Kriegsende Allerletzter Einsatz

Im Frühjahr 1945 flohen etliche deutsche Soldaten mit Luftwaffen-Flugzeugen vor der Roten Armee ins sichere Schleswig-Holstein. Die Besatzung einer Junker Ju 52 wagte den gefährlichen Flug in den letzten Kriegstagen gleich zweimal.

Hauptmann Berger ließ seine und andere Familien vor der heranrückenden Roten Armee eigenmächtig mit einer Junkers Ju 52 in Sicherheit bringen.
Jürgen Dietrich

Hauptmann Berger ließ seine und andere Familien vor der heranrückenden Roten Armee eigenmächtig mit einer Junkers Ju 52 in Sicherheit bringen.


Nur weg! Irgendwie in Sicherheit kommen! Fieberhaft kratzen die Piloten Ende April 1945 auf den Flugplätzen in Pommern, Brandenburg und Mecklenburgs den letzten Treibstoff zusammen, machen die noch einsatzbereiten Maschinen startklar und heben ab Richtung Westen. Ihr Ziel: Flugplätze in Schleswig-Holstein - eine der wenigen Regionen Deutschlands, die noch nicht von den Alliierten besetzt ist und vor allem Sicherheit vor den Sowjets verspricht. Es sind oft abenteuerliche Flüge, auf denen keine Vorschriften mehr befolgt werden. Schließlich geht es nur um eines: der Roten Armee zu entkommen.

Die Flugplätze zwischen Nord- und Ostsee sind bald überfüllt. Allein 449 Kampf- und Transportflugzeuge landen in den letzten Kriegswochen in Flensburg-Schäferhaus. Auf dem Flugplatz Husum-Schauendahl registriert die britische Entwaffnungsstaffel insgesamt 188 Flugzeuge, die sich in letzter Minute andernorts davon gemacht haben.

Eine fliegerische Glanzleistung gelingt der Besatzung eines Transportflugzeugs vom Typ Junkers Ju 52. Sie riskiert den Flug von Pommern nach Schleswig-Holstein gleich zwei Mal: Einmal mit einigen Familien, das zweite Mal mit Lebensmitteln an Bord. Den ersten Einsatz ordnet Hauptmann Fritz Berger an, Pilot eines Nachtjagd-Geschwaders. Er soll selbst aus dem pommerschen Damgarten mit seinem Jagdverband nach Passau in Bayern verlegt werden und will nun seine Frau Anni, seinen Sohn Sven und andere Familien vor der heranrückenden Sowjetarmee in Sicherheit bringen.

Waghalsiges Abenteuer

Schon dieser erste Flug ist gefährlich, denn alliierte Jagdflugzeuge kontrollieren längst den deutschen Luftraum. Gleichzeitig droht von russischen Bodentruppen Beschuss. Doch die erprobte Besatzung schlägt sich irgendwie nach Schleswig-Jagel durch und setzt die Familien dort sicher ab. Obwohl die Rote Armee schon kurz vor dem Flugplatz in Damgarten stehen, fliegt die Besatzung sofort dorthin zurück. Dort belädt sie ihre "Tante Ju" - so der Spitzname dieses Standard-Transportflugzeuges der Luftwaffe - mit Lebensmitteln. Dann startet sie zu ihrem letzten Einsatz in diesem Krieg. Das Ziel ist Hollingstedt, das Heimatdorf der Familie von Hauptmann Berger.

Der zwölfjährige Willi Peper, der heute noch in Hollenstedt lebt, traut seinen Augen kaum, als er plötzlich eine Ju 52 sieht, die zur Landung auf der Wiese am Westufer der Treene nahe Hollingstedt ansetzt. Die dreimotorige Maschine hat eine Landegeschwindigkeit von rund hundert Kilometern pro Stunde und wiegt elf Tonnen. Eigentlich braucht sie eine feste Landebahn von mindestens 350 Metern Länge. Auf einem weichen Acker aber kann sie nicht sicher aufsetzen. Da sich das starre Fahrwerk nicht einziehen lässt, ist auch eine weiche Bauchlandung nicht möglich. Wie soll das nur gut gehen? Wird sich die Maschine überschlagen?

Ausgeschlachtetes Flugzeugwrack

Doch der Besatzung gelingt das scheinbar Unmögliche. Nach einer nur kurzen Landestrecke kommt die Maschine zum Stehen. Sie kippt nach vorne, die Propeller bohren sich in den Boden. Doch die Besatzung bleibt unversehrt, klettert aus dem Flugzeug und taucht im Dorf unter. Für sie ist der Krieg zu Ende. Kurz nach der Bruchlandung überfliegen zwei amerikanische Jagdbomber P-51 Mustang das Treenetal. Das deutsche Transportflugzeug sehen sie aber nicht.

Die Lebensmittel aus Wehrmachtsbeständen sind der Dorfbevölkerung sehr willkommen. Sie werden ausgeladen und verteilt. Keine Behörde interessiert sich für das Flugzeugwrack. Nach und nach wird es ausgeschlachtet und verschrottet. Nahezu alles lässt sich verwerten, vor allem Altmetall steht hoch im Kurs. Aber wo sind die schweren Motoren, die Aggregate, Funkgeräte, Instrumente und die Ausrüstung geblieben? Niemand weiß es mehr - oder will sich einfach nicht erinnern. Geblieben aber ist in Hollingstedt die Erinnerung an die gekonnte Bruchlandung eines dreimotorigen Transportflugzeuges auf einer Wiese in den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges.



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