Kriegsende und Nachkriegszeit in Lensahn "Die Kapitulation ist da!"

Kriegsende und Nachkriegszeit in Lensahn: "Die Kapitulation ist da!" Fotos
Uwe Stock/Archiv Gemeinde Lensahn

Ein endloser Flüchtlingsstrom und Reste der geschlagenen Wehrmacht ziehen 1945 durch das ostholsteinische Lensahn - oder bleiben auch da. Uwe Stock hat Auszüge aus der Schulchronik des Ortes zusammengestellt, die Monate um die deutsche Kapitulation dokumentieren. Von

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Das Jahr beginnt mit hohem Schnee. Die auswärtigen Kinder fehlen. Es kann ab Februar nicht mehr geheizt werden. Jede Klasse erhält bis Ostern wieder eine Stunde 'Aufgabenunterricht'.

Seit Mitte Januar sind Ostpreußen, Wartheland und Schlesien Kriegszone. Auch Ostpommern wird geräumt. Der Flüchtlingsstrom reißt nicht mehr ab. Ein unendlicher Treck von Wagen, Pferden und Menschen zieht an unserer Schule vorbei in Richtung Norden.

Eine Munitionskolonne quartiert sich im Schulgebäude ein. Alle Klassenräume sind mit einer Ausnahme belegt. Die Soldaten entladen nachts einen Munitionszug. Der 'Oldenburger Busch' ist ein einziges Bombenlager.

Panzersperren entstehen an den Dorfausgängen. Lensahn soll noch verteidigt werden, als Hamburg und Lübeck bereits kapituliert haben.

Der Generalfeldmarschall von Bock wird mit seiner Familie durch Tiefflieger getötet. Die langen Schlangen vor den Läden werden durch Tiefflieger auseinandergerissen. Man wartet stundenlang auf Brot, Zucker und Fett.

Am 3.5. schließt der Unterricht und beginnt nach langer Pause erst im November. Am 5. Mai ziehen die englischen Truppen ein und werden jubelnd von den Polen begrüßt, umarmt und geküsst. Mittags schon stehen die Panzersperren unbewacht da. Die Kapitulation ist da. Hauptsächlich regiert der Secret Service mit seinen roten Mützen das Dorf. Die polnischen Knechte und Mägde feiern auf geschmückten Guts- und Bauernwagen. Abends wandern sie während der Ausgangssperre für die Deutschen eingehakt in Zwölferreihen polnische Lieder singend durch das Dorf.

Die Munitionskolonne ist ausquartiert. Der Regimentsstab vom Regiment Lutze bezieht Quartier in allen Räumen der Schule. Das Lehrmittelzimmer musste innerhalb einer Stunde für die Offiziere geräumt werden, die Lehrmittel wurden auf den Dachboden gebracht. Der Regimentsstab zieht bald zum Grünen Hirsch und die Schule wird für eine kurze Zeit Lazarett. Ein Lattenverschlag im Flur ist Labor und Behandlungsraum.

Nach der Verlegung des Lazaretts dienen die Klassenräume als Unterkünfte für die durchziehenden Soldaten. Die Schulschränke werden aufgebrochen und ausgeraubt. Die Volksbibliothek, Lehr- und Lernbücher, alte Hefte, Karten und Bilder verschwinden. Alles wird geöffnet und ausgeplündert.

Alle umliegenden Wälder sind Heerlager geworden. In Zelten, Erdgruben und in primitivsten Hütten hausen die Soldaten. Auch die umliegenden Ortschaften sind voller Soldaten. Unser Schulhof liegt manchmal dicht von unter Zeltbahnen schlafenden Soldaten. Die deutsche Militärverwaltung und auch die Militärgerichte funktionieren weiterhin.

Etwa 30 Militärpfarrer sind in Lensahn. Täglich werden Predigten gehalten und vormittags finden theologische Universitätskurse in der Kirche statt.

Viele Künstler unter den Soldaten geben Konzerte. Matthias Wiemann spricht, zwei Geiger vom Münchner Rundfunk spielen und Frau Caesar spielt auf der Orgel. Lehrerin Eva Rade gibt Kurse in Englisch.

Eine Schulklasse dient als Schlafsaal für Flüchtlinge. In der ehemaligen Schulscheune wird eine Gemeindeküche eingerichtet. Hunderte von Flüchtlingen werden aus Gulaschkanonen verpflegt.

Nach einer Pause von fünf Monaten beginnt im November 1945 wieder der Unterricht an der Schule. Die Klassenräume waren überfüllt und die Kinder hatten keine Schreibhefte; aus Packpapier und ähnlichem Papier haben sich die Schüler 'Nothefte' selbst zusammengeheftet. Ebenso fehlte es an Bleistiften und Federn. Eine große Anzahl von nicht mehr gebrauchten Feldpostbriefen wurde gespendet. Manche Kinder konnten nicht zum Unterricht kommen, weil sie keine Schuhe hatten oder weil das einzige Paar Schuhe beim Schuster war.

Der "Kral" bleibt noch bis Februar 1946 bestehen. Deutsche und danach englische Soldaten bewachen die Sperrgrenze bei Neustadt. Unerlaubter Grenzübertritt wird streng bestraft.

Der Eisenbahnverkehr wird mit fenster- und banklosen Güterwagen wieder aufgenommen. Die erste Nachkriegstagung der Kreislehrerschaft findet in Neustadt statt. Durch den Zustrom der Flüchtlinge stieg die Schülerzahl auf über 600 Kinder, von denen 60 Prozent Flüchtlingskinder waren.

Anmerkung des Einstellers:: Teile der zum Zeitpunkt der Kapitulation noch unter Waffen stehenden Wehrmacht wurden in langen, anstrengenden Märschen in das Gebiet der heutigen Kreise Ostholstein und Plön verlegt und dort als "Korpsgruppe Stockhausen" zusammengefasst. Das Gebiet hieß offiziell "Sperrgebiet F", wurde aber von den Landsern "Kral" genannt.

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