt Bier nach alter deutscher Braukunst her.

Getrennt in ein Wohnquartier für Europäer und ein Chinesenviertel, errichtet nach einem deutschen Bebauungsplan, war Tsingtau bald eine richtige kleine deutsche Stadt. Es entstand eine Seepromenade und am Strand der Auguste-Viktoria-Bucht zierten bald Hotel- und Villenbauten ganz im Stil eines Ostsee-Seebads die Küste. Noch heute kündet auch der riesige Gouverneurspalast aus Backstein von den deutschen Ambitionen. Eine 400 Kilometer lange Eisenbahnverbindung von Tsingtau nach Tsinanfu, der Hauptstadt der Provinz Schantung, wurde ebenfalls in Angriff genommen und 1904 fertiggestellt. In Schantung selbst wurden Kohlebergwerke betrieben.

Eisenbahn und Bergbau brachten jedoch noch nicht die erhofften Gewinne, und so blieb die wilhelminische Prestige-Kolonie chronisch defizitär. Das Ende des Projekts brachte allerdings erst der Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Auch Japan erklärt Deutschland den Krieg, und im August 1914 begannen japanische und britische Kriegsschiffe eine Seeblockade Tsingtaus, während zu Lande Truppen der Entente anrückten.

Verteidigt wurde die Modellstadt von fast 5000 Mann des verstärkten III. Seebataillons unter dem Kommando des Gouverneurs, Kapitän zur See Alfred Meyer-Waldeck. Wiederholte Sturmangriffe japanischer Truppen wurden zunächst erfolgreich zurückgeschlagen, doch schließlich war das Pachtgebiet von 60.000 Mann alliierter Soldaten eingeschlossen. Als die Munition ausging, kapitulierte die Kolonie und wurde von den Japanern besetzt. Die deutschen Verteidiger gingen in langjährige japanische Kriegsgefangenschaft. Im Versailler Vertrag von 1919 wurde das Pachtgebiet Kiautschou den Japanern zugesprochen, die es dann 1922 auf amerikanischen Druck hin an China zurückgaben.


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Tao Chatai 10.02.2013
"Ein Zukunftsmarkt mit Potenzial - das war China schon vor hundert Jahren. Erobert werden sollte er damals allerdings noch mit Kriegsschiffen: Kaiser Wilhelm II. schickte 1897 Kreuzer nach Kiautschou." China hatte fast 2000 Jahre lang,bis 1828 das hoechst GDP aber nur 48000 Soldaten als Garde und vor oeffentlichen Gebaruden,nicht ausgebildet zur Kriegsfuehren!!!!!
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