Kriegsende 1945 "Von Ungeziefer und Nazis befreit"

1942 begann für Josef Königsberg eine Odyssee durch mehrere Konzentrationslager. Erinnerungen an mutige Helfer und brutale Peiniger, an Momente des Glücks, des Zorns, der Abscheu - und den Tag, der das alles beendete.


Er verlor viel mehr als seine Jugend: Josef Königsberg, geboren 1924 im polnischen Kattowitz, war noch 14, als der Krieg ausbrach. Bald machten die Nazis im eroberten Polen Jagd auf Juden und damit auch auf seine Familie. Sein Vater konnte fliehen, seine Mutter und seine kleine Schwester wurden in Auschwitz ermordet.

Josef Königsbergs Schicksal pendelte zwischen unerwarteten, glücklichen Wendungen und lebensbedrohlichen Rückschlägen. So rettete ihn im Februar 1942 zunächst ein hoher deutscher Beamter in letzter Sekunde vor Auschwitz; erst Jahrzehnte später sollte Königsberg mehr über seinen mutigen Retter erfahren. Dennoch wurde er später deportiert, wenn auch nicht nach Auschwitz, und kämpfte auf einer langen Odyssee durch mehrere Außenlager des KZ Groß-Rosen ums Überleben.

Von diesen Erlebnissen will Königsberg, heute 93 Jahre alt, berichten. Niemals vergessen kann er seine Befreiung im Mai 1945.

Vollstreckung - KZ Gräditz, 1943

Die Schmerzensschreie des Mannes habe ich bis zum heutigen Tage in den Ohren. Sie kamen von Herrn Reich, dem Ehemann einer Freundin meiner Mutter. Herr Reich war nach der Rückkehr vom Frondienst am Eingang des Straflagers Gräditz mit Kartoffeln erwischt worden. Dafür wartete eine grausame Strafe auf ihn: 50 Peitschenhiebe.

Er schrie laut und grauenvoll. Für uns, die anderen Häftlinge, die ihm nicht helfen konnten, war das schier unerträglich. In seiner Not und Verzweiflung rief er nach seiner Frau: "Esther, meine liebe Frau, hilf mir doch!" Zum Schluss jammerte er nur noch leise. Zum 50. Peitschenhieb kam es nicht mehr.

Schon zuvor brach er tot zusammen.

Fluchtversuch - KZ Faulbrück, 1943

Moniek Ruf und ich haben uns im Ghetto Chrzanów (Krenau), nicht weit von Auschwitz, kennengelernt. Bald wurden wir Freunde. Er war ein groß gewachsener hübscher Junge, ein Jahr älter als ich. Die Mädchen sind ihm nachgelaufen. Das Schicksal hat uns 1943 ins KZ Faulbrück, einer Außenstelle des KZ Groß-Rosen, verschlagen. Er war ehrgeizig, wollte nicht, wie er immer wiederholte, hier den Nazis zum Opfer fallen. Also beschloss er mit zwei Freunden zu fliehen. Er verrichtete Zwangsarbeit in der Nähe eines Bahnhofs, acht bis zehn Kilometer vom Lager entfernt, und half beim Bau eines Schienennetzes.

Dort beobachtete Moniek die Züge und merkte sich genau Ankunfts- und Abfahrtzeiten. Ich ahnte nichts von seinem Fluchtplan. Seine Freunde und er hatten niemanden etwas erzählt. Eines Tages war es so weit. Es gelang ihnen, die Arbeitsstelle zu verlassen und zum Bahnhof zu laufen. Geplant war, wie ich vermute, kurz vor Abfahrt des Zuges auf dem Bahnsteig anzukommen, um dann sofort hineinzuspringen.

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Kriegsende 1945: Die Befreiung

Das Schicksal aber war an diesem Tag launisch.

Der Zug hatte eine Stunde Verspätung. Eine Stunde Wartezeit für Flüchtlinge, das bedeutete die fast sichere Entdeckung. Moniek und seine Freunde wurden noch auf dem Bahnhof festgenommen und erbarmungslos zusammengeschlagen. Man führte die blutüberströmten Flüchtlinge zur Abschreckung an allen anderen Gefangenen vorbei.

Am selben Abend wurde die Suppe nicht wie gewöhnlich vor der Küche ausgeteilt. Stattdessen wurde der Suppenkessel unter einen Baum gebracht, an dessen Ast Moniek und seine Freunde gehängt worden waren. Die toten Körper hingen so niedrig über dem Kessel, dass ihre Beine den Rand berührten. Ein Anblick, den ich mein Leben lang nicht vergessen kann.

Läuse - Durchgangslager Markstädt, 1942

Zuvor hatte ich ein weniger brutales Erlebnis im Durchgangslager Markstädt (Laskowice Olawskie), östlich von Breslau. Es war meine erste Nacht dort. Ich betrat die mir zugewiesene Baracke und setzte mich auf eine freie Pritsche. Plötzlich erblickte ich etwas, was wie ein Würmchen aussah, sich auf der Decke aber nicht bewegte. Ich erschrak.

Zum ersten Mal in meinem Leben sah ich eine Laus. In meiner jugendlichen Naivität dachte ich, dass ich trotz schlechter und mangelhafter Verhältnisse von solchen Parasiten verschont bleiben würde. Ein Trugschluss. Jahrelang wurde ich von Läusen, Wanzen und weiterem Ungeziefer geplagt.

Im Steinbruch - KZ Faulbrück, 1943

Diese Arbeit war hart. Mit schwerem Hammer hat man Steine aus der Wand gebrochen, auf den Arm oder auf die Schulter genommen, um ihn in einen 20 bis 30 Meter entfernt stehenden Wagen zu werfen. Alles unter Beobachtung von SS-Männern.

Einen von den SS-Leuten nannten wir Otto. Er war besonders unsympathisch. Über der Oberlippe hatte er eine zwei Zentimeter große Narbe, die seinen Mund entstellte. Dies bewirkte, dass das Gesicht einen bösen Eindruck machte. An diesem Tag war Otto besonders schlecht gelaunt. Er beobachtete mich ununterbrochen, bei jedem meiner Schritte mit dem Stein auf der Schulter schrie er: "Du bist ein Faulenzer, mach schneller!"

Leider Gottes erwischte ich einen Steinbrocken von mindestens 30 bis 40 Kilo. Als der SS-Mann sich mir näherte, brüllte er: "Du bist jung und stark, du Faulenzer, werd schneller oder ich mach dich zum Krüppel!" Ich fühlte plötzlich eine unbeschreibliche Gereiztheit. Zorn kochte in mir hoch. Ich warf den Steinbrocken auf den Boden, der unglücklicherweise den Schäferhund von Otto traf. Der Hund jaulte vor Schmerz auf.

Der SS-Mann zögerte kurz. Dann befahl er: "Rex, schnapp ihn!"

Der Hund packte mein linkes Bein, riss ein Stück Fleisch heraus. Ich fiel um und wurde ohnmächtig. Später wachte ich in der Baracke, wohin mich Häftlinge gebracht hatten, auf meiner Pritsche auf. Die Wunde blutete ununterbrochen. Man brachte Fetzen eines Tuches, verband das Bein. Ich litt monatelang ungeheuerlich, die Narben erinnern mich bis heute daran: Ich spüre sie bei schlechtem Wetter.

Unter Toten

Sonntags hat man im KZ nicht gearbeitet, aber hier und dort wurde man zu Lagerarbeiten verpflichtet. An einem Sonntag hatte ich Pech. Ich kann mich nicht mehr genau an den Tag und das Jahr erinnern. Nur daran, dass Hochsommer war und eine furchtbare Aufgabe für mich vorgesehen war: Ich sollte mit einem weiteren Häftling Leichen aufsammeln, sie in eine Karre werfen und in ein Grab außerhalb des Lagers befördern.

Nach den ersten drei Leichen, die wir gefunden und auf die Karre geladen haben, wurde mir schlecht. Ich begann mich ohne Ende zu übergeben. Gott sei Dank hat mich ein vorbeigehender Kapo von der Arbeit befreit.

Glück - KZ Langenbielau/Sportschule Reichenbach, 1944

Den SS-Mann in diesem Zwangsarbeitslager bei Breslau nannten wir Siegfried. Er gehörte zur Wachgruppe, die uns zur Baustelle und zurück ins Lager leitete. Eines Tages beim Marsch zur Arbeitsstelle wurde ich von hinten angesprochen: "Hallo, du, nimm mir meinen Tornister ab, so schwer ist er wieder nicht, du wirst es doch schaffen, also mach schnell!" Es war Siegfried.

Ich nahm ihm den Tornister ab, hob ihn auf meine Schulter. Der Tornister war tatsächlich nicht schwer. Was könnte der SS-Mann in seinem Tornister haben, rätselte ich? Wahrscheinlich, dachte ich, eine Thermosflasche mit Kaffee und sein Frühstück. Nach einer Weile näherte sich mir Siegfried und sagte mit leiser Stimme: "Wenn keiner zuguckt, sei sehr vorsichtig, nimm aus dem Tornister eine Schnitte Brot heraus." Brot - im KZ war das ein magisches Wort. Jeder Häftling sehnte sich danach.

Am nächsten Tag war Siegfried offenbar einer anderen Arbeitsgruppe zugeteilt. Aber nach mehreren Tagen, als uns Siegfried wieder überwachte, raunte er mir zu: "Ich bin Bauer und habe dir ein paar Kartoffeln vom Feld mitgebracht. Du findest sie im Tornister." Kartoffeln waren im Lager neben Brot das, wovon man Tag und Nacht träumte. Auf der Baustelle haben uns Aufseher, als es sehr kalt war, erlaubt, eine Feuerstelle zu errichten. So konnten wir sechs Kartoffeln garen, ein außergewöhnlicher Genuss.

Das kann man sich heute kaum vorstellen, welches Glücksgefühl es auslösen kann, eine gesunde, gekochte Kartoffel, auch in der Schale, zu riechen, im Mund zu schmecken und auf der Zunge zergehen zu lassen! Bis heute esse ich Kartoffeln daher mit besonderem Genuss.

Befreiung - KZ Wüstegiersdorf, 1945

Den 5. Mai werde ich nie vergessen. An diesem Tag hat mich die russische Armee aus Wüstegiersdorf, heute polnisch Gluszyca, befreit. Wüstegierdorf war ein Außenlager des KZ Groß-Rosen und erst im April 1944 eingerichtet worden. Dort waren zwischen 700 und 1000 Juden aus Ungarn und Polen inhaftiert. Wer hierher gebracht wurde, war nicht mehr arbeitsfähig.

Die Leute vegetierten dahin. Die meisten waren zu schwach, um noch von den Pritschen aufzustehen, ein grausames Bild von abgemagerten Menschen, denen der Tod sicher schien. Dann verschwanden am 5. Mai 1945 plötzlich die SS-Wachen. Eine Stunde später standen russische Soldaten vor den Toren des KZ. Ihnen taumelten nur ein paar abgemagerte, depressive, fast leblose Menschen entgegen.

Sofort haben die Russen Brot und heiße Suppe ausgeteilt. Viele Häftlinge waren allerdings viel zu schwach, um Essen zu sich nehmen zu können. Kriegsreporter stellten nicht zu beantwortende Fragen. Ein russischer Offizier kam mit einem Mikrofon auf mich zu und sagte: "Du bist doch scheinbar der Einzige, der noch etwas Kraft hat, Fragen zu beantworten. Was freut dich am meisten?"

Ich antwortete: "Dass ich von Ungeziefer und Nazis befreit bin."



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