Kriegsschicksal Im Bombenhagel getrennt

Ein Stoff wie aus Hollywood: Ein polnischer Major verhört in den Sechzigern ein deutsches Mädchen, das als vermeintliche West-Agentin festgenommen wurde. Und entdeckt, dass sie seine verlorene Tochter ist. Josef Königsberg erzählt die unglaubliche Geschichte seines Freundes Bolek Kunicki.

DEUTSCHE FOTOTHEK

Von seinen Kriegserlebnissen hatte mir Bolek schon oft erzählt. Doch erst nach Jahrzehnten sollte ich erfahren, dass er dabei stets einige wichtige Details ausgelassen hatte. Wir hatten uns 1946 beim polnischen Sicherheitsdienst UB, dem Urzad Bezpiecznstwa, kennengelernt, wo wir beide arbeiteten. Bolek war damals überzeugter Kommunist und ein begeisterter Anhänger von Lenin, Marx und Stalin. Mich hatten die täglichen Gehirnwäschen zwar auch infiziert, aber nicht so stark wie ihn. Trotzdem freundeten wir uns an und verbrachten zwei Jahre lang viel Zeit miteinander. Dann, im Jahr 1948, trennten sich unsere Wege wieder: Ich setzte mich in den Westen ab und der Kontakt brach ab - 61 Jahre lang.

Erst dann, mehr als sechs Jahrzehnte später, kurz nach dem Erscheinen meiner Autobiografie "Ich habe erlebt und überlebt", bekam ich plötzlich einen Brief von Bolek. "Lieber Josef, durch einen reinen Zufall habe ich in einer Düsseldorfer Buchhandlung deine Biografie entdeckt. Wir müssen uns treffen und über die guten alten Zeiten plaudern." Und schon zwei Tage später trafen wir uns tatsächlich. Wir ließen die alten Zeiten wieder aufleben – unsere Suche nach vermeintlichen Imperialisten, Agenten und Terroristen. Plötzlich wechselte Bolek das Thema. "Du verbrachtest mehrere Jahre in Konzentrationslagern und hast die Hölle überlebt. Ich möchte dir heute von meinen Kriegserlebnissen erzählen, die Du noch nicht kennst." Gebannt lauschte ich seiner unglaublichen aber wahren Geschichte. Denn was er erlebt hatte, geschieht normalerweise nur im Film, aber nicht im wahren Leben.

"Als der Krieg 1939 ausbrach, war ich fünfzehn Jahre alt, so wie Du", begann Bolek zu erzählen. "Wir lebten in Warschau, wo mein Vater eine Elektrowerkstatt betrieb. Kurz nach dem Einmarsch der deutschen Truppen nahm mich die SS während einer Razzia fest und verfrachtete mich mit einem Güterzug nach Deutschland. Ich landete schließlich in Dresden und wurde dort als Zwangsarbeiter einer Großbäckerei zugeteilt, die einem Herrn namens Walter Kleinicke gehörte. Die Bäckerei war in der ganzen Stadt bekannt, da sie etliche kleinere Bäckereien sowie die hier stationierten Infanteriebrigaden mit Brot belieferte.

Kleinicke hatte eine neunzehnjährige Tochter. Meine Franziska ist das hübscheste Mädchen in der Stadt, pflegte er stolz zu sagen. Ich hatte bald ein Auge auf Franziska geworfen und auch sie fand offensichtlich Gefallen an mir. Kleinicke war natürlich nicht entgangen, dass wir ausgiebig miteinander flirteten. Er hatte nichts dagegen, ermahnte uns aber regelmäßig, vorsichtig zu sein und unsere Liebe zu verheimlichen. Die SS-Schergen würden sonst kurzen Prozess mit uns machen. Franziska und ich trafen uns daher nur selten. Trotzdem waren wir glücklich. Wir träumten von einer gemeinsamen Zukunft und überlegten uns, wo wir nach dem Krieg wohnen würden. Ein schönes Haus mit Garten sollte es sein, in dem drei Kinder fröhlich spielen könnten.

"Sie sind verhaftet und kommen sofort mit!"

Das Schicksal wollte es jedoch anders. Unsere glücklichen Stunden nahmen ein plötzliches und unverhofftes Ende. Am 13. Februar 1945, ich erinnere den Tag noch genau, legten amerikanische und britische Kampfgeschwader Dresden mit Brand- und Sprengbomben innerhalb weniger Augenblicke in Schutt und Asche. Ein Bombensplitter traf auch unsere Großbäckerei und setzte sie in Brand. Franziska zitterte vor Angst, suchte Schutz in meinen Armen und klagte über starke Schmerzen im Unterleib. Inmitten des Chaos, in dem Dresden versank, beichtete sie mir, dass sie schwanger sei und dringend ins Krankenhaus müsse.

Ich war wie vom Donner gerührt, hob sie auf und rannte mit ihr in den Armen aus der Ruine heraus Richtung Dresden-Johannstadt, wo das Staatskrankenhaus lag. Mühsam versuchte ich mir einen Weg durch die Trümmer, Leichen und Verletzten zu bahnen. Doch wir kamen nicht weit. Die Sirenen warnten schrillend vor einem erneuten Bombenangriff. Ich suchte in einem großen, offenen Hauseingang Schutz. Plötzlich verstellte mir ein Polizist den Weg: "Wer sind Sie? Was wollen Sie hier?", fuhr er mich an. "Sind Sie etwa ein Lagerflüchtling? Sie sind verhaftet und kommen sofort mit!" Es war das letzte Mal, dass ich Franziska sah.

"Mein Vater hieß auch Kunicki"

Wenig später lag das deutsche Reich in Schutt und Asche. Der Krieg war zu Ende. Ich war fest davon überzeugt, dass Franziska im Bombenhagel ums Leben gekommen war und hegte keine Hoffnung mehr, sie jemals wieder zu sehen. Ich kehrte nach Warschau zurück, machte in Abendkursen mein Abitur nach und studierte später Rechtswissenschaften. Noch während des Studiums warb mich der polnische Sicherheitsdienst an, wo wir uns kennen lernten und ich schließlich Karriere machte.

Eines Tages im Jahr 1965 meldete mir mein Vertreter, dass er eine zwanzigjährige deutsche Agentin festgenommen habe. Sie war beobachtet worden, wie sie bei einer Militärparade Panzer und Raketen fotografiert hatte. Er hatte keinen Zweifel an ihren Absichten. Das Mädchen aber beharrte unter Tränen darauf, als Touristin das Schauspiel betrachtet zu haben. Sie sei keine Spionin. Ich entschied, mir das Mädchen einmal anzusehen. Vielleicht würde ich ja irgendetwas aus ihr heraus bekommen.

Als die angebliche Agentin in mein Büro geführt wurde, war mir auf einmal ganz seltsam zumute. "Ich bin Major Jupiter", stellte ich mich vor. "Jupiter? Das ist ja mein Lieblingsstern", rief das Mädchen aus. "Jupiter ist mein Codename. Bei uns hat jeder Funktionär einen Codenamen. Mein richtiger Name ist Boleslaw Kunicki", stellte ich klar. Das Mädchen wurde ganz blass. "Kunicki?", fragte sie. "Mein Vater, den ich nie kennen gelernt habe, hieß auch Kunicki." Mein Herz blieb fast stehen. Hatte Franziska das Inferno von Dresden doch überlebt? Mit zitternder Stimme fragte ich: "Kommen Sie aus Dresden? Heißt Ihre Mutter Franziska?"

In den nächsten Tagen erschienen in mehreren deutschen und polnischen Tageszeitungen Berichte mit folgendem Tenor: Glückliches Ende einer Familientragödie. Wie ein polnischer Major seine zwanzigjährige Tochter zum ersten Mal sah. Das, lieber Josef, war meine Story, die ich dir damals nie erzählt habe, weil ich sie selbst so noch nicht kannte."

Zum Autor:

Josef Königsberg wurde 1924 in Kattowitz geboren. Er überlebte das Warschauer Ghetto und mehrere Konzentrationslager. 2008 erschien seine Autobiografie "Ich habe erlebt und überlebt", in der er seine Erinnerungen an das Dritte Reich aufarbeitet.



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