KZ-Schicksal "Ich bin doch der Bubi Königsberg, erkennen Sie mich nicht?"

Früher schnitt ihm der nette Herr Stiebel die Haare und schenkte ihm Bonbons. Dann traf Josef Königsberg seinen Friseur im Konzentrationslager wieder. Aus dem Mann war ein eiskalter Peiniger geworden.


Kurz vor Weihnachten erhielt ich einen Brief von einem mir unbekannten Herrn aus Israel. Sein Name war David Berger, wohnhaft in Holon, Israel. Das Schreiben war in deutscher Sprache verfasst, wenn auch mit einigen grammatikalischen Fehlern. Wahrscheinlich hatte er vor vielen Jahren Deutsch gelernt, vielleicht sogar als Muttersprache, die er inzwischen kaum noch benutzte.

"Shalom, Mr. Königsberg", schrieb Herr Berger. "Ich habe zufällig in SPIEGEL ONLINE Ihren Artikel 'Der Brotschmuggler von Reichenbach' gelesen. In Ihrer Biografie 'Ich habe erlebt und überlebt' schreiben Sie, wie ein Herr Stiebel, Friseur aus Kattowitz, Sie im Konzentrationslager diffamiert und verprügelt hat.

Dieser Herr Stiebel war leider Gottes mein Schwager. Es ist nicht nur eine Schande für unsere ganze Familie, sondern auch für alle Juden. Ich schäme mich, mit einem derartigen Menschen verwandt zu sein. Ich möchte mich, lieber Herr Königsberg, für all das, was Herr Stiebel Ihnen und Hunderten anderer Häftlinge im Konzentrationslager angetan hat, tausend Mal entschuldigen. Der Herrgott hat ihn seiner gerechten Strafe zugeführt: Nach Kriegsende sah er keinen anderen Ausweg, als sich selbst das Leben zu nehmen."

Ausgehungert und völlig erschöpft

Die Umstände, unter denen ich Herrn Stiebel 1942 im KZ Gräditz nahe Breslau wiederbegegnete, werde ich nie vergessen. Die Nazis hatten mich in das Lager gebracht, nachdem ich zusammen mit Hunderten Juden während einer Razzia im Ghetto von Chrzanów (deutsch: Krenau) aufgegriffen worden war.

Chrzanów liegt etwa auf halber Strecke zwischen Krakau und Kattowitz. Nach einer qualvollen Fahrt von 20 Stunden in einem vollbesetzten Güterzug erreichten wir zunächst das Konzentrationslager in Laskowice Olawskie (Markstädt). Von dort aus kam ich in das KZ Gräditz, das dem Lager Groß-Rosen unterstellt war.

Nach einem Arbeitseinsatz in der Fabrik Hagenuk, wo mir ein barmherziger Angestellter heimlich Brot zugesteckt hatte, musste ich in einer nahe gelegenen Ziegelei mit anderen Mithäftlingen Erde ausheben und in eine Lore werfen. Das war Schwerstarbeit, die mich bis an den Rand meiner Kräfte brachte. Es ging mir in dieser Zeit besonders schlecht. Ich war ausgehungert, fühlte mich von Tag zu Tag schwächer.

Ich weinte beinahe vor Freude

Eines Morgens wurde uns gesagt, dass wir einen neuen Lagerältesten bekämen. Ein Lagerältester hatte besondere Machtbefugnisse und trat daher wie ein kleiner Herrgott auf. Beispielsweise durfte er unter den Gefangenen Aufseher, sogenannte Kapos, auswählen und diese auch wieder absetzen. Wenn er wollte, konnte er einem Häftling eine leichtere Arbeit geben.

Der Lagerälteste selbst hatte das Privileg, in einem abgeschlossenen Raum in einem richtigen Bett zu schlafen und erhielt ausreichend Nahrung. Zu erkennen war er an seiner Kleidung. Statt eines gestreiften Häftlingsanzuges trug er Reiterhosen und Lederstiefel.

Als ich erfuhr, dass Herr Stiebel Lagerältester wurde, weinte ich beinahe vor Freude. In Kattowitz hatte er in einem kleinen Friseurladen im Erdgeschoss meines Elternhauses gearbeitet. Mein Vater ließ sich dort jeden zweiten oder dritten Tag rasieren.

Immer zu Scherzen aufgelegt

Auch mir schnitt Herr Stiebel damals einmal im Monat die Haare. Er war ein netter Kerl, hatte immer einen Spaß auf Lager. Jedes Mal, wenn ich den Laden betrat, fragte er mich mit Schalk in den Augen: "Na, Bubi, was machen wir denn heute? Vielleicht schneide ich Dir zur Abwechslung mal eine Glatze?" Zum Abschied schenkte er mir jedes Mal ein paar Bonbons.

Angesichts der entsetzlichen Lage, in der ich mich in Gräditz befand, schöpfte ich nun neue Hoffnung. Ich war mir sicher, mit Hilfe von Herrn Stiebel überleben zu können. Bestimmt würde er mir eine leichtere Arbeit zuteilen, vielleicht würde ich auch eine Extraration Essen bekommen.

Am nächsten Abend sah ich meinen ehemaligen Friseur nach dem Appell. Als ich ihn ansprechen wollte, stieß mich der ihn begleitende Lagerpolizist zur Seite. "Hau ab, bevor ich dir die Knochen breche, Arschloch!", brüllte er mich an. Schnell ging ich weiter.

Es vergingen drei Tage, bis ich Herrn Stiebel wiedersah, als er sich der Häftlingsschlange vor der Suppenausgabe näherte. Der schlanke, blonde Mann hatte sich äußerlich kaum verändert. Seine Kleidung war gepflegt, er trug Offiziersstiefel und eine Peitsche in seiner rechten Hand. Ich hörte mein Herz bis zum Hals schlagen. Jetzt war meine große Chance gekommen!

Fausthieb mitten ins Gesicht

"Guten Tag, Herr Stiebel", wagte ich ihn anzusprechen. "Ich bin der Bubi Königsberg." Ehe ich weiter sprechen konnte, schlug er mir unvermittelt mit geballter Faust ins Gesicht. Blutend fiel ich zu Boden. "Wahrscheinlich hat er mich nicht erkannt", dachte ich.

"Ich bin doch der Bubi Königsberg", wiederholte ich verzweifelt. "Erkennen Sie mich nicht, Herr Stiebel? Sie haben doch immer meinen Vater rasiert und mir die Haare geschnitten!" Er schaute mich aus eiskalten Augen an. Wortlos holte er aus - doch bevor seine Faust mich traf, konnte ich mich aufrappeln. So schnell ich nur konnte, lief ich weg.

Dieses Ereignis hat mich menschlich zutiefst enttäuscht. "Was ist nur aus dem netten Herrn Stiebel geworden?" dachte ich deprimiert. Nach diesem schrecklichen Vorfall sah ich zu, dass ich ihm zukünftig aus dem Weg ging.

Im Fensterrahmen erhängt

Nach Kriegsende erkannten ehemalige KZ-Häftlinge Stiebel im Jahr 1946 auf der Straße wieder und lieferten ihn an die Polizei aus. Damals war ich als operativer Offizier des polnischen Ministeriums für Sicherheit tätig und sollte ihn ein allerletztes Mal wiedersehen. Als ich von seiner Inhaftierung erfuhr, befürchtete ich zunächst, bei einer erneuten Begegnung mit dieser grausamen Person meine Beherrschung zu verlieren.

Langsam ging ich die Treppe hinunter zu den Gefängniszellen, die sich unterhalb des Bürotrakts des Ministeriums befanden. Was ich dort sah, konnte ich kaum glauben. Im Fensterrahmen einer Zelle hing der leblose Körper meines ehemaligen Freundes und späteren Peinigers. Zwei Tage nach seiner Verhaftung hatte Stiebel sich mit einem Gürtel erhängt.

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Für all das, was er seinen Mithäftlingen angetan hatte, für seine verbrecherische Haltung im Konzentrationslager, hatte der Mann sich selbst bestraft.

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insgesamt 15 Beiträge
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Seite 1
Thora Karlau, 22.02.2015
1. Breslau
Breslau war damals eine deutsche Stadt, keine polnische.
Skeeve Adelmann, 22.02.2015
2. Unteroffizier Himmelstoß
diesen Menschentyp Stiebel hat Erich Maria Remarque in seinem Buch "im Westen nichts Neues" schon beschrieben. Im normalen Leben ein ganz netter Mensch, aber wenn man ihm Macht gibt wird der nette Mensch zum brutalen Menschen der sein bösen Gedanken ausleben kann.
Patrick Kühnel, 22.02.2015
3. Dank
Auch wenn sich zur Beschreibung dieser Unmenschlichkeiten wohl nie geeignete Worte fassen lassen werden, danke ich Ihnen für diesen sehr bewegenden Bericht.
Rainer Duffner, 22.02.2015
4. Als (ehem.) Frisör war es kein Wunder,
dass die Leute ihn auf der Strasse erkannt haben. Er hatte schon vor dem Krieg viel mit verschiedenen Leuten zu tun - und ja selber gesehen, das ein paar von denen ihn im KZ gesehen haben. Die Chance, in der Gegend hinterher unerkannt weiter zu leben war also quasi null. Das hätte er sich selber ausrechnen können, das das nicht gut gehen kann. Bedenktlich ist letztlich vor allem die Vorstelleung, das ein bischen "Herr Stiebel" wohl in jedem von uns steckt. Denn wenn selbst aus einem biederen Frisör unter den "richtigen" Umständen ein Sadist und Helfershelfer beim Völkermord werden kann, dann kann wohl keiner sagen "Das wäre mir nicht passiert". Bleibt noch die (unbeantwortbare) Frage, ob er sich aus Feigheit oder aus Schuldgefühlen heraus erhängt hat.
Wolfgang Albrecht, 22.02.2015
5. Diese Stimmen
Dürfen nie verstummen.Sie sind für Alle Hilfe Mensch zu sein ,oder zu werden
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