Kommune 1 und "taz" Der geraubte Tisch der Apo

Hier wurde die Verteidigung späterer RAF-Terroristen geplant, die erste Frauenquote erkämpft, trafen sich die Väter des Chaos Computer Clubs. Dann wurde Deutschlands politischster Tisch plötzlich entführt.

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Nackt standen sie in einem Berliner Hinterhof, nur die Gesichter mit Skimasken vermummt. An einen Baum neben ihnen hatte jemand ein Porträt des ehemaligen DDR-Generalsekretärs Erich Honecker genagelt. Vor ihnen ein Tisch, akkurat gedeckt, weiße Decke, weiße Servietten.

So ließen sich die Hausbesetzerinnen und Hausbesetzer aus der Mainzer Straße in Friedrichshain im Sommer 1990 fotografieren, um ihren Coup festzuhalten. Ihr Diebesgut stammte aus der "taz"-Redaktion. Es war 5,50 Meter lang und 1,50 Meter breit, aus heller Maserknolle, die Kanten mit Kugelschreiber-Kritzeleien übersät: der wohl politischste Tisch der deutschen Geschichte, Schauplatz etlicher hitziger Debatten.

Das Möbelstück war mehr als irgendein seelenloses Ikea-Massenprodukt. Es war für viele Linke der 68er-Bewegung fast ein Heiligtum aus Holz. Und dieses Heiligtum, das einst in der Kommune 1 gestanden hatte, war nun geraubt worden - ausgerechnet von Linken, die Linken vorwarfen, keine echten Linken mehr zu sein.

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Ein Tisch und seine Geschichte: Vollgekritzelt, geraubt, geschändet

Die Geschichte dieses außergewöhnlichen Tisches beginnt mehr als 20 Jahre vor seiner bizarren Entführung: Damals wurde der Tisch Zeuge, wie sich die Westberliner Studentenbewegung nach 1968 teils radikalisierte, teils Drogen nahm und teils den Marsch durch die Institutionen antrat. Wie sich linke Gruppen gründeten und wieder zerstritten und die Revolte in der Revolte mit den 68ern abrechnete.

Ströbele zahlte 800 Mark

Woher der Tisch ursprünglich kam, weiß heute niemand mehr genau. Hans-Christian Ströbele und Klaus Eschen vom "Sozialistischen Anwaltskollektiv" kauften ihn 1969 auf einem Krempelmarkt in Berlin-Charlottenburg. 800 Mark zahlten die beiden für das Ungetüm, dazu bekamen sie eine Handvoll Plastikstühle. Die Anwälte planten in dieser Zeit unter anderem, wie sie den späteren RAF-Terroristen Andreas Baader verteidigen - der hatte in einem Frankfurter Kaufhaus Feuer gelegt.

Der Tisch aber erwies sich als zu groß für das Anwaltsbüro in der Wilmersdorfer Meierottostraße. Das Kollektiv ersann ein Seilzugsystem, um ihn an die Decke zu ziehen. Bevor es den Plan in die Tat umsetzte, verschwand der Tisch jedoch. Auf Umwegen gelangte er in die berühmte Kommune 1, die sich in einem Fabrikgebäude in der Moabiter Stephanstraße niedergelassen hatte.

Die Kommune um Rainer Langhans, Dieter Kunzelmann und Fritz Teufel, der zu dieser Zeit schon in München war, zerfiel bereits - die einen suchten den Drogenrausch, die anderen den politischen Umsturz. Im November 1969 überfielen Rocker die WG, verprügelten Langhans, seine Freundin Uschi Obermaier und die restlichen Kommunarden. Es war das Ende der K1.

Verschwörungen am Tisch - bis der Staatsschutz kam

Die Fabriketage in der Stephanstraße übernahm danach die Proletarische Linke/Parteiinitiative. Die Kader der Arbeiterorganisation tagten in fester Sitzordnung am Tisch. Wenig später löste sich die PL/PI wieder auf.

Eine Spontigruppe zog ins Gebäude und ließ in den Siebzigerjahren verschiedene Versammlungen am Tisch zusammenkommen. Eine davon war die Rote Hilfe. Die Organisation verteidigte linke Aktivisten vor vermeintlicher staatlicher Verfolgung und stellte sich in die Tradition der KPD-nahen Roten Hilfe Deutschland, die 1939 von der Gestapo zerschlagen worden war.

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Am Tisch konferierte auch die Redaktion der linksradikalen Wochenzeitschrift "Info BUG" (Berliner Undogmatische Gruppen). Das "U" in ihrem Namen stand später auch wahlweise für "Unfassbare", "Unweigerliche", "Unzählige" und "Unverfrorene" Gruppen. 1977 besetzte der Polizeiliche Staatsschutz ihre Druckerei und nahm vier Drucker in Untersuchungshaft; sie sollen eine terroristische Vereinigung unterstützt haben. Die Zeitschrift wurde eingestellt.

Entblößte Brüste gegen frauenfeindliche Pornografie

Nach dem RAF-Terror im Herbst 1977 wandten sich viele Linke von militanten Strömungen ab. Einige versuchten fortan, die Gesellschaft mithilfe der bestehenden Institutionen zu verändern. Hans-Christian Ströbele etwa trat der Alternativen Liste bei, einer neuen Partei, die bei der Berliner Abgeordnetenhauswahl 1979 auf Anhieb fast vier Prozent holte und später in den Grünen aufgehen sollte.

Parallel rief der Anwalt mit Mitstreitern die Tageszeitung "taz" ins Leben, die ab 1979 regelmäßig erschien. Ströbele erinnerte sich damals wieder an seinen alten Tisch und holte ihn in die Weddinger Wattstraße, wo die Redaktion entstand.

1980 schrieb ein ehemaliger "taz"-Redakteur einen Artikel, in dem er eine Frau als "geile, junge Sau" bezeichnete und detailliert schilderte, wie er sie mit seinen Zehen befriedigt hatte. Die Mitarbeiterinnen der "taz" protestierten am Redaktionstisch gegen die ihrer Ansicht nach frauenfeindliche Pornografie. Als ein Mann sie als prüde beschimpfte, entblößten sie ihre Brüste. Wenig später traten sie in den Streik. So erstritten sie die erste Frauenquote in Deutschland: 52 Prozent der Beschäftigten sollten nun weiblich sein. Nebenbei setzten sie ein Rauchverbot durch.

Dann tagten die Hacker am Tisch

Ein Jahr später riefen der Hamburger Wau Holland und Klaus Schleisiek alias Tom Twiddlebit unter der Überschrift "TUWAT, TXT Version" alle "Komputerfrieks" ins Redaktionsgebäude. Das Treffen brachte Menschen zusammen, die wenig später die heute größte Hacker-Vereinigung der Welt gründen sollten: den Chaos Computer Club.

Fast zehn Jahre blieb der Tisch bei der "taz", wurde aber nach dem Umzug in der Kreuzberger Rudi-Dutschke-Straße aus den Konferenzräumen in die Kantine verbannt. Die "taz" streifte ihre Apo-Vergangenheit ab und empfing Berlins Regierenden Bürgermeister Walter Momper und verschiedene Bundesminister zum Interview.

Nach dem Mauerfall besetzten Westberliner Gruppen mehrere Häuser im ehemaligen Ostberliner Friedrichshain, unter anderen in der Mainzer Straße. Ein "taz"-Redakteur, selbst aus der DDR, kritisierte den Vorgang als Akt der Kolonialisierung, als Links-Imperialismus von West-Autonomen.

Überfall bei Redaktionsschluss

Das hatte Folgen: Im August 1990 rächten sich die Hausbesetzer. 20 Personen betraten das "taz"-Gebäude kurz vor Redaktionsschluss, als dort alle Redakteure an den Texten feilten. Die Eindringlinge zerlegten den Tisch in zehn Teile, hievten ihn über einen Bauzaun im Innenhof und fuhren ihn wohl mit einem Kleintransporter davon. Als Mitarbeiter der Zeitung den Diebstahl bemerkten, alarmierten sie sofort die Polizei.

Die Beamten verfolgten den Transporter, doch am Checkpoint Charlie mussten sie abdrehen: Berlin war damals offiziell noch geteilt und die Westpolizei hatte im Osten keine Befugnisse.

Die "taz" nannte die Diebe in einem Artikel "Rotzlöffel", den Tisch eine "Reliquie" und sich selbst "legitime Erben der Studentenbewegung". Die Autonomen konterten, dass aus ebendiesen Studenten "etablierte Geldsäcke und Stützen des Staates" geworden seien. "Dieser Tisch ist eine sozialrevolutionäre Reliquie und hat bei Euch schon lange nix mehr verloren", schrieben sie. Kurz danach verhöhnten sie die "taz" mit ihrem Nacktfoto vor dem gedeckten Tisch.

Ströbele verfasste einen offenen Brief an die Hausbesetzer in der Mainzer Straße. "Wenn Ihr ihn nicht verheizen oder verkloppen wollt, sondern den Etappen, die seine Tradition prägen, eine neue anfügen wollt, so sei er Euch hiermit zu treuen Händen überlassen." Es sei falsch, dass die "taz" den Tisch als ihr Eigentum betrachte, denn auch sie habe ihn nur anvertraut bekommen.

Möbel geht in Flammen auf

Monatelang passierte nichts im Fall des skurrilen Tisch-Raubs. Bis die Polizei im November 1990, kurz nach der Wiedervereinigung, die Häuser in der Mainzer Straße zu räumen versuchte. Die Autonomen errichteten Barrikaden und warfen Molotow-Cocktails, die Polizei rückte mit Wasserwerfern vor. Am Ende vertrieb sie die Besetzer. Die regierende SPD hatte ihren Koalitionspartner, die Alternative Liste, über den Einsatz nicht informiert, sodass die Koalition nach der Straßenschlacht zerbrach.

SPIEGEL TV

Den erbeuteten Tisch aber hatte die Polizei nicht sichergestellt. Autonome hatten ihn zuvor im Keller versteckt. Einige Tage nach der Räumung gelangte er in eine besetzte Villa nahe Königs Wusterhausen.

Bald entwendeten Hausbesetzer aus Potsdam den Tisch aus der Villa. Und machten ihn 1993 zum letzten Mal zu einem politischen Möbelstück - indem sie ihn demonstrativ verbrannten.

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Michael Klein, 06.01.2019
1. das letztere...
stimmt nicht. es geht die sage um, fritz teufel sitzt im kiffhaeuser am tisch und raucht ein pfeifchen nach dem anderen. man munkelt er wird zum wiedergaenger wenn in deutschland rote fahnen wehen. dann wird er mit seinem fahrrad aus dem kiffhaeuser steigen und die weltrevolution anfuehren.
Dieter Herrmann, 07.01.2019
2. Und was ist noch falsch?
Die K! hat sich damals ganz sicher nicht in der Mainzer Straße in Friedrichshain getroffen. Was hätten sie auch in der "Hauptstadt der DDR" machen sollen? All das passierte in der Mainzer Straße im (West-Berliner) Bezirk Neukölln. Und natürlich war die Redaktion der taz zu der Zeit nicht in der Rudi-Dutschke-Straße. Die gab es noch gar nicht. Wenn ich mich recht erinnere waren die Redaktionsräume in der Kreuzberger Kochstraße.
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