Kometenpanik Der Tag, an dem die Welt durchdrehte

Kometenpanik: Der Tag, an dem die Welt durchdrehte Fotos
Sammlung Peter Weiss

Selbstmorde, Sexorgien, Sakramente: Als vor 100 Jahren der Halleysche Komet erschien, geriet die Welt auch ohne Einschlag aus den Fugen. Die Medien schürten Massenpanik, die Wissenschaft nur Verwirrung. Postkarten zeugen von den Phantasien jener Zeit - zwischen Untergangsängsten und Ausschweifungen. Von

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Der Weltuntergang war für die frühen Morgenstunden des 20. Mai angekündigt. Solange aber wollte Mr. Lord aus Alabama nicht warten. Nachdem er zunächst erwogen hatte, sich zu erschießen, stieg er auf das Dach seines Hauses. Beim Herunterspringen verletzte er sich schwer und schlug sich sämtliche Zähne aus, woraufhin er sich aus Verzweiflung ein Messer an den Hals setzte und schließlich in einen Brunnen sprang. Nach vier vergeblichen Selbstmordversuchen befinde sich W.J. Lord nun "in einem erbärmlichen Zustand", berichtete die "Washington Post" Anfang Mai 1910.

Etwa zur gleichen Zeit fanden Bergleute den Schäfer und Goldsucher Paul Hammerton aus San Bernardino, Kalifornien – mit beiden Füßen und einer Hand fest auf ein Holz genagelt. Hammerton sei offenbar verrückt geworden und habe sich selbst gekreuzigt, berichtete das Blatt. Und auch von dem Fall der "farbigen Millie Morris", die plötzlich tot umgefallen sei, als sie von einer Brücke über den Rappahannock-Fluss im Osten des Bundesstaates Virginia den Abendhimmel hatte betrachten wollen. In Oklahoma hingegen sei es Polizisten in letzter Minute gelungen, die 16-jährige Jane Warfield aus den Händen einer Sekte zu befreien, deren Führer bereits mit einem Jagdmesser bereitstand, um das in Weiß gekleidete Mädchen zu opfern.

Schaurige Unglücke, skurrile Todesmeldungen und Beinahe-Katastrophen füllten in diesen Tagen vor 100 Jahren nicht nur die Presse in den USA. Die Menschheit schien verrückt geworden zu sein - und auch den Grund dafür zu kennen: die Wiederkehr des Kometen Halley, möglicher Auslöser eines unmittelbar bevorstehenden Weltuntergangs. Dabei war bis zu diesem Zeitpunkt kaum ein anderes astronomisches Phänomen von der Wissenschaft derart umfänglich und präzise prognostiziert, beobachtet und beschrieben worden. Schon zwei Jahrhunderte zuvor hatten die Astronomen Halley als eine reguläre, berechenbare Naturerscheinung erkannt - umso erstaunlicher, dass am Beginn des aufgeklärten 20. Jahrhunderts ein solches Ereignis weltweit Panik und Hysterie auslöste. Was war passiert?

Die Botschaft des Lichts

Erste Meldungen über die Sichtung Halleys hatte es im September 1909 gegeben, ab März 1910 war der Komet mit bloßem Auge zu beobachten. Astronomen waren fasziniert ob der Himmelserscheinung mit dem gewaltigen Schweif - überrascht haben dürfte sie das Naturschauspiel indes nicht. Bereits zu Beginn des 18. Jahrhunderts hatte der britische Astronom Edmond Halley die Bahn des Kometen berechnet und dabei vorausgesagt, dass dieser - unterwegs auf einer langgestreckten Ellipse - etwa alle 75 Jahre von der Erde aus zu sehen sein würde. Als das Ereignis 17 Jahre nach Halleys Tod 1759 eintraf, erhielt der Himmelskörper seinen Namen.

Die Wiederkehr des Halleyschen Kometen zu Beginn des 20. Jahrhunderts sollte zu einem astronomischen Großereignis werden. Sternwarten auf der ganzen Welt hatten sich dafür gerüstet: Neue Erfindungen machten es möglich, Halley nicht nur zu beobachten, sondern auch die Erkenntnisse über seine Beschaffenheit und Eigenheiten zu erweitern. Der Forscherdrang elektrisierte schließlich auch die Massen - nur ganz anders, als die Wissenschaft es beabsichtigt haben dürfte.

Etwa die über den Schweif. Als einer der ersten seines Fachs hatte der britische Astronom und Physiker William Huggins mit einem Spektroskop gearbeitet. Das optische Gerät zerlegt Licht in seine Farben und Frequenzen, aus denen dann wiederum Bewegung und Zusammensetzung eines entfernten Objekts abgelesen werden. Huggins analysierte so Ende des 19. Jahrhunderts das Licht von Kometen und stellte dabei fest, dass sich in deren Schweif Kohlenstoffverbindungen nachweisen lassen - eine Entdeckung, die außerhalb der Forschergemeinde wohl kaum jemanden interessierte. Zunächst jedenfalls.

Alarmierende Nachricht

Auch der Heidelberger Astronom Max Wolf richtete in jenen Jahren seinen Blick unablässig gen Himmel - um ihn zu fotografieren. Ein gutes Foto, so hatte Wolf festgestellt, zeige auch jene Sterne und Nebelflecken, die einem Beobachter am Fernrohr normalerweise entgingen. Am 11. September 1909 machte er dabei auf einer seiner Fotoplatten eine besondere Entdeckung: "Komet Halley früh gefunden und nach Kiel gemeldet", notierte Wolf dazu in sein Tagebuch und ergänzte: "große Aufregung gewesen". Die Aufregung sollte bald noch viel größer werden.

Wolf ließ Halley nicht mehr aus dem Auge. Nachdem er eine Reihe von Aufnahmen gemacht hatte, wollte er berechnen, in welcher Entfernung der Komet an der Erde vorbeiziehen würde. Einige Nächte und noch mehr Gleichungen später kam ihm die Erkenntnis, dass die Erde am 20. Mai mit dem Schweif Halleys zusammentreffen würde. Er rechnete nach, und noch mal, und noch mal. Und obwohl er in seinen Berechnungen keinen Fehler finden konnte, zögerte er noch einige Tage. Dann entschloss er sich, die Welt zu warnen.

"Um 4 Uhr 24 am 20. Mai 1910", verkündete Wolf, "wird die Erde den Schweif des Kometen durchqueren. Er ist durch die Störungsaktionen von Jupiter und Saturn von seiner Bahn abgelenkt worden." Die Meldung setzte umgehend Spekulationen über mögliche Folgen des Ereignisses in Gang, etwa dass sich die Erdachse verschieben und die Wassermassen der Ozeane sintflutartig über die Kontinente hereinbrechen würden, dass der Kometenschweif die Atmosphäre mit Pestbazillen verseuchen oder aber die Erde ganz und gar einfangen und mit sich fortreißen könnte.

Noch schlimmer

Die schrecklichste Nachricht aber lieferte die seriöse Wissenschaft selbst. Zur Schlagzeile verdichtet lautete sie schlicht: Die Menschheit wird ersticken, vergiftet mit Blausäure. Dabei hätten die Astronomen durchaus ahnen können, welche Wirkung ihre Mitteilung über die Zusammensetzung des Kometenschweifs haben würde. Das Spektroskop zeigte Kohlenstoff-Stickstoff-Moleküle, auch Cyan genannt. In Verbindung mit Salz ergeben sich daraus Cyanide. Kaliumcyanid aber war der Bevölkerung zu dieser Zeit durchaus schon ein Begriff, besser bekannt als das hochgiftige Zyankali.

Wenige Jahre zuvor hatten mehrere europäische Staaten damit begonnen, die Entwicklung chemischer Kampfstoffe voranzutreiben. Der nächste Krieg, daran bestand kein Zweifel, würde mit Giftgas geführt. Kein Wunder also, dass die Erwägung des französischen Astronomen und Autors Camille Flammarion, dass "das Cyangas die Atmosphäre durchtränken und möglicherweise alles Leben auf dem Planeten auslöschen würde" ungeteilte Aufmerksamkeit erfuhr - und schließlich weltweit Entsetzen und Panik auslöste.

Wahrscheinlich ohne es zu ahnen befeuerten die Astronomen damit eine kommunikative Kettenreaktion, die sich einerseits aus der enormen Diskussionsfreudigkeit einer voranstürmenden Wissenschaft und andererseits den Erfordernissen einer sich gerade etablierenden Massenpresse speiste - und die Welt täglich mit immer erstaunlicheren Schlagzeilen überschwemmte. Die Flut von Informationen, Spekulationen und immer absurder erscheinende Meldungen, deren Wahrheitsgehalt - wie etwa die der versuchten Jungfrauenopferung - höchst zweifelhaft blieben, kumulierte bis etwa Mitte Mai.

Schlechter Scherz

Für den 18. des Monats, dem Zeitpunkt der größten Erdnähe Halleys, waren in Paris Kometensoupers angekündigt, in Madrid pilgerten die Menschen zu den höchstgelegenen Plätzen der Stadt, in Rom blieben Cafés und Restaurants rund um die Uhr geöffnet. Auch in der Nacht auf den 20. Mai ging es jedenfalls bis gegen zwölf noch äußerst lebhaft auf den Straßen und Dächern Roms zu, wie der Korrespondent der "Frankfurter Zeitung" später berichtete.

Ganz anders dagegen in Neapel: Viele Menschen strömten in Kirchen, um die Sakramente zu erhalten. Zu Hause verrammelten sie Fenster und Türen und verstopften alle Ritzen und Schlüssellöcher - "damit das Kometengas nicht eindringen könne".

Die kaiserlich-königliche Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik in Wien ließ am 19. Mai zwei Ballone steigen, um die chemischen Veränderungen in der Atmosphäre zu prüfen und gegebenenfalls die Bevölkerung rasch zu informieren.

Kurzzeitige Aufregung gab es in der Nacht in Köln: Auf dem Neumarkt, so berichtete der "Generalanzeiger für Bonn", hatte jemand ein Ofenrohr aufgestellt. "Wer durch das Ofenrohr in die schwarz mit Wolken bedeckte Luft sehen wollte, hatte einen Obolus zu entrichten. Die meisten faßten den Scherz gutmütig auf. Verschiedene verlangten aber energisch ihr Geld zurück, und es kam zu einem schweren Krach, so daß die Polizei einschreiten mußte."

Echte Neuigkeiten

Am nächsten Morgen konstatierte die "Frankfurter Zeitung" nüchtern: "Die Berichte von der Sternwarte Berlin, von der Treptower Sternwarte und dem Potsdamer Observatorium stimmen alle darin überein, dass vom Halleyschen Kometen und seiner Berührung mit der Erde in den Morgenstunden der verflossenen Nacht absolut nichts zu sehen und zu merken war." Der Weltuntergang war ausgeblieben.

Nachhaltige Folgen hatte das Ereignis indes einem Zeitungsbericht zufolge in dem kleinen Ort Gowanda nahe Buffalo im US-Bundesstaat New York. Dort hatte die Halley-Euphorie zu einem echten Erkenntnisgewinn geführt - allerdings nicht astronomischer, sondern menschlicher Natur.

Ein von der Gemeinde angeschafftes Fernrohr war gerade zufällig auf einen Hügel oberhalb des Dorfes ausgerichtet, als sich eine Gruppe älterer Leute mit dem Gerät vertraut machte. Auf dem Hügel beobachteten sie ein Paar beim Liebesakt, woraufhin man sich entschloss, "die Suche nach dem himmlischen Objekt aufzugeben und nach irdischen Körpern Ausschau zu halten. Zum Vergnügen aller konnten noch sechs weitere Szenen dieser Art mit dem Fernrohr entdeckt werden" - dabei auch in Paarungen, die bislang noch nicht bekannt waren und es wohl auch nicht werden sollten. Die moderne Astronomie hatte den Bewohnern von Gowanda die Augen geöffnet. Ehescheidungsprozesse, zu prognostizierte die Zeitung, seien nun auch dort in der Zukunft nicht mehr auszuschließen.

Zum Weiterlesen:

Froböse, Rolf: Der Halleysche Komet, Verlag Deutsch, Thun, 1985.

Harpur, Brian: Halleys Komet. Das offizielle Buch der 'Halley's Comet Society', Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 1985.

Sagan, Carl/Druyan, Ann: Der Komet, Droemer Knaur, München, 1985.

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