Kriegsende in Oldenburg "Da wollen wir wohnen"

Vom täglichen Fliegeralarm ließen sich Klaas Ockenga und seine Freunde im Frühjahr 1945 in Oldenburg nicht mehr irritieren. Statt im Bunker unterzutauchen, spielten sie fröhlich auf der Straße weiter. Sie fühlten sich sicher - weil die Briten die Stadt ganz offensichtlich aussparten.


Oldenburg blieb vom Luftkrieg weitgehend verschont. Die Bomberverbände überflogen uns ab Herbst 1944 in nahezu ungestörter Formation - meist zwischen neun und zehn Uhr morgens. Der Fliegeralarm heulte und wir flüchteten in die Luftschutzkeller, die wir kurz "LSR" nannten. Doch schon wenige Minuten später gab es Entwarnung. Denn nicht Oldenburg war ihr Ziel sondern Hannover, Bremen, Hamburg oder Berlin.

Zwischen elf und 12 Uhr kehrten die Fliegerverbände in der Regel zurück und wir verschwanden erneut im LSR. Ziellos warfen die Piloten die restlichen Bomben über uns ab, ohne dabei viel Schaden anzurichten. Getroffen wurde das Gebiet um den Bahnhof und vereinzelt Gebäude, ansonsten Felder und Wiesen am Stadtrand. Für uns gehörte das irgendwann zum Alltag. Im Frühjahr 1945 machten wir uns nicht einmal mehr die Mühe, in den Bunker zu gehen. Wir spielten einfach auf der Straße weiter. Abends bestaunten wir aus der Entfernung die "Weihnachtsbäume" - so hießen die Orientierungszeichen für die Bomber - über dem nahe gelegenen Bremen und den Feuerschein der brennenden Hansestadt.

Die englischen und kanadischen Bodentruppen näherten sich derweil Oldenburg von Süden. Vom Ortseil Osternburg ballerten sie mit ihren Feldgeschützen und Panzern munter über die Stadt, aber auch hier gab es kaum Schäden. Offensichtlich wollten sie die Bevölkerung nur demoralisieren. Wir spielten weiter auf der Straße, obwohl zusätzlich Tiefflieger Jagd auf spielende Kinder, Passanten und Kühe machten. Das war deren eigenartiges Verständnis von Spaß.

Trotzdem fühlten wir uns sicher. Schon Wochen vorher waren Flugblätter mit dem Text "Oldenburg wollen wir schonen, da wollen wir wohnen" im Umlauf. Wir stellten uns darauf ein, dass sich die Briten in Oldenburg einquartieren und deshalb die Stadt nicht in Schutt und Asche legen würden. So kam es dann auch. Am 8. Mai wurden wir endlich befreit. Die britischen Soldaten gingen von Haus zu Haus und von Zimmer zu Zimmer und kassierten alles ein, worauf ein Hakenkreuz zu sehen war: Kalender, Bilder von Hitler, Fotos. Sie blieben bis weit in die fünfziger Jahre ein Oldenburg.



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