Kreml-Flieger Mathias Rust Der Absturz


Fliegen für den Frieden: Vor 25 Jahren landete Mathias Rust in einer geliehenen Cessna in Moskau und stellte mitten im Kalten Krieg die Sowjetunion bloß. Für kurze Zeit war der Teenager der berühmteste Pilot der Welt - bis wenig später ein dramatischer Abstieg begann. Von

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Frieden wollte Mathias Rust der Menschheit bringen, er träumte von der idealen Gesellschaft und hatte sich dafür sogar schon einen schönen Namen ausgedacht: "Lagonia": eine Welt ohne Eisernen Vorhang, Krieg und Atomwaffen. In "Lagonia" sollten Amerikaner und Russen, Kapitalisten und Kommunisten, respektvoll zusammenleben.

Doch dann war da dieses junge, schlanke Mädchen, eine angehende Krankenschwester, die ihn, den Friedenmissionar, abblitzen ließ und damit so sehr aufbrachte, dass er ein Messer zog und es ihr in den Bauch rammte. Einmal. Zweimal. Ein totaler Blackout, sollte Rust später beteuern. Er habe nicht gewusst, was da mit ihm passiert sei. Völlig unbegreiflich, schließlich sei er doch ein "friedliebender Mensch".

Es war nicht das erste Mal, das Mathias Rust im Rampenlicht stand. Zweieinhalb Jahre zuvor, am 28. Mai 1987, war der damals 19-jährige Hobbypilot weltberühmt geworden: Ihm war das Kunststück gelungen, mit einer Cessna durch den streng bewachten sowjetischen Luftraum zu fliegen und unmittelbar vor dem Roten Platz in Moskau zu landen. Er habe damit ein Zeichen des Friedens setzen wollen, teilte der schnell zum "Teufelsflieger" hochgejubelte Deutsche der verblüfften Öffentlichkeit damals mit. Einfach so. Und nun, am 23. November 1989, stach derselbe Mann die Krankenschülerin Stefanie W. nieder und verletzte sie lebensgefährlich. Einfach so.

Zwei so unfassbare wie unterschiedliche Taten, die aber doch zusammengehören könnten. So sah es zumindest das Hamburger Landgericht, das 1991 über den Fall zu entscheiden hatte. Eine zentrale Frage im Prozess war: Wäre Rust auch ohne den plötzlichen Ruhm, den ihm sein Flug beschert hatte, zum Messerstecher geworden? Hatte das Erlebnis seine Persönlichkeit verändert? Wer Antworten darauf sucht, kann noch heute trefflich darüber streiten, wer da überhaupt zum Kreml geflogen ist: Ein hoffnungslos verträumter, naiver Idealist? Ein irgendwie positiv Verrückter, der sich, ziemlich undeutsch, einfach von seinen Gefühlen leiten ließ? Oder ein gefährlicher Hasardeur, der nicht nur leichtsinnig sein eigenes Leben aufs Spiel setzte, sondern auch das etlicher Unbeteiligter, als er zu seiner gewagten Landung im Zentrum Moskaus ansetzte?

"Es verletzte mich sehr, dass der Gipfel scheiterte"

Angefangen hatte alles am 11. Oktober 1986 mit dem Treffen von Gorbatschow und Reagan in Reykjavík. Würde hier der Durchbruch in den Abrüstungsgesprächen gelingen? Die Chance schien so groß wie nie. Gorbatschow wollte sein Land von den desaströsen Kosten des Wettrüstens befreien, doch am Ende ließ Reagan ihn abblitzen. "Die Wende in der Weltgeschichte fand nicht statt", sagte der russische Reformer enttäuscht.

Worte, die auch Mathias Rust im fernen Wedel bei Hamburg berührten. "Es verletzte mich sehr, dass der Gipfel scheiterte", sagte er später. Aus der Enttäuschung wuchs der verwegene Plan, persönlich in die Weltpolitik einzugreifen: Er würde einfach selbst "zur Quelle des Friedens" fliegen: zu Gorbatschow nach Moskau, mitten in das von Reagan verteufelte "Reich des Bösen". Also charterte er sich im Hamburger Aero-Club im Mai 1987 für drei Wochen eine Cessna F 172 P mit dem Kennzeichen "D-ECJB".

Mit seinem Hang zur Esoterik entschied sich Rust, zunächst nach Reykjavík zu fliegen - an jenen Ort, an dem die Abrüstungsgespräche geplatzt waren. Danach ging es über Norwegen weiter bis nach Helsinki. Dort hob der Teenager am 28. Mai um 13 Uhr 21 ab und nahm Kurs Richtung Moskau.

Doch wie dringt man in den am besten gesicherten Luftraum der Welt ein? Indem man auffällt, dachte sich Rust. Absichtlich hielt er seine Cessna stets auf 600 Meter Höhe, so dass er gut vom Radar erfasst werden konnte. Auf jeden Fall wollte er vermeiden, dass man ihm böse Absichten unterstellte. Schließlich war es sein Plan, die Welt ein wenig besser zu machen. Dazu hatte er extra ein eigenes Symbol entworfen und an die Tragflächen geklebt: eine Art Tropfen mit drei Beinen. Die Spitze des Tropfens sollte den Himmel, der Bauch die Erde und die drei Beine Frieden, Freiheit und Hoffnung darstellen.

Natürlich ahnte Rust, dass das sowjetische Militär ihn einfach abschießen könnte, wie es zuletzt 1983 einer koreanischen Passagiermaschine passiert war. Doch auch dafür glaubte er sich gewappnet: Einmal im sowjetischen Luftraum, setzte er sich in kindlicher Naivität einfach einen Motorradhelm auf. Als nach einer Stunde plötzlich ein sowjetischer Abfangjäger dicht an ihm vorbeizog, erschrak er dennoch zu Tode.

Sendung aus dem Wohnzimmer der Eltern

Doch nichts passierte. Dank einer unglaublichen Kette von Pannen beim sowjetischen Militär blieb es die einzige Schrecksekunde der fünfstündigen Reise: So hatten estnische Flugüberwacher die Cessna erst mit Verspätung gemeldet, weil sie gerade damit beschäftigt waren, eine Sauna anzuheizen. Falsche Koordinaten wurden weitergegeben und das Kleinflugzeug zwischenzeitlich für ein Wetterphänomen gehalten. Zudem waren einen Tag zuvor zwei Militärmaschinen auf Rusts Flugstrecke kollidiert, so dass einige Truppenteile noch am Unglücksort beschäftigt waren.

Und so kreiste gegen 18 Uhr ein Teenager mit gerade einmal 50 Stunden Flugerfahrung unbehelligt über dem Roten Platz. Weil der zu belebt war, entschied sich Rust für eine Landung auf einer nahe gelegenen Moskwa-Brücke. Wieder hatte er unfassbares Glück: Wegen einer Wartung waren an diesem Tag zufällig die meisten Oberleitungen der Trolley-Busse abmontiert. Etwa hundert Meter vor dem Roten Platz stoppte der Deutsche seine Maschine. Bevor ihn Sicherheitsbeamte abführen, plaudert er noch mit Moskauer Bürgern über den Frieden.

Was für eine Geschichte! Ein Hobbypilot blamierte eine Weltmacht - und das ausgerechnet am sowjetischen "Tag der Grenzsoldaten". Rusts Heimatort Wedel war auf einmal von Reportern aus aller Welt belagert. Der US-Sender NBC baute einen 38 Meter hohen Sendemast auf, um live aus dem Frühstücksraum der Eltern berichten zu können. Der "Stern" sicherte sich für 100.000 Mark die Exklusivrechte an der Story.

Rust hatte etwas ausgelöst, das er nicht mehr kontrollieren konnte, und Gorbatschow ordnete das Schicksal des Deutschen dem politischen Kalkül unter: Er nutzte die Pannen in der Armee, um gnadenlos mit unliebsamen Gegnern seiner Perestroika-Politik abzurechnen. Drei Marschälle, darunter der Verteidigungsminister, mussten zurücktreten.

"Rust war eine einzige Enttäuschung"

Der Preis dafür war eine 14-monatige Haftstrafe wegen illegaler Einreise und Verletzung der internationalen Luftverkehrsregeln. Denn natürlich konnte Gorbatschow nicht reihenweise Generäle feuern und gleichzeitig den harmlosen Piloten sofort wieder laufen lassen.

Als Rust Ende 1988 wieder aus Moskau zurückkehrte, warteten 300 Journalisten am Frankfurter Flughafen auf ihn. Der Moment sollte zum Wendepunkt in seinem Leben werden. Der Deutsche fühlte sich mit der Situation überfordert und verweigerte bei seiner Ankunft jegliche Stellungnahme. Zudem war er an den Exklusivvertrag mit dem "Stern" gebunden, der ihn per Privatjet ausfliegen ließ und tagelang in einem einsamen Gasthof in der Lüneburger Heide verbarg und dort interviewte.

Das löste Neid und eine Debatte über Scheckbuchjournalismus aus. Der einstige Volksheld geriet dabei unter die Räder. Seine Naivität wurde ihm nun zum Vorwurf gemacht – nicht nur von denen, die enttäuscht waren, kein Interview mit Rust bekommen zu haben, sondern auch vom "Stern" selber, dessen Reporter nicht viel mit Rusts verschrobenen Aussagen anfangen konnten.

Als "psychisch labil" und "auf gefährliche Weise weltfremd" wurde er daher in der "Stern"-Titelgeschichte charakterisiert. "Rust war eine einzige Enttäuschung", sagte der Autor Erich Follath Jahre später, "eine intellektuell leere Hülle, die Gespräche waren enttäuschend, wir waren deshalb ganz unglücklich." Ungelenke Auftritte, etwa im ARD-Magazin "Panorama", in dem sich Rust als "Linse" bezeichnete, die "all die Energien, die von den Menschen ausgehen, auf einen Punkt" bündele, taten ihr Übriges. Als "geistiger Tiefflieger" wurde er nun bezeichnet. Der einstige Freiheitsflieger war auf einmal ein geltungssüchtiger Spinner, dem die "Bild" schon einmal eine "psychotherapeutische Behandlung" empfahl.

Ein Rätsel - bis heute

Mathias Rust fühlte sich nun als Opfer einer Hetzkampagne, ausgenutzt und fehlinterpretiert. Hat dieser schnelle Absturz ihn deshalb ein Jahr später dazu verleitet, Stefanie W. niederzustechen?

Der Täter, damals Zivildienstleistender in einem Hamburger Krankenhaus, suggerierte das zumindest. "Du liebestoller, geiler Bock, du wirst es nie schaffen. Das mit Moskau war auch nur ein Gag, um dich wichtig zu machen", soll sein Opfer ihm entgegen geschleudert haben, als sie seine Avancen im Umkleideraum des Krankenhauses abwehrte. Ein psychiatrisches Gutachten bestätigte, dass dieser Satz "mitten ins Zentrum der Neurose" getroffen habe. "Da riss etwas in mir", sagte Rust vor Gericht. "Ein Schnellfilm lief ab, der Flug, die Journalisten, die Verschmähungen. Dann wurde es dunkel um mich."

Doch Stefanie W., die wohl nur deshalb überlebte, weil sie sich trotz der schweren Verletzungen in eine andere Station des Krankenhauses schleppen konnte, in der zufällig ein Operationsteam bereitstand, bestritt, Rust jemals auf diese Art und Weise beleidigt zu haben. Wenn das Gericht ihrer Argumentation gefolgt wäre, wäre das Strafmaß deutlich höher ausgefallen als die zweieinhalb Jahre, die der Kreml-Flieger letztendlich wegen versuchten Totschlags kassierte.

Nach 15 Monaten kam er vorzeitig frei, mit dem festen Vorsatz, sein Leben jetzt in geordneten Bahnen verlaufen zu lassen. Es gelang ihm nur selten. Zwei Ehen scheiterten, nur beim Pokern in Trinidad soll er angeblich einmal 750.000 Euro gewonnen haben. Mal ließ er sich beim Diebstahl eines Kaschmir-Pullovers erwischen, dann wurde er wegen Betrugs verurteilt, weil er einem Hamburger Spediteur ungedeckte Schecks ausstellte. Zuletzt soll er den Inhaber einer Hamburger Yoga-Schule, an der er sich seit 2011 zum Yoga-Lehrer ausbilden lässt, um die Kursgebühren geprellt haben.

Die Russen verstanden den Kreml-Flieger vor 25 Jahren schon nicht. Vielen Deutschen ist er bis heute rätselhaft geblieben.

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1.
Andreas Reichel 22.05.2012
Ich bin mir mal nicht so sicher, ob das Theaterstück wirklich über Mathias Rust handelt, das Flugzeug auf dem Bild ist auf den ersten Blick als das von Hans Ulrich Rudel http://de.wikipedia.org/wiki/Hans-Ulrich_Rudel zu erkennen. gruss Andreas
2.
Tom Doyle 22.05.2012
Es liegt klar auf der Hand das Mathias Rust durch seine riskanten Handlungen sich selbst und andere in Gefahr bringtm ein typischer Fall von einem `Borderline Syndrom` . Der Mann benötigt umgehend psychotherapeutische Hilfe und mich wundert weshalb zumindest das deutsche Gericht seinerzeit kein psychologisches Gutachten einholte. Dachte das Gericht damals wegen Rust`s Kremlflug an einen `Gutmenschenstreich`um einen Bonus für ein milderes Urteil im Totschlagsprozess der Kranenschwester einzulösen? Ich dachte immer vor dem Gesetz wären alle Menschen gleich?
3.
Juergen Frey 22.05.2012
Es gibt noch viele Andere, die aus einfachen Verhaeltnissen stammten und stammen und denen der "Ruhm" zu Kopfe gestiegen ist. Armin Hary ! Als erster 10 sek 100 m. Boris Becker ! " Besenkammersex!" Und vergebliche Versuche, sich in der "besseren" Gesellschaft zurecht zu finden. Lothar Mattheus usw usw. Oder gar Fraeulein Kassner!!
4.
Lothar Witte 22.05.2012
M. Rust ist vor ueber 15 Jahren mit BK Kohl in den asiatischen Raum als "juengster Unternehmer" (damals wohl 17 oder 18) gereist. Hier in Saigon hatte er grosse Versprechungen gemacht, die genau wie in den anderen asiatischen Laender wie eine Seifenblase zerplatzten. Der Mann musste sich bei Kohl wie ein Koenig vorgekommen sein. Und? Danach dann der Flug nach Moskau. Ich glaube Kohl hatte sich dann ganz schnell distanziert.
5.
Werner Hasselberg 22.05.2012
War doch klar. Ja es war ein erstaunlicher Akt, die Landung von Rust in Moskau. Aber allein das zeigt doch schon das hier ein irgendwie schräger Vogel am Werke sein mußte. Dass die Medien sich mit Wonne drauf stürtzen und ihn zu wer weis was stilisieren wollten war auch klar. Wäre Rust eben kein so schräger Vogel, hätte es vermutlich auch geklappt. Bücher, Friedensblalba-seminare. Er könnte heute durch die Welt tingeln als eine Art Vorreiter des Mauerfalls. Aber, eine solche eltsamme Nummer kann doch nur einem irgendwie gearteten Spinner einfallen. Aus diesem Grund war ich bereits damals eher besorgt was für ein Typ hier ins Rampenlicht geraten ist, als denn begeistert. Es gibt eben zu viele Spinner und alle wollen wichtig sein, ohne das es irgendeinen Grund dafür gibt. Damals gabs noch kein privat TV in der heutigen Form sonst wäre er garantiert im Dschungelcamp oder bei sonstigen Provilierungssüchtigen-Blödsinn, den es wohl leider zuhauf gibt, gelandet. Fazit, das was danach von ihm zu hören war hatt mich eigentlich wenig verwundert. Bleibt die Frage weshalb das so ist. Aber in einer Welt wo kaum was zählt als der Schein und Geld ist es kein Wunder das auf Substanz oftmals kein Wert mehr gelegt wird.
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