Kriegsbeginn 1939 Stukas über Wielun

Vergessener Luftschlag: Noch bevor Hitlers Panzer über Polens Grenze rollten, machten Stukas am 1. September 1939 die Stadt Wielun dem Erdboden gleich - militärische Ziele gab es dort nicht. Dass der erste Luftangriff des Zweiten Weltkriegs eine reine Terrorattacke war, vertuschten die Nazis.

Von Jens Mattern und


Am frühen Morgen des 1. September 1939 steht der 13-jährige Eugeniusz Kolodziejczyk mit seinem Vater auf dem neuen Marktplatz von Wielun. Der Vater wartet hier mit ein paar anderen Männern auf die Einberufung, es soll Krieg mit Deutschland geben. Der Kreisstadt Wielun selbst, so sagen die Leute, drohe keine Gefahr, es gibt hier ja nur eine Zuckerfabrik. Eugeniusz hört ein schweres Dröhnen, er kann Flugzeuge mit dem schwarz-weißen Balkenkreuz am Himmel erkennen. Dann fallen die Bomben.

Heulen und Krachen überall, Staub und Feuer. Im Nachthemd hasten Menschen aus ihren brennenden Häusern, zielllos und panisch. Sie wissen nicht, wohin sie flüchten sollen. Die elfjährige Zofia Burchacynska erwacht durch das heisere Sirren der Fliegerbomben. Dann erschüttern Explosionen das Haus, Glas splittert. Mit ihrer Mutter springt Zofia barfuss aus dem Fenster, die beiden rennen in den Keller. Vor Staub können sie kaum atmen, flüchten in einen anderen Keller. Dort hocken bereits angsterfüllte Gestalten, die klagen, weinen und beten. Im Hinterhof detoniert eine Bombe.

Zofia und ihre Mutter entschließen sich zur Flucht aus der brennenden Stadt; über Schutt und an herabgestürzten Stromleitungen vorbei. Im Radio wurde am Vorabend noch Entwarnung gegeben, nachdem zunächst die Sirenen losgingen - nur ein Fehlalarm, hatte es geheißen. Eugeniusz und sein Vater werden von einem Polizisten zum Allerheiligen-Hospital befohlen, das trotz Rotkreuzmarkierung getroffen worden ist. Dort muss der Junge helfen, Tote und Verletzte wegtragen. Weinen kann er nicht, er spürt nur einen Kloß im Hals.

Stukas bohren sich in den Heidesand

Die Bombardierung der polnischen Kleinstadt, wenige Kilometer jenseits der deutsch-polnischen Grenze östlich von Breslau gelegen, ist der erste Einsatz von Hitlers Luftwaffe im Zweiten Weltkrieg. Die Stukas schlagen etwa zur selben Zeit zu, zu der das Linienschiff "Schleswig-Holstein" die Danziger Westerplatte mit Granaten belegt. Der Angriff der "Schleswig-Hoslstein" wird von der NS-Propaganda nach allen Regeln der Kunst ausgeschlachtet und gilt bis heute als eigentlicher Beginn des Zweiten Weltkriegs. Die Attacke auf Wielun dagegen wurde von den Deutschen anschließend vertuscht und ist so gut wie vergessen - dabei wies gerade sie die brutale Richtung, die der Luftkrieg in den folgenden sechs Jahren nehmen würde.

Wielun ist ein verschlafenes Provinznest mit 16.000 Einwohnern, geprägt von Landwirtschaft und Handel. Industrie gibt es hier kaum, keinen Verkehrsknoten und auch kein Militär, eine Kavallerieeinheit ist schon Monate zuvor verlegt worden. In einer Note versichert das Auswärtige Amt den angegriffenen Polen am Tag der Invasion, die deutsche Luftwaffe habe "den Befehl erhalten, sich bei ihren Kampfhandlungen in Polen auf militärische Ziele zu beschränken". Es ist eine zynische Lüge, Wielun liegt zu diesem Zeitpunkt bereits in Schutt und Asche.

Die Nemesis der kleinen Stadt heißt Walter Sigel. Der 33-jährige Luftwaffen-Hauptmann ist Gruppenkommandeur des Sturzkampfgeschwaders 76, dessen Ju-87-Bomber Eugeniusz Kolodziejczyk am frühen Morgen des 1. September über seiner Heimatstadt dröhnen hört. Dabei kann Sigel froh sein, dass er überhaupt mitfliegen darf. Denn am 15. August hatten sich bei einer Vorführung der brandneuen Stukas für die Generalität beim simulierten Sturzangriff gleich 13 seiner Stukas in den Heidesand des Truppenübungsplatzes Neuhammer bei Cottbus gebohrt. Alle 26 Besatzungsmitglieder starben.

9000 Bombenangriffe

Kommandeur Sigel hatte seine eigene Ju zwar noch rechtzeitig abfangen können, aber er landet vor dem Kriegsgericht. Einzig, weil der Angriff auf Polen unmittelbar bevorsteht und die Luftwaffe alle Piloten braucht, wird er im Eilverfahren freigesprochen. Jetzt brennt Sigel darauf zu zeigen, dass er dennoch ein guter Geschwaderführer ist. Aus 2000 Meter Höhe stürzen sich seine 29 Stukas auf das wehrlose Wielun. Der infernalische Lärm ihrer luftgetriebenen Sirenen, den "Jerichotrompeten", verbreiten am Boden bereits Panik, bevor die Bomben fallen. Dann klinken die Stukas in 800 Meter ihre tödliche Fracht aus - 112 50-Kilogramm-Bomben und 29 schwere 500-Kilogramm-Sprengsätze. Noch zwei weitere Angriffswellen treffen Wielun an diesem Tag. Nach polnischen Quellen kommen 1200 Menschen um, 70 Prozent der Stadt werden zerstört.

Doch warum dieser massive Angriff auf eine unbedeutende Provinzstadt? Die meisten Historiker meinen, dass an dem 800 Jahre alten Wielun die neuen Taktik erprobt werden sollte, bei der auf die Sprengbomben Brandsätze folgten, um einen Feuersturm auszulösen. Möglicherweise fiel die Wahl nur deshalb auf Wielun, weil einer der deutschen Piloten Schüler des dortigen Gymnasiums gewesen war und den Ort gut kannte, wie der Historiker Tadeusz Olejnik meint. Noch am selben Tag wurde Warschau bombardiert, anfangs beschränkten sich dort die Angriffe vornehmlich auf strategische Ziele. Erst als der Vormarsch der deutschen Bodentruppen heftigeren Widerstand stieß, ging die Luftwaffe zu Terrorangriffen über und nahm Wohngegenden und Kulturgüter wie das Warschauer Schloss ins Visier. Insgesamt 9000 Bombeneinsätze flog die Luftwaffe gegen Polen.

Auch über die Uhrzeit des ersten Angriffs gibt es heute Diskussionen. Laut Meldebericht der Luftwaffe starteten die Stukas um 5.02 Uhr vom Flugplatz Nieder-Ellguth bei Oppeln aus und griffen die Stadt um 5.40 Uhr an. Polnische Augenzeugen wie Eugeniusz Kolodziejczyk erklären jedoch unisono, das Bombardement habe eine Stunde früher stattgefunden. Stimmt das, dann wäre Wielun das erste Opfer der NS-Kriegsmaschine im Zweiten Weltkrieg gewesen, nicht die Westerplatte.

"Eine solche Hölle"

Beim Einmarsch der deutschen Bodentruppen am 2. September erlebten die Verbliebenen von Wielun, was später kennzeichnend für den Vernichtungskrieg im Osten wurde. Einige Bewohner, vor allem Juden, wurden erschossen, Häuser in Brand gesetzt. "Die Deutschen waren gut vorbereitet, sie hatten Karten und wussten genau, wo wer wohnt", erklärt Jerzy Wlazlyk, der damals elf Jahre alt war. Einer der Besatzer von Wielun war Rittmeister Claus Schenk Graf von Stauffenberg, der spätere Hitler-Attentäter. Er wurde Zeuge, wie ein deutscher Offizier zwei geistig behinderte Frauen erschießen ließ, die angeblich Signale gegeben hatten. Auf sein Drängen beim Divisionskommandeur wurde der Verantwortliche vor ein Kriegsgericht gestellt und degradiert - später allerdings begnadigt.

Lange Zeit wurde dem ersten Luftangriff des Zweiten Weltkriegs erstaunlich wenig Beachtung geschenkt. Die Deutschen vertuschten die Attacke, schon weil nach dem Haagener Abkommen von 1907 unverteidigte Städte nicht angegriffen werden dürfen. In der Propaganda des "Dritten Reichs" (wie auch in Berichten der Nachkriegszeit) wurde die polnische Kavallerie in die Pilotenberichte hineingedichtet, um das Kriegsverbrechen zu vertuschen. In den Einsatzberichten der Luftwaffe steht das ganz anders: "Keine besonderen Feindbeobachtungen", heißt es dort.

Auch in Polen herrschte nach 1945 verordnetes Schweigen. "Man durfte bis zur Wende nicht offiziell über den Angriff auf Wielun reden", sagt eine Mitarbeiterin des Wieluner Stadtmuseums. Die sozialistische Volksrepublik pflegte lieber den Kult um den heroischen Kampf auf der Westerplatte, wo die polnischen Verteidiger den deutschen Marinekommandos schwere Verluste zufügten, bevor sie in Ehren kapitulieren durften.

Zum 70. Jahrestag werden der polnische Präsident Lech Kaczynski und die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel auf der Westerplatte gemeinsam des Kriegsbeginns gedenken. Dann wird Kaczynski von Danzig nach Wielun eilen, um auch dort eine Rede zu halten, allerdings ohne die deutsche Kanzlerin. Zofia Burchacynska und Eugeniusz Kolodziejczyk werden auf Ehrenplätzen sitzen. An dem "Warum" des Angriffs arbeiten sie innerlich noch heute: "Warum bereitet der Mensch dem Menschen eine solche Hölle?", fragt Eugeniusz und greift beim Erzählen mit den Händen in die Luft, als könnte er dort die Antwort fassen.



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Michael Schnickers, 27.08.2009
1.
Auch über die Uhrzeit des ersten Angriffs gibt es heute Diskussionen. Laut Meldebericht der Luftwaffe starteten die Stukas um 5.02 Uhr vom Flugplatz Nieder-Ellguth bei Oppeln aus und griffen die Stadt um 5.40 Uhr an. Polnische Augenzeugen wie Eugeniusz Kolodziejczyk erklären jedoch unisono, das Bombardement habe eine Stunde früher stattgefunden. Stimmt das, dann wäre Wielun das erste Opfer der NS-Kriegsmaschine im Zweiten Weltkrieg gewesen, nicht die Westerplatte. Oh Gott, wie oft denn noch??? Im Deutschen Reich galt Sommerzeit (wie heute auch), in Polen dagegen nicht! So kamen die Maschinen scheinbar früher an, als sie losgeflogen waren- DAS herauszufinden, kann doch wirklich nicht so schwer sein!!!
Hans-Jürgen Peter, 31.08.2009
2.
Soviel ich aus der Literatur (u.a. Fall Weiß v. J.Piekalkiewicz) sollte Polen schon am 27.8. angegriffen werden, das wurde aber verschoben. Zu dieser Zeit waren polnische Truppen tatsächlich in Wielun vorrübergehend stationiert, um dann in der grenznahen Umgebung Stellungen zu beziehen. Polen rechnete seit August zu jeder Zeit mit dem Kriegsausbruch. Im August flog die Luftwaffe bereits Aufklärung über Westpolen, und anhand dieser Aufnahmen von 25.-27. August wurden die Ziele ausgesucht. Dumm, dass in Wielun dann am 1.9. kein Militär mehr da war. Die Aussage von Piloten, sie hätten keine Feindberührung gehabt, bezieht sich aber allgemein auf die Luftabwehr also polnische Flak und Jäger. Somit war Wielun, wo tatsächlich nur Zivilisten getroffen wurden wiedermal eine peinliche Schlamperei, vergleichbar mit Guernica. Ein vorsätzlich geplantes Kriegsverbrechen war es aber nicht. Das ist bei den Gerichtsverfahren, gegen ehemalige Stukapiloten in den achtziger Jahren auch belegt worden.
Leszek Berger, 02.09.2009
3.
@ H-J Peter Ja ja, und der Vater von dem jungen E.Kolodziejczyk erwartete bereits ebenfalls eine Einberufung, war also ebenfalls so ein Halbmilitär. Der Junge selbst könnte übrigens auch eine Schleuder in der Tasche haben, nicht wahr? Hiermit sind all die darauffolgenden Bombardierungen des Städtchens vollkommen begründet und als legal anzusehen. LG aus Warschau
Leszek Berger, 02.09.2009
4.
@ H-J Peter - Ergänzung Vor über 1 Jahr haben die polnischen Soldaten in Afghanistan eine hinter einem Hügel gelegene und für sie nicht sichtbare Stelle von einem Granatwerfer beschossen, und zwar aufgrund der erhaltenen Information, wonach sich dort bewafnete Partisanen verstecken sollten. Dabei sind leider einige Zivilisten ums Leben gekommen, am Rand eines kleinen Dorfes, das gerade hinter dem Hügel lag. Vermutlich war die Anpeilung etwas unpräzis, ähnlich wie die Zielvorrichtung des Granatwerfers. Es war keine Stadt. Sie waren keine Luftfahrer, die die zu beschießende Stelle sehen könnten - weder vorab noch während des ersten von den serienmäßigen Angriffen, also vor den darauffolgenden. Jetzt wirft man den Soldaten vor, daß die es nicht ausreichend genau geprüft haben, ob sich dort kein Dorf befindet und keine Zivilisten drin. Sind die Soldaten nicht imstande die entsprechende Sorgfalt nachzuweisen, so sollten sie für die vorsätzliche Tötung verurteilt werden. Es scheint, in Deutschland (auch heutzutage) würden sie nicht nur freigesprochen, sondern auch stattdessen mit EK ausgezeichnet... LG aus Warschau
Vladislav Delay, 03.09.2009
5.
Stammt J.Piekalkiewicz nicht aus Polen oder sollte er aus anderen Gründen unglaubwürdig sein? Naja egal, jedenfalls scheinen einige kein Interesse an einer sachlichen und humanen Aufarbeitung der Geschichte zu haben... Schade eigentlich; aber vielleicht werden sie nur so glücklich?!
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