Epidemie im KZ Läuse gegen Medikamente

Ein KZ-Häftling betrieb 1944 einen ungewöhnlichen Handel mit der SS, für einen Laborarzt sammelte er die Läuse seiner Mitgefangenen. Josef Königsberg verdankt diesem Tauschgeschäft sein Leben.


Während des Zweiten Weltkriegs war ich im KZ Faulbrück nahe der niederschlesischen Stadt Reichenbach interniert, als dort im Mai 1944 das Läusefieber ausbrach. Diese typische Kriegserkrankung, auch als Fleckfieber oder "Hungertyphus" bekannt, war damals in dicht besiedelten Wohngebieten, an der Ostfront und in Konzentrationslagern verbreitet. Ursache war mangelnde Hygiene. An Orten, an denen viele Menschen eng zusammenlebten, gab es meist zu wenige Waschmöglichkeiten.

Wir Gefangenen waren zu Dutzenden in Baracken untergebracht. Es gab einen zentralen Waschplatz, den aber die meisten von uns nicht nutzten. Erstens hätte die knappe Zeit bis zum morgendlichen Appell kaum ausgereicht, und zweitens waren wir im Winter bis auf die Knochen erfroren, sodass wir lieber auf eiskaltes Wasser verzichteten. Außerdem hatten wir keine Seife.

Bereits wenige Tage nach Ausbruch der Epidemie lagen die Kranken hilflos auf den mit Urin durchnässten und mit menschlichen Exkrementen verschmutzten Lagern. Sie halluzinierten und waren verwirrt. Die Zahl der Siechenden nahm mit jedem Tag zu. Dieses Fieber steigt rasch auf weit über 40 Grad an, kann zwei bis drei Wochen andauern und schädigt Gehirn, Leber und Nieren. Ohne ärztliche Hilfe verläuft die Krankheit tödlich.

Fiebertraum von Fressgelage

Zwei Wochen nach dem Ausbruch der Seuche wurde auch ich angesteckt. Mein Kopf begann plötzlich zu glühen, ich bekam hohes Fieber und Durchfall. Ohnmächtig fiel ich auf die Pritsche. Bis heute weiß ich nicht, wie viele Tage ich bewusstlos war. In Erinnerung blieb mir eine Halluzination, ein Traum, den ich bis zum heutigen Tag nicht vergessen habe.

Ich befand mich in einem "Zigeunerlager" und saß an einem enorm großen Feuer. Die "Zigeuner" spielten lustig auf ihren Instrumenten, halbnackte Mädchen tanzten ausgelassen zur Musik. Einer der "Zigeuner" kam auf mich zu und sagte: "Mein Junge, du bist sehr krank und du hast bestimmt auch Hunger. Hier sind heiße Kartoffeln und eine leckere Wurst, die ich soeben gegrillt habe." Ich aß und aß ohne Ende. Ich war glücklich, denn es war schön warm. Im Unterbewusstsein spürte ich, dass dies eine Halluzination war, die allerdings nie enden sollte.

Als ich irgendwann erwachte, fand ich mich auf einem Krankenbett wieder. Im ersten Augenblick wusste ich nicht, ob ich noch träumte oder tatsächlich in einem richtigen Bett lag. Meine Verwirrung löste sich auf, als sich mein ehemaliger Schulfreund Alexander Weinreich über mich beugte.

Kranke verschwanden auf Nimmerwiedersehen

Alek, wie wir ihn nannten, leitete als Sanitäter eine Krankenstube, die mit vier bis sechs Betten ausgestattet war. Schwer erkrankte Häftlinge, die dort bleiben durften, wurden so gut es ging behandelt. Hin und wieder bekam Alek Bandagen und Schmerzmittel, mit denen er sparsam umgehen musste. Die weniger Glücklichen wurden an einen unbekannten Ort abtransportiert. Man sah sie nie wieder.

"Also, du lebst! Gott sei Dank! Nur durch einen Zufall habe ich dich am Boden liegend entdeckt", sagte Alek erleichtert. "Tamara und ich waren um deine Gesundheit sehr besorgt. Du hattest über einundvierzig Grad Fieber und hast ununterbrochen von 'Zigeunern' und gutem Essen halluziniert."

Tamara war Aleks Freundin und arbeitete in der Lagerküche. Sie war ein bildhübsches Mädchen mit dunklen Augen und schwarzen Haaren. Kurz nach der Befreiung heirateten die beiden, doch leider währte ihr Glück nur kurz. Zwei Jahre nach der Heirat starb Tamara, wahrscheinlich an den Folgen der fünfjährigen KZ-Haft.

"Mach dir keine Sorgen", beruhigte mich mein Freund. "Du bleibst erst einmal hier bei mir, solange wir es einrichten können. Tamara wird dich versorgen, damit du nicht hungern musst und bald wieder zu Kräften kommst. Ich werde versuchen, dich nach deiner Genesung für Lagerarbeiten einteilen zu lassen, damit du von der schweren Sklavenarbeit verschont bleibst."

Läuse, für ein Stück Brot gesammelt

Alek stellte vorsichtig ein Gefäß auf einen Tisch. "Was ist darin?" erkundigte ich mich neugierig. Er schaute mich prüfend an: "Wusstest du nicht, dass ich 'Läusesammler' und 'Läuseverkäufer' bin?" Dann erzählte er mir von seinem Handel mit dem SS-Arzt Dr. Weingard. Diesen Namen sollte ich ewig im Gedächtnis behalten.

"Für ein Stück Brot, das ich von meinen knappen Rationen abzweige, suchen die Jungs Läuse für mich. Diese Ausbeute habe ich heute bekommen", erklärte Alek. "Ein SS-Unterscharführer fährt mit mir in ein Labor, das circa zehn Kilometer entfernt ist. Dort übergebe ich dem SS-Hauptsturmführer Dr. Weingard die gesammelten Läuse und bekomme dafür Medikamente, die ich dringend für die Krankenstube benötige."

Oft bekam Alek nur ein paar Schmerztabletten sowie ein bis zwei Bandagen." Lieber Herr Doktor", habe er Weingard oft angefleht, "Sie können sich nicht vorstellen, wie schwierig und aufwendig es ist, die Läuse einzusammeln. Ich bitte Sie, seien Sie großzügig und geben Sie uns noch etwas mehr Schmerzmittel und Verbandsmaterial."

Kaum Jod für viele offene Wunden

Eine Rolle Mullbinden reiche höchstens zwei bis drei Tage, sagte er sorgenvoll. "Häftlinge, die auf den Baustellen arbeiten, kommen täglich mit offenen Wunden zu mir, in der Hoffnung, dass ich ihnen helfen kann. Ich bin deshalb überglücklich, wenn ich von Zeit zu Zeit auch ein bisschen Jod bekomme. Aber das reicht für höchstens zwanzig Prozent der Verletzten."

"Weißt du, wofür Dr. Weingard die Läuse braucht?", fragte ich meinen Freund irritiert. "Er will als bedeutender Forscher und Wissenschaftler zu Ruhm und Ehre kommen", antwortete er mir. "Um das Leben Tausender deutscher Soldaten an der Ostfront zu retten, versucht er ein Serum gegen Fleckfieber zu entwickeln. An der Front grassiert das Fieber in seiner schlimmsten Form, aufgrund der unhygienischen Zustände in den Schützengräben."

Nachdem sich am Ende des Krieges die Tore des Konzentrationslagers geöffnet hatten, wurde ich gefragt: "Was ist für Sie die größte Freude nach Ihrer Befreiung?" Ich antwortete: "Dass ich die Nazis und die Läuse losgeworden bin."

Wie vielen Menschen Alek durch diesen Tauschhandel das Leben retten konnte, weiß ich nicht. Beide überstanden wir den Krieg und die Lagerhaft. Kurz nach der Befreiung reiste Alek nach Israel aus, wo er einige Jahre in einem Kibbuz verbrachte. Später bekam er eine Wohnung in Bat Yam, einem schönen Ferienort am Meer. Alek ist heute 93 Jahre alt, für sein hohes Alter körperlich fit und geistig immer noch frisch wie ein junger Mann.

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Wolf - Dieter Böhrendt, 11.04.2015
1. Auch Banach hat so überlebt!
Der berühmte polnische Mathematiker Stefan Banach hat in Lemberg auf ähnliche Weise überlebt: "Unter der deutschen Besatzung musste er den Lebensunterhalt für sich und seine Gattin Łucja sowie seinen Sohn Stefan (später ein bekannter Neurochirurg) verdienen, indem er an Rudolf Weigls Institut für Bakteriologie Blut für die Fütterung von Läusen spendete, die dann für Fleckfieber-Experimente genutzt wurden." http://de.wikipedia.org/wiki/Stefan_Banach
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