Kriegsfotograf Chaldej Soldat an allen Fronten

Kriegsfotograf Chaldej: Soldat an allen Fronten Fotos
Jewgenij Chaldej /Sammlung Ernst Volland und Heinz Krimmer

Jewgenij Chaldej hat im Zweiten Weltkrieg für die Rote Armee gekämpft - um jedes Bild. Seine Aufnahmen vom Vormarsch der Sowjets wurden weltberühmt, die Notizen über seinen Einsatz aber hielt er geheim. Nun wurde sein Tagebuch veröffentlicht und verrät, wie der Fotograf selbst das Kriegsgrauen erlebte. Von

  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren
    4.5 (57 Bewertungen)

"Rache" hatte Jewgenij Chaldej sein Foto genannt. Es war Anfang 1945 in einem österreichischen Dorf entstanden und zeigt Sowjetsoldaten, die energisch und mit großen Schritten über eine auf dem Pflaster ausgebreitete Hakenkreuzflagge marschieren. Das Deutsche Reich liegt am Boden und die Männer stürmen voran, um ihm den Todesstoß zu versetzen. Über ihren Köpfen verdunkelt Rauch den Himmel, im Hintergrund brennt ein Haus, Qualm wabert aus dem Dachstuhl, aus den Fenstern schlagen Flammen.

Jahre später wird sich der Fotograf fragen lassen müssen, ob diese Szene wirklich echt ist oder das Bild nur gestellt. "Alle sagen, ich hätte diese Fahne extra dort hingelegt", sagt Chaldej. Er schüttelt den Kopf. "Ich habe nur das Haus angesteckt - weil da der Kommandant des Konzentrationslagers wohnte." Der Reporter Jewgenij Chaldej wurde zum Chronisten des Großen Vaterländischen Krieges, wie die Sowjets den Zweiten Weltkrieg nannten. Doch der Pressefotograf war auch Soldat in diesem Krieg.

Als seine größte Heldentat ist ein anderes Foto in Erinnerung geblieben; für Jahrzehnte sollte es zum Symbol des Sieges über Hitler-Deutschland werden: das Hissen der Roten Fahne auf dem Berliner Reichstag. Längst ist bekannt, dass diese Szene am 2. Mai 1945 nachgestellt worden war, als die Kämpfe bereits an anderer Stelle tobten, und dass jene Aufnahme, die in der "Prawda" erschien, noch hatte nachbearbeitet werden müssen: Weil einer der Soldaten gleich zwei Uhren an den Armen trug, was nur allzu offensichtlich auf das äußerst beliebte Beutegut deutete, hatte der Fotograf eine der beiden aus dem Negativ gekratzt.

Als Chaldej dieses Bild in Berlin machte, hatte er bereits einen langen und gefährlichen Weg hinter sich: 1148 Tage war er in diesem Krieg unterwegs gewesen und hatte nach eigener Schätzung rund 30.000 Kilometer zurückgelegt. Und er war dabei ein besonderes Wagnis eingegangen: Obwohl es Sowjetsoldaten streng verboten war, hatte der Fotograf der staatlichen Nachrichtenagentur TASS Notizen über seine Einsätze angefertigt. Lange war sein Kriegstagebuch nur seiner Familie bekannt - nun erscheint es zum ersten Mal in deutscher Übersetzung und beschreibt, was Fotos allein nicht zeigen können: die dramatischen Umstände, unter denen sie entstanden, und die persönlichen Erlebnisse und Eindrücke eines Augenzeugen, der an so vielen Kriegsschauplätzen zugegen war wie kaum ein anderer.

Anruf aus der Redaktion

Für den 24-jährigen Jewgenij Chaldej begann der Krieg am 22. Juni 1941 - dem Tag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion. "Ein schöner Morgen und ein mieser Tag …" würde er später in sein Tagebuch schreiben. In der Nacht war er von einer Dienstreise zurückgekehrt und vor ihm lag ein arbeitsfreier Sonntag. Als die Familie beim Frühstück saß, klingelte das Telefon: Um 12 Uhr solle er in der Redaktion sein.

Für 12 Uhr war eine Radioansprache von Regierungschef Molotow angekündigt. Die Stimme verkündete: "Heute Morgen um 5 Uhr haben deutsche Truppen unsere Grenze von Murmansk bis zum Schwarzen Meer ohne Kriegserklärung überschritten. Kiew, Minsk, Sewastopol, Brest wurden bombardiert." Chaldej sollte nach Murmansk. "Ich ging zu meinem Chef", so notierte er später, "und sagte: 'Geben Sie mir 100 Meter Filmmaterial.' Darauf er: '100 Meter! In zwei Wochen ist alles vorbei, wozu brauchst Du so viele Filme? Nein, ich gebe Dir nur 50 Meter.' Ich nahm die 50 Meter."

Chaldej ahnte, dass es ein längerer Einsatz würde. Ausgerüstet mit einer deutschen Leica und einem russischen Nachbau erhielt er Anfang Juli 1941 seinen Marschbefehl zu den Marinesoldaten der Nordmeerflotte. Noch konnte er "nicht glauben, dass Krieg ist", wie er am 8. Juli notierte. Doch er machte sich schnell mit der neuen Situation vertraut: "Ich besuchte die Flakartilleristen, berührte danach mit meinen eigenen Händen eine mit einem Hakenkreuz versehene Junkers und betrachtete das abgerissene Bein eines Deutschen. Das Ergebnis der Arbeit unserer Piloten war zu erkennen." Marineinfanteristen und Soldaten der 14. sowjetischen Armee verteidigten an der Nordfront den Hafen von Murmansk gegen die vorrückenden deutschen Truppen und deren finnische Verbündete. Das ganzjährig eisfreie Tor zum Nordatlantik war überlebenswichtig für die Versorgung der Sowjetunion mit Rüstungsgütern und Lebensmitteln aus den USA.

"Den Anblick wirst du nie vergessen"

Chaldej blieb mehrere Monate in Murmansk und berichtete von den erfolgreichen Kämpfen. Willkommen war er nicht immer. "Schämen Sie sich nicht, unser Unglück aufzunehmen?", fuhr ihn eine alte Frau an, die er fotografierte. Die TASS aber war mit seiner Arbeit sehr zufrieden, und als er Murmansk verließ, war er vom einfachen Marinesoldaten zum Leutnant zur See befördert worden. Für eine Ausstellung seiner Bilder reiste Chaldej im November 1941 nach Moskau und erlebte die Stadt in Panik und Chaos - angesichts der heranrückenden Wehrmacht. Verklausuliert notierte Chaldej: "Ich erfuhr das Allerwichtigste - der Hausherr hatte Moskau verlassen." Vermutlich war zu ihm durchgedrungen, dass Oberbefehlshaber Josef Stalin bereit war, Moskau aufzugeben.

In den ersten Januartagen 1942 wurde Chaldej auf die Halbinsel Krim am Schwarzen Meer abkommandiert. 4000 Kilometer von Murmansk entfernt erlebte er dort einen ganz anderen Krieg - verlustreicher, brutaler, grausamer. "Diesen Anblick wirst du niemals vergessen", schreibt er über seine Beobachtungen in der hart umkämpften Hafenstadt Kertsch, die die Rote Armee gerade von den deutschen Besatzern zurückerobert hatte. "Der Graben hat eine Länge von zwei Kilometern. Die Menschen schaufeln den Schnee beiseite, binden ein Seil an die Füße (der Leichen, Anm. d. R.), schleppen sie hoch, danach werden sie identifiziert. (…) Aus dem Graben werden Säuglinge geholt, in Tücher eingewickelt. Wir beenden die Aufnahmen und gehen schweigend bis zur Stadt."

Was an diesem Graben geschehen war, berichteten Chaldej sowjetische Fahrer, die von den Deutschen gezwungen worden waren, die Zivilisten zur Hinrichtung zu transportieren: "Die Menschen wurden in Gruppen von 20 bis 30 Personen aufgereiht. In der Nähe wurde der nächste Schub vorbereitet, indem man sie auszog. Frauen schrien, Kinder klammerten sich schutzsuchend an ihre Mütter."

Was dann passierte, beschrieb Chaldej so: "Hinten (war) die Kante eines Erdloches und vorne standen die Henker, die jegliches menschliches Gewissen eingebüßt haben, die Mützen tief ins Gesicht gezogen. Nach jeder Maschinengewehrsalve fielen die Menschen in den Abgrund, und ihren Platz nahmen die nächsten ein." 7000 Menschen seien getötet worden. Nach dem Krieg wurde bekannt, dass die Deutschen in Kertsch mehr als 30.000 Zivilisten ermordet oder deportiert hatten. Bei der erneuten Eroberung durch die Wehrmacht starben 30.000 russische Soldaten, etwa 170.000 gerieten in Gefangenschaft.

Überleben

Während Chaldej von einem Kriegsschauplatz zum nächsten eilte, blieb ihm wenig Zeit, sich um das Schicksal seiner eigenen Familie zu kümmern. Doch während seiner Tagebuchnotizen waren die Gedanken oft beim Vater. Die Heimatstadt Stalino (das spätere Donetsk) war bombardiert worden. Was war aus ihm geworden? Bei einem Zwischenstopp in Moskau vermerkte Chaldej: "Direkt vor der Abreise bekomme ich einen Brief von meiner Schwester: Ihr Mann und ihre Kinder sind ausgereist, unser Vater und die anderen Schwestern werden vermisst. Ich schickte Geld und bin wieder in der Luft." Er konnte sie nicht suchen. Von der Ermordung seines Vaters und drei seiner Schwestern durch die Deutschen erfuhr er erst nach dem Krieg.

Mehr als einmal geriet Chaldej selbst in Lebensgefahr. Manchmal auch dort, wo es nicht leicht zu vermuten war - etwa in dem friedlichen Urlaubsort Tuapse am Schwarzen Meer. Mit Kollegen sollte er dort U-Bootsmänner fotografieren. Untergebracht waren sie "auf dem schönen spanischen Schiff 'Newa'". In gemütlicher Runde in einem "üppigen Salon" schauten sie sich am Abend einen Kinofilm an. Am nächsten Morgen griffen die Deutschen an: Neun Junkers entluden ihre Bomben über dem Hafen, "der Himmel war zerklüftet von Geschossen".

Nach fünf Minuten war der Angriff vorbei. "Die Leute löschten das Feuer und sammelten die getöteten Arbeiter, Männer und Frauen auf." Als Chaldej am Tag darauf spät in der Nacht von Aufnahmen in den Bergen ins Quartier zurückkehrte, hatte es einen weiteren Luftangriff gegeben: "Die 'Newa' lag auf der Seite, mit dem Bug im Sand, man barg die Leichen der Besatzung. (…) In unseren Kajüten war es unheimlich. Die Rotmariner brachten den Salon in Ordnung. Dort, wo wir uns vor zwei Tagen noch in gemütlichen Sesseln einen Film angesehen hatten, waren nur noch Trümmer."

Er hatte überlebt. Aber er vergaß nicht, in seinen Aufzeichnungen jene Freunde und Kollegen zu erwähnen, die ums Leben gekommen waren. "Gerade mal zwei Wochen ist es her, dass wir zu fünft in Moskau saßen und die bevorstehende Reise besprachen, jetzt werden nur noch wir zwei, Ljoschka und ich, nach Moskau zurückkehren."

Budapest-Wien-Berlin

Im April 1943 enden Chaldejs Aufzeichnungen. Eine Erklärung für das abrupte Ende haben die Herausgeber des Kriegstagebuchs nicht finden können. Überhaupt seien die 45 handbeschriebenen Seiten ein "ganz besonderen Fund", wie Heinz Krimmer und Ernst Volland im Vorwort bemerken. Vermutlich sei es nur wenigen Soldaten gelungen, das Schreibverbot zu umgehen; oft seien ihre Taschen nach verbotenen Dingen durchsucht worden.

Dass Chaldej seine Notizen unbemerkt von der Front nach Hause bringen konnte, könnte an seinem Offiziersrang und seiner Funktion gelegen haben. Möglicherweise seien die Aufzeichnungen aber auch nicht direkt an der Front, sondern jeweils nach der Rückkehr in Moskau entstanden.

Über den April 1943 hinaus belegen Chaldejs Fotos, wo überall er im Einsatz war: Bei der Befreiung Rumäniens, Bulgariens und Ungarns ebenso wie beim Vormarsch auf Wien und Berlin. Auch nach Ende des Krieges arbeitete er weiter als offizieller Fotograf der Sowjetunion, er dokumentierte die Potsdamer Konferenz und die Nürnberger Prozesse. 1948 aber entließ ihn die TASS und auch für die Redaktion der "Prawda", das Parteiorgan der Kommunisten, durfte er plötzlich nicht mehr tätig sein.

Kaltgestellt

"Unprofessionalität" lautete die offizielle Begründung. Doch Kollegen vermuten hinter vorgehaltener Hand einen anderen Grund: Chaldejs jüdische Abstammung. Von Anfang an hatte sie sein Leben bestimmt. Seit er als Säugling kurz nach der Oktoberrevolution nur knapp ein antijüdisches Pogrom in seiner ukrainischen Heimatstadt Juzovka (dem späteren Stalino) überlebt hatte, seine Mutter aber getötet worden war.

1948 begann Stalins letzte große "Säuberung", die Verhaftung, Verfolgung und Ermordung jüdischer Künstler und Intellektueller. Möglicherweise sollte Chaldej, der als Fotograf mittlerweile zu bekannt und zu bedeutend war, um ihn verschwinden zu lassen, durch seine Entlassung kaltgestellt werden.

1956 stellte ihn die "Prawda" wieder ein - es war das Jahr, in dem Nikita Chruschtschow auf dem 20. Parteitag der KPdSU mit Stalins Verbrechen abrechnete.

Bei einer großen Gedenkveranstaltung zum 50. Jahrestag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion im Sommer 1991 lernten sich Chaldej und Herausgeber Volland kennen. Sie planten Chaldejs erste Ausstellung im Westen und seinen ersten Fotoband. Als Krimmer und Volland nach Chaldejs Tod zusammen mit dessen Tochter 2008 in Berlin eine Retrospektive organisierten, fiel ihnen ein schmales, vergilbtes Heft in die Hände - das Kriegstagebuch des Fotografen.

Zum Weiterlesen:

Jewgeni Chaldej: "Kriegstagebuch". Hrsg. von Heinz Krimmer, Ernst Volland, Das Neue Berlin, 2011, 224 Seiten.

Das Buch erhalten Sie im SPIEGEL-Shop.

Artikel bewerten
4.5 (57 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH