Krieg im Pazifik Seeschlacht um die Vogelinseln

Krieg im Pazifik: Seeschlacht um die Vogelinseln Fotos
US National Archives

Es war ein Wendepunkt im Zweiten Weltkrieg: Im Juni 1942 griff Japan mit seiner gewaltigen Seestreitmacht die winzigen Midway-Inseln an. Doch die vermeintliche Todesfalle für die US-Marine endete im Desaster. Denn bei der Ankunft an dem Pazifikatoll erwartete sie eine fatale Überraschung. Von

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Jetzt also die Albatrosse. Erst hatten die Japaner die Pazifikflotte der USA in Pearl Harbor zerbombt, dann binnen Monaten halb Südostasien erobert. Und nun sollte eine weitere Bastion der Freiheit fallen, der US-Außenposten auf den Midway-Inseln. Ein winziges Atoll im Pazifik, gerade mal 623 Hektar groß, 5200 Kilometer westlich von San Francisco, eher bekannt für seine seltenen Schwarzfuß- und Laysan-Albatrosse - auch sie irgendwie Symbole der Freiheit.

Aber nicht mit den Amerikanern! Im Frühjahr 1942 schickten sie den berühmten Filmregisseur John Ford ("Früchte des Zorns"), damals bereits dreifacher Oscar-Preisträger, auf das Atoll. Und Ford filmte Vögel. "Dies sind die Bewohner von Midway", sprach der begnadete Charakterdarsteller Henry Fonda wenig später unter Fords Aufnahmen von tollpatschig watschelnden Albatrossen. "Die Vögel sind nervös, irgendetwas liegt in der Luft." Die Japaner, so suggerierte der Propagandastreifen, machen sogar den sonst so unerschrockenen Königen der Lüfte Angst.

Die Bedrohung war tatsächlich keine Fiktion Hollywoods. Denn die Japaner sahen in den entlegenen Midway-Inseln den Schlüssel zu ihrer dauerhaften Vormachtstellung im Pazifik. Hier wollten sie die Amerikaner in eine Falle locken, hier wollten sie das beenden, was sie in Pearl Harbor begonnen hatten: mit einem Überraschungsschlag die Marine der Weltmacht endgültig besiegen.

Das mächtigste Schlachtschiff der Welt

Und so nahm im Mai 1942 die gewaltigste Kriegsflotte der Welt vom japanischen Hafen Hashirajima Kurs auf ein Atoll, das nur mit der Lupe auf Atlanten zu finden ist. Insgesamt 190 Schiffe, davon 23 Kreuzer, 65 Zerstörer, elf Schlachtschiffe und vier große Flugzeugträger gehörten zu dem Verband. Das Kommando der Operation wurde von der "Yamato" geführt - dem mächtigsten Schlachtschiff der Welt. 40 Kilometer konnten seine Bordgeschütze schießen. Wer sollte diese Flotte aufhalten?

Die Stimmung an Bord der Schiffe war ausgezeichnet, der Sieg schien sicher. In den letzten Monaten hatten die Japaner mühelos die Kontrolle über Indonesien, Burma, Thailand und die Philippinen gewonnen. Auch ein erstes Seegefecht mit den Amerikanern, die Schlacht am Korallenmeer, war zu ihren Gunsten ausgegangen.

Penibel war alles für die siegreiche Eroberung des US-Außenpostens vorbereitet. Ein Befehlshaber für das Atoll war schon ernannt worden, und die japanische Marineführung hatte sich bereits einen neuen, patriotischen Namen für das Atoll ausgedacht: Midway sollte künftig "Ruhmreicher Monat Juni" heißen - denn im Juni würde die Falle zuschnappen.

"Ich werde wild um mich schlagen"

Der Grundgedanke war denkbar simpel: Die Japaner wussten, dass sie ihre momentane See-Überlegenheit möglichst schnell in Siege ummünzen mussten, bevor die US-Kriegsindustrie in Fahrt kam und die Kräfteverhältnisse umkehren würde. "Wenn ich den Befehl bekomme, ohne Rücksicht auf die Folgen Krieg zu führen, werde ich die ersten sechs Monate oder ein Jahr lang wild um mich schlagen", hatte der Oberbefehlshaber der japanischen Flotte, Isoroku Yamamoto, der geniale Stratege von Pearl Harbor, 1941 gesagt. "Sollten die Kämpfe aber noch ein zweites oder drittes Jahr andauern, sehe ich äußerst schwarz."

Deshalb suchte Yamamoto nach einem neuralgischen Punkt, den die Amerikaner auf keinen Fall kampflos preisgeben würden. Midway war eine gute Wahl, um die USA aus der Reserve zu locken: Es war der westlichste US-Marinestützpunkt, nach dem Verlust von Guam und den Philippinen an die Japaner. War Hawaii noch sicher, wenn nun auch Midway fiel? Oder San Fransisco? In der US-Öffentlichkeit würde der Verlust des Atolls die grassierende Hysterie vor einer Invasion der US-Westküste weiter anfachen.

Solche Ängste wollten die Japaner mit einem Nebenangriff auf die Aleuten bei Alaska verstärken. In der anschließenden Verwirrung, so das Kalkül, sollten die nach Midway eilenden Schiffe von japanischen U-Booten versenkt werden.

Gewaltige Fehleinschätzung

Der Plan war innerhalb der japanischen Marine umstritten. Einige Admirale wollten lieber versuchen, Australien zu isolieren. Doch als die Amerikaner im April 1942 von einem ihrer Flugzeugträger aus Tokio bombardierten, war die Entscheidung gefallen. Die Luftattacke richtete wenig Schaden an, hatte aber eine verheerende psychologische Wirkung: Der Kaiser war in Gefahr gewesen! Niemand hatte den USA so einen Angriff zugetraut. Wütend ließ das Militär drei gefangene US-Piloten hinrichten.

Gut sechs Wochen später, am 4. Juni 1942, sollten solche Attacken ein für alle mal unterbunden werden. Um 4 Uhr 45 starteten von den vier japanischen Flugzeugträgern insgesamt 108 Bomber Richtung Midway. Siegesbewusst sagte der Kommandeur des Flugzeugträgerverbands, Chuichi Nagumo: "Der Feind ahnt nichts von unseren Flugzeugen."

Es sollte der Schlüsselsatz der Schlacht werden. Denn er war eine gewaltige Fehleinschätzung, die Tausenden Japanern das Leben kosten würde. Denn US-Abwehrspezialisten war es schon vor Wochen gelungen, das japanische Marine-Codesystem zu entschlüsseln. Bis auf den Tag genau wussten sie, was ihr Gegner vorhatte.

Wirkungsloser Angriff

Das spürten die Japaner zum ersten Mal, als sie im Morgengrauen die beiden Midway-Inseln Sand Island und Eastern Island angriffen. Sie wollten die US-Flugzeuge am Boden vernichten - doch die Piloten hatten sich mit ihren Maschinen schon längst in die Luft gerettet.

Von Sand Island aus filmte Regisseur John Ford den Angriff. Der Hangar für Wasserflugzeuge wurde zerstört, eine Startpiste getroffen, die Öltanks auf Sand Island explodierten. Schwarze Rauchwolken stiegen in den blauen Morgenhimmel, Ford wurde von einem Splitter in der Schulter verletzt, filmte aber trotzdem weiter, wie sich der Pilot eines getroffenen japanischen Bombers senkrecht vom Himmel stürzte.

Die Enttäuschung der Japaner konnten solche Aufnahmen nicht einfangen. Sie machte ein einfacher Funkspruch deutlich: "Zweiter Angriff erforderlich". Das war nicht eingeplant gewesen - und sollte die ganze Konzeption zum Kollaps bringen.

Die entscheidende Meldung

Denn nun wurden Flugzeuge, die mit Torpedos für den Seekampf vorgesehen waren, für den zweiten Angriff auf Midway mit Bomben umgerüstet. Zudem mussten die Abfangjäger, die zur Luftsicherung unablässig in der Luft gewesen waren, aufgetankt werden. Ausgerechnet in diesem Zeitpunkt entdeckte die japanische Luftaufklärung einen Teil der US-Flotte. Und die befand sich keineswegs in einem Zustand der Verwirrung. Schlimmer noch: Sie war nur etwa 200 Seemeilen entfernt.

Kommandant Naguma befand sich in einer Zwickmühle. Stoppte er das Umrüsten seiner Flugzeuge, würde sich ein zweiter Angriff auf Midway weit nach hinten schieben. Ließ er alles weiterlaufen, könnten seine Flugzeugträger in ihrem verletzlichsten Moment getroffen werden - beim Auftanken und Munitionieren. Sollte er also lieber den Gegner sofort angreifen? Das wäre riskant, denn dafür fehlten ihm die noch nicht einsatzbereiten Abfangjäger.

Naguma zögerte. Seine Aufklärer hatten zunächst nicht sagen können, ob sich in der US-Flotte Flugzeugträger befanden. Davon hing aber ab, wie groß die Gefahr für die eigenen Flugzeugträger war. Um 8 Uhr 20 kam der entscheidende Funkspruch. "Feind anscheinend von Träger begleitet." Diese Nachricht, schrieb Mitsuo Fuchida später, damals Offizier auf dem Flugzeugträger "Akagi", habe jeden "elektrisiert".

Angriff im verletzlichsten Moment

Nagumo zögerte weitere wertvolle zehn Minuten. Dann traf er seine verhängnisvolle Entscheidung. Er ließ die Decks der Flugzeugträger räumen, um zunächst Platz für die von Midway zurückkehrenden Bomber zu machen. Dann befahl er jene Maschinen, die zuvor von Torpedos auf Bomben umgerüstet worden waren, wieder mit Torpedos zu munitionieren, um anschließend damit die US-Kriegsschiffe angreifen zu können. "Das scheint mir eine Art lustiger Umkleidewettkampf", kommentierte ein Fliegeroffizier das Chaos.

Wenig später fand das niemand mehr lustig. Denn die Amerikaner griffen tatsächlich zu dem delikaten Zeitpunkt des Umrüstens an. Zunächst konnten die japanischen Abfangjäger die gegnerischen Flugzeuge noch vom Himmel schießen. "Jeder auf dem Deck der 'Akagi' verfolgte wie hypnotisiert die dramatische Szene", erinnert sich Zeitzeuge Mitsuo Fuchida. "Wilde Hurrarufe und Pfeifen, als ein Gegner nach dem anderen abstürzte."

Um 10 Uhr 25 wendete sich das Blatt, als die bisher völlig erfolglosen Amerikaner ihren letzten Trumpf zogen: Sturzkampfbomber. Und deren Bomben trafen. Drei der vier Flugzeugträger. In wenigen Minuten war die Schlacht entschieden.

Glühendes Inferno

Fassungslos beobachte Offizier Fuchida das Ende der "Akagi". "Im Flugdeck klaffte ein riesiges Loch. Flugzeuge standen mit dem Schwanzstück in die Luft und gaben weißliche Flammen und pechschwarzen Rauch von sich. Ich merkte kaum, dass mir Tränen über die Wangen strömten." Dann begannen die Torpedos der Flugzeuge zu explodieren. Die "Akagi" verwandelte sich in ein glühendes Inferno, in dem 263 Soldaten den Tod fanden.

Ähnliche Szenen spielten sich auch auf den anderen Flugzeugträgern ab; die "Hiryu" war als einziger Träger erst am Nachmittag getroffen worden. Ein Stahlkoloss nach dem anderen sank oder war so sehr zerstört, dass er von den begleitenden Schlachtschiffen versenkt werden musste, um nicht in die Hände der Feinde zu fallen.

Japan hatte mit einem Schlag etwa 3000 Soldaten, mehr als 300 Flugzeuge und vier seiner sechs großen Flugzeugträger verloren. Der fest eingeplante Sieg gegen einen zahlenmäßig deutlich unterlegenen Gegner war in ein Desaster gemündet. Das änderte auch nicht der einzige Teilerfolg, die Versenkung des US-Flugzeugträgers "Yorktown" bei einem Gegenangriff.

Fatale Fehler

Mit taktischen Fehlern hatte das Kaiserreich seine Überlegenheit im Pazifik dauerhaft verspielt. Im festen Glauben an ihren Plan vernachlässigten die Japaner ihre Aufklärung. Besonders fatal wirkte sich aus, dass sie ihre riesige Flotte nicht wie die Amerikaner konzentriert einsetzten, sondern in viele Gruppen zersplitterten. So war die Hauptflotte viel zu weit entfernt, als dass sie Admiral Nagumo zur Hilfe hätte eilen können. Oberbefehlshaber Yamamoto bekam wegen des vereinbarten Funkverbots zwischen den Verbänden nichts von der sich zuspitzenden Lage mit.

Nach Midway wurde der Jäger zum Gejagten. Von Selbstkritik war im Kaiserreich dennoch nichts zu hören - die Niederlage wurde öffentlich als Unentschieden verkauft.

Die Amerikaner schlachteten den Erfolg hingegen als Rache für Pearl Harbor aus. Und selbst Oscarpreisträger John Ford schreckte für die Propaganda nicht vor peinlichen Filmeffekten zurück. In seinem 18-minütigem Film "The Battle of Midway" textete er unter die Aufnahmen eines jungen Albatrosses, der seinen Schnabel bewegt, das Ergebnis der Schlacht: "Midway ist so frei, wie es immer war."

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    Seite 1    
1.
Tim Wilhelms 04.06.2012
Die Japaner hätten durchhalten müssen. Gegen nur noch zwei einsatzfähige US-Träger mit einem durch die vorherigen Gefechte dezimierten Flugzeugbestand hätte sich die Überwasserflotte durchsetzen können. Außerdem waren dort noch zwei leichte Träger mit Jagdflugzeugen vorhanden, so dass der Verband nicht ohne Luftverteidigung war. Also: Zu defensiv gespielt und dumm verloren.
2.
Hans Engler 05.06.2012
Ein Sieg, der erst durch die Codebrecher ermoeglicht wurde. Athene triumphiert ueber Ares.
3.
Rolf Radicke 05.06.2012
>Die Japaner hätten durchhalten müssen. Gegen nur noch zwei einsatzfähige US-Träger mit einem durch die vorherigen Gefechte dezimierten Flugzeugbestand hätte sich die Überwasserflotte durchsetzen können. Außerdem waren dort noch zwei leichte Träger mit Jagdflugzeugen vorhanden, so dass der Verband nicht ohne Luftverteidigung war. Also: Zu defensiv gespielt und dumm verloren.
4.
Rudolf Probst 05.06.2012
Midway "die Bastion der Freiheit". Selbst aus der Entfernung von Jahrzehnten ist das noch üble Kriegspropaganda, derer sich der Spiegel tunlichst enthalten sollte. Japan mag eine üble, militaristische Diktatur gewesen sien, die den Pazifikraum mit Krieg überzog. Aber die USA hatten in der Gegend genausoiwenig verloren, wie Japan. Es ging "den Amerikanern" nicht um Freiheit, sondern um globalstrategische Macht. Von dieser "Bastion der Freiheit" aus wurden zum Beispiel die Vietnamesen massakriert, da Midway ein wichtiger, logistischer Stützpunkt der US-Kriegsmaschinerie war. Das bitte ich zu berücksichtigen.
5.
Rolf Radicke 05.06.2012
Durchhalten ist immer gut. Da haben sich 3000 Japaner und vier Traeger einfach fuer immer verabschiedet statt weiter zu kaempfen. Wenn der Feind den Code geknackt hat, dann ist man verwundbar, selbst wenn man zahlenmaessig ueberlegen ist. Aber Durchhalteparolen sind und bleiben immer gut. War ja in Stalingrad nicht viel anders.
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