Kriegshumor "Steigt ein Hitler ins Flugzeug ..."

Kriegshumor: "Steigt ein Hitler ins Flugzeug ..." Fotos
DPA

Auch in den letzten Kriegswochen ließ sich die deutsche Bevölkerung ihren Galgenhumor nicht austreiben. Je verzweifelter die Kriegssituation wurde, desto schwärzer wurde ihr Sarkasmus. Hinter vorgehaltener Hand wurde gelästert, was das Zeug hält - ein gefährlicher Zeitvertreib.

  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren
    3.0 (499 Bewertungen)

Deutschland liegt in Trümmern. Längst sind deutsche Großstädte vom Massenbombardement alliierter Bomberverbände in rauchende Schutthalden verwandelt worden. Die deutsche Bevölkerung ist kriegsmüde, leidet - und flieht in Galgenhumor. Mittlerweile kursieren überall Witze über die Nazis, die immer noch auf ihren Endsieg hoffen. Angesichts ihrer eigenen, bitteren Lage und den pausenlos geplärrten Durchhalteparolen der Propaganda werden viele Deutsche zu Zynikern.

Der ehemalige KZ-Häftling und Autor Franz Danimann hat in seinem Buch "Flüsterwitze und Spottgedichte unterm Hakenkreuz" (Böhlau-Verlag, Wien, 1983) zahlreiche Beispiele des spezifisch deutschen Galgenhumors gesammelt. So kursiert in der zerbombten Reichshauptstadt folgender Jokus: "In welcher Stadt gibt's die meisten Warenhäuser? In Berlin. Wo man auch hinschaut: Überall waren Häuser."

Dass Hitler trotz der drohende Niederlage immer noch von seinen Vergeltungswaffen, den V-Waffen, träumt, bringt ihm bitteren Spott ein: "Hitler will vom Flugzeug aus die Wirkungen der V-Waffen beobachten. Er freut sich über die vielen Krater und Bombentrichter, die er überfliegt: 'Schon eine tolle Waffe, die wir da haben.' Darauf antwortet der Pilot: 'Sie irren sich, mein Führer. Wir befinden uns noch über Hamburg.'"

Je offensichtlicher das System der Nationalsozialisten ins Wanken gerät, umso eher trauen sich die Deutschen, ihre Frustration und Wut als Späße getarnt abzulassen. Doch man bleibt vorsichtig. Denn wegen eines einfachen Witzes drohen lange Haftstrafen - "Heimtücke" lautet in solch einem Fall meistens die Anklage. Geschaffen haben es die braunen Machthaber bereits zu Beginn ihrer Herrschaft: Im Dezember 1934 ist das "Gesetz gegen heimtückische Angriffe auf Staat und Partei und zum Schutz der Parteiuniformen" in Kraft getreten. Darin heißt es: "Wer öffentlich gehässige, hetzerische oder von niederträchtiger Gesinnung zeugende Äußerungen über leitende Persönlichkeiten des Staates oder der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei, über ihre Anordnungen, oder die von ihnen geschaffenen Einrichtungen macht, die geeignet sind, das Vertrauen des Volkes zur politischen Führung zu untergraben, wird mit Gefängnis bestraft."

Witze als "Wehrkraftzersetzung"

Eigentlich haben die Nationalsozialisten diesen Straftatbestand geschaffen, um gegen ihre politischen Gegner vorgehen zu können. Doch nach Kriegsausbruch können auch unpolitische und sogar nationalsozialistisch gesinnte "Volksgenossen" schnell vor einem der berüchtigten Sondergerichte oder dem gefürchteten Volksgerichtshof landen.

Steht zuvor Gefängnis oder zumindest Geldstrafe auf allzu bissige Spottereien, so drohen dem wagemutigen Witzbold nun sogar KZ oder noch Schlimmeres. Denn ein Spottgedicht auf die Kriegsherren kann von den Richtern auch als "Wehrkraftzersetzung" interpretiert werden, auf die die Todesstrafe verhängt werden kann. So geschieht es auch im Fall der österreichischen Ordensschwester Helene Kafka, die im Oktober 1942 zum Tode verurteilt wird. Sie hatte mittels Flugblättern ein Spottlied auf die Nazis verbreitet, in dem sie unter anderem lästert: "Sie befreiten uns und eh' man's glaubt, hatten sie uns ausgeraubt."

Das Amtsgericht Bayreuth hat auf seiner Homepage zahlreiche Belege dafür gesammlt, dass auch einfachste Meckereien im Dritten Reich streng geahndet wurden. Das spürt 1943 sogar ein pensionierter Studienprofessor aus Bayreuth, Mitglied in der NSDAP. Bei einer Straßensammlung für Soldaten lehnt er eine Spende mit den Worten ab: "Ach was, für unsere Soldaten! Und die Bonzen kriegen's." Wegen einer "unwahren Äußerung über das Kriegshilfswerk des Deutschen Roten Kreuzes und die NSDAP" wird der Mann zu einem Jahr Gefängnis verurteilt.

Doch bissige Bemerkungen verbreiten sich trotz der drakonischen Strafen durch Mundpropaganda oft rasend schnell weiter. Das Meckern und Spotten wollen sich die Deutschen um so weniger verbieten lassen, je schlechter die Lage steht. Besonders gehässige Bemerkungen zieht in den letzten Monaten des Krieges die verzweifelte Maßnahme auf sich, Kinder und alte Männer zu bewaffnen und zum sogenannten Volkssturm einzuziehen: Sowieso sei das letzte Aufgebot des Führers nur zu einem Drittel einsatzfähig, lästern böse Zungen. Das zweite Drittel hole sich gerade die Invalidenrente ab, das dritte Drittel müsse zur Konfirmation.

Über die militärische Wirksamkeit der zusammen gewürfelten Truppe macht sich niemand Illusionen: "Volkssturmmänner werden jetzt immer zu zweit an die Front geschickt: Einer wirft einen Stein und der andere ruft 'Bumm!'" Der Humor der Deutschen ist der deutlichste Indikator dafür, wie es um die Moral im Reich steht. Die drohende Niederlage können viele nur noch mit Sarkasmus kommentieren: "Wann ist der Krieg zu Ende? Wenn der Volkssturm mit der S-Bahn zur Front fährt." Im Mai 1945 ist es tatsächlich so weit.

Quelle: Franz Danimann, Flüsterwitze und Spottgedichte unterm Hakenkreuz, Böhlau-Verlag, Wien, 1983 und der Aufsatz von Helmut Paulus: Das Sondergericht Bayreuth 1942-1945 - Ein düsteres Kapitel Bayreuther Justizgeschichte, erschienen auf der Homepage des Amtsgerichts Bayreuth "www.justiz.bayern.de/ag-bayreuth/"

Roman Heflik

Erschienen auf SPIEGEL ONLINE am 08.05.2005

Artikel bewerten
3.0 (499 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH