Kriegskindheit Tausend Nächte Angst und Abenteuer

Kriegskindheit: Tausend Nächte Angst und Abenteuer Fotos
Hans Königs, Aachen (Repro Domarchiv Aachen)

Um ihren Dom zu retten, übernahmen Aachener Jugendliche 1941 eine lebensgefährliche Aufgabe: Die "Feuerlöschgruppe Dom" bekämpfte drei Jahre lang Nacht für Nacht Brände und Bombenschäden auf den Dächern der Kirche und in Aachens Altstadt. Von

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Um 2.30 Uhr nachts durchschlägt eine Brandbombe das Dach der Karlskapelle. Die trockenen Balken in der über tausend Jahre alten Kuppel glühen. Schnell muss der Brandherd in 50 Metern Höhe bekämpft werden, sonst steht bald das gesamte karolingische Oktogonal, Krönungssaal deutscher Kaiser seit Karl dem Großen bis ins 16. Jahrhundert, in Flammen.

Die 14 Jungen und zwei Mädchen der Domwache, die bis dahin in ihrem Unterschlupf in der nördlichen Turmtreppe ausgeharrt haben, wissen, was sie tun müssen - seit zwei Jahren haben sie für diesen Ernstfall trainiert, viele kleinere Brände im Aachener Dom und den umliegenden Wohnhäusern gelöscht. Doch die Nacht des 14. Juli 1943 trifft Aachens Altstadt mit bislang unbekannter Wucht: Mehr als 200 britische Flugzeuge werfen ihre tödliche Last aus Brand- und Sprengbomben auf die barocke "Frontstadt" im Gau Köln-Aachen.

"Immer wieder knallte es ohrenbetäubend," erinnert sich Walter Meven, damals 16 Jahre alt, "das Kirchenschiff wirkte wie ein Verstärker für den Schall der Explosionen. Oft dachten wir, eine Bombe sei direkt über uns eingeschlagen, dabei hatte sie nur eine Nachbarstraße getroffen." Doch in dieser Nacht schlagen sechs Brandbomben im historischen Münster der alten Kaiserstadt ein.

Im Dunkeln in den Dachstuhl

Die Jungen und Mädchen der Domwache machen sich mit ihrer schweren Löschausrüstung auf den Weg ins Gebälk. "Wir kannten den Dom in und auswendig," erzählt Kornel Erdweg. Er war 14 Jahre alt, als er im Sommer 1943 den Dom vor schlimmeren Schäden bewahrte. Seine zwei Jahre ältere Schwester war eines der beiden Mädchen in der Gruppe.

Immer wieder hatte der Leiter der "Löschgruppe Dom", so der offizielle Name, Stephan Buchkremer, die Jugendlichen für ihren Einsatz trainiert. "Wir mussten auch im Dunkeln in jede Ecke des Daches finden." Gar nicht so einfach in dem riesigen verwinkelten Gebäude mit seinen zahllosen Türmen, Dächern und angebauten Kapellen aus vielen Jahrhunderten.

Das lange Training zahlt sich aus: "Der zweite Brandherd in der südlichen Hälfte der Oktogon-Kuppel ... wurde gegen 4.00 Uhr entdeckt. Der Brandherd war bereits stark ausgedehnt. Im zusammengefassten Angriff mit der Motorspritze, einigen Handeinstell-Spritzen sowie der Sprinkler-Anlage wurde dieser Brandherd abgelöscht, freigelegt und die noch glimmenden Balken und die Dachhaut beseitigt," vermerkt Stephan Buchkremer militärisch-trocken in seinem offiziellen Bericht. Am Ende sind alle Brände, die in der Nacht entstehen, gelöscht.

Immer "nass" geübt

Damit ist der Dom eines der wenigen Gebäude der Aachener Altstadt, das die Nacht vom 14. Juli 1943 ohne irreparable Schäden überstanden hat - weite Teile des historischen Zentrums stehen auch Tage später noch in Flammen. Die stählernen Überreste der vormals imposanten Rathaustürme hängen traurig und absturzgefährdet herab. "Wir konnten vom Dach des Doms aus sehen, wie das Rathaus brannte. Schrecklich war das. Dabei hätte es leicht gerettet werden können, wenn der Brand schnell genug bekämpft worden wäre", erinnerte sich Mitte der achtziger Jahre ein (inzwischen verstorbener) Zeitzeuge im Gespräch mit Buchautor Hans Hoffmann ("Aachens Dom im Feuersturm"). "Später erfuhren wir, dass die Feuerwehr am Rathaus Probleme mit ihrer Pumpe gehabt hatte. Da zahlte sich aus, dass wir - oft zum Ärger der Anwohner - immer "nass" geübt hatten." Die Pumpen und Schläuche der Domwache waren viel genutzt und in bester Ordnung.

Nach den ersten Bombennächten 1941 war es losgegangen: Die Domverwaltung trat an Dombaumeister Joseph Buchkremer heran, ob er nicht eine Löschgruppe für den Dom organisieren könne - die städtische Feuerwehr sah sich nicht in der Lage, das historischen Wahrzeichen zu schützen. Buchkremer dachte sofort an seinen 40-jährigen Sohn: Stephan Buchkremer war Ingenieur - aber das war nicht die wichtigste Eigenschaft, die ihn in den Augen des Vaters für diese Aufgabe qualifizierte. Wichtiger war seine Erfahrung bei der "Bündischen Jugend", der im Rheinland meist katholisch geprägten, völkischen Jugendbewegung, in der er lange aktiv gewesen war.

Neue Aufgabe für den Pfadfinder

Als die Nationalsozialisten nach der Machtübernahme 1933 alle Jugendorganisationen "gleichschalteten", hatte Sohn Buchkremer sich vehement für die Eigenständigkeit seiner Pfadfindergruppe stark gemacht, die sich nun "Grenzdeutsche Jungenschaft" nannte. Besonders ärgerte ihn das aggressive Auftreten der Hitlerjugend (HJ), über das er sich sogar schriftlich beim Aachener Polizeipräsidenten beschwerte.

Dieses Aufbegehren, im ersten Jahr der braunen Regierungszeit, blieb für ihn noch ohne negative Folgen. Die Gruppe bestand halblegal fort, von den Behörden nur knapp geduldet. Doch die Gestapo witterte verbotene Umtriebe: Im Januar 1937 wurde Stephan Buchkremer zu "Erörterungen in Sachen 'Grenzdeutsche Jungenschaft'" vorgeladen. Das Verfahren vor einem Düsseldorfer Sondergericht endete mit Freispruch, doch die "Jungenschaft" musste sich auflösen.

Nun bot sich dem alten Pfadfinderführer eine neue Aufgabe: An einem Julimorgen im Jahr 1941, am Tag nach den ersten schweren Bombenangriffen auf Aachen, ging Stephan Buchkremer zum Dom und traf dort auf einige Jugendliche, die wie er die Schäden am Wahrzeichen der Stadt begutachteten. "Wollt ihr helfen, den Dom vor Feuer zu schützen?", fragte er die 24-jährige Adelheid Colette, seine spätere Ehefrau, und zwei herumlungernde Jungen. "Dann kommt heute Abend um acht Uhr zum Dom." "Und bringt eure Freunde mit!", rieft er ihnen noch hinterher.

Tod auf dem Marktplatz

Von da an wurde jeden Montag ab 18 Uhr trainiert. Schnell wuchs die Gruppe auf etwa 16 Jugendliche an - jeder hatte noch ein paar Freunde, die er fragte. So kam schnell eine bunte Truppe zusammen. Adolf Müllender war mit seinen zehn Jahren der Jüngste, die Älteste war Adelheid Colette. Die meisten anderen waren zwischen 14 und 17 Jahren alt, und fast alle wohnten im Domviertel.

"Der Reiz war der Dom selber, wir waren ja im Schatten des Doms aufgewachsen," erinnert sich Walter Meven. Die einzigartige Möglichkeit, in jeden Winkel des Gebäudes und auf die Dächer klettern zu dürfen, wollten sich die Jugendlichen nicht entgehen lassen. Und sein damaliger Mitstreiter Kornel Erdweg stimmt zu: "Es war vor allem Abenteuerlust. Angst habe ich damals nicht gehabt. Vielleicht ist das die Naivität der Jugend."

Erfolgreich bekämpfte die Löschgruppe in den nächsten drei Jahren bis zur Evakuierung Aachens im Oktober 1944 Brände und Bombenschäden im Dom. Wie durch ein Wunder kam während der ganzen Zeit bei den oft gefährlichen Einsätzen im und am Dom kein einziges Gruppenmitglied ums Leben. Einen tragischen Tod hatte die Domwache dennoch zu beklagen: Gustav Ackermann, der einzige Protestant in der weitgehend katholischen Gruppe, war am 23. Januar 1944 mit einer Freundin auf dem Aachener Marktplatz gewesen, als ein feindliches Flugzeug kurz nach der Entwarnung eine letzte Bombe warf. Der Junge, so wird erzählt, warf sich schützend über das Mädchen; während sie leicht verletzt überlebte, starben Gustav und 23 weitere Menschen.

Nickerchen im "Drachennest"

Die gut ausgebildete Wachmannschaft hatte schnell einen Ruf weg - bald wurde das gesamte Domviertel ihr Einsatzgebiet: "Die Leute kamen nachts, klingelten und schrien: 'Bei mir brennt es!'" Schnell war die Domwache bei den Nachbarn beliebt, zum Dank brachten sie Verpflegung für die Jugendlichen vorbei. Jede Nacht hatte die Gruppe Bereitschaftsdienst im Dom; wenn einmal kein Fliegeralarm war, schliefen die Jungen und Mädchen in ihrem "Drachennest" genannten provisorischen Schutzraum in der Nordtreppe.

Die Ausrüstung für seine jugendlichem Brandbekämpfer musste Buchkremer mühsam zusammensuchen. Zwar stellte der Dombauverein Geld für eine Motorpumpe, Schläuche, Schutzkleidung und Werkzeuge zur Verfügung - doch all das war im Krieg nicht leicht zu bekommen. Besonders gefordert wurde das Organisationstalent des findigen Ingenieurs im Sommer 1944. Nach schweren Luftangriffen war die Wasserversorgung in der Aachener Innenstadt zusammengebrochen. Damit war nicht nur der weitere Löschdienst gefährdet, ohne Wasser war die Altstadt praktisch unbewohnbar.

Doch Buchkremer wusste Rat: Gemeinsam mit seiner jugendlichen Freizeit-Feuerwehr verlegte er ein Netz von Schläuchen und Zapfstellen durch die engen Gassen rund um Dom und Rathaus. Hilfe von der Stadt bekam er dabei nicht - die Zeitzeugen berichten, er habe sogar privates Geld in die Schläuche stecken müssen.

Von nun an patrouillierten die Jugendlichen tagsüber an den Wasserleitungen, um Schäden schnell zu entdecken und zu reparieren, nachts kamen sie zum Löschdienst in den Dom. Die Notversorgung funktionierte noch, als die Amerikaner am 21. Oktober 1944 die evakuierte Stadt besetzten.

Brandwehr im Internierungslager

Walker K. Hancock, ein amerikanischer Kunstschutzoffizier, erkannte schnell die besondere Leistung der Jugendlichen. Im stark beschädigten Gotteshaus traf er auf den Domvikar, der ihm von der Löschgruppe erzählte. Doch die Dom-Feuerwehr war mit den übrigen Zivilisten aus der völlig zerstörten Stadt evakuiert worden. Zum ersten Mal seit 1941 war der Dom völlig ungeschützt.

Auf Bitten des Vikars machte sich Hancock im "Lager Brand" auf die Suche nach den Jungen. "Wir fragten ... nach Helmut (J)ansen. Schnell kam er zur Tür, achtzehn Jahre alt, ängstlich zwar, aber total gefasst. Man konnte spüren, dass er entschlossen war, jede Krise wie ein Held zu meistern", rekapitulierte Hancock 1946 aus der Erinnerung: "'Sind sie vom Dom?'" fragte ihn unser CIC-Offizier. 'Ja!' Helmuts Gesicht hellte sich auf. 'Nun, Sie gehen dahin zurück - rufen sie die anderen!'"

Hancock weiter: "Große Freude breitete sich aus. Wie der Blitz standen alle sechs aufgereiht am Zaun. ...'Also, ich will verdammt sein', sagte unser Passagier, 'jetzt sind sie endlich sicher und wenn man ihnen sagt, sie sollen in diese Hölle zurückgehen, benehmen sie sich als hätte man jedem von ihnen tausend Dollar geschenkt.'"

Für die Jungen und Mädchen war die Domwache prägend: "Herr Buchkremer hat uns bestimmte Werte mit auf unseren Lebensweg gegeben," meint Walter Meven. "Er verstand es, mit Jugendlichen umzugehen, war ein glänzender Organisator und irgendwie unerschrocken. Das hat uns imponiert." Kornel Erdweg stimmt zu: "Er war wirklich ein Mann, der viel Eindruck hinterlassen hat."

Beide sind sich einig: Sie sind heute noch stolz darauf, dass sie das Wahrzeichen ihrer Stadt beschützen konnten.

Dieser Artikel basiert auf einem preisgekrönten Beitrag für den Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten 2007. Weitere Informationen zum Originalbeitrag "Die Aachener Domwache im Zweiten Weltkrieg" von Alexander Koerfer können in der Datenbank des Geschichtswettbewerbs recherchiert werden.

Text: Helene Heise

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