Kriegsfotograf Christoph Bangert "Das ist keine Anzeigenkampagne. Das ist Journalismus"

Kriegsfotograf Christoph Bangert: "Das ist keine Anzeigenkampagne. Das ist Journalismus" Fotos
Christoph Bangert

Als es anderen Journalisten zu gefährlich wurde, fuhr er erst hin: Christoph Bangert dokumentierte 2005 den Irak-Krieg. Auf einestages erklärt der Deutsche, warum Kriegsfotografie ästhetisch sein muss - und warum er auch dann noch weitergemacht hat, als keiner mehr den Schrecken sehen wollte.

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Michael Kamber ist vielfach ausgezeichneter Kriegsfotograf. 2008 beschloss er ein Buch über seinen Beruf zu machen. Für "Bilderkrieger" führte er 72 Gespräche mit anderen Fotografen, die es immer wieder in Krisengebiete zieht. Die besten Interviews kamen in den Band. Darunter dieses mit dem deutschen Fotografen Christoph Bangert, der über seine Zeit im Irak erzählt.

Bangert: Ich hatte Redakteuren der "New York Times" davon erzählt, dass ich in den Irak wollte. Zwei Wochen später hatte ich einen festen Auftrag über zwei Monate. Einfach so. Es kam mir vor wie ein Wunder. Ich war damals ein junger Fotograf, der in Brooklyn lebte. Zu der Zeit wurden im Irak gerade viele Ausländer und Journalisten entführt. Man schnitt ihnen den Kopf ab und filmte alles mit der Videokamera - furchteinflößend. Das war Anfang 2005. Ich kam in den Irak, als beinahe alle anderen schon wieder weg waren. Nur die "New York Times" und das Magazin "Time" hatten ständig einen Fotografen aus dem Westen im Einsatz. Dabei war es die wichtigste Nachrichten-Story der Welt. Unglaublich! All die großen Fotografen mit den berühmten Namen, die für "Newsweek" arbeiten oder den "New Yorker", waren nicht mehr da. Für die jüngeren Fotografen war das eine gute Gelegenheit zu zeigen, was sie können.

Kamber: In den USA interessierte sich damals kaum noch jemand für das Thema. Man sah keine Anti-Kriegs-Demonstrationen, auch keine Pro-Kriegs-Aufmärsche.

Bangert: Es war frustrierend, nicht nur für die Journalisten, sondern auch für die Soldaten: "Die Leute geben einen Dreck auf den Irak. Sie sind viel zu beschäftigt mit Shoppen", sagten sie.

Kamber: Es war damals wahnsinnig gefährlich, im Irak zu arbeiten, wenn man nicht embedded war (zu Deutsch: eingebettet. Journalisten in sogenannten Embeds reisen mit festen Einheiten von Armee oder Milizen. Bei offiziellen Embeds wird in der Regel ein Vertrag unterschrieben, in dem Sicherheitsrichtlinien und der Umgang mit Bildern und Rechercheergebnisse festgelegt werden - d. Red.). Wie bist du vorgegangen?

Bangert: Wir hatten wahrscheinlich den gefährlichsten Job der Welt. Niemand wollte sich fotografieren lassen. Man durfte nicht auffallen. Du musstest extrem aufpassen, um deine Kontakte nicht in Gefahr zu bringen. Man konnte nur unembedded im Irak fotografieren, wenn man einen festen Auftrag von der "New York Times" oder von "Time" hatte, weil die Arbeit sehr teuer war. Diese Blätter organisierten private Sicherheitskräfte für ihre Reporter - Iraker in Zivilkleidung. Wir fuhren durch Bagdad, um die Menschen in ihren Häusern zu treffen. Alles musste sehr schnell passieren. Unsere Regel war: Wir bleiben nie länger als eine Stunde, inklusive Interviews und Fotos. Häufig hatte man gerade mal 30 Sekunden für ein Bild, mit dem man auf der Titelseite der "New York Times" landen wollte.

Kamber: Was wäre passiert, wenn du einfach so auf die Straße gegangen wärst, um zu fotografieren, ohne jeden Schutz?

Bangert: Das wäre höchstens eine Stunde lang gutgegangen. Auf uns war ein hohes Kopfgeld ausgesetzt. Sobald die Leute mich - einen westlichen Journalisten mit Kamera - auf der Straße gesehen hätten, wäre ich sofort entführt und verkauft worden. Für uns dürfte es damals eine Million Dollar gegeben haben. Einige Male war ich nah dran, aber das darf man sich nicht so vorstellen, wie man es aus einem Hollywood-Kriegsfilm kennt. Es gab im Irak damals keine permanenten Gefechte, Schießereien oder ständige Explosionen - boom, boom! Nein, oft war es sehr, sehr ruhig, sehr viel komplizierter als in so einem Film.

Kamber: Ich bin nicht sicher, ob die Leser das nachvollziehen können.

Bangert: Wenn man erwartet, dass die Menschen verstehen, was man durchgemacht hat, wird man sehr, sehr einsam enden. Wenn man sehr lange über Kriege berichtet, wird es immer schwerer zu realisieren, was normal ist und was nicht. Man fängt an, sich in Extremsituationen sicherer zu fühlen als in normalen, das ist die Gefahr. Nach Hause zu kommen, ist viel härter. Man kommt heim, und die Ehefrau sagt: "Bitte bring doch den Müll runter, und kannst du bitte den Klempner anrufen, die Leitung leckt?" Du kommst von einem Ort, wo du gerade beschossen wurdest, und musst dich nun mit dem ganz normalen Alltagskram herumschlagen. Das fordert enorme Energie, und viele von uns hören einfach auf, diesen Aufwand zu betreiben. Und ihr Leben fällt allmählich auseinander.

Kamber: Wie war das, embedded als Fotograf mit den Truppen unterwegs zu sein?

Bangert: Mit den Soldaten kam ich immer gut klar. Für sie war ich dieser seltsame Typ aus Deutschland: "Was tust du hier? Das ist nicht dein Krieg." In gewisser Hinsicht war das ein Vorteil für mich. Und die U.S. Army lässt einen wirklich nah ran ans Geschehen. Die Deutschen nehmen dich nirgendwohin mit. Die sagen: "Da gibt es eine Gruppe von kämpfenden Soldaten. Die darfst du aber nicht sehen." Die sind so gar nicht stolz auf das, was sie tun, eher beschämt. Die Amerikaner sagen eher: "Wir machen diesen Scheiß nun mal, die harte Arbeit. Wir kämpfen, und wir sterben. Willst du das sehen?" Klar will ich das. Ich respektiere diese Haltung sehr. Vor einigen Jahren war ich in einem Embed mit der Bundeswehr in Afghanistan. Es macht einen Riesenunterschied, wenn man mit Soldaten aus dem eigenen Land zusammen ist. Es trifft dich viel stärker, wenn deine eigene Armee etwas macht, was nicht in Ordnung ist.

Kamber: Hast du im Irak Dinge erlebt, die schiefgelaufen sind?

Bangert: Die Kommunikation war schlimm. Da war eine gewaltige Kluft zwischen den Amerikanern und den irakischen Bürgern. Man kann sich gar nicht vorstellen, wie tief diese Kluft gewesen ist. Die zu überwinden ist beinahe unmöglich. Häufig waren die Dolmetscher furchtbar. Ich sprach besser Arabisch als die Englisch. Man hätte wahrscheinlich jede moderne westliche Armee in diese Situation schicken können, und sie wäre gescheitert, denke ich.

Kamber: Du hast eines der eindringlichsten Bilder vom Irak-Krieg aufgenommen. Es zeigt einen Mann auf einem Müllhaufen, dessen Hals beinahe vollständig abgeschnitten ist.

Bangert: Ich war bei einem Einsatz mit dabei. Es war am Morgen. Wir fuhren die Straße entlang, und da war dieser riesige Haufen Müll. Plötzlich stoppte der Geländewagen. Wir raus aus dem Humvee, und da lagen diese beiden Toten im Müll, beide mit verbundenen Händen. Einen hatten sie erschossen, dem anderen den Kopf abgeschnitten. Es ist schrecklich, wenn einem so etwas begegnet, aber natürlich musste ich das fotografieren. Wenn du so etwas siehst und machst keine Bilder davon, dann hast du versagt. Du musst immer Fotos machen, dafür bist du da, sonst hast du kein Recht, an diesem Ort zu sein. Wir haben nie herausgefunden, was den beiden Männern genau passiert ist oder wer sie waren. Die irakische Armee hatte an ihren Humvees kleine Anhänger angebracht, um die Leichen einzusammeln. Sie luden die beiden auf und fuhren weg. Damals, Ende 2006, gab es zahlreiche Tötungen dieser Art in Bagdad. Die Leute wurden gekidnappt und getötet. Teils weil sie zu der "falschen" religiösen Gruppe gehörten, teils aus kriminellen Motiven. Menschen wurden entführt, um Lösegelder zu erpressen. Häufig haben die Familien der Opfer sogar bezahlt, aber die Entführten wurden trotzdem umgebracht.

Kamber: Erinnerst du dich, was du gedacht hast, als du das Foto machtest?

Bangert: Es war in Ghazaliya, im Westen Bagdads, einer der gefährlichsten Orte damals. Aber wenn man da ist, denkt man nicht allzu viel darüber nach. Man versucht einfach, die Aufnahme technisch richtig hinzukriegen, und hat auch keine Zeit, viel nachzudenken. Beim Fotografieren hat man eine Kamera vor dem Gesicht. Es erwischt einen erst später, wenn man die Aufnahmen anschaut und auswählt. Dann aber richtig. Man lebt mit seinen Bildern. Es war früher Morgen, wunderbares Licht, die ganze Szenerie war beinahe unwirklich. Man muss sehr vorsichtig damit sein. Manchmal werde ich kritisiert: Deine Bilder sind ja viel zu schön. Ich habe damit kein Problem. Ich versuche eben, die besten und kraftvollsten Aufnahmen zu machen. Muss ich ein schlechtes Foto machen, nur weil die Dinge schrecklich sind, die ich sehe? Die Menschen tendieren nun einmal dazu, eher visuell gelungene Bilder anzusehen als langweilige. Warum sollten wir ganz simple Fotos machen, wenn wir auch sehr ästhetische, vielschichtige, faszinierende machen können? Die Menschen schauen eher auf ein Foto, wenn es auch gut aussieht.

Kamber: Aber es ist ein hässlicher Krieg.

Bangert: Sicher. Krieg ist immer hässlich, aber das heißt nicht, dass man hässliche Bilder davon machen soll, weil sich die eben niemand anschaut. Warum sollte man hässliche Fotos ansehen, wenn man auch großartige ansehen kann, die vielleicht einen Funken in einem entzünden, sich für das Thema wirklich zu interessieren?

Kamber: Warst du von der fehlenden öffentlichen Reaktion auf den Krieg enttäuscht, als du nach New York zurückkehrtest?

Bangert: Jeder hatte früher einen Nachbarn, dessen Sohn in Vietnam war. Vietnam betraf die gesamte Gesellschaft. Ein großer Unterschied zum Irak, wo eine Berufsarmee operiert. Klar, jeder hat einen Sticker auf seinem Auto, "Support our troops", aber das ist es dann auch schon. Keiner kennt wirklich einen Soldaten im Irak, weil die alle aus diesen Kleinstädten in Kansas kommen. Die Menschen sagten: "Nun ja, das sind Berufssoldaten, und wenn sie getötet werden, gehört das nun mal zum Job dazu."

Kamber: Lass uns noch einmal auf das Foto zurückkommen, das von dem Iraker mit dem fast abgetrennten Kopf. Wurde es in den USA gezeigt?

Bangert: Es wurde niemals veröffentlicht. Es wurde ein einziges Mal bei einer Ausstellung in Brooklyn gezeigt. Eine Gruppenausstellung, "Battlespace", über die Kriege im Irak und in Afghanistan. Sie wurde von Fotografen organisiert, die das Gefühl hatten, so viele Bilder würden nie gezeigt. Es existiert zwar keine offizielle Zensur in den USA, aber es gibt sie natürlich. Es wäre naiv zu denken, es gibt hier keine Zensur, nur weil Amerika eine Demokratie ist. Ich denke, es gibt überhaupt keinen Krieg auf der Welt ohne Zensur. Die Bilder in dieser Ausstellung waren einfach furchtbar, furchtbar, furchtbar. Niemand würde die veröffentlichen wollen. Zum Teil verstehe ich das auch. Die "New York Times" ist eine Familienzeitung. Ich habe ein Kind und möchte auch nicht, dass es alles zu sehen bekommt, was ich fotografiere. Es ist ein echtes Dilemma, weil eben einige Bilder doch veröffentlicht werden müssten. Wenn man den Horror aus der Kriegsberichterstattung herausnimmt, dann fehlt ein großer Teil dessen, was den Krieg nun einmal ausmacht.

Kamber: Wenn deine Tochter größer wird, wird sie dieses Buch vielleicht einmal zur Hand nehmen und das Foto sehen. Stört dich das, wenn sie solche Bilder sieht?

Bangert: Nein, aber ich habe den großen Vorteil, dass ich mich mit meiner Tochter hinsetzen und über alles reden kann. Ich kann erzählen, was sich da wirklich zugetragen hat. Ich war da. Das ist ein Geschenk.

Kamber: Ist da etwas, was von der Zeit im Krieg bei dir geblieben ist? Irgendein Tag, ein Moment, ein Bild, das prägend war, das etwas in dir verändert hat?

Bangert: Ich habe einen alten Mann in einem Krankenhaus fotografiert. Ich machte eine Geschichte über ein ziviles Krankenhaus in Bagdad, das Jarmuk-Hospital. Zwei Jahre nach der Invasion hatten diese Krankenhäuser noch immer keine Medizin. Sie hatten nichts. Es war unglaublich, was da vor sich ging. Fast alle Ärzte hatten die Klinik verlassen. Eines Tages machte ich die Aufnahme von diesem alten Mann, der ganz schrecklich verbrannt war. Er konnte vor Schmerzen nicht sprechen, so fanden wir nie heraus, was mit ihm passiert war. Ich sah ihn auf der anderen Seite in der Notaufnahme und zögerte, dachte: Nein, das ist zu viel. Ich kann nicht. Aber ich zwang mich, zu ihm zu gehen und ihn zu fotografieren. Er schaute direkt in meine Kamera. Er litt unsäglich. Er brauchte dringend Hilfe. Aber es gab keine, weil die Spezialabteilung für Brandopfer längst geschlossen war. Sie wollten den Mann zu einer anderen Klinik bringen, mit einer Spezialabteilung für Brandopfer. Also riefen sie dort an und wurden gefragt: "Wie alt ist der Mann?" "Ziemlich alt." "Nun ja, wir sind voll. Wir können ihm nicht helfen." Es war sehr hart, damit umzugehen. Ich fragte den Mediziner: "Warum hat Ihre Spezialabteilung geschlossen?" Er sagte: "Das Geld dafür hängt im Ministerium fest. Dort sind fast alle korrupt."

Kamber: Die Iraker haben wirklich gelitten. Menschen hatten schlimme Schmerzen. Sie waren verängstigt, vor allem die Kinder. Ich bin nicht sicher, ob die amerikanische Öffentlichkeit wirklich verstanden hat, wie schlecht es den Irakern wirklich ging.

Bangert: Die Leute haben es einfach nicht kapiert. Kann man sich überhaupt vorstellen, wie das für diesen alten Mann gewesen sein mag? Der ganze Körper ist verbrannt, und du liegst einfach da, bis du stirbst? Der physische Schmerz ist einfach unvorstellbar.

Kamber: Die Dinge verändern sich schnell heutzutage. Nach drei, vier Jahren Krieg mochte niemand mehr etwas darüber hören.

Bangert: Es spielt keine Rolle, ob deine Leser interessiert sind oder nicht. Du musst selbst entscheiden, was wichtig genug ist, um darüber zu berichten, nicht das, wovon du denkst, dass es dein Leser will. Das ist keine Anzeigenkampagne. Das ist Journalismus. Wenn Leute uns kritisieren und sagen: "Die Menschen haben die Nase voll von diesem Fotokram, Bilder vom Krieg, es berührt sie einfach nicht mehr", dann ist mir das egal. Ich mache das nicht, um jemanden zu gefallen. Ich mache das, weil ich es für wichtig halte, dass das dokumentiert wird. Wenn Leute sagen, sie haben die Nase voll davon - scheiß drauf!


Christoph Bangert (*1978) studierte in Dortmund und am International Center of Photography, New York. Er arbeitete u. a. in Afghanistan, im Irak, dem Tschad, Libanon, Nigeria und Simbabwe. Seine Bilder wurden in Zeitungen und Magazinen wie SPIEGEL, "Stern", "Time", dem "New York Times Magazine" oder "Geo" abgedruckt. 2013 erschien sein Buch "Africa Overland" über seine 14 Monate lange Land-Rover-Reise quer durch den Kontinent.


Zum Weiterlesen:

Michael Kamber: "Bilderkrieger. Von jenen, die ausziehen, uns die Augen zu öffnen. Kriegsfotografen erzählen". Ankerherz-Verlag, Hamburg 2013, 288 Seiten.

Das Buch erhalten Sie bei Amazon .

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Uwe Jenchen 30.06.2013
Bild 2: Der Photograph hat des Bild aus dem Inneren der Wohnung gemacht. Er war also schon da, als de Soldat eintrat. Das Neugeborene wurde also für ein schönes Motiv in den Eingang geschoben. Das nennt ein normal denkender Mensch: Propagandaphotographie!!!
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