Kolonialzeit "Mehr Dampf! Baut Bahnen!"

Kolonialzeit: "Mehr Dampf! Baut Bahnen!" Fotos
Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz

Es war ein Wettlauf um die Vorherrschaft in Afrika: Briten und Belgier bauten von Westen eine Bahn zum Tanganjika-See, die Deutschen von Osten. Die Bautrupps des Kaisers hatten die Nase vorn, nach nur zehn Monaten Bauzeit erreichten sie im Februar 1914 Udjidji. Doch der Erste Weltkrieg machte den Erfolg zunichte. Von

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"Mehr Dampf! Baut Bahnen! Jahrelang erscholl vergebens der Weckruf! Neuerdings aber ist es anders geworden. In allen unseren Kolonien kracht gegenwärtig die Axt, donnert der Sprengschutz, freie Bahn zu schaffen für den Unterbau, der den Schienenweg tragen soll. Nicht regenarme Steppe, nicht Feld, nicht Wasser, nicht Urwald vermag ihn aufzuhalten; siegreich dringt er vor, ein Wahrzeichen des Ernstes mit dem die Europäer begonnen haben, den schwarzen Erdteil ihrer Kultur dienstbar zu machen."

So begann der preußische Hauptmann Wilhelm von Puttkamer 1912 seinen Artikel "Der gegenwärtige Stand der Eisenbahnbauten in unseren Kolonien" in der Zeitschrift "Süssenrotters Kolonialkalender". Fast 30 Jahre waren vergangen, seit das Deutsche Reich 1884/1885 die ersten Kolonien erworben hatte. Kurz hintereinander hatte man damals Togo, Kamerun und Deutsch-Südwestafrika - das heutige Namibia - in Besitz genommen. Im April 1885 wurde auch Deutsch-Ostafrika, etwa das Gebiet des heutigen Tansania, zu einem - wie die Kolonien bezeichnet wurden - "Schutzgebiet". Unter dem so genannten Schutz des Reiches siedelten private Gesellschaften dort deutsche Kolonisten an und beuteten die Ressourcen der Territorien aus.

Um aber die reichen Rohstoffquellen nutzbar zu machen, fehlte vor allem eines: Transportwege. Es existierten nur Karawanenstraßen, die eher Trampelpfaden glichen. Das sollte sich ändern: Mit Eisenbahnstrecken wollte man die unzugänglichen Teile der Besitzungen erschließen.

4.000 Kilometer Schienen

Im Sommer 1914, kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs, waren über 4.000 Kilometer Schienen in den deutschen Kolonialgebieten verlegt. Die längste Strecke war die "Ostafrikanische Zentralbahn" in Deutsch-Ostafrika, auch "Tanganjikabahn" genannt. Sie verband Daressalam am Indischen Ozean, den Sitz der Verwaltung der Kolonie, mit dem rund 1.250 Kilometer entfernten Tanganjikasee im Landesinneren.

Erste Pläne zum Bau der Bahn gab es bereits um das Jahr 1890, wenige Jahre nach der Annexion Deutsch-Ostafrikas. Anfangs wurde das Projekt aber nur schleppend umgesetzt. 1904 gründeten jedoch Berliner Großbanken die Ostafrikanische Eisenbahn-Gesellschaft. Die Arbeiten begannen im folgenden Jahr, und 1912 wurde das erste Teilstück von Daressalam nach Tabora, einem wichtigen traditionellen Handelsplatz der Araber, eingeweiht.

Die Deutschen waren nun den beiden großen afrikanischen Binnengewässern - Tanganjika- und Victoriasee - plötzlich sehr nahe gerückt. Auch den anderen Kolonialmächten in der Region, Belgien und Großbritannien, war eines bewusst: Wer als erster mit seiner Eisenbahn die Seen erreichte, konnte sämtliche Verkehrs- und Handelsströme der Region an sich ziehen. Briten und Belgier versuchten daher, ihre Gleise von Westen her so schnell wie möglich an die Seen zu treiben. Ein Wettlauf begann.

Unter unwürdigen Bedingungen zum Endbahnhof

Noch waren die Deutschen rund 400 Kilometer vom Tanganjika entfernt. Auf dem letzten Teilstück mussten tiefe Flusstäler und ein Höhenunterschied von über 300 Metern überwunden werden. Drei Tunnels und eine Vielzahl von Brücken wurden gebaut. Im Kolonialkalender notierte Wilhelm von Puttkamer:

"Aber nicht alleine die rohe Gewalt ist es, die sich einer widerstrebenden Natur entgegensetzt, sie beugen unter den Willen des Menschen, auch dem Sinn für Schönheit, Kunst und Eleganz wird Rechnung getragen. Luftige und geräumige Stationsgebäude führt man auf; in leichter, eleganter Bauart schwingt sich der eiserne Brückenträger über den Strom, der bisher in des Urwalds erhabener Weltabgeschiedenheit dahinrauschte, übersponnen höchstens von Lianen und Schlinggewächsen in zierlichem Gewebe."

Die Wirklichkeit auf den Baustellen sah anders aus: Rund 15.000 Afrikaner arbeiteten unter unwürdigen Bedingungen, befehligt von wenigen Hundert Deutschen. Die Lieferung von Nahrungsmitteln und Medikamenten in die fast wasserlose und Malaria verseuchte Gegend war schwierig. Man konnte die Güter nur auf der neuen Bahntrasse immer wieder nachschieben. Trotzdem: Nach nur zehn Monaten Bauzeit waren die Deutschen am Tanganjikasee. Am 2. Februar 1914 wurde der Endbahnhof in der Siedlung Udjidji in Betrieb genommen.

Die Bahn bleibt

Wenige Monate später brach der Erste Weltkrieg aus. Im kleinen, schlecht ausgerüsteten deutsche "Schutztrupp" kämpften hauptsächlich einheimische Askari-Krieger. Ausgerüstet mit veralteten Waffen standen sie einer erdrückenden Übermacht der britischen Armee gegenüber. Nach wenigen Monaten war die deutsche Seite nahezu besiegt und verlegte sich deshalb bis zur Kapitulation 1918 auf einen Guerillakrieg.

In den Versailler Verträgen wurde der größte Teil der deutschen Besitzungen an Britisch-Ostafrika angegliedert. Auch die Eisenbahn gelangte in britischen Besitz. Nach der Unabhängigkeit 1961 betrieb der Staat Tansania die Eisenbahnlinie.

Immer noch ist die Mittellandbahn die einzige Möglichkeit, von Daressalam aus ins Landesinnere zu gelangen. Bis heute rumpeln die Wagons zwei Tage und zwei Nächte lang über dieselben 1.250 Kilometer Schwellen und Schienen von Krupp, die einst von Afrikanern unter der Leitung der deutschen Kolonialherren durch den Dschungel gelegt wurden.

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