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19. April 2010, 16:37 Uhr

Kolonialgeschichte

Das Kanonenboot, das über die Berge kam

Von Clemens Höges

Kaiser Wilhelms letztes Kanonenboot wurde einst, in 5000 Kisten verpackt, nach Afrika geschafft. Fast hundert Jahre später fährt das heruntergekommene, rostige Schiff immer noch auf dem Tanganjika-See. Das Land Niedersachsen will es jetzt retten.

Eigentlich ist sein Großvater an allem schuld. Denn als Hermann-Josef Averdung noch ein kleiner Junge war, hatte der ihm oft von dem schönsten Schiff erzählt, an dem er je mitbauen durfte, und von dem großen Abenteuer, das damals begann.

Der Junge Hermann-Josef ist inzwischen selbst schon 66 Jahre alt, seine Haare sind weiß, er ist Ratsherr der Stadt Papenburg an der Ems, aber diese Geschichte hat er nie vergessen. Und deshalb steht er nun hier auf einem rostigen Ponton am Tanganjika-See, mitten in Afrika. Die Sonne geht auf, seine Knie werden weich, und in seinen Augen schimmert das Wasser, als dieses große Schiff langsam auf die Pier zuhält. Auf einer Seite des Bugs steht noch der Name: "Liemba".

Ein Krieg und Zusammenstöße mit Tausenden Booten und hölzernen Kanus haben Beulen in seinen Rumpf geschlagen. Die Spanten drücken sich durch das Blech wie bei einem hungrigen Hund die Rippen durchs Fell. Die "Liemba" qualmt, und sie schüttelt sich, so ziemlich alles in ihr ist kaputt. Aber noch immer fährt sie den längsten See der Welt auf und ab, sie fährt Händler und Huren, Diamantenschmuggler, Flüchtlinge, Fischer und Missionare, Soldaten und Gefangene.

Kolonnen afrikanischer Arbeiter haben sie einst, in Teile zerlegt, auf den Schultern über die Berge an den See getragen. Einmal wurde sie versenkt, einmal ist sie gesunken. Ihre Geschichte handelt von einer der bizarrsten Episoden des Ersten Weltkriegs, sie handelt auch von kolonialem Wahnsinn, den Massakern Afrikas, von Humphrey Bogart, Clint Eastwood und einem britischen Commander, der als Gott verehrt wurde und Röcke trug. Es ist die Geschichte der "Liemba", die einst "Graf Goetzen" hieß - die Geschichte des letzten Kanonenboots von Kaiser Wilhelm II.

"Ich wusste ja, dass das Schiff noch existiert, ich kann es trotzdem nicht fassen", sagt Averdung. Er steht Anfang März am See, weil er die "Liemba" wieder über die Berge zurückbringen will nach Deutschland. Für ein neueres Schiff würde man sie vielleicht hergeben, hatte die staatliche tansanische Betreiberfirma angedeutet.

Am nächsten Tag landet eine Propellermaschine auf der roten Lehmpiste von Kigoma, an Bord der deutsche Botschafter in Tansania und eine große Delegation aus Hannover. Auch Ministerpräsident Christian Wulff will das Schiff retten, aber für Afrika und in Afrika, deshalb hat er seine Leute geschickt, und deshalb hat er sich jüngst an den Außenminister und den Entwicklungshilfeminister in Berlin gewandt.

Denn die "Liemba" stammt zwar aus Niedersachsen, aber sie fuhr für das Deutsche Reich, ihre Geschichte begann in Berlin, am Vorabend des Ersten Weltkriegs: Die Großmächte England und Deutschland rüsteten in diesen Jahren um die Wette. Die deutschen Strategen wussten, dass ihre Kolonien schwer zu halten sein würden; vor allem ging es um das Prunkstück Deutsch-Ostafrika, heute Tansania, Burundi und Ruanda.

Die Deutschen versuchten, viel Profit aus ihrer Kolonie herauszuschlagen. Von der Hafenstadt Daressalam aus trieben sie sogar eine Eisenbahntrasse über mehr als 1200 Kilometer ins Herz Afrikas hinein, die "Mittellandbahn". An der geplanten Endstation Kigoma hatten sie schon mal einen gewaltigen Bahnhof ans Ufer des Tanganjika-Sees gestellt, für 30 Züge pro Tag - die niemals kommen sollten. Auf dem Hügel darüber hatte sich Wilhelm II. einen Palast errichten lassen, aber er sollte es nie bis Kigoma schaffen.

Kigoma, das sind heute 120.000 Einwohner in Hütten an Schotterstraßen, sie haben ein Krankenhaus und einen Stützpunkt der Uno-Flüchtlingshilfe. Aber Kigoma ist die einzige Stadt hier am Westende Tansanias.

Vom Kaiserpalast aus kann man am anderen Ufer des Sees die schwarzen Berge des Kongo sehen, gut 50 Kilometer weit weg. Dort standen um 1913 belgische Einheiten. Und im Süden des Sees warteten die Engländer.

Wer Ostafrika halten wollte, musste den Tanganjika beherrschen, den längsten See der Welt mit seinen 670 Kilometern. Der Tanganjika war der einzige Weg nach Norden oder Süden, er ist es heute noch.

Die deutsche Flotte bestand aber nur aus dem kleinen Zollkutter "Kingani" und dem traurigen 60-PS-Dampfer "Hedwig von Wissmann". Also gab der Kaiser der Werft von Joseph Lambert Meyer in Papenburg an der Ems einen Geheimauftrag, wie es noch keinen gegeben hatte. Der neue Dampfer mit der Baunummer 300 sollte nicht nur das bis dahin größte Schiff der Werft werden, fast 70 Meter lang und 10 Meter breit. Vor allem sollte die Nummer 300 vor ihrem Einsatz von Menschen zu Fuß über Berge getragen werden, irgendwo in Übersee.

Meyer setzte seinen besten Mann an die Aufgabe, Anton Rüter, einen rauen Dickschädel mit Schnauzbart. Seine Monteure fingen an, das Schiff zusammenzuschrauben - aus Hunderttausenden kleinen Teilen. Das war der Trick: Nummer 300 wurde ein 1200 Tonnen schweres Puzzle aus Stahl, kein Teil zu groß für die Schultern von Männern.

Im November 1913 kamen kaiserliche Gesandte, um das Schiff abzunehmen. Nummer 300 sollte "Graf Goetzen" heißen, nach einem Ex-Gouverneur von Deutsch-Ostafrika.

Nun konnte Rüter das Schiff wieder zerlegen. Dann würde jemand die "Goetzen" an den Tanganjika-See bringen müssen. Rüter war der Vertraute des Chefs, aber noch immer wohnte er zur Miete. Er selbst würde es machen müssen, er würde lange bleiben in Afrika. Drei Töchter hatte er schon. Und jetzt war seine Helene wieder schwanger. Er würde sein jüngstes Kind erst mal nicht sehen. Denn das hier war seine Chance, sich ein eigenes Haus zu verdienen. Rüter ahnte nicht, wie lange er wegbleiben würde. Und dass die Welt danach eine andere sein würde.

In Hamburg wurden die Teile der "Goetzen" auf Schiffe verladen. Rüter nahm einen Gesellen mit und einen Nieter. In Daressalam wurden ihre 5000 Kisten auf Waggons der Mittellandbahn verstaut.

Doch die Trasse reichte noch lange nicht bis Kigoma. Für das letzte Stück hatte die deutsche Obrigkeit Hunderte Schwarze rekrutiert. Drei Monate lang schleppten sie nun die Teile der "Goetzen" durch den Dschungel. Die Afrikaner trugen auch Rüter und seine beiden Arbeiter an den See.

Rüter schrieb bald an Meyer: "Ich beschäftige 20 fleißige Inder und 150 Schwarze. Wenn das Nieten beginnt, sind weitere 100 Schwarze erforderlich." Aber als dann die Niethämmer dröhnten über der Bucht, brach in Europa der Krieg aus.

Heute ist die "Liemba" eine Zeitmaschine, die in die Vergangenheit Afrikas fährt. In die Dörfer an der Küste führen keine Straßen, keine Schienen. Es gibt nur die "Liemba", sie kommt ungefähr alle zwei Wochen vorbei auf ihrer Tour von Kigoma nach Sambia und zurück.

Kapitän Titus Mnyanyi sitzt auf seinem zerschlissenen Stuhl nach vorn gebeugt, ein tiefschwarzer, massiger Mann mit einem runden Gesicht. Er starrt in die Nacht und fährt Slalom mit 1200 Tonnen Stahl unter den Füßen. Hunderte Kanus treiben auf dem Wasser. Die Menschen fischen nachts, und dann tauchen sie plötzlich auf im Licht des Suchscheinwerfers, mit Angst in den Gesichtern, sie schreien, bis ihre Kähne in der Hecksee der "Liemba" auf und ab tanzen. "Sie ist wendig, sie kann alles, es gibt kein besseres Schiff", sagt der Kapitän.

Irgendwo in der Dunkelheit stoppt er die Maschinen, nichts ist zu sehen. Plötzlich stürmen Einbäume und Daus auf die "Liemba" ein. Sie krachen gegen den Rumpf, Holz splittert, Metall quietscht. Die Menschen kämpfen um einen Platz an der Bordwand, sie klettern hoch, rutschen ab, manch einer ist dabei schon umgekommen.

Aber die "Liemba" bedeutet für die Menschen Leben. Sie wuchten 70 Kilogramm schwere geflochtene Körbe voller Fische an Deck, für den Markt in Kigoma. Bald stinkt es, und es brummt, und es wimmelt von schreienden Männern. Hühner flattern herum, Ziegen bocken, Öl läuft übers Deck. Dazwischen liegen Mütter auf dem Blech und stillen ihre Kinder; viele Babys muss Kapitän Titus auf die Welt holen, sie heißen "Liemba"-Babys, geboren auf dem langen Weg ins Krankenhaus von Kigoma.

Männer glitschen aus, Kakerlaken rennen über das Deck, das Schiff ist ein grandioser Horror. Seine Menschen haben es verkommen und verfallen lassen, es schleppt sich dahin, die Maschinen rumpeln, die Getriebe rasseln, und doch fährt die "Liemba" immer weiter, über Wasser gehalten von den Gaben reicher Länder. Weil ihre bis zu 600 Passagiere nur mit wenigen Schilling bezahlen können. Und weil die Regierung die schmalen Gewinne auch noch per Dieselsteuer abschöpft. Deshalb fehlt das Geld, sie instand zu halten.

Die Menschen ertragen alles, darin sind sie groß, sie kennen es nicht anders, seit Jahrhunderten. Das Schiff mit seinen eigenen Riten und seinem Rhythmus ähnelt ihnen in dieser Beziehung, das Schiff ist wie der Kontinent, wie Afrika.

Anfang 1915 machte sich der Großwildjäger John Lee vom See aus auf den Weg nach London. Der Engländer schoss in Deutsch-Ostafrika Elefantenbullen wegen der Stoßzähne, und er konnte die Deutschen nicht ausstehen. In Whitehall, dem Sitz der britischen Admiralität, erklärte er dem Ersten See-Lord seinen Plan: Man müsste zwei schnelle Kanonenboote nach Südafrika bringen und weiter per Bahn nach Norden. Die Trasse endete vor den Mitumba-Bergen. Er aber könne, so Lee, mit Hilfe von vielleicht 2000 Schwarzen einen Pfad freischlagen durch den Dschungel, über ein Plateau auf 2000 Meter Höhe und runter an den Tanganjika-See. Der Plan war verrückt. Er gefiel dem See-Lord.

Weder der Elefantenjäger noch der Admiral wusste, wie verrückt die Idee war. Die beiden ahnten ja nichts von Rüters Koloss in der Dschungelwerft.

Der Admiral wusste allerdings, wer das Kommando für die Abenteuer-Expedition übernehmen könnte, die meisten Offiziere waren schließlich längst im Einsatz. Übrig war ein Angeber, Lügner und Draufgänger. Auf seinen Oberkörper und die Arme hatte er sich Schmetterlinge und Schlangen tätowieren lassen, er saß in einem düsteren Büro in Whitehall und rauchte Zigaretten, die er sich eigens anfertigen ließ, darauf sein Namenszug in Himmelblau: Geoffrey Spicer-Simson.

Spicer war 39 Jahre alt, er hatte einen Spitzbart und graue Augen, der Plan des Elefantenjägers war seine Chance auf Ruhm. Während Lee sich nach Südafrika einschiffte, stellte der Offizier eine Mannschaft zusammen und rüstete die beiden Boote aus: Sie waren eher Yachten als Kriegsschiffe, rund 13 Meter lang, mit brutal starken Motoren im Heck - und jedes mit einer viel zu wuchtigen Kanone am Bug. Beim ersten Probeschuss riss der Rückstoß das Geschütz aus dem Deck und warf es mitsamt Kanonier in die Themse.

Spicer wollte seine Boote "Cat" und "Dog" taufen, doch das schien der Admiralität albern. Er nannte sie also "Mimi" und "Toutou". Das fand er witzig, weil französische Kinder Katzen gern "Mimi" rufen und Hunde "Toutou" und die Militärverwaltung das nicht merkte. Die Admiralität schrieb, es sei "Pflicht der Navy, den Feind anzugreifen, wo auch immer genug Wasser ist, um ein Schiff schwimmen zu lassen".

Ein Kreuzer brachte "Mimi" und "Toutou" nach Afrika, Lees Armee von Schwarzen hackte eine Schneise durch den Dschungel frei. Zwei Dampfmaschinen auf Eisenrädern sollten die Boote die Berge hoch und an den See ziehen.

Improvisierte Brücken krachten unter den seltsamen Gespannen zusammen, immer wieder versackten die Dampftrecker in den Löchern und Höhlen der Erdferkel. Dutzende Zugochsen wurden zusätzlich vor die Boote gespannt.

Abends piesackten Wolken von Moskitos die Seeleute, nachts strichen Löwen um die Lager. Nach drei Monaten erreichte Spicer das belgische Militärlager Albertville am Tanganjika-See.

Albertville heißt heute Kalemie, ab und zu taucht der Name in den Nachrichten auf, wenn wieder sinnlos gemetzelt wird im Bürgerkrieg des Kongo, in dem zeitweise sieben Staaten und diverse Rebellengruppen rund um den See mitmischten. Über vier Millionen Menschen starben. Bisher. Es geht gerade wieder los. "Amani Leo" heißt die Operation gegen Rebellen aus Ruanda, "Frieden heute". Weiter nördlich haben die Irren von der "Widerstandsarmee des Herrn" jüngst erneut Zivilisten massakriert.

Am Tanganjika wird fast immer geschossen, ob im Kongo, in Ruanda oder Burundi. Und dann flüchten die Menschen über den See in die Lager rund um Kigoma. Ab und zu chartert die Uno die "Liemba", um sie wieder zurückzubringen.

1915 hatten die Deutschen zwar durch Spione bei den Stämmen von dem Gerücht gehört, andere Weiße würden zwei Schiffe über die Berge tragen. Aber sie glaubten es nicht. Die Mitumba-Kette war viel zu hoch. Niemand würde das schaffen.

In Albertville trat Spicer jetzt in einem Rock vor seine Männer. Seine Frau habe ihm den genäht, sagte er. Röcke seien bei Hitze angenehmer zu tragen. Die Soldaten schwiegen. Die Schwarzen vom Stamm der Holoholo schauten zu und ahnten, dass dieser Weiße anders war als alle anderen. Die Schlacht um den Tanganjika-See konnte beginnen.

Am zweiten Weihnachtstag 1915 dampfte die deutsche "Kingani" an Albertville vorbei. "Mimi" und "Toutou" preschten los, und die Holoholo kletterten auf die Klippen, um besser sehen zu können. Der Kapitän der "Kingani" ließ ölgetränkte Holzscheite unter den Kessel werfen, aber er konnte nicht entkommen. Eine von Spicers Granaten zerfetzte den Offizier. Spicer zog den Siegelring von der Hand des Deutschen und steckte ihn sich an den Finger.

Er ließ die "Kingani" reparieren und taufte sie um in "Fifi". Und seine Männer adoptierten das Maskottchen der Gegner: eine Ziege, die immer auf der "Kingani" mitgefahren war, deklariert als Notproviant. Die Briten schneiderten ihr eine englische Uniform.

Kurz danach fuhr die "Hedwig von Wissmann" an Albertville vorbei, auf der Suche nach der verschollenen "Kingani". Die Holoholo kletterten wieder auf die Klippen. Die "Hedwig" versuchte zu fliehen, sie schoss auch, aber schließlich versenkte ein Volltreffer das deutsche Schiff.

Die Holoholo fielen nun vor Spicer auf den Boden. Bald tauchten am Ufer des Sees erste Fetischstatuen von Spicer auf, die Schwarzen nannten ihn "Seemann-Gott" oder "Bauchtuch-Gott", wegen des Rocks.

Aber schon zuvor hatten ihre Späher Spicer gesagt, dass auf dem See jetzt noch etwas anderes gesichtet worden sei. Ein Ungeheuer. Kurz nach dem Ende der "Hedwig" sah Spicer es selbst: Aus dem Dunst schob sich ein grauer Schatten, 150-mal schwerer als "Mimi" und "Toutou" - eine Schimäre, ein so großes Schiff konnte es hier nicht geben. Doch da war es.

Am Bug stand eine Schlachtschiffskanone, am Heck drehten sich kleinere Kanonen. Darüber wehte groß wie ein Teppich die Reichskriegsflagge - Rüters "Goetzen". Spicer ließ sein Fernglas sinken und ging wortlos in seine Hütte. Er wusste, dass eine der Granaten dieses Schiffs Kleinholz aus "Mimi" und "Toutou" machen würde.

So beherrschte die "Goetzen" nun den See, aber an Land rückten die Alliierten immer weiter vor. Erst fiel die Festung Bismarckburg im Süden des Tanganjika, und im Juli 1916 dann bekam Rüter den Befehl, die "Goetzen" zu versenken. Sie dürfe nicht in die Hand des Feindes fallen. Doch Rüter wollte sein Schiff nicht zerstören, er schmierte alles dick mit Fett ein. Dann drehte er nicht weit von Kigoma die Seeventile auf.

Die Ruine der Festung Bismarckburg steht heute noch auf ihrer Halbinsel. Das Lehmhüttendorf drum herum heißt jetzt Kasanga. Und als die "Liemba" am Fuß der Festung stoppt, stehen Männer mit Ferngläsern auf der Anhöhe. Sie suchen das Schiff ab nach Spionen mit Kameras.

Denn zwischen den Ruinen haust seit Jahren ein Haufen der tansanischen Armee in schmutzigen Zelten. Die Soldaten tragen Badelatschen und T-Shirts, Verdächtige werden in einen Schuppen geführt und von einem bulligen Leutnant und einem Sicherheitsmann verhört. Der hat eine Spiegelbrille und nennt sich Mister Devi.

"Unsere Nachbarn sind gefährlich", sagt der Leutnant, "wir müssen uns verteidigen können." Und in Kämpfen, die mit Kalaschnikows ausgetragen werden, sind historische Schießscharten besser als gar keine. Aber im Alltag brauchen die Soldaten ihre Gewehre nur, um Krokodile zu erschießen, wenn sie mal im See baden wollen.

Nach dem Ersten Weltkrieg hoben die Belgier die "Goetzen". Doch sie machten Fehler, bald darauf sank sie erneut, bei Sturm. Dann befahl der britische Kriegsminister Winston Churchill, die "Goetzen" noch einmal zu heben. 1927 fuhr sie wieder. Aus der "Goetzen" wurde die "Liemba", so hatten die Eingeborenen früher ihren See genannt.

Wenig später erschien ein Roman über den Kampf auf dem See - "The African Queen". Nach dem Zweiten Weltkrieg verfremdete Hollywood den Stoff: Humphrey Bogart soll mit seinem kleinen Boot das große deutsche Schiff versenken. Über die Dreharbeiten mit dem tyrannischen Regisseur John Huston drehte Clint Eastwood 1990 wiederum einen Film, "Weißer Jäger, schwarzes Herz".

Die wahre "Goetzen" alias "Liemba" verfiel nach der Unabhängigkeitserklärung Tansanias 1961 und landete als Wrack an Land. Aber ein harter Trinker aus Irland, der einmal sein eigenes Dampfschiff fahren wollte, reparierte sie; er brauchte Jahre dafür. Dänische Entwicklungshelfer tauschten dann in den siebziger Jahren die Dampfmaschinen gegen Diesel aus. 20 Jahre später bauten wieder die Dänen neue Maschinen ein. Und jetzt wird ein Deutscher vielleicht Hilfe bringen, Lothar Hagebölling, Staatssekretär des niedersächsischen Ministerpräsidenten Wulff.

Seine Delegation inspiziert die "Liemba", die Afrikaner feiern nach seiner Landung auf der Buschpiste die Gründung eines Vereins, "Friends of Liemba": Bischöfe sind dabei und Politiker, aber auch einige Leute, die etwas von dem Schiff verstehen. Reden werden gehalten, Hagebölling spricht von Nachhaltigkeit und Freundschaft: "Die 'Liemba' ist in unseren Herzen."

Spät am Abend stehen sie zusammen, Hagebölling, der Botschafter Guido Herz und der Ingenieur Jochen Zerrahn, der engste Vertraute des heutigen Werft-Chefs Bernhard Meyer, Rüters Nachfolger. Sie trinken Whisky und Wasser am See, sie verhandeln. Zerrahn zieht an seiner Zigarre, es geht darum, was das Ganze kosten würde und wer bezahlt.

Abseits steht der Papenburger Averdung, der die "Liemba" heimholen will. Alles war seine Idee, jetzt aber schieben Wulffs Leute den Mann mit dem verwegenen Plan zur Seite. Sie wollen die "Liemba" retten, doch sie wollen sie in Afrika lassen.

Eigentlich möchte die Meyer Werft nichts mit der Sache zu tun haben, das Schiff ist Zerrahn nicht geheuer. Sollte es noch einmal sinken, könnte es Hunderte Menschen mitnehmen.

Andererseits sorgt die Landesregierung dafür, dass die Meyer Werft ihre gewaltigen Kreuzfahrtschiffe von Papenburg bis ans Meer kriegt, wofür die Ems immer wieder ausgebaggert und gestaut werden muss. Jetzt planen die Niedersachsen sogar einen neuen Kanal. Zerrahn ist Hagebölling vielleicht einen Gefallen schuldig, die Werft könnte sich mit Technikern an dem Rettungsprojekt beteiligen.

Natürlich wird Hagebölling nun vor allem versuchen, im Land oder beim Bund einige Millionen zu beschaffen, dieses Schiff könne man doch nicht verrotten lassen. Die Menschen hier brauchen es, und außer der "Liemba" ist nicht viel übrig vom Seekrieg um Deutschlands Kolonie.

Die schrottreife "Fifi" wurde nach dem Krieg versenkt, "Mimi" und "Toutou" sind verschollen, die Holoholo fast ausgestorben. Immerhin stieß der Engländer Giles Foden, der ein heiteres Buch über die britische Expedition geschrieben hat ("Die wahre Geschichte der African Queen"; Fischer), im Nationalmuseum von Daressalam unter den Fetischfiguren des Stammes auf eine ganz seltsame - eine mit Tattoos, so etwas wie einem Fernglas und einem Rock, rund 60 Zentimeter hoch: Spicer.

Schiffsbauer Rüter irrte nach dem Untergang der "Goetzen" durch den Busch, bis die Engländer ihn fassten. Erst im November 1919 kehrte er nach Papenburg zurück. Die große Inflation fraß dann das Geld, das die Werft seiner Helene für den Bau der "Goetzen" ausgezahlt hatte.

Geblieben vom kolonialen Traum, sich in Afrika ein Haus daheim zu verdienen, ist nur ein Armband, zusammengelötet aus kaiserlichen Rupien, den Münzen Deutsch-Ostafrikas. Rüter hatte es für seine jüngste Tochter eingesteckt: für Änne, die er noch nie gesehen hatte. Es liegt heute in einer Schatulle, in dem Häuschen einer sehr alten Dame in Papenburg.

Sie sagt: "Ich erinnere noch genau den Tag, als er heimkam. Alle haben gesungen. Ich war noch klein, und ich war krank. Und ich hatte ihn ja noch nie gesehen. Ich habe also auf dieses Foto geguckt, das wir hatten, dann auf ihn. Dann habe ich mich auf seinen Schoß gesetzt und gesagt: 'Ja, du musst mein Papa sein.'"

Sie verlor die "Goetzen" später für Jahrzehnte aus den Augen; da war schließlich ein Zweiter Weltkrieg, der Wiederaufbau, die eigene Familie. Heute würde Rüters Änne gern einmal noch auf dem Schiff ihres Vaters stehen. Aber heute ist es zu spät. Sie kann nicht mehr gut reisen.

Denn sie wurde ja im Jahr 1914 geboren, in dem das lange Abenteuer der "Liemba" in Afrika begann.

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