AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 26/2009

Kriegsführung Die Armee der Schlacht-Tiere

Würge-Elefanten, brennende Schweine und Ratten als Minensucher: Für den Kriegseinsatz dressiert der Mensch friedliche Vierbeiner zu Killermaschinen. Seit Jahrtausenden schickt er animalische Hilfstruppen in den Kampf - neuerdings sogar Honigbienen.

Corbis

Von Mathias Schreiber


Am Londoner Hyde Park steht ein Denkmal für kriegsgeschädigte Tiere, das "Animals in War Memorial". Prinzessin Anne, Ex-Champion der Military-Reiterei und Tochter der britischen Königin, hat es 2004 eingeweiht. Es trägt eine lapidare Inschrift: "They had no choice", sie hatten keine Wahl.

Der Satz klingt wie ein schwerer Seufzer der tierliebenden Menschheit. Mit welchen Mitteln Vierbeiner im Laufe der Jahrhunderte zu Waffen geformt wurden und wie sie sich als Kampfkumpane der Soldaten bewährten, werde von der traditionellen Geschichtsschreibung "vielfach übergangen", beklagt der Paderborner Historiker Rainer Pöppinghege, 47. So versteht er die von ihm jetzt herausgegebene Sammlung von Untersuchungen zum Thema als "Impulsgeber für weitere geschichtswissenschaftliche Forschungen".

Die 16 Autoren beschreiben ein buntes Völkchen animalischer Kriegshelden: Vor allem Pferde litten und starben im Gefolge menschlicher Kampfhandlungen. In der Antike wurden aber oft auch Elefanten ("Giganten an der Front") verheizt, und sogar Kamele, Hunde und Schweine mussten ins Gefecht ziehen. Brieftauben wiederum bewährten sich als Übermittler von Nachrichten, Honigbienen wurden jüngst erfolgreich als Minensucher getestet.

Einer der ältesten und zweifellos der nützlichste tierische Kriegshelfer ist das Pferd: Seit dem 2. Jahrtausend vor Christus musste es die Streitwagen der Hethiter, Assyrer, Perser, Ägypter, Griechen und Römer ziehen. Als Reitpferd einer Kavallerie kam es erstmals im 9. Jahrhundert vor Christus zum Einsatz.

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Kriegsführung: Die Armee der Schlacht-Tiere

Spannend wurde es, wenn Pferde und Elefanten auf dem Schlachtfeld aufeinandertrafen. Die Inder nutzten Kriegselefanten schon im 3. Jahrtausend vor Christus. Man bevorzugte männliche Tiere, sie waren schwerer und - auch durch Tränkung mit Alkohol - aggressiver als die Weibchen. Ein gutausgebildeter Kampfelefant verstand bis zu 30 Kommandos, darunter jenes "zum Zertrampeln der Feinde" ("Vadhavadha"). Ihm wurde beigebracht, mit den Stoßzähnen Feinde zu treffen und mit dem Rüssel Soldaten durch die Luft zu schleudern oder Pferde zu würgen. Die Tiere waren so kostbar, dass die jeweiligen Kriegsgegner sie meist schonten, um sie in halbwegs gesundem Zustand ergattern zu können.

Im Jahr 326 vor Christus stand das Heer Alexanders des Großen in einer Gegend, die heute zu Pakistan gehört, der Streitmacht des indischen Königs Porus gegenüber: Diese bestand aus rund 30 000 Infanteristen, 4000 Berittenen, vor allem aber 200 Kampfelefanten. Diese Dickhäute benötigten täglich etwa 30 000 Kilo pflanzliche Kost und 16 000 Liter Wasser - teure Krieger.

Die Elefanten von König Porus trompeteten furchterregend und trugen Kriegsbemalung wie Indianerkrieger. Auf ihren Rücken hockten, in befestigten Mini-Türmen, Speerwerfer und Bogenschützen. Alexander war zunächst ratlos. Doch dann schafften es seine Reiter, dem Feind in den Rücken zu fallen. In dem Durcheinander gerieten die Elefanten außer Kontrolle und trampelten sogar eigene Leute nieder. Alexander gewann die Schlacht.

Ein halbes Jahrhundert später kämpften die Römer gegen die Armee des balkanischen Königs Pyrrhos, der ebenfalls über Kriegselefanten verfügte. Die Römer, die aus früheren Niederlagen gegen die grauen Riesen gelernt hatten, griffen zu einer teuflischen List: Sie verrieben auf den Rücken von Schweinen eine brennbare, vielleicht ölige, Tinktur und zündeten diese an. Quiekend vor Schmerz rasten die brennenden Schweine auf die Kriegselefanten zu. Diese machten panisch kehrt und tobten blindwütig durch die eigenen Reihen. Die Römer siegten.

Wegen der hohen Kosten kamen Kampfelefanten aus der Mode. Pferde hingegen wurden nicht einmal im technisch hochgerüsteten Krieg der Moderne arbeitslos. Sie wurden nur anders eingesetzt als früher: Reiter halfen bei der beweglichen Aufklärungsarbeit, und zwar oft dort, wo Motorräder und Panzerspähwagen im Schlamm stecken blieben, etwa im Russlandfeldzug ab 1941. Außerdem waren Pferde unentbehrlich als Lastträger und als Zugtiere von Infanterie und Artillerie.

Der Blutzoll war immens: Im Ersten Weltkrieg, bei dem Pferde auch vergaste Wälder durchqueren mussten, starben allein auf deutscher Seite etwa eine Million Rösser, im Zweiten Weltkrieg mehr als 1,4 Millionen.

Auch hinter den Frontlinien wurden die Tiere gebraucht. Bei den Flüchtlingstrecks, die die Rote Armee vor sich hertrieb, trugen Tausende Trakehner ihre ostpreußischen Besitzer westwärts - und bezahlten ihren Einsatz oft mit dem Leben.

Eine andere Art von Vierbeinern ist bis in die Gegenwart kriegsrelevant geblieben: Im unwegsamen bergigen Grenzgebiet zwischen Pakistan und Afghanistan sind als Träger von Proviant und Waffen texanische Maultiere unterwegs. Die USA hatten diese zähen Geschöpfe Ende der achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts nach Pakistan gebracht, um die Mudschahidin beim Kampf gegen das damalige kommunistische Regime in Afghanistan zu unterstützen.

Heute helfen dort vermutlich gleichartige Tiere den Kriegsgegnern der Amerikaner.



insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
Rolf-Ascan Wex, 25.06.2009
1.
Ich fand diesen Artikel sehr interessant geschrieben und möchte ergänzend hinzufügen, dass die USA auch heute noch Delfine als Minenübermittler ausbildet, die dazu trainiert werden, Minen an feindliche Schiffe zu befestigen. Hierzu gibt es in San Diego eine Trainingsstätte. In dem Artikel wurden nur die vierbeinigen Tiere beschrieben.
Bernd Wurm, 25.06.2009
2.
In Bild 3 sieht man wohl eher 2 Futtersäcke als improvisierte Gasmasken...
Torsten Hauptfleisch, 25.06.2009
3.
Bild 1 stammt m.E. aus der Zeit der Weimarer Republik. Der Schild mit den Landesfarben des jeweiligen Garnisonsstandortes auf der linken Seite des Stahlhelms ist typisch für die Reichswehr und wurde bis Anfang 1933 so getragen.
Timo Henk, 27.06.2009
4.
Bild 1 ist entnommen aus dem Sammelband "Die Deutsche Wehrmacht", herausgegeben 1936 vom Cigaretten Bilderdienst Dresden A.5 unter der Bildnummer 61 "Meldehunde mit Gasmaske". Das Bild ist in dem Sammelalbum in Farbe veröffentlicht, und man erkennt, daß Hunde und ihre Führer in einem verschneiten Graben liegen. Der Reichsadler wurde am Helm 1935 mit der Wiedereinführung der Wehrpflicht links mit Hakenkreuz getragen. Rechts sollten die Reichsfarben schwarz weiß rot am Helm angebracht sein.
Timo Henk, 27.06.2009
5.
Anmerkung: Auf Bild 1 erkennt man deutlich, daß der Reichsadler retuschiert worden ist.
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