Kriegserinnerung eines Sowjetsoldaten "Man kann in Afghanistan nicht siegen"

Kriegserinnerung eines Sowjetsoldaten: "Man kann in Afghanistan nicht siegen" Fotos
Alexej Tukalkin

Im Kampf war der Feind unsichtbar, beim Einkauf lief man sich über den Weg: Als junger Sowjetsoldat war Alexej Tukalkin in Afghanistan. Auf einestages erzählt er von seinem Einsatz im Kriegsgebiet, wieso der Kampf dort aussichtslos ist - und warum er am liebsten im Land geblieben wäre. Von

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Ich bin ein Absolvent einer Kommandeursschule in Moskau: "Kremljowskije Kursanty", die Kremlkadetten. Infanterie, absolute Elite. Ich diente erst in Russlands fernem Osten. Nahrungsmittel wurden strikt rationiert, wir bekamen sie nur gegen Lebensmittelmarken: Für einen Mann gab es 50 Gramm Butter pro Tag, sowie einen kleinen Laib Brot. Die Marken von damals bewahre ich noch heute auf. Damit ich niemals vergesse, in was für einem Land ich damals lebte.

Von meiner Erziehung her aber wäre ich besser niemals Soldat geworden. Ich bin aufgewachsen zwischen Offizieren und Generalen, da verliert man die Ehrfurcht vor militärischen Hierarchien und blindem Gehorsam. Mein Vater bekleidete den Rang eines Oberst, mein Großvater kommandierte im Zweiten Weltkrieg eine Einheit, die den Reichstag in Berlin einnahm. Mit so einer Verwandtschaft verliert ein brüllender Kommandant jeden Schrecken. Ich war ein Querulant, ein Dissident in Uniform.

Deshalb haben sie mich nach Afghanistan geschickt.


In der Nacht zum 26. Dezember 1979 besetzten sowjetische Truppen Afghanistan. Panzerkolonnen rückten von Termez im heutigen Usbekistan vor, Luftlandetruppen besetzten blitzartig Kabul - nachdem die Afghanen angeblich selbst um die "brüderliche Hilfe" gebeten hatten, so Moskaus Lesart. Schnell schien der Krieg entschieden: Nur eine Woche und 40.000 Mann genügten den Sowjets zunächst, um das unterentwickelte Land zu erobern. Spezialkräfte liquidierten den aufsässigen Staatschef Hafisullah Amin.

Laut Kreml-Propaganda sollten die Sowjet-Truppen "Stabilität und Sozialismus" in dem vom Bürgerkrieg zerrütteten Land festigen. Der Rest der Welt sah andere Motive und boykottierte die Olympischen Spiele in Moskau 1980.


Ich persönlich glaube, dass es nie um den Sieg ging. Es ging nur darum, die Menschen in der Sowjetunion unter der Knute zu halten. Es gab ja keinen Stalin mehr, keinen Terror. Stattdessen gab es die Drohung: Benimm dich, oder du kommst nach Afghanistan.

Ich habe vieles in Frage gestellt damals in der Truppe, das hirnlose Befolgen sinnloser Befehle. Mitte der achtziger Jahre gab es eine Anti-Alkohol-Kampagne in der Sowjetunion, Weinberge wurden gerodet, auch in der Truppe sollte die Trunksucht bekämpft werden. Ich habe damals weder getrunken, noch geraucht. Ich war Sportler: Leichtathletik, Schwimmen, Hockey. Zu jener Zeit hatte man in der Sowjetunion genau zwei Möglichkeiten. Entweder, du warst Sportler - oder Säufer.

Unser Kommandeur trat also vor uns und bellte, Offiziere dürften ab sofort nicht mehr in Arbeitskleidung alkoholhaltige Getränke kaufen. Ein Offizier der Roten Armee aber besitzt eine Parade-Uniform und eine Dienstuniform. Aber er hat keine Zivilkleidung, er ist immer im Dienst. Ich habe mich zu Wort gemeldet: "Genosse Kommandeur: Wo ist vermerkt, dass eine Offiziersuniform Arbeitskleidung ist? Genosse Kommandeur, Sie wissen, es betrifft mich nicht persönlich. Aber heißt das, Offiziere der Roten Armee dürfen nie Alkohol käuflich erwerben?"

Wegen solcher Sachen haben sie mich nach Afghanistan geschickt, in den Süden, damals wie heute die heißeste Ecke. 1987 war das, und ich gerade 24 Jahre alt. Später habe ich erfahren: Sie haben meine Unterschrift gefälscht unter einem Schreiben, in dem ich angeblich selbst um die Versetzung bitte. Also kam ich nach Kandahar.


Die "künftige sozialistische Gesellschaft der Sowjetrepublik Afghanistan" nehme Formen an, schrieb der SPIEGEL 1985. Der Krieg sei schon "längst entschieden". Tatsächlich setzten die übermächtigen Invasoren den Widerstandskämpfern zu, vor allem dank ihrer Hubschrauber. "Die Sowjets sind überall. Wir sind umzingelt", klagte Mudschahidin-Führer Abdul Samad. Moskau investierte in Infrastruktur, in Schulen, Brücken und Krankenhäuser - und hoffte, die Erschließung milliardenschwerer Vorkommen an Eisen, Gold und Lapislazuli möge das bettelarme Land befrieden.

Doch das Kriegsglück wendete sich gegen das rote Riesenreich. Die USA lieferten per Hand einsetzbare Flugabwehrraketen vom Typ "Blowpipe" und "Stinger" an die Kämpfer, und China schickte Zehntausende Maultiere.


Wir sind mehrmals pro Tag unter feindliches Feuer geraten, Maschinengewehre, Granatwerfer, Raketen. Beschuss aus dem Nirgendwo. Wir haben den Feind nicht einmal gesehen. Wenn es gar nicht mehr anders ging, haben wir Unterstützung von unserer Artillerie angefordert. Das hat sie wenigstens verjagt, die Duchi, so nannten wir die Mudschahidin. Im Gefecht haben wir den Gegner so gut wie nie zu Gesicht bekommen. Dafür beim Einkaufen.

Ich habe oft Besorgungen für Kameraden auf den Basaren und in den Geschäften Kandahars erledigt. Als ich das erste Mal einen dieser Läden betrat, war ich sprachlos. Es gab alles in diesem gottverlassenen, armen und staubigen Land, was wir daheim nur als "Defizit" kannten: Armbanduhren aus dem Westen, Kassettenspieler aus Korea, Videoplayer aus Japan.

Ich war nicht der Einzige, den der Konsum lockte: Einmal stieß ich auf der Schwelle eines dieser Geschäfte mit einem Bärtigen zusammen, Patronengurte um die Schulter, die Kalaschnikow in der Hand: Ein Kämpfer der Duschmanen. Wir haben uns höflich gegrüßt und gingen dann unserer Wege. Man muss schließlich schon verdammt bescheuert sein, um sich in einem engen Ladenlokal in Kandahar gegenseitig über den Haufen zu schießen.

Manchmal haben mich Kämpfer auf der Straße angesprochen. Meistens wollten sie mir Waffen oder meine Patronen abkaufen. "Ihr kennt mich", habe ich gesagt, "ich verkaufe nichts. Ich nicht."

Andere dagegen schon. Wir hörten die russischen Katjuscha-Raketen, abgeschossen aus der berüchtigten Stalin-Orgel, in unserem Feldlager heransausen, sie explodierten gleich neben unseren Zelten - unsere afghanischen Verbündeten hatten sie an die Mudschahidin verscherbelt, ein Problem, das die Nato inzwischen auch kennt.


Fünf der damals rund 16 Millionen Einwohner Afghanistans flohen damals vor Krieg, Tod und Zerstörung in die Nachbarländer, nach Iran und Pakistan. Mehr als eine Million Zivilisten, Soldaten der moskautreuen afghanischen Armee und Aufständische kamen ums Leben.


Unsere Luftwaffe hat Wohnviertel in Kandahar bombardiert und nicht viel übrig gelassen. Warum sie das getan haben? Darüber wurde geschwiegen. Es hieß, es sei ein Irrtum gewesen, jemand habe den Piloten nicht die richtigen Koordinaten übermittelt. Wie aber kann man bitte eine ganze Stadt als falsches Ziel angeben? Die Häuserzeilen, die wir danach passierten, erinnerten uns an Stalingrad.

Die Straße nach Kandahar: 40 Kilometer Staubpiste, zu lang, um sie gegen Partisanenangriffe zu schützen, dafür hätten wir Millionen Soldaten gebraucht. Wir fahren unter Feuer zu einem unserer Vorposten in einem Getreidespeicher. Staub wirbelt in der Ferne auf, wie bei einem Sandsturm, aber das sind die einschlagenden Kugeln, explodierende Granaten. Das ist alles, was wir vom Gegner sehen. Und wir fahren mitten hinein, wir sollen ja unsere Leute in Sicherheit bringen. Es gibt Verletzte, vermutlich Tote.

Ein rostbrauner Wall säumt die Fahrbahn. Wir passieren ihn jeden Tag, wenn meine Einheit sowjetische Militärberater zu ihrem Einsatz bei der Afghanischen Armee kutschiert, unserem Verbündeten. Ausgebrannte Wracks stehen dicht an dicht, sie säumen die staubige Piste. Tausende Panzer, Lastwagen, Truppentransporter von Kameraden, die weniger Glück hatten als wir. Wir haben sie auf die Seite gewälzt, so geben sie uns wenigstens Deckung.


Die nahezu lückenlose Wand aus Militärschrott ist ein Zeichen des Scheiterns, für die horrenden Verluste, die Moskau hinnehmen musste. Afghanistan wurde zu einer "blutenden Wunde", wie Sowjetführer Michail Gorbatschow sagte - und die Supermacht drohte an ihr zu verenden. Die Zahl der Gefallenen hielt Moskau geheim, doch immer mehr Soldaten kehrten in Zinksärgen in die Heimat zurück. "Fracht 200" wurden diese Sendungen genannt. Offiziell hat die Sowjetunion 15.000 Mann in dem Krieg verloren. Schätzungen gehen von der doppelten Zahl aus.

Die Sowjets rücken 1989 ab. Die einst stolze Rote Armee zieht sich zurück, geschlagen, obwohl sie nie im Feld militärisch besiegt wurde. Nicht ein einziges Mal, betont General Boris Gromow, Oberkommandierender von Moskaus Truppen, sei eine Einheit den Rebellen unterlegen gewesen, "nicht einmal die kleinste".

Gromow passiert als letzter die "Brücke der Freundschaft", die Afghanistan mit dem zur Sowjetunion gehörenden Usbekistan verbindet. Er hält inne, eine Minute. Gromow spricht einen leisen Fluch. Dann verlässt der letzte sowjetische Soldat Afghanistan, nach fast zehn Jahren Krieg.


Man kann in Afghanistan nicht siegen. Das werden auch die Amerikaner und Deutschen einsehen müssen. Man kann sich nur zurückziehen, die Grenzen abriegeln und hoffen, dass die Afghanen zur Besinnung kommen.

Trotzdem habe ich mich in Afghanistan frei gefühlt. Freier als jemals zuvor in meiner Heimat. Wenn ich gekonnt hätte, ich hätte Frau und Kinder nach Kandahar geholt. In der sterbenden Sowjetunion fehlte mir die Luft zum Atmen. Ich habe nicht mehr in den Rahmen der damaligen Gesellschaft gepasst.

In Afghanistan aber dachten viele Soldaten so wie ich. Natürlich gab es auch hier Polit-Kommissare und Spitzel, die einen anschwärzten. Was aber sollten sie tun? Weiter als Kandahar konnten sie uns nicht schicken.


1988 endet Tukalkins Kampfeinsatz, kurz darauf quittiert er den Dienst. Der erfolgreiche Unternehmer führt heute mehrere Fahrradgeschäfte in Moskau.


Aufgezeichnet von Benjamin Bidder, Moskau.

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1.
Christine Thomas 21.07.2010
....hoffentlich kapieren das bald auch d i e , die ihre Truppen dorthin geschickt haben!
2.
Hans Rexing 22.07.2010
Der Krieg dreht sich in Afghanistan im Kreis. Der Feind hat kein Gesicht. Einzigste wirksame Maßnahme wäre, die Mohnfelder zu zerstören. Ähnlich wie in Vietnam mit "Agent Orange". Damit würde den Taliban die Finanzierung ihrer Aktionen entzogen.
3.
Siegfried Wittenburg 22.07.2010
Denke ich den Beitrag und die Kommentare zu Ende, so wird kein Befehlsempfänger ein gewaltsam besetztes Land befrieden können. Die Menschen in Afghanistan würden sich fühlen, als wenn sie in einer fremden Familie aufgenommen wären, die meint, ihr Lebensentwurf sei der bessere. Von oben verordnete Freiheit und Demokratie gibt es nicht. Das muss von innen kommen. Und wenn es Jahrzehnte oder Jahrhunderte dauert. Sehr interessant waren für mich auch die Einblicke in den militärischen Alltag der Sowjetunion. Ich stellte viele Parallelen zur "Nationalen Volksarmee der DDR" fest. Man stelle sich einmal vor, dass man in "Feindesland" geschickt wird, um es zu "zivilisieren" und dann selbst feststellt, dass das "Feindesland" sehr viel "zivilisierter" ist als die eigene Heimat.
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