Kreml-Flieger Mathias Rust Das Husarenstück

Teenager blamiert Supermacht: Vor 30 Jahren landete der 18-jährige Mathias Rust mit seiner Cessna in Moskau. Und lieferte Michail Gorbatschow die Möglichkeit, seine politischen Feinde kaltzustellen.

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Von , SPIEGEL TV


Der Hobbypilot Mathias Rust erreicht das Herz der sowjetischen Hauptstadt Moskau am Abend des 28. Mai 1987. Gegen 18:40 Uhr kreist er mit seiner Cessna 172 über dem Roten Platz. Doch die zahlreichen Passanten hindern ihn an der Landung vor Lenins Mausoleum. Schließlich entschließt er sich, auf der Brücke über die Moskwa zu landen - hier ist nur wenig Verkehr.

2012 erinnerte sich Rust, wie er zwischen den teils abmontierten Oberleitungen hindurchtauchte:

"Und dann bin ich da auf der Brücke aufgesetzt, und rechts von mir fuhr so ein blauer Lada, das weiß ich noch, ein oder zwei Autos waren da. Und dann hab ich den so leicht überholt, und der Mann guckte nur so seitlich rüber und kriegte große Augen. Und ich dachte, hoffentlich verliert der jetzt nicht die Kontrolle über sein Auto, sonst ist es für uns beide aus."

Direkt neben der Basilius-Kathedrale bringt Rust seine Cessna zum Stehen und steigt aus. Lässig lehnt sich der 18-Jährige an sein Flugzeug: roter Overall, dunkle Sonnenbrille. Doch wie eine Heldenfigur wirkt er nicht. Eher schmal und schüchtern, etwas ratlos, was er nun mit dieser Sensation anfangen soll, die er da gerade losgetreten hat. Schaulustige umringen ihn, einige bitten um ein Autogramm, andere fragen ihn nach dem Sinn seiner Aktion.

Nach etwa dreißig Minuten fährt eine schwarze Limousine vor. Der Moskauer Polizeichef persönlich steigt aus und geht auf den jungen Mann zu. Was das denn solle, fragt er ihn. Ein Passant übersetzt: Ein Zeichen für den Frieden habe er setzen wollen, sagt Rust. Frieden, ja, das hätten wir wirklich nötig, sagt der Polizeichef und bittet Rust, das nächste Mal doch ein Visum zu beantragen. Schließlich nimmt der KGB den Deutschen in Haft.

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Kreml-Flieger Mathias Rust: Fliegen für den Frieden

Der Fall Rust bereitet den Geheimdiensten Kopfzerbrechen. Weder KGB noch BND verfügen über Erkenntnisse über den Teenager aus Wedel bei Hamburg. Der damalige BND-Chef Hans-Georg Wieck sagte:

"Schnell wurde die Frage gestellt, ist da irgendjemand aus dem nachrichtendienstlichen Bereich unterrichtet gewesen, oder beteiligt gar gewesen, oder hat der privat Szenarien entwickelt? Und es stellte sich heraus, dass das nicht der Fall war."

Verschwörung im Politbüro?

Noch heute rätseln sowjetische Generäle, wie es dem Hobbyflieger gelingen konnte, völlig ungehindert mehrere Stunden im sowjetischen Luftraum zu verbringen, ohne dass ihn die Flugabwehr zur Landung zwang - mitten im Kalten Krieg. Pjotr Deynekin, damals Oberkommandierender der sowjetischen Luftstreitkräfte, glaubt bis heute an eine Verschwörung im Politbüro:

"Ins Zentrum so einer riesigen Stadt wie Moskau zu fliegen, mit einem Einzugsgebiet von mehr als 100 Kilometern das Zentrum zu finden, den Roten Platz, der sehr klein ist, und dann noch ungehindert dort zu landen, das schafft man nicht ohne Hilfe und nur mit gutem Training."

Motorradhelm zum Schutz

Hätten die Sowjets den deutschen Hobbyflieger abgeschossen, wären die politischen Folgen unabsehbar gewesen. Die Causa Rust beschäftigte damals Bundespräsident Richard von Weizsäcker ebenso wie Außenminister Hans-Dietrich Genscher, die am 6. Juli 1987 zu Gast beim sowjetischen Außenminister Eduard Schewardnadse waren. Ursprünglich standen Abrüstungspläne auf der Agenda, erinnerte sich Genscher:

"Schewardnadse hat gesagt, wie stehen wir da vor der ganzen Welt, als blamierte Leute! Und ich habe gesagt, das ist in der Tat so, das kann ich nicht bestreiten. Wir werden daraus nichts machen, im Gegenteil, wir zeigen Verständnis für Ihre Lage, wir bitten Sie aber auf der anderen Seite, jetzt nicht aussichtsreiche Verhandlungen deswegen zu stoppen. Das wollte der Mann nicht, und das darf auch sich daraus jetzt nicht ergeben. Und außerdem, denken Sie einmal, wie alt der ist, wir waren auch mal so alt, wir wissen, da macht man Sachen, die man später nicht machen würde."

Als Rust drei Tage vor seinem 19. Geburtstag die finnisch-estnische Grenze überquerte, setzte er sich einen Motorradhelm auf - in der Hoffnung, dass er ihm im Fall eines Abschusses das Leben rettet. Doch der Hobbypilot hatte in mehrfacher Hinsicht Glück, zahlreiche Zufälle kamen ihm zu Hilfe: Seinen Friedensflug unternahm er just am "Tag der Grenztruppen" - und die waren offensichtlich dabei, ihren Ehrentag nach russischer Sitte feuchtfröhlich zu begehen. Fünf Stunden lang flog Rust ungehindert über sowjetisches Gebiet, in 700 Meter Höhe.

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  • Die Dokumentation "Der Kremlflieger - Mathias Rust und die Landung auf dem Roten Platz" läuft am Sonntag, 28. Mai um 21:05 Uhr auf dem Pay-TV Sender SPIEGEL Geschichte, der über Sky zu empfangen ist.

Zwar registrierten mehrere Radarsysteme den Flieger, doch als er einen Militärflughafen überflog, wurde er für einen russischen Flugschüler gehalten, beim Passieren einer Unfallstelle, an der tags zuvor zwei Flugzeuge kollidiert waren, für einen Rettungshubschrauber. Selbst die Kampfjets, die aufstiegen, um das unangemeldete Flugobjekt zu identifizieren, ließen den Deutschen passieren.

"Mit dem Feuer gespielt"

Die Dimension der Gefahr, die von diesem Freizeitflieger für das diffizile Gleichgewicht des Kalten Krieges ausging, erkannte Rust damals wohl nicht, glaubte Hans-Dietrich Genscher:

"Der Mann hat ja mit dem Feuer gespielt. Es hätte passieren können, dass man ihn abschießt, es hätte passieren können, dass man das fehleinschätzt in Moskau, völlig falsch reagiert, überreagiert, und ich muss schon sagen, das war geradezu staatsmännisch, wie Gorbatschow und Schewardnadse diesen Fall behandelt haben."

Das Versagen der Luftabwehr sollte weitreichende Konsequenzen nach sich ziehen. Zu dem Zeitpunkt, als Rust an der Stelle landete, zu der Jahrzehnte zuvor für Hitlers Truppen kein Durchkommen war, weilte Michail Gorbatschow in Ostberlin und verkündete Moskaus Reformpläne.

Die Sowjetunion könne sich das Wettrüsten nicht länger leisten, erklärte der Generalsekretär der KPdSU im Politischen Beratenden Ausschuss der Warschauer-Pakt-Staaten. Nur noch so viele Waffen solle es geben, wie zur eigenen Verteidigung notwendig seien, und keine Einmischung mehr in die Angelegenheiten anderer: Pläne, die den Hardlinern und vielen Sowjet-Militärs ein Dorn im Auge waren.

Zurück in Moskau, bot sich dem Parteichef dank des tollkühnen Deutschen nun die Möglichkeit, seine innenpolitischen Feinde kaltzustellen. Die Blamage der Luftabwehr nahm der Generalsekretär zum Anlass, Verteidigungsminister Sergej Sokolow sowie zahlreiche renitente Generäle "in den wohlverdienten frühzeitigen Ruhestand" zu schicken - und damit einige entscheidende Gegner der Perestroika aus dem Weg zu räumen. Auch den Rückzug aus dem Afghanistankrieg konnte Gorbatschow nun endlich einleiten. Insofern hat der Flug des Teenagers tatsächlich einen Beitrag zum Weltfrieden geleistet.

Abschieben oder einsperren?

Am 2. und 3. September 1987 wurde Rust am Obersten Gerichtshof in Moskau der Prozess gemacht. Auf die Frage nach seinem Tatmotiv habe Rust gesagt, er habe das "zum Spaß" getan, so ein Zeuge vor Gericht. Doch wurden dem Deutschen auch psychische Probleme unterstellt, etwa von Gorbatschows Berater Valentin Falin. Der empfahl dem Parteichef, Rust zügig abzuschieben:

"Ich habe vorgeschlagen, Mathias Rust sofort nach Deutschland zu schicken und ihn auf seinen gesundheitlichen Zustand untersuchen zu lassen. Auf keinen Fall sollte man ihn bei uns inhaftieren. Ein psychisch Kranker gehört nicht ins Gefängnis. Er gehört behandelt."

Doch Gorbatschow bestand auf einem Prozess. Hunderte Militärs hatten aufgrund der Aktion ihren Posten verloren. Die sowjetische Luftabwehr durfte nicht von einem psychisch labilen Teenager ausgehebelt werden, "zum Spaß".

Rusts Richter schienen die Tat des jungen Mannes als das aufzufassen, als was sie auch der Großteil ihrer Landsleute sah: eine jugendliche Eskapade. Sie sprachen ein Urteil, dessen Milde sich nicht einmal der Verteidiger des Deutschen erwartet hatte: vier Jahre Arbeitslager, von denen er am Ende vierzehn Monate in einem Moskauer Gefängnis absitzen musste.

Nach seiner vorzeitigen Entlassung bekam Mathias Rust sein Leben nie mehr vollständig in den Griff. Er wurde zum labilen Außenseiter, rasch wandte sich die Öffentlichkeit von dem einstigen Helden ab. Zweieinhalb Jahre nach seinem Kreml-Flug stach Rust auf eine Krankenschwester ein, weil sie ihn zurückgewiesen hatte. Rust wurde wegen versuchten Totschlags verurteilt und nach 15 Monaten Haft vorzeitig entlassen.

Danach wurde der Kreml-Flieger aktenkundig durch Diebstahl und Scheckbetrug, seine zwei Ehen gingen in die Brüche. Laut eigener Aussage verdient sich Rust seinen Lebensunterhalt mit Pokerspielen, als Berater und als Yogalehrer. Auf die Frage, wie er seine Tat heute sehe, antwortete Rust 2012 in einem Interview:

"Wenn ich gewusst hätte, was sich daraus entwickelt, ich würde es nicht noch mal machen. Das muss man wirklich machen, ohne die Konsequenzen und die Weiterentwicklung der Geschichte zu kennen."

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Ferdinand Schöpf, 26.05.2017
1. Köpenickiade der Lüfte
So schafft ein "Durchgeknallter" Schlagzeilen ; zum wiederholten Mal ! Wenn die Sache damals nicht so brisant gewesen wäre , es wäre wahrhaft nur zum Lachen !?
Götz-Tobias Heger, 26.05.2017
2.
"Teenager blamiert Supermacht". Wirklich? So habe ich das aber damals nicht empfunden. Eher war es so, dass uns im Westen der Russe als das ultimativ Böse verkauft worden war. Immer wieder. In jedem Blockbuster. Wer da über die Grenze kam und nicht die Fähigkeiten von James Bond hatte, der war im Prinzip sofort tot. Hat man uns erzählt. Und dann kam Matthias Rust, flog bis zum Roten Platz ohne abgeschossen zu werden und kam danach in ein Gefängnis. Wurde also nicht hingerichtet. In meinem Empfinden kam da eher die Westpropaganda ins Rudern. Wie sollte man nun der Bevölkerung weiter verkaufen, dass Deutschland auch weiterhin zwingend amerikanische Atombomben auf dem eigenen Gebiet stationiert haben muss, wenn der Ostblock doch nicht jeden sofort totschiest, der über die Grenze kommt? Am Ende haben die den Finger gar nicht ständig am roten Knopf des Atomraketenarsenals ... huihui, das hat so einigen gar nicht gefallen.
Thorsten Munder, 26.05.2017
3. Mathias Rust
war nicht`s anderes als ein dummer Spinner der sich über die Dinge die er da Tat keine Gedanken machte , er hätte durchaus den 3 Weltkrieg auslösen können denn auf einem Radar sieht man nur da kommt ein Flugobjekt auf uns zu , man kann nicht sehen ob es ein Bomber bestückt mit Atomraketen ist oder ob es sich nur ein Flugzeug aus Balsaholz mit irgendeinem Verwöhnten Großkotz aus dem Goldenen Westen handelt !
Bernd Jatzwauk, 26.05.2017
4. Finnisch-estnische Grenze?
Wo grenzt Finnland denn bitte an Estland?
Jan Müller, 26.05.2017
5. Die Grenze zwischen Finnland und Estland...
...verläuft in der Ostsee. Und da Rust von Helsinki kam (Flugroute: https://www.youtube.com/watch?v=SGi3ks5Q6L4 ) stimmt die Aussage.
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