Kriegsschicksal 14 Tage lebenslänglich

Kriegsschicksal: 14 Tage lebenslänglich Fotos
Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz

Niemand weiß, wie viele Frauen im Zweiten Weltkrieg vergewaltigt wurden, kaum eine hat je offen darüber gesprochen. Mit 80 Jahren bricht jetzt Gabriele Köpp das Schweigen. In einem erschütternden Buch berichtet sie, wie sie 1945 als 15-Jährige unzählige Mal zum Opfer von Rotarmisten wurde. Von

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In ein 80-jähriges Leben passen, wenn man vom Geburtstag ausgeht, 29.200 Tage. Es passt, im Fall von Gabriele Köpp, ein Schulbesuch hinein, bis zum Abitur, und eine Ausbildung zur physikalisch-technischen Assistentin. Es passt eine Neigung zur "sauberen Mathematik" hinein, wie Gabriele Köpp das nennt. Und eine Neigung zur Physik. Eine Faszination für die Kraft der kleinsten Teilchen, für das, "was die Welt im Innersten zusammenhält", sagt sie und zitiert Goethe. Weil die Faszination für die Elementarteilchen überwog, wurde es ein Studium der Physik, Habilitation, Lehrauftrag an einer Hochschule.

Es passen in ein solches Leben Freundschaften, zu Männern vor allem, zu Diplomanden, Kollegen; Nobelpreisträger sind auch darunter. Und acht Patenkinder gibt es in diesem Leben.

Und doch ist für Gabriele Köpp ihr über 29.200 Tage währendes Leben zerstört. Zerstört in 14 Tagen.

Gabriele Köpp sitzt in einem Sessel ihrer Berliner Wohnung und erzählt von diesen 14 Tagen. Sie bietet Filterkaffee an und "Bärenmarke"-Milch aus der Dose. Sie raucht die langen, schmalen "Kim"-Zigaretten, die so selten geworden sind.

An den Wänden hängen Schwarzweißfotos von der Mutter, dem Vater, den Schwestern. Sie alle leben nicht mehr. Gabriele Köpps Elternhaus ist auch zu sehen, außen und innen. Das Haus stand im pommerschen Ort Schneidemühl, heute ist dort eine Wiese. Gabriele Köpp erklärt die Fotos: der "Salon" mit dem Kronleuchter, das "Herrenzimmer" des Vaters, es sind Worte, die aus einer fernen Epoche stammen. Gabriele Köpp sagt auch "Tack", nicht "Tag". "Tack" sagen viele, die aus den Gebieten stammen, die einmal deutsch waren und heute polnisch sind.

Die Wohnung von Gabriele Köpp ist keine Lebenswohnung, in der sich Schicht für Schicht all das angesammelt hat, was in den Jahren angespült wurde. Gabriele Köpp hat diese Wohnung erst vor gut zehn Jahren eingerichtet, damals als sie ihre Arbeit an der TH Aachen beendet hatte und nach Berlin gezogen war. Und wenn man sie fragt, ob das nicht ungewöhnlich sei, im Alter noch einmal umzuziehen, winkt sie ab. Eine Heimat habe sie doch ohnehin nicht mehr. Und das sei auch egal.

Der Verlust der Heimat, das Gedröhne um die Vertriebenen sind nicht ihr Thema. "Das ist Vereinsmeierei - nichts für mich." Doch das, was sie auf dieser Flucht in den ersten 14 Tagen erlebt hat, das lässt sie nachts nicht schlafen, bis heute. Sie kann oft nichts essen. Sie lebt mit einer Magerkeit, die ihr selbst nicht gefällt. Sie trägt schmalgeschnittene Jeans zum Hemd und zur Weste, und ihre Beine wirken darin so dünn, als könne man mit zwei Händen einen Oberschenkel umfassen.

Gabriele Köpp hat ein Leben geführt, in dem es alles gab, nur keine Liebe. Das sei auch Pech gewesen, sagt sie. Zu viele Frauen habe es gegeben nach dem Krieg, und unter den wenigen Männern sei halt keiner gewesen. "Doch ich habe auch nichts empfinden können."

Sie ist vergewaltigt worden in jenen 14 Tagen, ein ums andere Mal. Sie war 15 Jahre alt und nicht aufgeklärt.

Über die 14 Tage und die Vergewaltigungen hat Gabriele Köpp ein Buch geschrieben: "Warum war ich bloß ein Mädchen?" Das Buch ist ein einzigartiges Dokument. Unter eigenem Namen und aus eigenem Antrieb hat noch keine Frau, die in den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs vergewaltigt worden ist, über diese Erlebnisse geschrieben und sie zum Hauptthema eines Buches gemacht.

Es gibt die berühmten Bekenntnisse von "Anonyma", einer vergewaltigten Frau, die in den fünfziger Jahren zuerst und dann 2003 noch einmal erschienen sind. Nur hatte die Autorin ihre Identität nicht preisgeben wollen, erst nach ihrem Tod fand man heraus, wer "Anonyma" gewesen war - eine Journalistin -, und bis heute gibt es Zweifel, ob sie das Buch wirklich allein geschrieben hat oder ob es einen Mitautor gab, der geholfen hat, Distanz zu den schlimmen Erlebnissen zu finden und mit der Distanz die Sprache, eine erstaunlich freie, souveräne, schnoddrige Sprache.

Gabriele Köpp hat diese Sprache nicht. Sie kann präzise beschreiben, beinahe filmisch, Sequenz für Sequenz, wie die ersten Tage der Flucht verliefen, aber man merkt, dass sie keine geübte Autorin ist. Doch weil der Bericht nicht um der Schönheit des Wortes willen geschliffen wurde, wirkt er so ergreifend. Ihre Erzählung hat einen Sog, der aus der Authentizität von Sprache und Erleben entsteht. Und wenn die Autorin das, was sie erlebte, nicht fassen kann, kommt auch ihre Sprache an Grenzen.

Die Vergewaltigungen kann Gabriele Köpp nicht schildern, da fehlen ihr die Worte. Sie schreibt vom "Ort des Schreckens", von der "Tür zur Hölle", von "Grobianen" und "Schuften". Und wenn man sie darauf anspricht, warum sie das Eigentliche, das Schlimme, nicht darstellen könne, dann zuckt sie mit den Achseln und sagt: "Ich kann ja nicht einmal dieses Wort aussprechen" - Vergewaltigung.

Gabriele Köpp kennt das Buch der "Anonyma", aber sie sagt, ihr eigenes Buch sei anders, Anonyma sei schließlich eine Frau Anfang dreißig gewesen, "damals, als es passierte", eine erfahrene Frau, sie selbst halb so alt, "ich war ja fast noch ein Kind". Und, ja, unter dem eigenen Namen zu schreiben mache es nicht leichter, "aber es musste sein, wer tut das denn sonst?"

Tatsächlich haben Frauen von sich aus nur ganz selten über die Gewalterfahrungen im Krieg und in der Nachkriegszeit berichtet, in der Forschung spricht man von einem doppelten Trauma, dem des Erlebten und dem des Verschweigen-Müssens. Philipp Kuwert, Trauma-Experte und Oberarzt für Psychiatrie und Psychotherapie an der Uni-Klinik in Greifswald, hat vor einem Jahr ein Forschungsprojekt über die Nachwirkungen sexueller Gewalt im Zweiten Weltkrieg begonnen und dafür 27 betroffene Frauen befragt. Inzwischen hat er Ergebnisse vorliegen, aber noch nicht publiziert: "Es ist eine der ersten und wahrscheinlich die letzte Studie dieser Art, 95 Prozent der betroffenen Frauen leben ja nicht mehr."

Es ist unbekannt, wie viele Frauen im Krieg Opfer sexueller Gewalt wurden. Die Zahl von über zwei Millionen, die durch einige Publikationen geistert, gilt wegen der schlechten Quellenlage als nicht gesichert. Dass es ein Massenverbrechen war, daran gibt es keinen Zweifel.

Die Frauen aus Kuwerts Studie waren zum Zeitpunkt der Tat im Schnitt 16,7 Jahre alt und sind durchschnittlich zwölfmal vergewaltigt worden. Knapp die Hälfte der Frauen leidet bis heute an posttraumatischen Symptomen, Alpträumen, Suizidgedanken und an sogenanntem Vermeidungsverhalten: 81 Prozent geben an, ihre Sexualität sei massiv durch die Erlebnisse beeinträchtigt worden. Eine "emotionale Anästhesie", die Vermeidung starker Gefühle, sei typisch für traumatisierte Menschen, sagt Kuwert.

Die schlimmen Erfahrungen wirkten sich in den nachfolgenden Generationen weiter aus. "Bei einer Mutter mit posttraumatischen Belastungssymptomen kann es zu einer Störung der frühen Bindung ans Kind kommen." Mütter - belastet von eigenen, verdrängten Gefühlen - haben dann Probleme, auf die Affekte ihrer Kinder zu reagieren, sie zu regulieren. Die Kinder wachsen, so die Theorie, in einer Atmosphäre von Brüchigkeit und namenloser Gefahr auf. Kuwert sagt, nichts sei so belastend wie die Erfahrung von Vergewaltigung und Folter.

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1.
Hellmar Becker 28.02.2010
"Das Martyrium, das für Gabriele Köpp nun begann, hatte seine Ursache in den Verbrechen der Deutschen." Liebe Frau Beyer, meinen Sie diesen Satz wirklich ernst? Darüber kann ich jetzt nur noch den Kopf schütteln. Ich frage mich allenfalls, ob aus einer solchen Bewertung ein auf die Spitze getriebener Nationalmasochismus spricht, oder ob ich sie nicht einfach nur zynisch finden soll. Ob die russischen Soldaten sich gegenüber den Frauen der Besiegten irgendwie anders verhalten hätten, wenn die Verbrechen der Nazis nicht gewesen wären, das möchte ich doch einmal heftig bezweifeln.
2.
Willi Bittrich 28.02.2010
Ich zitiere mal die Anmerkung zu einem der gezeigten Fotos: "...Aufgeschlagen ist die Woche des Fluchtbeginns am 26. Januar 1945, als sie gemeinsam mit ihrer älteren Schwester in Richtung Westen aufbrach. Am Tag darauf befreite die Rote Armee das NS-Vernichtungslager Auschwitz. Was dort geschehen war, war einer der Gründe für den furchtbaren Hass auf die Deutschen, der sich im Folgenden auch in brutalen Massenvergewaltigungen entlud. ..." Meint der Verfasser das ernst. meint er ernst, dass Aschwitz Schuld war an den barbarischen und unmenschlichen Entgleisungen, die deutsche Frauen und Kindern seitens der Rotarmisten auf ihrem Eroberungszug widerfahren sind? Vergisst der Autor den Aufruf Stalins, der Rotarmist solle sich die deutsche Frau nehmen, wo er sie antreffe, damit das Deutsche entgültig ausgerottet werde? Ich empfinde eine derartige Aussage zutiefst beanstandungswürdig vor dem Hintergrund der tatsächlichen geschehnisse und tausendfachen Leiden, die deutschen Frauen und Kindern seitens der Russen zugefügt wurden. Niemand sühnt diese Erbschande des russischen Volkes, niemand fordert Genugtuung.
3.
C. Schmitt 28.02.2010
"Das Martyrium, das für Gabriele Köpp nun begann, hatte seine Ursache in den Verbrechen der Deutschen. " Halllo, ich finde diese Rechtfertigung, den Opfer gegenüber, eine Frechheit. Dies war ein Verbrechen, dass nicht zu entschuldgen ist und auch unabhängig von den Deutschen Verbrechen während des Krieges war. ( klar, der Krieg selber wurde von den Deutschen verursacht, aber diese Taten waren unabhängig von den Deutsche Verbrechen, egal nun KZ oder Vernichtungslager oder sonstigen Greultaten an der Ostfront ) Auch die Frauen in Ausschwitz wurden von den Rotarmisten vergewaltigt, die wohl von den betroffenenen Frauen dadurch nicht als "Befreier" gesehen werden. Ebenso natürlich Frauen in Polen, Ukraine etc.. Ein Kriegserbrechen egal welcher Art, sollte man nicht versuchen irgendwie mit Verbrechen von anderen zu rechtfertigen, dies ist einfach ein Schlag ins Gesicht der Opfer.
4.
Uwe Zipprich 28.02.2010
Die Frauen werden auch heute noch verraten und verkauft indem man die Verbrechen an Ihnen aus falscher politischer Korrektheit verschweigt oder verniedlicht, oder als NAZIOPFER hingestellt, denen es ja recht geschieht. Ein Beispiel: Bei 'KULTURZEIT' aeusserte sich ein PSYCHOLOGE vor ein paar Jahren ueber die Schaeden folgendermassen (sinngemaess): Die Frauen tauschten nach dem Kriege Ihre Erfahrungen untereinander aus und teilten Ihr Leid. So schlimm war das desshalb nicht. Auch Ihr Hinweis auf Auschwitz finde ich ehrlich gesagt dd (dezent daneben), denn hiermit befuerworten Sie ja indirekt Sippenhaft. Auschwitz ist eine faule Ausrede. Auch wenn das Verbrechen noch so schlimm war, muss jeder verstehen, dass ein 15-jaehriges Maedchen mit Auschwitz nichts zu tun hat. Leute die gut Raketen bauen konnten und mit Auschwitz viel mehr zu tun hatten, haben hingegen Karriere gemacht.
5.
Wolfgang Zimmermann 28.02.2010
Im Zusammenhang mit diesem Thema der Kriegsvergewaltigungen junger Mädchen im und am Ende der Zweiten Weltkriegs als damaligem sozialem Massenphänomen wäre ein Blick auf die Thematik der Traumavererbung bedeutungsvoll und hilfreich: Gibt es durch seriöse Untersuchungen belegte Aussagen darüber, wie sich die späteren männlichen Kinder solcher Frauen entwickelt haben? Die Frage zielt auch (und gerade) auf die männlichen Kinder, die diese Frauen erst durch spätere Beziehung zu einem (nicht tatbeteiligten) Mann und Partner empfangen, geboren und großgezogen haben. Gemeint sind also insbesondere zwischen 1946 und 1966 gezeugte Jungen. Noch konkreter: Hat mal jemand untersucht, ob die Quote männlicher Sterilität dieser Jungen gegenüber dem "Normalwert" auffällig erhöht war? Mir (*1954) scheint dies durch einem Blick in meinen Bekanntenkreis so zu sein. Und, seit wir nun (erst seit wenigen Jahren) wissen, dass die Gen-Expression durch Erfahrungen gesteuert werden kann (Stichwort: Epigenetik), gehört die Spekulation über einen Zusammenhang zwischen Kriegsvergewaltigung der Mutter und Sterilität späterer männlicher Nachkommen jedenfalls nicht mehr von vornherein in den Bereich unwissenschaftlicher Spekulation. Nachforschungen dazu könnten also lohnenswert sein. Gibt es solche Forschungen bereits? Gibt es Ergebnisse? Fragt einer, der selbst betroffen ist.
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