Krieg um die Falklands Das Tor zur Antarktis

Krieg um die Falklands: Das Tor zur Antarktis Fotos
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Kriegstrümmer, Naturparadiese und Militär soweit das Auge reicht: 1985 reiste Kurt-Jürgen Voigt mit einem Kamerateam auf die vom Krieg gezeichneten Falklandinseln. Über deren geopolitische Brisanz wollte niemand reden - stattdessen legte die britische Armee den deutschen Fernsehmachern, wo immer es ging, Steine in den Weg. Von

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In der Morgendämmerung des 21. Mai 1982 setzte die mächtigste Armada, die England seit dem Zweiten Weltkrieg um die halbe Erde geschickt hatte, vor den Falklandinseln die ersten Stoßtrupps an Land und begann unter dem Feuer von Schiffsgeschützen und Luftbombardements, was noch Wochen zuvor niemand für möglich gehalten hatte: England machte sich daran, seine Falklandinseln zurückzuerobern, die Argentinien unter General Leopoldo Galtieri in einem Gewaltstreich am 2. April besetzt hatte.

25 Tage dauerte die Schlacht, in der beide Länder schmerzliche Verluste erlitten. Die Welt schaute gespannt und entsetzt zu. Dass zwei westliche Länder in Zeiten des Kalten Krieges militärisch gegeneinander vorgingen, war gewissermaßen nicht vorgesehen, denn die Aufrechterhaltung von starken Verteidigungsbündnissen für den Fall eines dritten Weltkriegs war nach wie vor von größter Wichtigkeit. Die USA, die zu beiden Ländern enge Verbindungen unterhielten, mussten ihren südamerikanischen Partner verprellen und ihrem alten Alliierten unter die Arme greifen. Am 20. Juni hatten die Briten ihre unweit der Antarktis gelegenen Inseln zurückerobert.

Gemeinsam mit britischen Soldaten, die nach dem Krieg aus Sicherheitsgründen in größerer Zahl auf der Insel stationiert worden waren, flog ich zusammen mit einem Kamera- und einem Tonmann im Auftrag des deutschen Fernsehens in das entlegene britische Überseegebiet 700 Kilometer südöstlich von Südargentinien und Feuerland. Die Briten sahen es gern, dass das deutsche Fernsehen über die Inseln berichten wollte; dass sie sich einen wohlwollenden Bericht über ihre Bemühungen wünschten, die Ordnung auf den von den Argentiniern annektierten und nun von den kriegerischen Auseinandersetzung gezeichneten Inseln wiederherzustellen, konnten wir uns denken. Wir aber interessierten uns auch für die geopolitische Tragweite des Konflikts.

Zugang verboten

Sofort nach unserer Ankunft präsentierte ein Offizier den Soldaten und uns Karten mit Plänen von den Minenfeldern, die die argentinischen Truppen hinterlassen hatten. Er zeigte Fotos mit den Brandwunden, die die speziell präparierten Minen hervorriefen, wenn man sie anfasste. Im Hafen der kleinen Inselhauptstadt Stanzen lag elegisch das Wrack der "Lady Elisabeth", ein Großsegler, der hier womöglich bis in alle Ewigkeit von Cap Horn träumen würde. Weiter weg sahen wir die gewaltigen schwimmenden Wohnhotels, welche die Royal Air Force hier für die Soldaten installiert hatte.

Das Städtchen mit seinen bunten Häuschen, seinen sauberen Gärten, den zwei Kirchen und dem Hotel, in dem wir wohnten, machte einen friedlichen und sehr britischen Eindruck. Wären da nicht die bedrohlich klopfenden Army-Hubschrauber gewesen, die an langen Kabeln Kisten über das Wasser transportierten. Die Allgegenwart des Militärs, das stellten wir schnell fest, machte das Drehen zu einer komplizierten Angelegenheit. Immer wieder stellten wir uns die Frage: "Was dürfen wir filmen, was nicht?"

Der zivile Pressebeauftragte der Royal Air Force sagte mitleidslos: "Sie dürfen hier eigentlich gar nichts. Sorry." Wohin man auch blickte, überall dominierte das Militär, und alles Militärische war Sperrzone, war Stacheldraht, war verboten. Wozu waren wir den weiten Weg gekommen, wenn die Insel ein einziges No-Go-Area war? Die blutjungen Soldaten dagegen, die an der Straße zum neuen Airfield bauten, auf dem in Zukunft auch Düsenjets landen würden, kannten den Grund ihrer Anwesenheit ganz genau. Unsere Bemühungen, wenigstens einen Piloten samt Flugzeug für einen Rundflug anzuheuern, um uns einen Überblick über die Insel zu verschaffen, scheiterte an der Flugzeugtür, die wir zum Drehen aushängen mussten und an einem Tau, das wir in ganz Stanley nicht auftreiben konnten. Wenn es so weiterging, dachten wir, würden wir mit leeren Filmrollen nach Hause zurückkehren.

"It's homeland, you know."

Die erste Klappe fiel dann vor dem großen, noch im Bau befindlichen steinernen Kriegsdenkmal am Strand. Es trug die Namen der Gefallenen in Bronze und der beteiligten Einheiten in Gold; ein Halbrelief mit naturalistischen Kriegsszenen einschließlich angreifender Hubschrauber.

Soldaten sahen uns bei der Arbeit zu und wollten mit aufs Bild - es war ja schließlich ihr Sieg gewesen. Nach wenigen Minuten begann es in Strömen zu gießen. Wir beendeten den Dreh und gingen an die Bar in unserem Hotel. Ein glühender Patriot beantwortete unsere Fragen über den Krieg kurz, knapp und unmissverständlich: "It's homeland, you know." Natürlich hätte sich darüber streiten lassen, aber dieser Mann duldete keinen Widerspruch. Unser Eindruck, dass es sich bei den Falklandinseln um eine sehr eigenwillige Kopie Englands handelte, hätte ihm sicher weniger gefallen.

Ein Inselbewohner mit knorrigem Seemannsgesicht fuhr uns mit seinem Landrover über die Insel. Die Straßen waren endlose Aneinanderreihungen tiefer Schlaglöcher in ausgefahrenem Kies, und das Fahren notwendigerweise eine Kunst. Im ersten Gang quälte sich das Allradgefährt durch das Schlachtfeld von Sapper Hill, südlich von Stanley, bis Stacheldraht den Weg versperrte, weil Minen das Gelände unpassierbar gemacht hatten. Hier hatten beide Seiten während des Kriegs herbe Verluste erlitten, erzählte uns unser Inselführer. Wir fanden ein kleines Denkmal, das die Lebenden ermahnte, der Toten zu gedenken.

Überraschend erhielten wir dann doch noch die Genehmigung, uns einige Militäranlagen anzusehen.

Der Gouverneur lächelte - und schwieg

Je weiter wir fuhren, desto sichtbarer wurden die umwallten Raketenstellungen. Wenige hundert Meter weiter fanden wir ein unberührtes Paradies seltener Blumen und Kräuter. Nur ein zertrümmertes argentinisches Flugzeug in den weiten Matten der Kelp-Algen störte den Eindruck. In Moody Brook drehten wir die Trümmer eines Flugzeughangars und die alten Kasernen der Royal Marines, dazwischen Wolken weißer Möwen. Wir durchwanderten die endlosen Haufen hochgetürmter Kriegstrümmer, LKWs, Hubschrauber, Flugzeuge, Gulaschkanonen. Wir fanden argentinisches Bier, intakte Reisbeutel, Soldatenstiefel von guter Qualität. Es war, als wäre der Krieg erst am Tag zuvor zu Ende gewesen.

Bei unserer Rückfahrt blieben wir im Schlamm stecken. Innerhalb weniger Minuten hatten uns die Soldaten der Royal Armee Force entdeckt. Dem Militär blieb auf diesem kleinen Flecken Erde nichts verborgen. Ein LKW zog uns mit einer Seiltrommel heraus.

Zurück in unserem Hotel trafen wir Seine Lordschaft, den Parlamentarischen Sekretär des britischen Verteidigungsministeriums. Er wusste, dass wir auf der Insel waren und stellte sich bereitwillig unseren Fragen. Er sagte, es gebe keine Verbindungen zwischen den Falklands und Besitzansprüchen in der Antarktis, die Großbritannien auf Forschungsreisen vergangener Zeiten stützt. Auch Öl spiele keine Rolle. Die britische Armee sei hier, weil die Falkländer so leben sollen wie sie wollen und weil man ihnen dafür Schutz gewähren müsse. Der Insel-Gouverneur der Inseln saß daneben, schwieg und lächelte. Er versprach uns ein Statement für einen der kommenden Tage.

11.000 disziplinlose Argentinier

In den nächsten Tagen bekamen wir auch noch unseren Inselrundflug. Mehrere harte Stunden lang kreisten wir in einem Helikopter über die Insel, drehten die endlosen grünen Wellen des Landes unter uns, die Ketten flacher Seen. Wenige Meter über dem Boden machten wir Bilder von dem berühmten einheimischen Tussock-Gras, das wegen der gefräßigen Schafe inzwischen fast verschwunden war, sowie See-Elefanten und Pinguine. Auf dem Schlachtfeld von Port San Carlos landeten wir zwischen. Wir drehten den britischen Soldatenfriedhof und später den Schauplatz der bedeutenden Schlacht von Goose Green. Ein argentinisches Kanonenboot lag gesunken im Hafen. Nördlich von Bluff Cove sahen wir die lange Piste des neuen Flughafens. Eine Straße nach Stanley war im Bau. Die lange Luftbrücke von London nach Falkland sollte kürzer werden. Für einen schnelleren Zugang zum Eingangstor der Briten in die Antarktis.

Während unseres Aufenthalts auf den Inseln trafen wir auf viele verschiedene Menschen. Menschen, die sagten: "Es lässt sich gut hier leben." Menschen, die die lange und bewegte Geschichte der Inseln erlebt hatten, den Ersten und den Zweiten Weltkrieg und später die versuchte Annexion durch Argentinien. Viele argentinische Soldaten, wurde uns erzählt, hätten damals gedacht, man würde sie mit offenen Armen empfangen. Sie hätten geglaubt, mindestens die Hälfte der Insulaner seien Argentinier. Als dem nicht so war, hätten sie umhergeschossen, ohne jede Disziplin, hätten Minen in die Gärten geworfen, Zeichen an die Häuser gemalt, die Schutz vor Bomben boten und Panzer aus Lazarettschiffen geladen. 11.000 argentinische Soldaten. "Nein", sagte ein Mann zu uns, "ein Spaß war das nicht, diese Besetzung über eineinhalb Monate. Die Briten sind gerade noch rechtzeitig gekommen. Alle hatten Angst, die Argies würden Stanley sprengen."

An unserem letzten Tag drehten wir vor dem Gouverneurspalast. Die Kamera stand vor einem Sessel und einem Tisch mit Blumen. Der Gouverneur, Sir Rex, war im Zweiten Weltkrieg Kampfjetpilot gewesen, ein tapferer Mann, der keinen Meter vor den Argentiniern zurückwich. Er kam pünktlich zum Interview, machte uns auf seinen deutschen Maßanzug aufmerksam. England sei hier, sagte er, weil es sich nach den Wünschen der Falkländer richte. Obwohl diese mal selbstständig werden wollten. Daran hätten die Briten natürlich kein Interesse gehabt. Sir Rex sprach von der strategischen Lage der Inseln im Einzugsbereich der Antarktis. Was das bedeutete, wussten wir. Irgendwann, in einer fernen Zukunft, nach dem Auslaufen der Antarktisverträge vielleicht, die den Abbau von Bodenschätzen in der Antarktis bis zum Jahre 2041 verbieten, könnten die Falklandinseln wohlmöglich wieder Anlass zu einem Krieg geben. Mittlerweile ist dieser Zeitpunkt ein wenig näher gerückt, und die Ressourcen werden immer knapper.

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