Musikpionier Conny Plank Pop aus der Fabrikhalle

Musikpionier Conny Plank: Pop aus der Fabrikhalle Fotos
connyplank.com

Brian Eno ging bei ihm ihn die Lehre, Kraftwerk verdanken dem Produzenten ihren Namen: Mit seinen Soundexperimenten prägte Conny Plank die Popmusik, Stars aus der ganzen Welt pilgerten in sein Studio - doch nicht jeder durfte mit ihm arbeiten. Sogar David Bowie ließ der Klanggott abblitzen. Von Rainer W. Sauer

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Wenn jemand einen Musikverlag gründet, dessen Name heute für ein ganzes Musikgenre steht, wenn sich japanische Kollegen vor dem von ihm entworfenen Mischpult ehrfürchtig verneigen und wenn inzwischen gefühlt jeder dritte Popsong im Radio auf seinen genialen Sound-Ideen aufbaut, dann kann man diesen Menschen mit Recht als einzigartig bezeichnen.

Und doch ist Conny Plank rund 25 Jahre nach seinem Tod derart in Vergessenheit geraten, dass eine ihm gewidmete CD-Box den Titel "Who's That Man" trägt. Ganz abwegig ist dieser Titel allerdings nicht. Denn Plank war durchaus bescheiden, wenn es um das ging, was er am besten beherrschte: Soundinnovation im Tonstudio.

In den sechziger Jahren wurde der britische Musik- und Klangkünstler Brian Eno erst von den Soundexperimenten Steve Reichs geprägt und dann in den Siebzigern von Conny Plank, wie er selbst gern betont. Mehrfach besuchte er dessen Studio in Wolperath bei Köln, bevor sich der Toningenieur auf eine Zusammenarbeit mit ihm einließ. Der Brite genoss dabei nicht nur das Wohlwollen des gebürtigen Pfälzers, was die Produktion von Enos Soloalben "Ambient 1: Music For Airports" und "Before And After Science" anging. Für "Ambient 1" holte er sich sogar Planks langjährige Lebenspartnerin, die Sängerin Christa Fast, als Musikerin an seine Seite. Der Ex-Roxy-Music-Star saugte die Weisheiten Conny Planks in sich auf wie ein Schwamm und nutzte sie später für eigene Studioarbeiten. Eno produzierte unter anderem Coldplay, U2 und David Bowie - letzteren beiden schlug er sogar Plank als Produzenten vor.

Bono? Nein danke!

Als erster machte sich David Bowie 1976 auf den Weg ins 35 Kilometer von Köln entfernt gelegene Wolperath. In "Conny's Studio" angekommen, ließ ihn der Meister wissen, dass er viel zu tun habe und "leider" keine Zeit für eine Zusammenarbeit mit ihm freischaufeln könne. Fassungslos zog der Weltstar ab und produzierte seine Alben "Low", "Heroes" und "Lodger" ohne Plank in Berlin.

Noch ärger erging es Jahre später dem Sänger Bono Vox von U2. Ihm ließ Conny Plank die Nachricht zukommen, dass die Band zwar "recht gute Musik" mache, eine Zusammenarbeit aber nicht möglich sei. Eno fragte warum und bekam die Antwort: "Ich kann mit diesem Sänger nicht arbeiten". Was im ersten Moment arrogant oder nach Größenwahn klang, war im Grunde nur konsequent, wenn man das Lebenswerk Conny Planks betrachtet oder - noch besser - anhört.

Eine Schönheit war er nicht, der bärbeißig und kantig wirkende Mann, der kurz nach seiner Volljährigkeit im Kölner Raum hängen blieb und Toningenieur beim WDR wurde. Das war 1963. Die Welle der Begeisterung für die Beatles und die Rolling Stones schwappte über Deutschland, und Plank ließ man beim WDR nur kleine Arbeiten verrichten.

Das missfiel dem damals 25-Jährigen so sehr, dass er den Westdeutschen Rundfunk schon 1966 wieder verließ und versuchte, beruflich auf eigenen Beinen zu stehen. An ein eigenes Tonstudio war damals freilich nicht zu denken, also nahm er einen Job als freier Mitarbeiter im Rhenus-Tonstudio an, das kurz zuvor in den Werksräumen einer stillgelegten Raffinerie in Köln-Godorf eröffnet worden war.

Tonmann für Marlene Dietrich

Hier startete seine Karriere als freier Tontechniker und Talentscout für den EMI-Elektrola-Musikboss Wolfgang Hirschmann. Der erkannte schnell Planks außergewöhnliche Fähigkeiten und setzte ihn 1969 als Toningenieur bei den Deutschland-Konzerten von Marlene Dietrich ein. Conny Plank enttäuschte weder Dietrich noch Hirschmann. So wurde aus dem einstigen Studio-Laufburschen des WDR schon 1970 der verantwortliche Toningenieur für eine Studioaufnahme von und mit Jazzlegende Duke Ellington. Nebenbei arbeitete Plank auch freiberuflich für andere Studios und Künstler, die er sich selbst aussuchte.

Im Herbst 1969 kamen zwei Studenten aus Düsseldorf zu ihm: einer war der Sohn des berühmten Architekten Paul Schneider-Esleben, der unter anderem den Köln-Bonner Flughafen entworfen hatte. Ralf Hütter und Florian Schneider spielten in ihrer Freizeit als Jazzmusiker mit Hammond-Orgel und Querflöte. Ob er helfen könne, ein Demoband aufzunehmen, fragten sie Plank, spielten ihm ihre Musikfragmente vor und schauten ihn gespannt an.

Eine Band namens Organisation

"Da ist ja schon einiges Schönes bei", soll Plank damals gesagt haben. Er schlug vor, die Aufnahme in den Hallen der Raffinerie zu machen, neben einem stillgelegten Kraftwerk, weil da die Hall-Effekte am natürlichsten seien. Hütter und Schneider lernten so von Conny Plank zum ersten Mal etwas über das weite Feld der Klangtechnik und änderten aufgrund des ungewöhnlichen Aufnahmeorts den Namen ihrer damaligen Musikgemeinschaft "Organisation" in eine markiger klingende Bezeichnung, die später Weltruhm erlangte: Kraftwerk. Neben dem Erstling "Tone Float" (zu deutsch: "Schwebender Klang") war Konrad "Conny" Plank auch an den folgenden vier Alben der Gruppe beteiligt.

1970 gründete Plank den "Kraut" Musikverlag für neue Talente, der rasch für das Krautrock-Genre stand, mit dem sich progressive deutsche Bands international einen Namen machten. Und Conny Plank nahm fast alle unter seine Fittiche, produzierte die Alben der Bands Cluster (mit Dieter Moebius und Hans-Joachim Roedelius, die später mit Brian Eno zusammenarbeiteten), Neu!, Ash Ra Tempel, Kraan, Birth Control, Guru Guru sowie das Debüt-Album der Scorpions.

Im 1974 eröffneten eigenen "Conny's Studio" nahmen anschließend so unterschiedliche nationale Bands und Künstler wie Pork Pie, Bläck Fööss, Ideal, Herbert Grönemeyer, Harmonia, Heinz Rudolf Kunze und DAF ihre Alben auf. Mit Ultravox - auch sie hatten sich auf Empfehlung Enos an Plank gewandt - produzierte der Toningenieur seinen ersten internationalen Act und Hit ("Vienna"). Den Briten folgten unter anderem Gianna Nannini, die Eurythmics und Devo.

Aufopfernd tüftelte Plank mit vielen Künstlern oft nächtelang an neuen Soundsets (für Arno Steffens nahm er mit seinem Emulator-Sampler das Zuklappen der Motorhaube eines Cadillacs auf und benutzte den Klang anschließend als Bass-Drum) und rauchte dabei in seinem Tonstudio Zigarette um Zigarette. Ebenso konnte er aber mit denselben Künstlern streiten, wenn es um für ihn grundsätzliche klangliche Dinge ging.

Ein solcher Streit soll 1974 auch zum jähen Ende der Zusammenarbeit mit Kraftwerk geführt haben. Offiziell hieß es zwar, Plank habe die Metamorphose von Kraftwerk zur Designerband nicht mit vollziehen wollen. Konkret ging es aber um Planks nächtelange Tüftelarbeit am Synthesizer-Sound vorbeiziehender Autos im Titelsong des in Wolperath aufgenommenen Albums "Autobahn", das Kraftwerk immerhin den internationalen Durchbruch brachte. Dabei trug gerade Planks Sound zum weltweiten Erfolg des Albums bei. Als er auf dem Cover des Albums größer erwähnt werden wollte, machten Hütter und Schneider jedoch nicht mit und produzierten fortan im eigenen Düsseldorfer "Kling Klang Studio" ihre Musik selbst.

Goldene Schallplatten auf dem Klo

Heinz Rudolf Kunze wiederum berichtete, wie unleidlich Conny Plank gewesen sei, als es um die Goldene Schallplatte für die Single "Dein ist mein ganzes Herz" ging. Als der Produzent seinen größten Erfolg verbuchte und die Single unter anderem 1985 eine Nr. 1 in den Deutschen Airplay-Charts wurde, wollte Plank die Goldene Schallplatte in seinem Studio aufhängen. Kunze wiederum war nicht bereit, die Trophäe so ohne Weiteres herauszurücken. Wo sie letztlich ihren Platz gefunden hätte, ist kein Geheimnis: Plank dokumentierte den Erfolg seiner Arbeit - manifestiert in zahlreichen Gold- und Platinschallplatten - ironisch auf der Studiotoilette.

Das Ende der Ära Plank kam dann ebenso schnell wie unerwartet. Im Herbst 1987 machte er während einer Südamerika-Tournee eine Live-Performance für das Goethe-Institut. Dabei spielte er selbst Synthesizer und Trompete und bediente das Mischpult. Ihm zur Seite standen Dieter Moebius, der zwei Synthesizer bediente, und Arno Steffens als Sänger. Plank bemerkte zu dieser Zeit schon körperliche Probleme, nahm sich aber keine Zeit, ihnen auf den Grund zu gehen.

Gesundheitlich angeschlagen kam er aus Südamerika zurück. In seinem Studio warteten bereits die Produzentin Annette Humpe und der "Interzone"-Sänger Heiner Pudelko auf ihn, um dessen erstes Solo-Album aufzunehmen. Conny Plank ignorierte erneut die Warnzeichen seines Körpers und stürzte sich sofort in seine Arbeit - bis zu einem Arztbesuch im November 1987. Die Diagnose: "Krebs im fortgeschrittenen Stadium". Unheilbar. Noch während der Aufnahmen mit Humpe und Pudelko verstarb Conny Plank.

Zum Weiterhören:

"Who's That Man – A Tribute To Conny Plank". Grönland Records, 2013, Set mit 4 CDs.

Die CD-Box können Sie bei Amazon vorbestellen.

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1.
Hildegund Wolbrandt 19.01.2013
Man kann keine Story über Conny`s Studio schreiben ohne seine Frau Christa zu erwähnen. Mit ihrer geradliniegen offenen unprätentiösen Art hat sie wesentlich zur kreativen Atmosphäre im Studio beigetragen. Sie war die andere Hälfte des Erfolgs.
2.
Peter Müller 21.01.2013
Die Jahreszahl 1969 bei der Dietrich-Tournee kann nicht stimmen. Marlene Dietrich war lediglich im Mai 1960 auf einer Tournee durch Westberlin und die Bundesrepublik, was auf einer im Deutschen Theater in München aufgenommenen Live-LP dokumentiert ist. Danach ist sie nach meinen Kenntnissen lediglich 1962 bei einer Unicef-Gala in Düsseldorf und 1963 beim Deutschen Schlagerfestival in Baden-Baden in der Bundesrepublik aufgetreten und danach nicht mehr. Grund hierfür war die feindselige Haltung eines Teils der Presse und der deutschen Öffentlichkeit wegen ihrer 1939 angenommenen amerikanischen Staatsbürgerschaft und ihres Engagements für die amerikanischen Truppen im Zweiten Weltkrieg. Geplante Auftritte in der DDR scheiterten an finanziellen Fragen.
3.
Fred la Frite 19.01.2013
Tja, das waren noch Zeiten. Das Rhenus-Studio... Man könnte noch so vieles aufzählen. Ganz unbedingt fehlt aber Sweet Smoke mit dem Kultalbum Just a Poke. Eines von Connys absoluten Meisterstücken.
4.
Ingo Röllig 19.01.2013
Conny Plank war schon sehr innovativ. Als ich ihn Ende der 70er / Anfang der 80er kennen lernte, erschien er mir sehr unscheinbar. Seine Arbeit führte er mehr im Hintergrund aus und wenn seine Produktionen erschienen, erfuhr man es nur durch Mundpropaganda.
5.
Holger Krüssmann 19.01.2013
"So gut wie vergessen" zu sein, wird sich bei (Künstler-)Persönlichkeiten im Hintergrund wie Conny Plank stets auf Bekanntheit in der breiten Öffentlichkeit beziehen. Damit ist Plank als jemand, der seine Arbeit hinter einer dicken Glasscheibe verrichtet, weiß Gott nicht allein. Soundtüftler/Produzenten sind selten über Fach- und Fan-Insiderkreise hinaus populär. George Martin? Geoffrey Emerick? The Beatles? St. Pepper? − Kaum anzunehmen, dass selbst diese Kombination als Jauch-Quizfrage unter 100-Tausend durchgeht. Auch Planks Mentor Wolfgang Hirschmann, der ihn 1969 als Assistent bei den Konzerten von Marlene Dietrich einsetzte und ihn bei einer Session mit Duke Ellington als Tonmeister arbeiten ließ, ist einem breiten Publikum unbekannt. Wer allerdings jemals mit Conny beruflich, künstlerisch, persönlich zusammengetroffen ist, wird ihn sein Lebtag nicht vergessen: Ein Kerl mit der Motorik, dem Gemüt, dem Gedächtnis und zugleich der "Zartheit" eines Elefanten. Seine Vita liest sich dabei wie ein ?Who is Who??(http://de.wikipedia.org/wiki/Conny_Plank) Das Understatement, mit dem er selbst seine Arbeit kommentierte, hatte dabei keinen Anflug von Koketterie. Es war eher so ruppig, wie er sich zeitlebens Interviews verweigerte: "Ich drehe Knöpfe und schiebe Regler. Das hab ich gelernt und das reicht auch!" Seine goldenen und Platin-Schallplatten hingen auf dem Klo. Damit (und der intelligent-resoluten Herzlichkeit und Kochkunst seiner Frau und Partnerin Christa Fast) nahm er jeder Eitelkeit des jeweiligen Gegenübers die Spitze. So konnten auf "Conny's Ranch" hinter den sieben Bergen in Wolperath bei Neunkirchen-Seelscheid bei Hennef an der Sieg selbst so hyperventilierende Pop- und Punk-Poser wie Ultravox, DAF oder die Dead Kennedys zur Ruhe kommen und entspannt am Küchentisch oder unterm Apfelbaum sitzen wie Annie Lennox, die Humpe-Schwestern oder die Bläck Fööss. Zum Arbeiten ging es dann in einen ganz fein in Holz gebauten Aufnahmeraum und Conny Plank hatte (gefühlt) alle Zeit der Welt. Das alles gibt's nicht mehr. Wer ihn kannte, vergisst ihn nicht. Der Friedhof von Neuenkirchen ist vollgestellt mit Kruzifixen. Auf seinem Grabstein prangt ein tellergroßes Sonnenrelief. Das passt. Auf dem Grundstück des 2009 abgerissenen Studio-Bauernhofs stehen heute Einfamilienhäuser. Conny?s Klo mit den Gold-LPs ist im Pop-Museum in Gronau. Das passt auch. hk
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