Filziges Geschenk der Industrie Adenauers Skandal-Villa

Eine pompöse Ruine im Wald der Eifel - mehr blieb nicht von der "Adenauer-Villa". Die Trümmer zeugen vom Klüngel der jungen Bundesrepublik. Industriebosse wollten dem Kanzler 1955 eine große Freude machen.

Armin Himmelrath/ SPIEGEL ONLINE

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Wer ins "Camp Konrad" will, muss erst einmal die Mineralquelle ganz am Ortsrand von Duppach in der Vulkaneifel finden. Eine halbe Stunde geht es zu Fuß weiter, vorbei an weidenden Kühen und dann rechts hoch in den Wald. Die erstaunlich breiten Wege führen auf die Spitze einer kleinen Bergkuppe - zu einer imposanten Backsteinruine mitten im Wald.

Auch heute lässt sich noch erahnen, was für ein luxuriöses Bauwerk hier einst geplant war. 600 Quadratmeter Wohnfläche wiesen die Bauzeichnungen aus, verteilt auf drei Geschosse. Angeblich sollte der Keller sogar atombombensicher ausgebaut und auf dem Dach ein Hubschrauberlandeplatz angelegt werden. Zu erkennen ist das nicht mehr - und vielleicht auch nur Teil des Mythos, der die Trümmer im Wald umgibt.

Was noch zu sehen ist: die riesigen Fenster mit Blick auf die Eifelhöhen; der Doppelkamin, an dem man auch auf der überdachten Terrasse sitzen konnte; die zahlreichen Zimmer, offenkundig für Gäste, Fahrer und andere Bedienstete gedacht.

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Adenauers Eifel-Filz: Die Luxusvilla mitten im Wald

Mit der pompösen Villa in der Waldidylle wollten deutsche Wirtschaftsvertreter in den Fünfzigerjahren Bundeskanzler Konrad Adenauer beschenken. Schon der Bauantrag war alles andere als gewöhnlich: Am 11. Juli 1955 wurde das "Projekt LS/36/55" beim Landratsamt eingereicht, geplant war der "Neubau eines Jagd-, Wochenend- und Gästehauses bei Duppach" auf einem 2000 Quadratmeter großen Grundstück mitten im Eifler Kammerwald.

Der Filzkanzler und das "strohdumme" Volk

Keine zwei Wochen später, am 23. Juli, lag auch schon die Baugenehmigung vor - und sofort begannen die Arbeiten.

Das Bauwerk, geplant als Alterssitz, Gäste- und Jagdhaus für Konrad Adenauer, war ein Präsent aus Wirtschaftskreisen. Den Antrag unterschrieben hatte Baurat Friedrich Spennrath, ab 1947 Vorstandsvorsitzender des Industriekonzerns AEG und zudem Präsident der Industrie- und Handelskammer Berlin - einer der mächtigsten Wirtschaftsvertreter in der jungen Bundesrepublik.

Auch der beteiligte Architekt pflegte beste Beziehungen in die höchsten Kreise der BRD: Heribert Multhaupt war seit 1954 mit Lotte Adenauer, Tochter des Bundeskanzlers, verheiratet.

Bald nach Baubeginn im Sommer 1955 sprach die Bevölkerung in der Eifel nur noch von der "Adenauer-Villa". Manche spotteten auch über "Camp Konrad", in Anspielung auf Camp David, Urlaubssitz des amerikanischen Präsidenten. Und es wurde, hinter vorgehaltener Hand und zunehmend auch in den Lokalzeitungen, über die verfilzten Beziehungen zwischen dem Bundeskanzler und der Spitze der deutschen Industrie spekuliert.

Klüngeln geht immer

Dass Konrad Adenauer es mit den ethischen Grundsätzen seines Amts nicht immer so genau nahm, ist bekannt. "Natürlich achte ich das Recht. Aber auch mit dem Recht darf man nicht so pingelig sein", sagte der erste Kanzler der Bundesrepublik einmal. Er ließ Oppositionsparteien bespitzeln, die SPD wie die FDP, wie der SPIEGEL kürzlich in einer Titelgeschichte anhand von Geheimakten aufblätterte. Er verachtete das Volk als "strohdumm" und war sich nicht einmal zu schade, gegen Kritiker wie den Kölner Karnevalisten Karl Küpper vorzugehen.

Adenauervilla im Video: Die Luxusruine

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Auch Architekt Heribert Multhaupt sollte später noch einmal von der engen Verbindung zum Regierungschef profitieren: 1959 arbeitete er die Pläne für eine Großgaststätte am Kölner Rudolfplatz aus; die Wicküler-Küpper-Brauerei wollte sie errichten. Die Stadt war bereit, dafür ein 330-Quadratmeter-Grundstück in bester Innenstadtlage für 375.000 Mark an die Brauerei zu verkaufen.

Deren Aufsichtsrat wiederum leitete, Zufall oder nicht, Wilhelm Werhahn - der Schwiegervater von Adenauers anderer Tochter Libet. Dass deutsche Industrievertreter dem Kanzler mit der Villa in der Eifel ein anrüchiges Geschenk machen wollten, passte also durchaus in die Zeit.

Fragwürdige Verflechtungen

Spennrath und Adenauer galten als so enge Freunde, dass der SPIEGEL bereits im März 1954 darüber berichtete, wie die Grunewald-Villa ihm als Quartier bei einem Berlinbesuch diente: "Diese Villa [...] war taktisch schlecht gewählt, denn sie gehört dem Baurat Dr.-Ing. Friedrich Spennrath, der Vorsitzender des Vorstandes der AEG ist, Posten u. a. bei der Hydra Werke AG, der Telefunken GmbH, der Allgemeinen Lokalbahnen und Kraftwerke AG Berlin-Hannover, der Bayerischen Zugspitzbahn AG, der Finower Kupfer- und Messingwerke AG, der Kupferwerke Ilsenburg AG Berlin, der Osram GmbH und der Schultheiss-Brauerei AG bekleidet und Präsident der Handelskammer Berlin, Präsident der Deutschen Weltwirtschaftlichen Gesellschaft sowie Präsidialmitglied des Bundesverbandes der Deutschen Industrie ist."

Eine enorme Ämterhäufung. Der SPIEGEL kritisierte, der "ostzonalen Propaganda" werde es auf diese Weise "leichtgemacht, Adenauer erneut als 'Knecht der Industrie-Barone' zu schmähen".

Dass er sich wegen zu enger Verbindungen zu Spennrath und anderen Industrievertretern angreifbar machte, interessierte Adenauer im Fall des Berlin-Besuchs offenkundig nicht. Bei der geplanten Luxusvilla in der Eifel ein Jahr später war das anders: Nachdem die Spekulationen über das Immobilienpräsent öffentlich wurden, stoppten die Arbeiten nach wenigen Monaten. Augenzeugen berichten, die Arbeiter hätten die Baustelle fast fluchtartig verlassen; sogar Heizöl soll sich bereits in den Lagertanks befunden haben.

"Eine vernünftige Bereinigung"

Heute ist die Ruine teilweise eingestürzt, Decken sind eingebrochen, Pflanzen wuchern in den Mauerritzen. Erkennbar ist noch, dass die Elektroinstallation teils schon vergipst war. Der Ausblick aus den riesigen Fenstern ist, obwohl mittlerweile Bäume davor stehen, immer noch imposant. Kein Zweifel, für den greisen Adenauer wäre das ein standesgemäßer Alterssitz für die letzten Jahre vor seinem Tod am 19. April 1967 gewesen.

Doch wie viel wusste der CDU-Politiker wirklich über das Projekt? Hat er, wie später kolportiert wurde, das anrüchige Geschenk wirklich unmittelbar abgelehnt, als er davon erfahren hatte? SWR-Recherchen legen nahe, dass der Kanzler ziemlich viel gewusst haben muss. So war er noch drei Jahre nach Baubeginn in Bemühungen eingebunden, die Geschichte rund um das riesige Gebäude vergessen zu machen.

SPIEGEL Edition Geschichte

Erhalten ist ein Brief, den Adenauer am 6. August 1958 von seinem Freund Robert Pferdmenges bekam, damals Präsident des Bundesverbandes Deutscher Banken. "Wie Sie mir vor kurzem mitgeteilt haben, hat Frau Spennrath Ihnen geschrieben, dass Herr Spennrath sich große Sorgen um das Obligo Haus in der Eifel macht, und hat Sie gebeten, darauf hinzuwirken, dass diese Angelegenheit abgewickelt wird", schrieb der Bankier an den Kanzler. Weiter deutete Pferdmenges Spannungen über den Finanzrahmen des Bauprojekts an, den Spennrath ohne sein Wissen überzogen habe.

Adenauer und Pferdmenges waren sich einig: Sie wollten die ganze Gelegenheit möglichst geräuschlos beerdigen. Der Bankier teilte in dem Schreiben mit, man werde "noch eine gewisse Zeit benötigen, um eine vernünftige Bereinigung zu ermöglichen".

Heute besuchen hin und wieder neugierige Wanderer den entlegenen Bau. Eine Rolle spielt er auch im Krimi "Eifel-Jagd" (1998) von Jacques Berndorf. Darin besucht Ermittler Siggi Baumeister die Ruine und lässt sich vom Förster erklären: "Komisch ist, dass das Haus fast fertiggestellt und trotzdem sehr wenig weggetragen wurde, während es einsam vor sich hin verrottete. Normalerweise können die Eifler alles gebrauchen, aber hier ließen sie sogar die Heizkörper, den Ölofen und die Fensterrahmen unangetastet, es war eben für den ollen Konrad gedacht gewesen, und den beklaut man nicht."

insgesamt 15 Beiträge
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Seite 1
Stephan Holthusen, 19.04.2017
1.
Er erachtete das Volk als "strohdumm". Adenauer war seiner Zeit weit vorraus. Bis heute aktuell.
Volker franz, 19.04.2017
2. Alles passt
Ich möchte nicht in der Eifel leben, außer? Bitburg! Sie wissen schon; tiefe Quellen! Was hätte man damals gewählt? Adenauer? Strauß? Wehner? Ich weiß es nicht?
Marcus Straub, 19.04.2017
3. Nun, im Prinzip.....
...machte die deutsche Wirtschaft da weiter, wo sie 1945 aufgehört hatte. Nur an oberster Spitze wurde das Personal ausgetauscht. Und als ehemaliger kölner Bürgermeister war Konni ja hinreichend "geschult". Ich vermute aber, nicht das Kolportieren der Info über die Villa an die Presse führte zum Abruch der Tätigkeiten, sondern vielmehr wollte der sture Alte einfach sein gemütliches Heim in Rhöndorf nicht aufgeben.
Stephan Jansen, 19.04.2017
4. Industriebosse wollten dem Kanzler 1955 eine große Freude machen.
Netter, gefälliger Journalismus; und das von einem Blatt, dass sich vor Jahrzehnten im Kampf gegen Strauss und seine Korruptionsaffären verdient gemacht hat. Warum schreibt Ihr nicht in die Überschrift, was es wirklich war: Industriebosse wollten den Kanzler 1955 bestechen. Punkt.
Franz-Josef Strauss, 19.04.2017
5. Ist schon erstaunlich
das es doch immer die "hochanständigen" konservativen Ministerpräsidenten und Kanzler/innen waren und sind die sich für unfehlbar halten, entsprechend eigenmächtig Entscheidungen, auch gerne mal gegen Recht und Gesetz, fällen und es mit der eigenen Gesetzestreue schon gar nicht zu genau nehmen wollen. Vergleichbares ist mir von den "linken Staatszerstörern" nicht bekannt.
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