Kriegsende in Holstein Mädels mit Flak und Pflug

Soldaten so weit das Auge reicht: Im holsteinischen "Sperrgebiet F" wurden nach Ende des Zweiten Weltkrieges 500.000 Wehrmachtsangehörige zusammengeführt. Die Flakhelferin Marlis Burghard war eine von ihnen - und wurde mit ihren Freundinnen zur lokalen Attraktion.

Uwe Stock/Archiv Gemeinde Lensahn

Der Krieg war eine arbeitsame Zeit. Nach dem Reichsarbeitsdienst und dem Kriegsdienst bei der Straßenbahn hatte es mich in den letzten Kriegsmonaten in eine Flakstellung der Wehrmacht im Westen Berlins verschlagen. Als die Sowjets bereits auf wenige Kilometer vorgerückt waren, wurde die Stellung aufgegeben, und wir mussten fliehen. Da ich wegen der Kriegsdienste bereits nach dem dritten Semester mein Lehramtsstudium hatte abbrechen müssen, hoffte ich auf ein schnelles Ende des Krieges und eine zügige Heimkehr. Damals wusste ich noch nicht, dass ich erst über einen Umweg zurück nach Hause gelangen und dass ein normales Leben noch eine Weile auf sich warten lassen würde.

Im Zuge meiner Flucht verschlug es mich nach Oldenburg in Holstein. Da es damals keine Zeitungen mehr gab und der Rundfunk nicht mehr sendete, brodelte in dem Städtchen die Gerüchteküche angesichts der nahenden Feindestruppen. Am 4. Mai 1945 war es so weit: Die ersten britischen Panzer rollten durch Oldenburg. Die Stadt wurde kampflos übergeben. An alle Menschen erging der Aufruf, vorhandene Waffen, Fotoapparate und Ferngläser auf dem Rathaus abzugeben. Man wollte sich vor Sabotage und Vergeltungsschlägen schützen.

Der Großraum Oldenburg wurde von den Briten zum sogenannten "Sperrgebiet F" erklärt. Etwa 500.000 Wehrmachtsangehörige wurden hier zusammengeführt und - wo immer es möglich war - untergebracht. Ohne Passierschein durfte niemand das abgeriegelte Gebiet betreten oder verlassen.

Das Dreimädelhaus von Schwienkuhl

Die im Sperrgebiet befindlichen Soldaten galten nicht als Kriegsgefangene, sondern als entwaffnetes Militärpersonal. Als Kriegsgefangene hätten die Soldaten Anspruch auf schnelle Entlassung und die gleiche Verpflegung wie die Briten gehabt. Obwohl die Briten grundsätzlich befehlsberechtigt waren, stand das Sperrgebiet unter dem Kommando des deutschen Militärs. Es sollte für Ordnung, Disziplin, Verpflegung und Unterkunft sorgen.

Wie durch ein Wunder gelangte ich auf Umwegen auf den Hof einer Bauernfamilie im nahegelegenen Dörfchen Schwienkuhl, auf dem sich mittlerweile auch meine Freundinnen von der Flak aufhielten. Auf dem Weg nach Holstein hatte ich sie aus den Augen verloren. Schwienkuhl gehörte auch zum Sperrgebiet. Ich musste mich auf den Weg zum Bürgermeister machen, um eine Zuzugsgenehmigung zu beantragen. Aber er wollte sie mir nicht gewähren. Seine Gemeinde sei hoffnungslos überfüllt mit Militärs und Flüchtlingen. "Als was könnte ich Sie registrieren?", fragte er. "Sie sind kein Soldat. Sie sind auch kein ziviler Flüchtling. Sie sind nur so dahergelaufen!" Ich war also noch weniger als ein Flüchtling. Ich war ein Nichts.

Aber so leicht ließ ich mich nicht abschütteln. In Absprache mit der Bauernfamilie, die mich und meine Freundinnen aufgenommen hatte, stellte er mir die Zuzugsgenehmigung dann doch aus. Meine Freundinnen Edith, Hubertine und ich waren endlich wieder zusammen.

Wie Gäule vor dem Pflug

Die Lebensbedingungen bei der Bauernfamilie waren spartanisch: Platz gab es nur wenig, und gekocht wurde am offenen Feuer in der Küche, deren Wände rußgeschwärzt waren. Elektrizität und fließend Wasser gab es nicht. Stattdessen einen Brunnen, aus dem man in Eimern an langen Ketten das Wasser zog. Im dem winzigen Kinderzimmer schliefen wir jeweils zu zweit in einem strohgefüllten Kastenbett. Abends saßen wir oft gemeinsam mit Soldaten aus dem Dorf vor dem Haus und strickten. Selbst die Freizeit sollte mit Nützlichem ausgefüllt sein.

Schnell wurden wir drei Mädchen in der Umgebung zur Attraktion. Das wurde uns besonders klar, als wir einmal von einem deutschen Oberst und seinem Offiziersgefolge besucht wurden. Unter den Engländern durften sie ihr volles Ornat tragen und bestimmte Organisationstätigkeiten ausführen. Plötzlich standen sie in unserem Hof und spazierten mit eingezogenen Köpfen geradewegs zur niedrigen Tür herein, um uns Bewohnerinnen des Dreimädelhauses, wie sie es nannten, zu begrüßen und kennenzulernen. Außerdem ließen sich zu jeder Tageszeit Landser auf der Bank vor unserem Haus nieder und suchten unsere Gesellschaft und Unterhaltung. Eine gute Ablenkung neben der vielen harten Arbeit auf dem Feld, bei der wir gelegentlich sogar wie Gäule vor den Pflug gespannt wurden.

Als einer der Soldaten Geburtstag hatte, wurde unser Schlafkämmerchen zum Festsaal. Zusammen mit seinen Freunden hatte er so viel essbare Herrlichkeiten zusammengespart, wie wir sie lange nicht mehr gesehen hatten: Es gab Kranzkuchen, Bohnenkaffee, Kekse und zum Schluss sogar Brotschnitten mit Wurst und Käse. Wir haben reingehauen wie die Korndrescher und ließen uns, gestärkt von dem Festschmaus, von der Idee eines der Soldaten anstecken, in einem Verpflegungstransporter versteckt über die Sperrlinie zu flüchten. Stundenlang berieten wir eine mögliche Flucht. Aber wir blieben dann doch. Obwohl wir uns fühlten wir in einem großen Gefängnis.

Fliehen oder bleiben?

Eines Tages hieß es, dass die Engländer Schleswig-Holstein an die Sowjets abgeben wollen. Wir waren besorgt. Wir hatten vieles gehört über die Vergeltungswut und den Siegestaumel der Sowjettruppen. Wir ließen alle Arbeit stehen und liefen zur Kommandantur des Sperrgebiets, um uns Klarheit zu verschaffen. Dort aber sah man uns nur erstaunt an und lachte: "Gerüchte, nur Gerüchte! Die Engländer bleiben." Man riet uns eindringlich davon ab, ungenehmigt das Sperrgebiet zu verlassen. Die Kontrollen waren streng. Solange wir uns an alle Regeln hielten, bekämen wir zu gegebener Zeit die nötigen Passierscheine und könnten nach Hause.

Gegen Ende unseres Aufenthalts, im Juli 1945, wurde die Versorgungslage in der Sperrzone immer schlechter. Morgens, mittags und abends gab es Grütze. Sogar Zucker und Salz gingen aus, auch in den Geschäften. Als meine Freundinnen und ich von der Ortskommandantur endlich den Marschbefehl nach Hamburg erhielten und damit endgültig offiziell aus dem Reichsarbeitsdienst entlassen waren, verabschiedeten wir uns von unseren Gastgebern und rumpelten am Morgen des 23. Juli im umgeräumten Heckteil eines Militärfunkwagens nach Hamburg, wo eine Schulruine mit etlichen noch erhaltenen Räumen als Auffanglager für Wehrmachts- und Luftwaffenhelferinnen hergerichtet war.

Vier Tage später war ich dann endlich, nach einer abenteuerlichen Reise quer durch das zerstörte und besetzte Deutschland, wieder zu Hause im Rheinland. Das Leben nach dem Krieg konnte beginnen.



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