Flucht nach Westen 1945 "Eisige Kälte und Angst nahmen uns den Atem"

Die Eltern beraubt, das Hausmädchen vergewaltigt: In letzter Minute flüchteten die Sterns im Januar 1945 aus Ritschedorf bei Breslau Richtung Westen. Auf einestages erinnern sich die Kinder der Familie an die dramatischen Wochen auf dem Treck.


Januar 1945: Die Rote Armee marschierte quer durch Polen nach Schlesien, die deutsche Wehrmacht zog sich zurück. NSDAP-Gauleiter Karl Hanke befahl: "Breslau ist Festung und bis zum letzten Mann zu halten!" Lange war jegliche Flucht nach Westen bei Todesstrafe verboten.

Es war fast zu spät, doch gegen Ende des Monats waren sich alle einig: Wir mussten weg. Schnell wurde gepackt, das Nötigste, das Liebste zusammengerafft. Unser Vater kam in aller Eile aus Oppeln in unseren Heimatort Ritschedorf, ein kleines Dorf nördlich von Breslau, und organisierte die Beladung der Wagengespanne und der wenigen Autos. Am 22. Januar 1945 ging es los, bei minus 25 Grad. Wir schlossen das Haus ganz normal ab - wir hofften ja, bald wieder zurückzukommen.

Vater, der wegen seines Asthmas kriegsuntauglich war, führte den Treck an. In den Autos und auf den Pferdewagen saßen die Frauen mit ihren Kindern, darunter unsere Mutter mit den Töchtern Iris (damals 14 Jahre alt), Susanne (fünf Jahre), dem Baby Hans-Jürgen (acht Monate) und der 65-jährigen Großmutter. Die Männer liefen mit ihren Rucksäcken voran, dies war alles, was sie besaßen. Der Rest, Haus, berufliche Existenz, schlicht alles, blieb zurück. Als nach wenigen Kilometern der Opel Olympia den Geist aufgab, wurde ein Pferd vorgespannt. Das halb verhungerte Tier zog das Auto und seine zitternden Insassen.

Tee mit Schnee gekocht

Die älteren von uns Kindern wurden als Boten eingesetzt: Wir mussten ständig den Treck von etwa 20 Gespannen ablaufen, um Zwischenfälle nach vorne an die Spitze zu melden. Am Anfang schaffte die Kolonne etwa 30 Kilometer am Tag. Entgegenkommende Soldaten und Flüchtlinge informierten uns über die Kriegslage. Immer wieder hörten wir Geschützdonner, eisige Kälte und Angst nahmen uns den Atem.

Die Fluchtroute der Familie Stern
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Die Fluchtroute der Familie Stern

In der dritten Nacht kam unser Treck an der Oder an. Wir reihten uns in den riesigen Strom wartender Gespanne ein, nur noch eine Fähre war in Betrieb. Eine Kleingartenkolonie mit Holzhäuschen bot Frauen, Kindern und Alten ein wenig Schutz. Da passierte das erste Unglück: Vater bekam einen starken Asthma-Anfall und musste als Notfall über die Oder gebracht werden. Mutter begleitete ihn, wir anderen standen bis zum nächsten Morgen am Ufer und warten auf das Übersetzen.

Die Hütten ließen sich kaum beheizen, aber Großmutter versuchte, die gefrorene Milch für die Kleinkinder aufzutauen. Mit einem Gartenschlauch saugten wir das restliche Benzin aus dem Tank des Opels ab und spuckten es in den Spirituskocher: Es gelang! Großmutter konnte die Kleinkinder mit warmer Milch versorgen. Irgendjemand trieb Holz auf und heizte damit einen kleinen eisernen Ofen. So tauten wir Schnee auf und kochten daraus Tee. Großmutter zauberte einen Kümmelschnaps hervor, der die Runde machte.

"Menschen und Tiere waren völlig ausgelaugt"

Am nächsten Morgen waren wir endlich an der Reihe. Die Fähre konnte nur vier bis fünf Gespanne aufnehmen. Als wir schließlich auf der anderen Oderseite ankamen, wurden wir vom dortigen "Dorfkomitee" empfangen und auf Schulen, Kindergärten und Turnhallen verteilt. Die Räume waren geheizt, und es gab warme Getränke, die jeder gierig schlürfte. Die Kriegsfront schien plötzlich in weite Ferne gerückt zu sein. Großmutter schickte Iris los, um die Eltern zu suchen, ein Arzt hatte Vater wieder auf die Beine gebracht.

Die Temperatur war mittlerweile auf minus 27 Grad gesunken. Wir blieben noch zwei Tage lang in dem Dorf, dann kam der Befehl zur Räumung: Die russischen Truppen begannen, die Oder zu überqueren. Den nutzlos gewordenen Opel mussten wir zurücklassen. Wir flohen Richtung Katzbachgebirge, doch in Bolkenhain war erst mal Schluss: Menschen und Tiere waren völlig ausgelaugt.

Auch dort waren die Menschen am Packen - und nicht gerade begeistert von unserer Ankunft. Doch der Bürgermeister teilte jedem Haus eine Flüchtlingsfamilie zu, wir kamen bei einer alten Witwe unter. Sie duldete die Einquartierung unter stummem Protest. Nach einer Woche ging es weiter.

Kinderleiche auf einem Panzer

Die Frauen bettelten an jedem Bauernhof um Essen und gaben ihr letztes Geld, um ein wenig Milch für die sieben Kleinkinder des Trecks zu bekommen. Großmutter versuchte, die Kinder zu wärmen und erfror selbst fast dabei. Die Mütter legten ihre Babys zum Stillen unter ihren Mänteln an, doch die Milch war längst versiegt. Kampiert wurde nachts in den Scheunen mitleidiger Bauern. Wir aßen fast nichts, die hygienischen Verhältnisse waren unvorstellbar.

Unsere Route führte direkt nach Westen, über das Riesengebirge und die damals noch von Deutschen bewohnten Gebiete des heutigen Tschechien, das Sudetenland, Richtung Erzgebirge. In Jettenitz wurden wir in einem großen Schlossgut einquartiert. Dort hatten wir eine gute Zeit - bis die Eltern an Ruhr erkrankten und die kleinen Kinder Masern bekamen. Und dazu alle Läuse des Ortes! Als die Wehrmacht kapituliert hatte, mussten wir weiterziehen. Was hinter uns lag, wussten wir - aber nicht, was uns noch an Schrecken erwartete.

Eines Nachts lagerten wir in einer Kuhle am Straßenrand. An Schlaf war nicht zu denken, Einheiten der Roten Armee feierten in der Nähe mit wilden Schießereien ihren Sieg. Ganz früh am Morgen brachen wir auf in Richtung der Stadt Melnik. Dort hatten kurz zuvor heftige Kämpfe getobt - viele deutsche Soldaten lagen tot oder schwerverwundet im Straßengraben. Wir konnten die noch Lebenden nur mit Wasser versorgen, mehr hatten wir nicht.

Unser Treck musste so schnell wie möglich aus der Reichweite der russischen Verbände heraus. Plötzlich bot sich uns ein schrecklicher Anblick: Ein zerschossener Panzer stand am Straßenrand, darauf lagen ein totes Kind und die Leiche einer Frau - mit einem in die Haut gebranntem Hakenkreuz.

Von Partisanen gepeinigt

Eines Nachts kamen uns Partisanen gefährlich nahe. Vater ließ den Treck an einem alten Bahnhof stoppen, Frauen und Kinder versteckten sich zwischen Stapeln von Bahnschwellen. Vater blieb auf dem Wagen, die Partisanen kamen und rissen ihm die Stiefel von den Füßen. Erna, das Hausmädchen einer mit uns flüchtenden Familie, war den anderen Frauen nicht gefolgt und musste schwer dafür büßen: Einer der Partisanen schleppte sie in die Büsche und vergewaltigte sie, trotz heftiger Proteste unseres ja wehrlosen Vaters. Eine plötzlich auftauchende tschechische Miliz verhinderte weiteres Unheil.

Inzwischen wurden die von den Deutschen verlassenen Häuser von polnischen Flüchtlingen besetzt. So kehrte sich der wahnwitzige Hitler'sche Plan der neuen "Lebensräume" für deutsche Siedler im Osten in sein Gegenteil: Die Deutschen wurden gewaltsam aus ihrer Heimat in Schlesien, Pommern, Ost- und Westpreußen gen Westen vertrieben. Ihre Häuser gehörten jetzt Polen, die ihrerseits den Sowjets hatten weichen müssen.

Angst vor dem Kruzifix

Eines Tages überholte eine Einheit der Roten Armee unseren sich mühsam dahinschleppenden Treck. Einige Soldaten sprangen von ihren Fahrzeugen, stoppten den Flüchtlingszug und begannen, nach Beute zu suchen. Mit erhobenen Armen mussten wir zusehen, wie die Männer unsere Koffer, Kisten und Rucksäcke durchwühlten.

Einer fand im Gepäck unserer Mutter ein Paar Stiefel, in denen zusammengerollte Strümpfe steckten. Neugierig zog er die Strümpfe heraus, etwas klirrte. Er schüttelte den Stiefel und drehte ihn um. Heraus fiel ein kleines, schwarzeisernes Kruzifix mit dem goldglänzenden Leib des Gekreuzigten, direkt in die Hand des Soldaten. Als habe er sich daran verbrannt, ließ der Soldat das Kruzifix mitsamt dem Stiefel aus den Händen fallen. Er fluchte gotteslästerlich und sprang zurück. Dann kommandierte er seine Leute auf die Fahrzeuge und verschwand.

Neugierig blickten alle Umstehenden auf den Stiefel und seinen christlich-symbolischen Inhalt, doch nur der Großmutter zeigte die Besitzerin, was das Kruzifix beschützt hatte: Unter einem weiteren, tiefer hinein gestopften Strumpf versteckt, lag der Schmuck unserer klugen Mutter.

An Pfingsten erreichten wir schließlich die deutsche Grenze: Großmutter, Eltern, Tante und drei Kinder mit einem Pferd und einem Wagen. Eine Bauernfamilie im erzgebirgischen Dorf Affalter nahm uns auf und stellte uns einen Kuchen auf den Tisch. Endlich konnten wir ohne Angst und in Ruhe im Scheunenstroh schlafen.


Der Autor Hans-Jürgen Stern war zu Beginn der Flucht nach Westen acht Monate alt. Der heute 70-Jährige hat den Text aus den Erinnerungen seiner Schwestern Iris (damals 14 Jahre alt) und Susanne (damals fünf Jahre alt) sowie seiner Eltern Erich und Eva-Maria zusammengestellt.


Der Artikel basiert auf einem Auszug aus dem E-Book "Fluchtkinder" von Hans-Jürgen Stern.

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insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
bruno kopp, 15.02.2015
1.
Ein bedrückender Bericht über schreckliche Kriegsschicksale, wie es sie zigtausendfach gegeben hat und die die heutige im Frieden aufgewachsene Nachkriegsgeneration lesen sollte. Nur wer solches Elend nicht erlebt hat, kann über die grauenhafte Bombardierung Dresdens so leichtfertig schreiben wie Kolumnist Diez. Bruno Kopp, 74 J.
Georg Schmidt, 15.02.2015
2. Tja da könnte
ich auch selbst was erzählen meine Mutter entging den wie soll icg sagen den Schrecken nur deshalb weil sie ein paar Polen fand die gut gesonnen waren und meine Mutter eine gute Schneiderin war andere Polen holten deutsche Frauen und Mädchen in eine alte Schule als die Betroffenen nach 2-3 Wochen wieder heimkamen waren sie nicht mehr wiederzuerkennen viele Deutsche sprachen auf einaml nur polnisch so die Verwandschaft väterlicherseits und letztendliech musste sich meine Mutter mit 2 Kleinkindern von Breslau nach Nürnberg auf den Weg machen auch das wäre schon abendfüllend ich kann mich noch daran erinnern dass meine Mutter mit einem Einweisungsschein nachts gegen 22Uhr beim Bürgermiester des Ortes ankopfte Fenster auf: was wollt ihr denn hier?! Rums Fenster zu wir bekamen dann in einem Einödhof unterm Dach einen Bretterverschlag zugewiesen mit einer anderen Familie zusammen ! bis zum nächsten Dorf oder Kleinsatdt wars eine Stunde Fussmarsch als meine Schwester eingeschult wurde musste sie egal bei welchem Wetter zu fuss in diese Dorfschule gehen zusammen mit einer gleichaltrigen Freundin auf Dauer war das keine Lösung meine Mutter hatte sich einen kleinen Kiosk angemietet und schneiderte wieder dahinter baute mein Vater aus zusammengesuchten Holz einen Verschlag in dem wir dann hausten meine Mutter und Schwester schliefen auf einem Sofa mein vater und ich auf einer Matraze auf dem Fussboden! Schmidt Georg Lollar!
erwin fortelka, 15.02.2015
3. Eisige Kälte nahm uns den Atem
Die Menschen, die damals geflüchtet sind, haben entsetzlich gelitten! Meine Eltern, die damals unter lebensbedrohlichen Umständen aus dem Sudetenland geflüchtet sind, wissen ein Lied davon zu singen. Bei ihnen kam allerdings eine Erkenntnis dazu: Die Truppen der Roten Armee kamen nicht nach Deutschland, weil Stalin so böse war, sondern wei Adolf Hitler einen verbrecherischen Krieg vom Zaun gebrochen hatte. Erwin Fortelka (Klarname)
Martin Schuster, 16.02.2015
4. Meiner Familie gings auch so
incl vergewaltigungen usw.
Mathias Thonfeld, 16.02.2015
5. @bruno kopp
Das, was Menschen wie Herr Diez offenbar nicht zu verstehen vermögen ist, dass man dem Leid der deutschen Opfer gedenken kann ohne damit die vom deutschen Volk verübten Verbrechen zu relativieren. Dabei erscheint es mir ehrlich gesagt unterträglich, dass man den Opfern von Dresden oder auch den Vertriebenen jegliches Recht auf Trauer abspricht, nur weil insgesamt betrachtet die Verbrechen der deutschen Seite natürlich um ein Vielfaches schrecklicher waren. Rechtfertigt ein grosses Verbrechen denn etwa ein kleineres? Ich denke man muss hier auch unterscheiden, zwischen der Schuld eines Volkes und einer individuellen Schuld. Ist die Vergewaltigung des Hausmädchens gerechtfertigt, weil Deutschland einen verbrecherischen Angriffskrieg geführt hat? Darf der damals fünfjährige Junge aus Dresden, der in einer einzigen Nacht seine ganze Familie verloren hat nicht darum trauern und hinterfragen ob dieser Bombenterror so wirklich notwendig war? Es sind sechs Millionen Juden in grausamster Weise industriell ermordet worden - woher nimmt Herr Diez eigentlich die Befürchtung, dass das in Vergessenheit geraten kann, nur weil man anerkennt, dass auch deutsche in diesem Krieg Opfer waren? Ich sehe da direkt keinen kausalen Zusammenhang! Und was bewirkt es denn, wenn wir von der deutschen Kriegsgeneration verlangen, die erlittenen Traumata doch bitteschön im Sinne der political correctness zu verdrängen? Eine traumatisierte Generation vererbt ihre Traumata, das ist in der Psychologie hinlänglich bekannt. Verweigert man also der Generation der betroffenen die offene Auseinandersetzung mit dem Erlittenen, leiden auch die nachfolgenden Generationen darunter. Niemandem - auch denen nicht die durch deutsche Verbrechen Opfer wurden - wäre damit geholfen!
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