Konfrontation mit der Staatsmacht Mitgegangen, mitgefangen

Konfrontation mit der Staatsmacht: Mitgegangen, mitgefangen Fotos
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Eigentlich wollte er immer ganz anders leben als seine Eltern. Doch als es soweit war, siegte die Vernunft. Karl Wilhelm Meier begann eine Ausbildung in Bremen - bis ihn eines Tages die Protestwelle der 68er sprichwörtlich mit sich riss. Von

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Ich komme aus einer Arbeiterfamilie. Vater Zimmermann, Mutter Packerin, eines von fünf Kindern. Das Geld war immer knapp. Mein Leben schien vorgezeichnet: Schule, Lehre, Familie, Geldsorgen. Gab es einen Ausweg aus diesem ewigen Kreislauf?

Ich kannte keinen. Also absolvierte ich die Volksschule - mit mäßigem Erfolg. Und danach? Zimmermann wollte ich nicht werden, Kellner oder Werbekaufmann war mein Traum. Kellner durfte ich nicht. Werbekaufmann gab es nicht. Folglich wollte ich gar nichts werden.

Vernünftig wurde ich erst, als mein Vater plante, mich zu einem Schornsteinfeger in die Lehre zu stecken. Das wollte ich auf gar keinen Fall. So bewarb ich mich in Bremen um einen Ausbildungsplatz als Großhandelskaufmann. Stolz ging ich am ersten Tag im Konfirmationsanzug in die Firma. Aufgabe: Einen LKW abladen, danach Altpapier in Säcke stopfen. Der andere Weg war das wohl auch nicht.

Eine Menschenmenge - und ich mittendrin

Plötzlich gab es Ärger. Es hieß, die Straßenbahnen hätte gestern nicht fahren können. Schüler hätten sich auf die Schienen gesetzt und den Verkehr blockiert. "70 Pfennig - lieber renn ich", hätten sie gerufen. 'Würde ich ja auch machen, wenn der Weg nicht so lang wäre', dachte ich. Was als Warnung gemeint war, kam bei mir als Aufforderung an.

Ich stellte fest, dass sich auf dem Liebfrauenkirchhof einen Menschenmenge versammelt hatte. Bald stand ich mittendrin. Je länger ich dort stand, umso langweiliger wurde es. Plötzlich wurde einer aus der grauen Masse sichtbar. "Lasst uns zur Domsheide gehen", forderte er die anderen auf, "da fahren die Bahnen." Es widersprach nicht der Logik, was er sagte. Aber eine Bahn zu blockieren war nicht meine Sache.

Die Gruppe setzte sich in Bewegung, durch die Sögestraße, die Obernstraße entlang, am Rathaus vorbei. Jemand rief von dort mit einem Megafon, er wolle mit den Demonstranten sprechen. "Raus kommen, raus kommen", skandierten die Menge. Doch Richard Boljahn, der kleine König von Bremen, traute sich nicht zu seinen Untertanen. Hans Koschnick, unser Bürgermeister, hatte einen Röntgenkongreß für wichtiger angesehen als das, was sich da in seiner Stadt tat.

Überall Polizei

"Hinter uns ist die Polizei", sagte jemand, "die machen die Straße dicht", vorne sei auch schon alles abgesperrt. Mittendrin stand ich - überzeugt, da nicht mehr heil rauszukommen.

Wir kamen bis zum Landgericht. Da stand die nächste Polizeikette. Wie die aussah, weiß ich gar nicht mehr genau - nur, dass ich keine Angst vor den Beamten hatte, ich war mir keiner Schuld bewusst.

Eine ganze Zeit lang tat sich nichts mehr. Straßenbahnen fuhren sowieso nicht, die Polizisten standen in einer Reihe, die Demonstranten dahinter. Nicht nur mir wurde es langweilig. Ich machte mich auf den Rückweg.

Das schien die Polizei zu wecken. Plötzlich hieß es, die Versammlung sei aufgelöst. Man solle den Platz in Richtung Weser-Brücke verlassen. Wer jetzt nicht ginge, mache sich des Landfriedenbruchs schuldig.

Wasserwerfer im Einsatz

Verstanden hat das von Seiten der Demonstranten wohl niemand. Womöglich wollte der Polizeipräsident zeigen, wie man mit Wasserwerfern und Prügelpolizisten die öffentliche Ordnung wieder herstellt. Der Wasserwerfer kam zuerst. Sein Strahl traf die mitgehenden Journalisten unter den Glocke-Arkaden, was mich amüsierte. Schließlich waren die doch bestimmt älter als 25 und damit nach meinem Verständnis Teil des Systems, das es zu bekämpfen galt.

Dann traf der Strahl des Wasserwerfers auch mich - erst auf dem Rücken, dann riss er mir die Beine weg. Ich fiel in eine Baugrube, durch die wohl einige Demonstranten geflüchtet waren. Reichlich mit Lehm verschmiert kam ich wieder nach oben - diesmal bei der Börse. Ich sah zu, dass ich zum Bahnhof kam.

Warum man mit friedlichen Demonstranten so brutal umging, habe ich damals nicht verstanden. Ich beschloss, bei nächster Gelegenheit die Grenzen erneut auszutesten.

Die Gelegenheit allerdings ließ auf sich warten, denn meine Eltern waren alles andere als begeistert. "Du glaubst doch nicht, dass du zur Gehilfenprüfung zugelassen wirst, wenn du so weitermachst", hielten sie mir vor. Ich widersprach nicht, ich wusste es nicht besser. Aber ich konnte mir auch nicht vorstellen, dass man für eine friedliche Demonstration mit Berufsverbot bestraft wird. Wurde man auch nicht.

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