Kriegserlebnisse einer Krankenschwester Vom Kreuz beschützt

Kriegserlebnisse einer Krankenschwester: Vom Kreuz beschützt Fotos
Lotte Guse

Hass ist edel - das lernte die Schwesternschülerin Lotte Guse in ihrer Ausbildung. Den Ideologien der Nazis hielt sie ihren christlichen Glauben entgegen. Das Kreuz rettete sie schließlich vor den russischen Soldaten. Von

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Meinen 19. Geburtstag erlebte ich am 2. Februar 1943 als Schwesternschülerin im Stettiner Krankenhaus. Grund zum Feiern gab es in den folgenden Monaten nicht. Die Kriegsereignisse und die näher rückende Front prägten unseren Alltag. Das Leben in Deutschland, besonders in den größeren Städten, war von nächtlichen Bombardements überschattet.

Am 20. April 1943 - dem Geburtstag Adolf Hitlers - bombardierten die Engländer Stettin. Ich habe diesen Tag und vor allem die darauffolgende Nacht in grausiger Erinnerung. Die Flugzeuge warfen Phosphorbomben über der Stadt ab. Überall brannte es. Im Krankenhaus gab es, Gott sei Dank, kein Menschenleben zu beklagen. Allerdings war ein Großteil der Bausubstanz zerstört. In den folgenden Tagen arbeiteten wir inmitten von Schutt und Dreck. Die Fenster waren zersplittert, die Wasserversorgung war zusammengebrochen. Warmes Essen gab es nicht. Die Bombennacht hatte uns alle tief erschüttert.

Eines Tages rief die Oberin einige Schwesternschülerinnen zu sich. "Wir haben beschlossen, euch nach Erfurt zu versetzen", sagte sie. "Ich gebe meine Besten dorthin. Macht mir Ehre!" Der eigentliche Grund: Im Krankenhaus konnten nach dem Bombenangriff nur noch etwa 200 Patienten untergebracht werden. Für uns, die wir im Herbst 1943 unser Examen bestehen sollten, gab es nicht mehr ausreichend Ausbildungsplätze.

Ist Hass edel?

Am 20. Mai 1943 begannen wir fünf Stettinerinnen unseren Dienst im Städtischen Krankenhaus von Erfurt. Wir waren entschlossen, im Geiste der Diakonie unser Bestes zu geben. Stettin ist unsere Wahlheimat, Erfurt ist unsere Notheimat, dachten wir und gingen vorbehaltlos an unsere Aufgaben. Unsere Einstellung änderte sich bald. Mit Entsetzen stellten wir fest, wie stark das Arbeitsklima im Krankenhaus von nationalsozialistischen Ideen geprägt war. Angesichts dieser unangenehmen Umgebung wurden wir fünf zu einer trotzigen Gemeinschaft, die in allen Lebenslagen zusammenhielt. Wenn wir am Sonntagvormittag keinen Dienst hatten, durften wir am Gottesdienst teilnehmen. Der Krankenhauspfarrer stand allerdings den Deutschen Christen nahe, die dem Führer folgten. Als überzeugter Nationalsozialist predigte er in Hitlers Sinne. Das kam für mich nicht in Frage. Ein Pastor aus Stettin hatte mir einen Erfurter Pfarrer empfohlen, der - ebenso wie ich - der Bekennenden Kirche nahe stand. Eines Sonntags machte ich mich zusammen mit einer Kollegin auf den Weg zu diesem Pfarrer. Wir schmuggelten die schwarzen Kleider, die wir nach unserem Dienst trugen, mit auf die Station und entwischten durch ein Loch im Zaun.

Im theoretischen Unterricht klärte uns ein Studienrat über das politische Tagesgeschehen und über den Nationalsozialismus auf. "Hass ist edel!", behauptete dieser Mann. Ich war entsetzt. Nach dem Unterricht sprach ich mit zwei Freundinnen, die meine Ansicht teilten. Im Alten Testament heißt es: "Liebe deine Feinde!" Wir blätterten auch im Neuen Testament, in der Bergpredigt: "Freuen dürfen sich alle, die Frieden schaffen, denn sie werden Gottes Kinder sein." Wir fanden noch viele andere ähnliche Passagen. Was sollten wir tun? In der nächsten Stunde wagte es die Älteste von uns, unsere Einwände vorzubringen. Der Studienrat ging nicht darauf ein, verlor allerdings nie wieder ein Wort über den Hass.

Unsere Unterrichtsschwester ermahnte uns. "Sie wollen doch hier Ihr Examen machen", sagte sie. "Ich verbiete Ihnen, den Lehrern zu widersprechen! Vergessen Sie nicht, dass es ein Staatsexamen ist." Während der Ausbildung mussten wir uns auch mit den menschenfeindlichen Rassegesetzen des Nationalsozialismus beschäftigen, etwa dem Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses und dem Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der Ehre. Ich hoffte innig, dass ich zu diesem Unsinn nicht geprüft würde. Gott sei Dank blieb es mir erspart.

Glück der missglückten Flucht

Am 10. Dezember 1943 begann mein Dienst als examinierte Krankenschwester in einer Privatklinik für Gynäkologie und Geburtshilfe in Wittenberge, einem Ort in der Prignitz. Dort erlebte ich im Frühjahr 1945 das Ende des Krieges. Ich habe es in furchtbarer Erinnerung, auch wenn ich mit Gottes Hilfe vor Schlimmem bewahrt wurde. Im Osten standen die Russen - nur zwölf Kilometer von Wittenberge entfernt. Vom westlichen Ufer der Elbe aus schossen die Amerikaner auf die Stadt. Vor dem Einmarsch der Russen hatte ich entsetzliche Angst. Wir alle hatten furchtbare Geschichten darüber gehört, dass sie Frauen vergewaltigten, Häuser plünderten und Männer willkürlich erschossen.

Am 11. April 1945 hielten sich in unserer Klinik kaum noch Patientinnen auf. Sie waren nach Hause entlassen worden. Die meisten Schwestern waren ebenfalls fortgeschickt worden. Nur die beiden leitenden Schwestern, eine Köchin und ich waren übrig geblieben. Ich konnte nirgendwo hingehen, da ich in Wittenberge keine Familie hatte. Meine Heimatstadt Küstrin war bereits besetzt, und bis Berlin hätte ich mich unmöglich durchschlagen können. "Bleiben Sie in der Klinik, Schwester Lotte", riet mir die leitende Schwester Paula. "Hier kann Ihnen nichts passieren." Sie zeigte mir ihre Vorratskammer, in der sich ausreichend Lebensmittel befanden. Im Luftschutzraum schlug ich mein Lager auf.

Nachdem die Patientinnen die Betten geräumt hatten, wurden in der Klinik deutsche Soldaten versorgt. Viele waren blutjung, Schüler, die als Flak-Helfer noch kurz vor Kriegsende eingezogen worden waren. Ich sah 15-jährige Jungen an Bauchschüssen sterben. Wir operierten Tag und Nacht. Später kampierten die Männer vor dem Haus. Sie erlagen einer nach dem anderen ihren Verletzungen. Dann traf die Nachricht ein, dass sich eine Gruppe von Ärzten, Schwestern und Patientinnen nach Mecklenburg retten wollte. Sie flüchteten vor der heranrückenden sowjetischen Armee. "Schließen Sie sich dieser Gruppe an!", schlug mir eine Schwester vor.

Ich packte meine Kleidung in den kleinen Rucksack, den ich aus einem Kartoffelsack genäht hatte. Die Bibel, mein Gesangbuch und eine Biografie von Eduard Mörike wollte ich mitnehmen. Nun wartete ich darauf, dass mir jemand das Signal zum Abmarsch gab. Der Morgen brach an, und ich saß immer noch da. Die Flüchtlinge hatten mich vergessen. Dafür kann ich Gott nur danken. Die Gruppe fiel den Russen in die Hände.

Angst vor den "Befreiern"

Am 2. Mai ergab sich Wittenberge widerstandslos. Wir blieben in unserem Versteck im Keller, bis das letzte Gefecht beendet war. Die Klinik war nun völlig leer. Schwester Paula riet mir, in einem Patientenzimmer zu übernachten. Dort waren die Betten bequemer. Glücklicherweise zog ich meine Kleidung nicht aus. Ich setzte nur meine Haube ab und schnürte die Schuhe auf, bevor ich mich zur Ruhe legte. Als jemand die Tür öffnete, fiel ich vor Schreck fast aus meinem Bett: Vor mir stand Schwester Paula mit zwei Offizieren der Sowjetarmee. Vielleicht dachten die Männer, ich sei eine Patientin. Sie verließen das Zimmer, gefolgt von Paula.

Nach wenigen Minuten kehrte sie zu mir zurück. "Stehen Sie schnell auf", sagte sie. "Die Klinik wird ein russisches Lazarett. Wir verstecken Sie im Luftschutzraum." Täglich versuchten russische Soldaten, in unseren Aufenthaltsbereich einzudringen. Meine Kolleginnen waren beide über 60 Jahre alt. Schwester Paula stand Tag für Tag an der Tür zum Kellergeschoß, wie eine Statue in schwarzer Schwesterntracht, ein silbernes Kreuz an einer silbernen Halskette. Die Soldaten fielen vor ihr auf die Knie. Sie küssten ihren Rocksaum, berührten das Kreuz und bekreuzigten sich. Dann kehrten die Männer um. Sie wagten nicht, durch die Tür zu gehen, hinter der ich zitternd betete.

Nach sechs Wochen wurde die Klinik wieder für deutsche Frauen geöffnet. Viele Mädchen und Frauen waren vergewaltigt worden. Sie litten nun an Folgekrankheiten waren traumatisiert. Einige waren nach der Vergewaltigung schwanger. Ich durfte meine Tätigkeit als Krankenschwester wieder aufnehmen. Ich war bewahrt worden - durch das Kreuz.

Diese und weitere Episoden aus dem Leben von Lotte Guse lesen Sie auch im Blog der Autorin.

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